04.04.1962

STARSAus der Schande

Vier europäische Filmschauspieler
haben sich in Briefen an Bundesinnenminister Höcherl und Bayerns Wirtschaftsminister Schedl erboten, "wertvollstes deutsches Kulturgut dem kulturell interessierten Ausland nahezubringen". Voraussetzung für den Kultur-Export: einige Millionen Mark Beihilfe.
Als Bittsteller zeichnete die Mitte März ins Münchner Handelsregister eingetragene "Star Allianz Filmproduktionsgesellschaft mbH". Die Hüter deutscher Kultur, die sich zu diesem Bündnis zusammengeschlossen haben, sind die Engländerin Lilli Palmer, der Osterreicher O.(tto) W.(ilhelm) Fischer sowie das Schweizer Geschwisterpaar Maria und Maximilian Schell.
Erstes "kulturell wertvolles Großprojekt" der Gesellschaft soll Schillers Trauerspiel "Maria Stuart" sein. Die Star-Allianz will die Ballade vom blutigen Ende der schönen Maria, seit Generationen Pflichtpensum deutscher Gymnasiasten, mit einem Kostenaufwand von fünf Millionen Mark (Kosten eines deutschen Durchschnittsfilms: 1,2 Millionen Mark) auf die Leinwand bringen. Maria Schell will Maria Stuart spielen, Lilli Palmer die Elisabeth.
Danach will Otto Fischer den "Wallenstein" mimen. Max Schell soll schließlich den "Prinzen von Homburg" darstellen dürfen.
Die Anregung, ein Bündnis zur Verbreitung deutscher Kultur zu gründen, stammt von Maria Schell: "Von mir aus gingen oft der Wunsch und der Gedanke, etwas wie die 'United Artists' zumachen, von unserem Einkommen etwas zurückfließen zu lassen - teilweise -, um Dinge, an die wir glauben, ausreifen zu lassen, bis sie stark sind ..."
Die Hollywood-Gesellschaft "United Artists", das Vorbild der Schell, wurde 1919 von den amerikanischen Filmkünstlern David W. Griffith, Mary Pickford, Douglas Fairbanks senior und Charlie Chaplin gegründet. Sie wuchs zu einer der bedeutendsten Filmfirmen der Welt heran. Zwischen der amerikanischen Künstler-Korporation und der Star-Allianz besteht freilich ein wichtiger Unterschied: Die "United Artists" verlangte keine staatliche Unterstützung.
Ohne Subventionen arbeiteten auch die zahlreichen "Independent Productions" (Unabhängige Produktionen), die in Amerika von Schauspielern und Regisseuren gegründet wurden.
Die Hochblüte der unabhängigen Gesellschaften begann Anfang der fünfziger Jahre. Zahlreiche Schauspieler gründeten damals lediglich zur Herstellung eines einzigen Films eine eigene Firma. Zeitweilig gab es in Hollywood 70 solcher Produktionsgesellschaften.
Als unabhängige Produzenten betätigen sich zum Beispiel Marlon Brando, Burt Lancaster, Frank Sinatra und Marilyn Monroe. Die Weltstars ersannen für ihre Produktionsfirmen originelle Bezeichnungen. Einige zogen ihre Namen zusammen: zu Grandon (Cary Grant und Stanley Donen) oder Lanturn (Lana Turner). Danny Kaye benutzte den Vornamen seiner Tochter: Dena, Alan Ladd seine Automarke: Jaguar. Das Wort "Star" freilich tauchte in keinem Firmennamen auf. Eine Star -Allianz wurde zum erstenmal in Deutschland gegründet.
Die Initiatorin Maria Schell verlangte es nach einer eigenen Gesellschaft, weil sie das Bedürfnis spürte, endlich der "geistigen Panik" der deutschen Filmfabrikation zu entkommen. Auf der Suche nach einem Filmstoff ("Wie kann ich denn zu etwas kommen, woran ich hundertprozentig glaube?") verfiel sie auf Schiller: "Wir sind ja so arm an geistigen Gütern zur Zeit."
Maria Schell über "Maria Stuart": "Ist ja wirklich echte Dichtung, sind ja wunderbare Rollen. Ich habe es immer wieder durchgearbeitet, und das hält so stand, das ist ja eine echte, große, fast weltweite Auseinandersetzung ..."
Dem Otto Fischer ("Die Star-Allianz ist ein Versuch, aus der Schande zu kommen") leuchtete die Schell-Meinung, daß just deutsche Klassiker der geeignete Filmstoff für die Eigenproduktion seien, auf Anhieb ein: "Müssen wir eben in die Zeit der deutschen Genialität, die Klassik, zurückkehren."
"Sorgfältigste Vorbereitung" hält Darsteller Fischer freilich für unumgänglich
- "finanziell und natürlich auch künstlerisch, weil man Schiller gegenüber, trotzdem er schon lange tot ist, eine Riesenverantwortung spürt". Die Dreharbeiten sollen daher erst im März nächsten Jahres beginnen.
Die imposante Summe von fünf Millionen Mark allein für das "Maria Stuart"-Opus erklärte der Propagandist der Gesellschaft, Karl-Heinz Kaesbach, so: "Schwarzweiß kostet der Film 1,5 Millionen und auf Breitwand und in Farbe 2,5 Millionen. Die Star-Allianz will aber ins Weltgeschäft, und zwar mit Schau-Effekten in dem neuen Breitwandverfahren MCS 70, und das kostet dann fünf Millionen."
Ungewiß ist bislang, welchen Regisseur Maria Schell und Otto Fischer, die sich im Atelier gern selbst inszenieren, bei ihren Filmen dulden werden. Ein Hollywood-Regisseur kommt laut Pressechef Kaesbach nicht in Frage: "Abendländische Kultur kann man nicht gut von einem Amerikaner machen lassen. Eine geistige Kapazität muß her, die auch vom Niveau her die Klassiker versteht." Kaesbach: "Warum nicht Gründgens?"
Freilich: "Da wär's die Frage: Kann Gründgens mit Fischer, will Fischer mit Gründgens?"
Trotz solcher Schwierigkeiten ist die Allianz zuversichtlich: "Wir haben Fischer, Sehell, Palmer und Max und dann immerhin den Schiller dazu - das ist doch schon was!"
Das fand auch Bayerns Wirtschaftsminister Schedl: Die Schiller-Pläne der Star-Allianz seien "eine Chance, abendländisches Kulturgut zu verbreiten und ein wagemutiger, bewundernswerter Versuch, die Klassiker wieder ins Bewußtsein der Nation zu bringen".
Solche Aufgeschlossenheit des Ministers für das einfallslose Filmvorhaben erregte die alteingesessenen deutschen Produzenten. "Da macht die Schell einen sentimentalen Augenaufschlag", zürnte Luggi Waldleitner, Hersteller des erfolgreichen Nitribitt-Films "Das Mädchen Rosemarie", "und kommt dann noch mit dem Schiller - und schon kriegt sie den Minister 'rum!"
Waldleitner, der Erfahrungen mit Maria Schell, Lilly Palmer und Fischer gesammelt hat, machte sich zum Sprecher der krisengeplagten deutschen Filmhersteller: "Eine unglaubliche Chuzpe! Erst haben diese Leute hier abgegrast, haben den deutschen Produzenten zugesetzt, bis sie durch ihre Forderungen untragbar wurden, und jetzt das ..."
Filmproduzentin Maria Schell
Für Export deutscher Kulturgüter ...
Filmproduzent Maximilian Schell
... Millionen in Bonn angefordert

DER SPIEGEL 14/1962
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STARS:
Aus der Schande