02.05.1962

USAMarsch zum Mond

In der letzten Woche machte sich Amerika auf den Weg zum Mond:
- Am Mittwoch erhob sich vom Raketenschießplatz Cape Canaveral eine kirchturmhohe Saturn-Rakete in den Himmel - das schwerste und größte Projektil, das je von Menschenhand gebaut wurde.
- Am Donnerstag bohrte sich das Weltraumgeschoß Ranger IV nach zweieinhalbtägigem Flug durchs All in den Mond - das Ziel, das amerikanische Raumfahrer in spätestens sechs Jahren mit Hilfe der Saturn-Rakete erreichen sollen. Obwohl die Saturn -Rakete nur einen Probestart absolvierte und der Mondschuß von Ranger IV nur ein Teilerfolg* war, wurde schlagartig offenbar, was ein amerikanischer Militärtechniker so formulierte: "Wir marschieren zum Mond."
Der Gigant Amerika war erwacht. In der gewaltigsten industriellen Mobilmachung der Geschichte rüsteten die USA zur Fahrt zum Mond und konfrontierten zugleich den vom Raum-Ruhm geschwellten Nikita Chruschtschow einer bitteren Alternative: Mond oder Mais.
Wernher von Braun: "Wir haben die Mittel, um als erste auf dem Mond zu sein. Deshalb müssen wir die ersten sein."
Die USA wollen die auf lange Zeit letztmögliche und zugleich spektakulärste Weltraum-Ersttat durch eine beispiellose Anstrengung erzwingen. An jedem Tag pumpt Amerika 40 Millionen Mark in das Mondfahrtprojekt"Apollo";
alle zwei Wochen etwa startet ein amerikanischer Weltraumsatellit; alle zwei Monate soll künftig ein amerikanischer Astronaut zum Flug ins All starten. "Das allumfassende Drama, das die Nation während des Flugs von Oberstleutnant Glenn ergriff, wird eine Routine-Show in unserem Fernsehen werden", prophezeite das Nachrichtenmagazin "Newsweek".
Seit Präsident Kennedy im vergangenen Jahr die Mondbesteigung zum nationalen Ziel erklärte ("Es gibt vorerst kein Weltraumprojekt, das erregender, eindrucksvoller oder wichtiger wäre"), sieht sich Amerika in einer ähnlichen Situation wie im Zweiten Weltkrieg. Damals rekrutierten die Amerikaner 300 000 Wissenschaftler, Techniker und Arbeiter und investierten zwei Milliarden Dollar für das Projekt "Manhattan": den Bau der ersten Atombombe.
Damals planten und bauten amerikanische Techniker Atomforschungszentren und Industriewerke im Rekordtempo, um den Deutschen mit dem Bau der Atombombe zuvorzukommen. Sie errichteten in wenigen Monaten vier Geheimstädte, von denen weder die amerikanische Bevölkerung noch die deutsche Spionage etwas wußte.
Die größte dieser Forschungsstätten, Oak Ridge, entwickelte sich im Laufe von zwei Jahren zur fünftgrößten Stadt des US-Staates Tennessee mit einer Bevölkerung von insgesamt 79 000 Menschen. "Was hier geschah", erklärte Präsident Truman später, "kann als die größte Leistung organisierter Wissenschaft in der Geschichte gewertet werden."
Jetzt ist das Aufgebot noch gewaltiger:
- Bis Ende dieses Jahrzehnts wollen die Amerikaner 50 Milliarden Dollar (200 Milliarden Mark),für ihr gesamtes Raumfahrtprogramm auswerfen
- mehr als die Summe, die Hitler vor dem Zweiten Weltkrieg für die deutsche Aufrüstung ausgab.
- 435 000 Wissenschaftler, Techniker und Verwaltungsbeamte arbeiten am Mondprojekt - mehr als die Bundeswehr Soldaten hat.
- 10 000 Industriefirmen entwickeln und bauen Raketen, Raumschiffe, Satelliten, elektronisches Zubehör, Treibstoffaggregate - eine Industriekapazität, die Rußland nur einsetzen könnte, wenn Chruschtschow die Konsumgüterproduktion oder die Mechanisierung der Landwirtschaft drosseln würde.
- Der Raketenschießplatz Cape Canaveral, schon jetzt das "teuerste und größte Laboratorium der Erde", wird auf das Fünffache seines Areals erweitert.
So rücken die amerikanischen Wissenschaftler und Techniker auf breiter Front in das Neuland vor, in das die Sowjets - wenn auch in ruhmreichen Kraftakten - nur schmale Schneisen zu schlagen vermochten. Wohl schickten die Russen den ersten Satelliten, die erste sonnenumrundende Rakete und die erste Mondrakete ins All, photographierten beim ersten mondumrundenden Flug die bis dahin unbekannte Rückseite des Erdtrabanten und stellten mit Jurij Alexejewitsch Gagarin auch den Weltraum-Primus.
