18.04.1962

FRANKREICH / MINISTERPRÄSIDENTLinks von Rothschild

Er ist Bankier und liebt die Poesie; er ist ein witziger Plauderer und besitzt das Ohr des Großen Alten Mannes; die Eleganz seiner Anzüge ist ebenso berühmt wie die Boshaftigkeit seiner Anekdoten; er ist Vorsitzer unzähliger Aufsichtsräte - indes, sein Name ist nicht Hermann Josef Abs, sondern Georges Pompidou. In der vergangenen Woche machte ihn Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle zu seinem Premierminister.
Bis zu seinem Umzug in das Haus Matignon, den Sitz des französischen Regierungschefs, residierte Pompidou in der Rue Lafitte Nr. 23. Dieses Haus ist eine der mächtigsten Zitadellen der französischen Finanz. In seinen Tresoren ruhen die Aktien großer französischer Industrie-, Schiffahrts-, Eisenbahn- und Ölgesellschaften. Vor allem aber werden dort die finanziellen Dessous der französischen Wirtschaftsinteressen in Nordafrika gehütet. Das Haus ist das Domizil der Bank der drei Brüder Rothschild, und Georges Pompidou war bis zur vergangenen Woche deren Generaldirektor.
Pompidou ist dem äußeren Anschein nach ein Kapitalist, wie er in den Bilderbüchern des Ur-Marxismus steht, indes in Wirklichkeit, wie sich "Paris -Presse" ausdrückte, "un homme pas si simple", ein Mann, der "gar nicht so simpel ist".
Bis 1944 lehrte Pompidou als Studienrat an Gymnasien in Marseille und Paris Griechisch, Latein und Literatur. Er schrieb über Racine, den großen Dichter, und Hyppolite Taine, den großen Historiker Frankreichs. Dann tat er den Sprung in die Politik. Jahrelang verwaltete er Geheimakten des heimgekehrten Befreier-Generals als dessen Chef des Stabes. Georges Pompidou tat es so gut, daß er sich die Position eines der engsten Vertrauten von de Gaulle erwarb.
Doch Pompidou nutzte die Zeit im Schatten des Großen Mannes auch für sich. Als der Stern des Generals zu sinken begann, hatte er sich genügend Kontakte geschaffen, um nicht in die Schulstuben seines alten Pariser Gymnasiums Henri-IV zurückkehren zu müssen. Über Verwaltungs- und Wirtschaftsposten gelangte er 1954 in die Position des Generaldirektors der Rothschild -Bank, eine Schlüsselstellung, in der er gleichzeitig die Interessen der Rothschilds wie die Charles de Gaulles wahrzunehmen wußte.
Als de Gaulle im Sommer 1958 - zunächst als Ministerpräsident - an die Macht zurückkehrte, begleitete ihn Pompidou. Er wurde ein zweites Mal Kabinettchef von Charles de Gaulle, diesmal aber nur für sieben Monate. Anfang Januar 1959 saß Pompidou wieder in der Rue Lafitte und verwaltete insbesondere die von den Rothschilds gegründete "Francarep", eine Gesellschaft
zur Ausbeutung der riesigen Öllager in der Sahara
Mit dieser Tatsache hängt Pompidous dritter und vorläufig letzter Auftritt auf der politischen Bühne Frankreichs zusammen.
Dieser dritte Auftritt begann vor gut einem Jahr und wurde der Öffentlichkeit erstmalig am Morgen des 22. März 1961 bekannt. An diesem Morgen - die Uhren von Paris hatten eben die erste Stunde des neuen Tages geschlagen - detonierte vor dem Haus Nr. 23 in der Rue Lafitte eine Bombe. Die Demonstration in TNT hatte dem Pompidou gegolten, dem Hüter Rothschildscher Öl-Interessen in der Sahara und dem Priester der Grandeur des Generals de Gaulle.
