02.05.1962

ENGLAND / LINDEMANNKraft durch Freunde

Wo immer der hagere Mann mit W dem Bowlerhut auftauchte, schweigsam und hochmütig, wichen ihm die Briten, aus dem Weg. Sein galliger Witz war ebenso gefürchtet wie der Einfluß, den er während der Kriegsjahre im Schatten seines Gönners und Freundes Winston Churchill ausübte.
Nur wenige kannten seinen wirklichen Namen, denn fast überall - ob im Herzogspalast der Marlboroughs oder in den Ministerien Londons - galt der Physikprofessor Frederick Alexander Lindemann als "The Prof" (der Professor) und als ungreifbar Mächtiger, der hinter den Kulissen britischer Politik und Wissenschaft wirkte.
Sein Einfluß reichte in alle Befehlsstände des Empire. Der Prof. kurbelte die britische Atomtechnik an, überwachte die Ausrüstung der Luftwaffe, saß in den Lagebesprechungen der militärischen Strategen und brachte die allzu kriegsmüden Wissenschaftler Old Englands auf Vordermann.
Am härtesten bekamen die Deutschen im Zweiten Weltkrieg seinen Einfluß zu spüren: Auf den Rat des deutschstämmigen Professors ließ Premier Winston Churchill Tausende britischer Bomber starten, um die Städte des Braunen Reiches auszuradieren und damit den deutschen Widerstandswillen zu brechen.
Albert Einstein nannte den Prof einst bewundernd "einen großen Mann in der Tradition der Renaissance", und der britische Historiker Hugh R. Trevor-Roper verglich ihn gar mit dem Kapuzinerpater Joseph, der "grauen Eminenz" des Kardinals Richelieu.
Kaum ein Brite zweifelte denn auch an dem Urteil, das Englands renommierter Schriftsteller Sir Charles P. Snow aus eigener Anschauung Anfang vergangenen Jahres über den Prof fällte. Er beschrieb ihn als hinterhältigen, machthungrigen, beinahe sadistischen Einzelgänger, dessen beispielloser Einfluß auf Churchill der Nation noch heute als Makel anhafte (SPIEGEL 20/1961).
Um so überraschender nimmt sich die erste offizielle Lindemann-Biographie aus. Sie wurde geschrieben von einem Mann, der schon im Elternhaus Lindemanns ständig als Gast weilte und sich als korrekter Biograph einigen Ruhm erworben hat: dem zweiten Earl of Birkenhead*, der gegenwärtig an einer offiziellen Lebensdarstellung des Lord Halifax arbeitet und dessen abgeschlossene Biographie Rudyard Kiplings nur deshalb noch nicht erschienen ist, weil die Tochter Kiplings die Veröffentlichung untersagt.
Birkenheads Buch, das in England heftige Dispute auslöste, läßt keinen Zweifel daran, daß ihn die massive Kritik C. P. Snows tief erregt hat und daß er entschlossen ist, seinen Helden von allen Vorwürfen reinzuwaschen.
Schon bei der Herkunft des Professors beginnt es. Während sich Snow nicht verkneifen könnte, auf das Geheimnis hinzuweisen, das Lindemanns Kindheit umgebe - seine Gegner schimpften ihn gern einen Deutschen oder munkelten von jüdischer Herkunft -, gibt Autor Birkenhead in epischer Breite Aufschluß über die Abkunft des Prof.
Fredericks Vater, ein gebürtiger Pfälzer - mit der den Briten eigenen Großzügigkeit für kontinentale Geographie stuft Birkenhead die, Familie als "elsässisch" ein -, hatte sich schon in jungen Jahren in England naturalisieren lassen, so daß der Prof 1886 als Engländer zur Welt kam - wenn auch in Baden-Baden, was er seiner (amerikanischen) Mutter nie verzieh.
In Darmstadt besuchte er das Realgymnasium und die Technische Hochschule, knüpfte die ersten Beziehungen zum Adel an, befreundete sich mit dem Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und spielte - mit zugeknöpftem Hemd - in Schloß Wolfsgarten Tennis mit Kaiser und Zar.
In Berlin schlug er seine Studentenbude auf Kosten seines vermögenden Vaters im Prunkhotel "Adlon" auf und studierte Physik bei dem späteren Nobelpreisträger Walter Nernst. Lindemanns Kommilitonen: Albert Einstein, Max Born und auch sein späterer Widersacher Henry Tizard.
Seine wissenschaftlichen Arbeiten in Berlin brachten ihm 1919 den Lehrstuhl für Physik in Oxford ein. Während er, sich mit vielen gelehrten Kollegen außerhalb des Laboratoriums ausgesprochen schlecht vertrug - "Ich möchte ihn kastrieren", stichelte er über einen Widersacher, "aber es würde wohl keinen Unterschied machen" -, fand er sehr bald Anschluß an den britischen Hochadel, in dessen Schlössern er sich wohl fühlte wie ein Kronenkraxler.
Auf Schloß Blenheim, dem Sitz von Churchills Marlborough-Ahnen, lernte er 1921 auch den späteren Premier kennen. Der Prof freundete sich rasch mit dem Politiker an und gelangte unter Churchills Fittichen in die Geheimkomitees, in denen Wissenschaftler und Militärs berieten.
Während Sir Winston nacheinander Erster Seelord und Premier wurde, machte er den Prof zu seinem Sonderberater und später zum Generalzahlmeister mit Kabinettsrang. 1942 erhob König Georg VI. den Churchill -Intimus auf Betreiben des Premiers zum Baron Cherwell (sprich: Tscharwell). 1956 ernannte Elizabeth II. ihn zum Viscount.
Der Prof diente seinem Freund und Premier nicht nur als wissenschaftlicher Berater, sondern mußte auch Fragen der Wirtschaft und Politik bearbeiten.