Allein, das schmalspurige Programm der Sowjets zielte nur darauf ab, aufsehenerregende Ersttaten zu vollbringen. Die systematische Erforschung des Alls hingegen, die für die Eroberung des Mondes unerläßliche Voraussetzung ist, betrieb Amerika. Während die Sowjets nur 19 Raumkörper (Satelliten und Raumschiffe zusammengenommen) ins All schickten, schossen die Amerikaner über 70 Forschungssatelliten in den Weltraum.
Amerikanische Satelliten entdeckten den Strahlengürtel, der sich in großer Höhe wie eine Schale um den Erdball legt. Amerikanische Satelliten untersuchten das Magnetfeld der Erde, erforschten die Geheimnisse der kosmischen Strahlung und der Sonnenenergie.
Längst umrunden US-Raumkörper den Erdball und funken regelmäßig Wetterphotos an die meteorologischen Stationen. Obschon Nikita Chruschtschow niemanden "in unser Schlafzimmer blicken" lassen will, beäugen amerikanische Späher-Satelliten der Typen "Midas" und "Samos" sowjetisches Terrain. Erst am Donnerstag vergangener Woche startete von Point Arguello in Kalifornien ein neuer Erdsatellit, über den die amerikanische Luftwaffe jede Auskunft verweigert.
Hunderte von Studien- und Entwicklungsprogrammen sind angelaufen. Ein Modell der Apollo-Raumkapsel, die schließlich drei Amerikaner zum Mond bringen soll, wurde im vergangenen Monat bereits in Los Angeles zur Schau gestellt - Vorläufer von zehn Apollo -Raumschiffen, die das Flugzeug-Unternehmen North American Aviation im Auftrage der US-Weltraumbehörde baut.
Wie eine riesige graue Zwiebel prangte das Ausstellungsstück in einer pechschwarz gestrichenen Halle. Im Innern der fast wohnzimmergroßen Kapsel (Höhe: 3,60 Meter; Durchmesser am Boden: 4,00 Meter), die mit elektrischen Zahnbürsten und blaugekachelter Toilette ausgerüstet ist, posierten drei als Raumfahrer verkleidete Komparsen. Die Astronauten-Darsteller ahmten die Beschäftigungen künftiger Raumfahrer nach: Sie nahmen die Konturensitze ein, ruhten sich auf den Schlafbänken aus oder reparierten Weltraum -Zubehör. Keiner trug einen Raumanzug: Die echten Mond-Eroberer sollen in einer "Hemdsärmel"-Umgebung reisen können. Trotzdem gehören Raumanzüge zur Ausrüstung.
Was North American Aviation ausstellte, war nur die Kommandozentrale, die als Aufenthaltsraum für die drei Weltraumfahrer dienen soll. Zum fertigen Raumschiff gehört außerdem eine Zweitstufe, die Vorräte, Forschungsgeräte sowie Triebwerke und Treibstoff für die Rückkehr zur Erde enthält. Ein dritter Teil des Mondschiffes schließlich birgt die Bremsraketen, die das Raumschiff so weit abbremsen sollen, daß es sanft auf der Mondoberfläche aufsetzen kann. Dieser Teil des Apollo-Schiffes dient zudem als Starttisch für den Abflug vom Mond. Gesamtlänge des Mondschiffs: 17 Meter; Gewicht: 75 Tonnen.
Den Bau einer Rakete, die ein derart massiges Vehikel auf direktem Weg zum Mond schleppen könnte, halten die Amerikaner allerdings für so schwierig, daß sie sich entschlossen haben, das Mondfahrzeug in Teilen ins All zu befördern und dort nach dem Rendezvous -Prinzip zusammenzusetzen (SPIEGEL 46/1961). Dafür reicht die Schubkraft der neu entwickelten Saturn-Raketen (Startgewicht: 500 Tonnen) gerade aus. Aber: Die Saturn-Ungetüme müssen, wenn das Kopplungsmanöver im All gelingen soll, mit einer Präzision abgeschossen werden, die etwa hundertmal größer ist als bei den bisherigen Raketenstarts.
Trotz der "Myriaden von Problemen, denen die Raumschiff-Konstrukteure gegenüberstehen" - so das renommierte amerikanische Raketenblatt "Missiles and Rockets" -, hat die amerikanische Weltraumbehörde Nasa schon einen genauen Zeitplan für das Unternehmen Apollo ausgearbeitet.
Im Laufe der nächsten Monate sollen zwei oder drei Astronauten in Merkur -Kapseln den Flug John Herschel Glenns wiederholen, der dreimal die Erde umkreiste (SPIEGEL 9/1962). Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres ist der 18-Runden-Flug eines Piloten in einer Merkur-Kapsel vorgesehen (Rußlands Titow umkreiste die Erde im August vergangenen Jahres 17mal).
Schon im nächsten Jahr sollen die ersten Probestarts mit einer vorerst unbemannten Kapsel für zwei Astronauten (Projekt "Gemini") stattfinden, 1964 die ersten bemannten Flüge in einer Gemini-Kapsel. Im gleichen Jahr wird, nach dem Zeitplan der Nasa, die Rendezvous-Technik mit einem bemannten und einem unbemannten Fahrzeug erstmals erprobt und außerdem eine unbemannte Apollo-Kapsel auf erdumkreisende Bahn geschossen.