Rund 14 Tage vor dem Attentat war Pompidou von einer geheimen Reise in die Schweiz nach Paris zurückgekehrt. Seither wußten der General und die Rothschilds, daß mit den algerischen Rebellen zu reden war. Pompidou hatte mit dem algerischen Rebellen-Emissär Bu-Mendschel die Basis jenes Abkommens von Evian ausgearbeitet, das Algerien die Freiheit, der Französischen Republik und den Rothschilds aber die Beteiligung an der Ausbeutung des Sahara-Öls garantiert.
Wochen nach dem Attentat auf die Rothschild-Bank war die französische Presse und Politik voller Geschichten von dem Öl- und Grandeur-Agenten
Pompidou und dessen "pompidonischem Spiel". Doch Pompidou ist "un homme pas si simple". Rund ein halbes Jahr später überraschte er die französische Öffentlichkeit mit der Herausgabe einer Anthologie französischer Lyrik, und selbst dieser Akt hatte eine jener snobistisch-konservativen Pointen, wie sie Pompidou liebt: Der Band enthielt ausschließlich klassische Verse, obwohl man weiß, daß Pompidou ein Liebhaber der Modernen ist, des Saint-John Perse, des Jean Cocteau und des Louis Aragon, der ein Kommunist ist
Mit Georges Pompidou, dem Rothschild-Direktor und Liebhaber moderner Verse, beginnt eine neue Phase der Epoche des Charles de Gaulle. Im Haus Matignon löst Pompidou den unglücklichen Michel Debré ab, den die französische Presse seit Wochen als den "Michelieu" (den kleinen Richelieu) von Charles-le-Grand verhöhnte und der jahrelang als Jesuitengeneral der gaullistischen Kirche alle seine politischen Überzeugungen auf dem Altar seines Abgottes de Gaulle opferte.
Teilweise jüdischer Abkunft (sein Großvater war Rabbiner), hatte Debré seine politische Laufbahn als Rechtsradikalist mit antisemitischem Akzent gestartet. Pierre Mendès-France war ihm ein Musterbeispiel "jüdischer Ausverkäufer des französischen Imperiums", und die Parole vom "französischen Algerien" war in seiner Zeitung, dem "Courrier de la colère", dem "Boten des Zorns", häufiger als später auf OAS-Plakaten zu lesen. Und doch machte Michel Debré schließlich die Algerien-Politik des Generals mit. Er deckte, sich selbst und seinen Ruf opfernd, dem General die Flanke gegen Angriffe vom rechten Flügel der gaullistischen Partei, der UNR.
Mit dem rechtsradikalen Premierminister Debré machte Charles de Gaulle linksradikale Algerienpolitik - und in den Spalten der französischen Presse taucht dieser Tage die Frage auf, ob Charles de Gaulle dieses hintergründige Spiel jetzt ein zweites Mal versuchen will: mit anderer Besetzung und auf anderer Bühne, mit Georges Pompidou und auf innenpolitischer Ebene.
Solange der Algerienkonflikt schmorte, hatte das Regime des Generals keine freie Hand für die innenpolitischen Probleme Frankreichs. Die Lohn- und Preispolitik stagnierte, die dringlichen Probleme der Wirtschaftsorganisation, insbesondere des Zwischenhandels, blieben ungelöst. Mit Pompidou will - so heißt es - de Gaulle nun den französischen Staat im Innern für neue Größe fit machen.
Als schließlich die Nachricht von Pompidous Premierminister-Kandidatur durchsickerte, sprach "Paris-Presse" von einer Öffnung des De Gaulle-Regimes "nach links", und selbst der "Express" - anti-gaullistisch und dem Pompidou keineswegs wohlgesinnt - bezeichnete den neuen Mann als Anhänger eines "New Deal", also einer Reform nach dem Muster des US-Präsidenten
Roosevelt, dessen Herz "links von der Mitte" saß.
Wer aber könnte, so fragte man sich letzte Woche in Paris, eine reformerische Sozial- und Wirtschaftspolitik des De-Gaulle-Regimes, gegen Kritik von rechts besser abdecken als ein Rothschild-Direktor?
Premier Pompidou
Ersatz für Michelieu

DER SPIEGEL 16/1962
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