18.04.1962

RUHR-EPIDEMIEBazillen vom Staat

Die Lieferwagen der staatlichen Handelsorganisation rollten vor die Lebensmittelgeschäfte der Ostberliner Stadtbezirke Treptow, Prenzlauer Berg, Lichtenberg und Weißensee. Die Fahrer packten die Butterzuteilung für die letzte Märzdekade auf die Theken.
Drei Tage später, am Sonnabend der vorletzten Märzwoche, baten einzelne Ostberliner ihre Hausärzte um einen Besuch. Sie klagten über einen mit Fieber verbundenen Darmkatarrh und über blutigen Durchfall. Die Ärzte diagnostizierten: Ruhr.
Mitte der letzten Märzwoche wußte Medizinalrat Dr. Hoeck, Leiter der Abteilung Gesundheits- und Sozialwesen beim Magistrat von Ostberlin, daß die Hauptstadt der DDR zum Schauplatz der ausgedehntesten Epidemie geworden war, die seit Kriegsende das Gebiet der Ulbricht-Republik heimgesucht hat*.
Hoeck gab Alarm. Der Fahndungs - und Abwehrapparat des Ostberliner Seuchendezernats trat in Aktion.
Das Ergebnis war gleichwohl unbefriedigend. Zwar entdeckten die Seuchenfahnder sehr schnell die Infektions -Quelle: mit Ruhrbazillen verseuchte Butter, die in der vorletzten Märzwoche in vier Ostberliner Bezirken verkauft worden war. Einzug und Vernichtung dieser Butterbestände jedoch kamen zu spät. Die Seuche breitete sich durch Kontaktinfektion explosionsartig aus.
Am 1. April bereits reichte die Kapazität der Ostberliner Krankenhäuser nicht mehr aus. Hilfskrankenhäuser mußten eingerichtet werden. Das Personal - rund 2000 Ärzte, 1600 Medizin -Studenten, einige Tausend Krankenschwestern, Rotkreuz-Helfer und aushilfsweise eingesetzte Volkspolizisten - ging zum Dreischichtendienst über.
Trotz dieser Anstrengungen griff die Epidemie auf die Berliner Randgebiete über, die Bezirke Potsdam und Frankfurt an der Oder. Auch aus dem südlichsten und dem nördlichsten DDR-Bezirk, Suhl und Rostock, wurden erste Krankheitsfälle gemeldet. Die Seuchendezernate der Gesundheitsbehörden registrierten insgesamt 20 000 Erkrankte.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatten weder die Ostberliner noch die übrigen DDR -Bewohner offiziell von der Epidemie erfahren. Erst am 4. April, mehr als eine Woche nach dem Beginn der Krankheitswelle, brach die Regierung das Schweigen.
Hatten die DDR-Bewohner in ihren Zeitungen bis dahin lediglich andeutungsweise vom Auftreten "infektiöser Darmerkrankungen" gelesen, fanden sie an diesem Mittwochmorgen auf der ersten Seite des SED-offiziellen "Neuen Deutschland" ein Interview mit dem Medizinalrat Hoeck, der die Bevölkerung in betulichen Redewendungen zu Vorsicht und gesteigertem Gebrauch von Wasser und Seife ermahnte.
Zugleich ließ "Neues Deutschland" wissen, daß unter dem Vorsitz des Gesundheitsministers Max Sefrin, vormals Nachtjäger und Kaufmann, eine "Zentrale Kommission zur Bekämpfung der Ruhrerkrankungen" gebildet worden sei.
Weitere vier Tage später, am 8. April, entschloß sich der DDR-Ministerrat auf Drängen der Ärzte, der Ruhrkommission in den Ostberliner Zeitungen Platz für einen öffentlichen Aufruf einzuräumen. In einer "Mitteilung über die Bekämpfung der Ruhrerkrankungen" ermahnte die Seuchenkommission die DDR-Bewohner zur Einhaltung verstärkter Schutzvorkehrungen. Dazu gehörten
- umfangreiche Desinfektionsmaßnahmen,