Erinnert sich ein von Birkenhead zitierter Mitarbeiter Lindemanns: "Er besaß ein positives Genie für Zusammenfassungen und einen wunderbar einfachen, unverzierten Prosa-Stil. Er erhielt vom Premier Stöße dicker Dokumente mit der kurzen Aufforderung ,Zehn Zeilen, bitte', und es war erstaunlich, wie oft sich das machen ließ."
Churchill lobte den Prof in seinen Erinnerungen denn auch überschwenglich: "Lindemann konnte die Signale der Fachleute an fernen Horizonten entziffern und mir klar auseinandersetzen, worum es ging."
Dieses enge Vertrauen zwischen Churchill und Lord Cherwell legt Biograph Birkenhead freilich anders aus als Kritiker Snow. "Der enge Kontakt mit dem Premierminister", resümiert er, "gab ihm (Cherwell) angesichts der alten Freundschaft und Intimität, die zwischen den beiden Männern bestand, große Macht ... Er mißbrauchte sie jedoch nicht."
Snow hingegen hatte Churchill als Spielball in den Händen des Prof karikiert. Nach Snow hatte Lindemann seine Vertrauensstellung ausgenutzt, um
- vor dem Kriege die Entwicklung der
für England lebenswichtigen Radarabwehr zu hintertreiben und um außerdem
- Churchill aufgrund einer völlig absurden Berechnung den totalen Bombenkrieg gegen Deutschland zu empfehlen, was zu einem gigantischen Fehleinsatz der britischen Luftwaffe geführt habe.
Birkenhead dagegen weist in seinem Buch ("Times Literary Supplement": "Ein großes Werk") nach, daß der Prof die Entwicklung des Radars keineswegs sabotiert habe. Im Gegenteil: Sir Robert Watson-Watt, der Erfinder des Radars, bezeugt, Lindemann habe sein Projekt wohlwollend gefordert.
Die Freisprechung seines Helden von der Schuld am Deutschland-Bombardement ist dem Earl of Birkenhead jedoch nicht überzeugend gelungen.
Er kann nicht widerlegen, daß Lindemann 1942 eine große Bomberoffensive befürwortet hatte, mit der sich nach seiner Meinung die Bewohner der, 58 deutschen Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern aus Haus und Heim vertreiben lassen würden. "Es scheint wenig zweifelhaft", so formulierte Cherwell damals in einem Memorandum an Churchill, "daß dies die Widerstandskraft des (deutschen) Volkes brechen würde."
Dieser These hatte Lindemanns größter wissenschaftlicher Widersacher, sein einstiger Berliner Kommilitone Henry Tizard, sofort widersprochen. Der Prof, so warnte Tizard damals, habe die Wirkung der Bomben fünfmal zu hoch veranschlagt. Doch Churchill war auf Lindemanns Seite. Nach dem Kriege zeigte sich, daß Lindemann sogar zehnmal zu hoch gegriffen hatte.
Sein Biograph bemüht sich, die Differenz Lindemann - Tizard zu bagatellisieren. Birkenhead: "Es bestand sehr viel weniger Unterschied zwischen den Auffassungen des Prof und Tizards, als Snow uns glauben machen will."
Als Beweis dafür zitiert er einen Brief Tizards an den damaligen Luftfahrtminister Sir Archibald Sinclair, in dem es heißt: "Grundsätzlich bin ich nicht gegen die Bombenpolitik." Im gleichen Brief sprach sich Tizard freilich dafür aus, das Bomberkommando nicht gegen Zivilisten, sondern gegen die deutsche Kriegs- und Handelsmarine einzusetzen.
Damit bleibt ein ungeklärter Rest jenes Verdachts zurück, daß Deutschlands Städte vorwiegend auf den Rat Lindemanns zerstört wurden, dem Snow vorwarf, er habe Churchills Vertrauen schamlos ausgenutzt.
Nach dem Kriege zog sich der kränkelnde Prof wieder nach Oxford zurück. Nur widerwillig ließ er sich 1951 noch einmal auf begrenzte Zeit als Berater und Generazahlmeister in die neue Regierung Churchill holen. "Unterwerfung unter die Wünsche seines Herrn", nennt Birkenhead diesen Entschluß.
Doch just zu jener Zeit endete die Unterwerfung, Lindemann muckte auch gegen seinen Gönner Churchill auf.
Der Premier wollte die gesamten britischen Atomprojekte dem Beamtendschungel eines Ministeriums überlassen. Der Prof hingegen, zeit seines Lebens ein Gegner von Fachleuten und Beamten, wollte sie einer weitgehend unabhängigen Leitung unterstellen und trat schließlich im Kabinett offen gegen den Regierungschef auf. Birkenhead: "Ein Akt hohen moralischen Muts." Lindemann triumphierte: Churchill gab seine Zustimmung zur Schaffung der Atomenergiebehörde. Wenige Tage nach Verkündung des Beschlusses trat Lindemann - im Oktober 1953 - zurück. Vier Jahre später folgte Churchill seinem Sarge.
Kurz vor seinem Tode hatte der Prof den Luftfahrtminister Lord de L'lsle gefragt: "Lieber Bill, kennst du die Definition der perfekt konstruierten Maschine?"
Der Lord verneinte. Darauf Lindemann: "Bei der perfekt konstruierten Maschine nutzen sich alle Bestandteile zur gleichen Zeit ab. Diese Maschine bin ich."
* The Earl of Birkenhead: "The Prof in Two Worlds - The Official Life of Professor F. A. Lindemann, Viscount Cherwell". Verlag Collins, London; 384 Seiten; 45 Shilling.
Churchill-Intimus Undemann
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DER SPIEGEL 18/1962
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