1965 sollen drei Piloten in einer Apollo-Kapsel erstmals die Erde umkreisen, 1966 drei Raumfahrer um den Mond fliegen. Für 1968 schließlich, möglicherweise schon 1967, ist die vorerst letzte Etappe angesetzt: Landung auf dem Mond.
Was die Astronauten auf dem Mond vorfinden werden, sollen unterdes Roboter ausfindig machen. Nach dem Nasa -Programm soll
- in diesem Jahr eine Raumsonde vor dem Aufprall auf den Mond Oberflächen-Bilder sowie nach der "harten Landung" seismographische Meßdaten zur Erde funken (Projekt "Ranger" - bisher drei Fehlschläge, ein Teilerfolg);
- 1963 eine Instrumentenkapsel sanft auf dem Mond landen, farbige und stereoskopische Aufnahmen von der Mondoberfläche machen und den Mondboden chemisch analysieren (Projekt "Surveyor");
- 1966 eine Kolonne von Labor-Robotern auf Walzen über den Mond rollen, die Meßergebnisse zurückfunken und Gesteinsproben zur Erde senden (Projekt "Prospector").
Im gleichen Maße, wie sich das US -Mondflugprogramm entfaltete, festigte sich unter amerikanischen Weltraum -Experten auch der Glaube, daß US-Piloten, nicht Sowjet-Astronauten, als erste auf dem Mond landen würden. "Die Sowjet-Union", umriß der Leiter der amerikanischen -Weltraumbehörde Nasa, James E. Webb, die Situation, "wird wahrscheinlich noch vor uns zwei Männer in einen Satelliten setzen und Astronauten um den Mond herumschicken - aber wir werden die ersten sein, die Männer auf dem Mond landen."
Dafür sprechen mehrere Argumente: Alle aufsehenerregenden Weltraum -Ersttaten der Sowjets wurden mit Hilfe des gleichen Raketensystems erzielt. Die Schubkraft dieser Raketen reicht jedoch nicht aus, um Weltraumpiloten auf den Mond zu schicken und sicher zurückzuholen. Der US-Geheimdienst hat bislang keinerlei Anzeichen dafür entdecken können, daß in der Sowjet-Union Raketen mit genügend großer Schubkraft entwickelt werden.
Ebenso wenige Indizien gibt es dafür, daß die Sowjet-Union ein Raumfahrt -Programm von der Vielseitigkeit und den gewaltigen Ausmaßen geplant hat, wie es in Amerika nunmehr hochtourig läuft. Während US-Wissenschaftler jetzt die Früchte jahrelanger, mühseliger, keineswegs spektakulärer Weltraum -Forschungen einheimsen, beginnen die Sowjets in einigen Bereichen der Raumfahrt überhaupt erst zu forschen. "Für ihre Untätigkeit werden die Sowjets vielleicht schon in nächster Zukunft schwer bestraft werden", orakelte das Nachrichtenmagazin "Newsweek", "sie hinken in astrophysikalischer Grundlagenforschung hinterher, sie haben so wichtige Aufgaben wie die Programme der Wetter- und Nachrichtensatelliten vernachlässigt, und sie haben nicht genügend Erfahrungen gesammelt in einfacher Schrauben- und Nietentechnik."
Nach fundierten Kalkulationen amerikanischer Experten wären die Sowjets zudem überfordert, wenn sie gleichzeitig ihre Landwirtschaft modernisieren, die Konsumgüterproduktion steigern, im Rüstungswettlauf mit den USA mithalten und zudem noch vor den Amerikanern auf dem Mond sein wollten. Chruschtschow selbst gestand unlängst vor dem sowjetischen Zentralkomitee, daß der Siebenjahresplan für die Landwirtschaft "in ernste Gefahr" geraten sei. Und der Sowjetpremier ließ auch durchblicken, daß in der industriellen Produktion einige Abstriche vorgenommen werden müßten.
In welches Dilemma die amerikanische Raum-Offensive die Sowjets bereits gebracht hat, verdeutlichte der russische Raumfahrt-Professor Leonid Sedow, als er im März plötzlich forderte, russische und amerikanische Weltraumforscher sollten künftig zusammenarbeiten.
Sedow nannte einen Grund, der die Sowjets noch nie von einer propagandistisch verwertbaren Forschertat abgehalten hat: "Weltraumforschung kostet einen Haufen Geld.".
* Die Raumsonde sollte eigentlich die Vorderseite des Mondes mit einer Fernsehkamera filmen, doch versagten die elektronischen Apparaturen.
US-Mondschiff "Apollo": Flug in Hemdsärmeln
"Apollo"-Modell*: Für die Fahrt zum Mond ...
. . .pro Tag 40 Millionen Mark: Wernher von Brauns Saturn-Rakete
* Mit aufgeklappter Einstiegluke.

DER SPIEGEL 18/1962
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