- Ein- und Ausreisesperre für Berlin,
- Besuchsverbot für Krankenhäuser
mit Ruhrpatienten,
- Absage aller größeren Veranstaltungen in Berlin und den anderen betroffenen Gebieten.
Zugleich begannen die Ostberliner Lokalblätter mit optimistisch gefärbten Reportagen über den - in der Tat vorbildlichen - Einsatz der medizinischen Hilfsmannschaften, um einer Katastrophenstimmung vorzubeugen.
Mitte vergangener Woche zeigte sich jedoch, daß die Antiseuchenpropaganda
zu spät eingesetzt hatte: Die Zahl der Erkrankten stieg auf 75 000 an. Das zweite Todesopfer war zu beklagen. Die Epidemie erreichte jetzt auch Dresden.
Schulen und Kindergärten mochten die Regierungsfunktionäre dennoch nicht schließen lassen: Sie wollten den westlichen Propagandisten - wie der Hamburger "Bild"-Zeitung, die schon 100 000 Kranke und 40 Tote entdeckt haben wollte - nicht noch mehr Vorwände liefern, sich für die Kampagne zu revanchieren, die man in Ostberlin anläßlich der westdeutschen Pocken-Erkrankungen entfacht hatte.
Aus Gründen der psychologischen Kriegsführung hielt es die SED auch für angezeigt, über Ursachen und Ausmaß der Epidemie möglichst lange zu schweigen. Die Propaganda-Spezialisten des Politbüros malten sich aus, zu welchen Vergleichen ausgerechnet eine Ruhrepidemie - die Krankheit der Konzentrationslager - ihre westdeutschen Kollegen beflügeln könnte.
Zudem konnte ihnen nicht daran gelegen sein, die Ursachen der Seuche - infizierte Lebensmittel und mangelhafte gesundheitliche Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung infolge einseitiger Ernährung - in aller Öffentlichkeit diskutieren zu lassen.
Die Partei sah deshalb keinen Grund, gegen Gerüchte einzuschreiten, die als Herkunftsland der verseuchten Ruhr -Butter China nannten. Daß China als Quelle des schleimigen Übels bezeichnet wurde, erschien den Partei-Psychologen erträglicher als das Bekanntwerden der Wahrheit: Die infizierte Butter stammt nämlich aus der DDR-Staatsreserve, in die teils im eigenen Land erzeugte, teils aus der Sowjet-Union importierte Butter eingelagert wird.
Um von der Ursachen-Diskussion abzulenken, erteilte die Parteizentrale den Ostberliner Zeitungen die Weisung, das Thema Ruhrepidemie außer in hygienischen Ratschlägen nur noch im Gegenangriffe auf die westliche Berichterstattung zu behandeln.
Prompt schwärmten Lokalreporter aus und befragten im Seucheneinsatz stehende Ärzte um ihre Meinung zu angeblichen westlichen Vorwürfen, die Gesundheitsorganisation der DDR sei nicht Herr der Lage. In groß aufgemachten Artikeln stellten sie befriedigt fest, daß die Ostberliner Ärzte über ausreichende Erfahrung und über die notwendigen Mittel verfügen, um mit der Epidemie fertig zu werden.
Diese beruhigenden Nachrichten heiterten die Diarrhöe-geplagten Ostberliner merklich auf. Ende voriger Woche kursierte zwischen Treptow und Pankow der Witz: "Es wird alles besser: Ostberlin ist Ruhrgebiet."
* In der DDR gab es bisher elf größere Epidemien: Typhus (1951, 1953, 1954, 1955, 1959), Paratyphus (1960), Kinderlähmung (1957, 1958, 1959), Ruhr (1959), Gelbsucht (1960).
Notkrankenhaus in Ostberlin: Gerüchte willkommen

DER SPIEGEL 16/1962
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