06.06.1962

SPANIEN / STREIKVom Kardinal empfohlen

Der Caudillo mußte die nächtliche
Kabinettssitzung unterbrechen. Ein Ordonnanzoffizier hatte Spaniens Staatschef Francisco Franco soeben gemeldet, im Vorzimmer warte Seine Eminenz der Kardinal-Primas Enrique Pla y Deniel und bitte Seine Exzellenz um eine sofortige Unterredung.
Spaniens 85jähriger Oberhirte war am Freitagabend vorvergangener Woche erschienen, um gegen die zahlreichen Aktionen zu protestieren, mit denen spanische Polizisten die Arbeit katholischer Kleriker behinderten, seit das Regime des Caudillo von einem Massenstreik in sieben Provinzen erschüttert wurde:
- In Madrid durchsuchten Polizisten
die Büros der katholischen Arbeiterbruderschaften und verhafteten drei ihrer führenden Mitglieder, die später zu Geldstrafen von je 25 000 Peseten verurteilt wurden.
- Im baskischen Streikgebiet verhaftete die Polizei sechs Priester wegen Unterstützung der Streiks, in Katalonien drei und in Asturien fünf weitere klerikale Streikfreunde.
- Katholische Laien, die den Erzbischof
von Barcelona in der dortigen Kathedrale wegen der Streiklage aufgesucht hatten, entgingen der Verhaftung an der Kirchentür nur durch die Intervention ihres Kirchenfürsten.
Doch Francisco Franco wies die Kritik des Kardinals zurück. Die verhafteten Priester hätten, so bedeutete er seinem Besucher, den illegalen Streik unterstützt und es sei daher Sache der Kirchenoberen, die "irrenden" Seelsorger - wie im Konkordat von 1953 vorgesehen - zu bestrafen.
Der Caudillo war über die klerikale Intervention so erzürnt, daß er zwei Tage später den Disput zwischen Regime und Kirche in die Öffentlichkeit trug.
"Unsere Feinde haben sich kleine Mängel unserer Arbeitsorganisation zunutze gemacht", wetterte Franco in einer Rede vor 12 000 Bürgerkriegs-Veteranen. Hinter dem "Arbeitskonflikt" stünden Kommunisten, Liberale, aber auch "eine Laien-Organisation der katholischen Kirche", schon sei es zu "Exzessen" und "klerikalistischen Irrtümern einiger exaltierter Priester" gekommen.
Die offensichtlichen Differenzen zwischen Franco und dem Klerus offenbarten auch dem letzten Spanier, wie breit die Kluft zwischen den beiden Mächten geworden ist, die ein halbes Menschenalter lang Spanien regierten.
Vergangen sind die Tage, da sich der Bürgerkriegs-Sieger Franco der "ungeheuren moralischen Hilfe" rühmen durfte, die ihm die Kirche geleistet hatte; vergangen ist die Zeit, da das Vatikan -Organ "Osservatore Romano" dem Caudillo dankte, die "herrliche Wiedergeburt" des katholischen Spanien gesichert zu haben. An die Stelle der Heiligen Allianz ist die Frostigkeit zweier Rivalen getreten.
Gerade die Streiks demonstrierten, daß Kirche und Staat in verschiedenen Lagern stehen:
- Der Caudillo will durch den verstärkten Ausbau der vom Staat kontrollierten Syndikate, in denen Arbeitnehmer und Arbeitgeber vereinigt sind, sein unsicher gewordenes Regime in die Zukunft hinüberretten;
- die Kirche fordert soziale Reformen
(der Bischof von Bilbao: "Schafft den
Klassenunterschied ab, dann habt ihr den Schlüssel zur Lösung des Problems") und die Zulassung katholischer, von den Syndikaten unabhängiger Arbeiterbruderschaften.
Formulierte Oberhirte Pla y Deniel: "Im Spanien von 1960 kann man nicht mehr vorgehen wie im Spanien von 1940."
So geartete Erkenntnisse haben sich freilich des Hohen Klerus erst bemächtigt, seit offenbar geworden ist, daß im niederen Klerus die Furcht umgeht, Spaniens katholische Kirche könne abermals - wie vor dem Bürgerkrieg (1936 bis 1939) - an der sozialen Versteinerung mitschuldig werden und einem rabiaten Antiklerikalismus Vorschub leisten, dessen Brandfackeln schon einmal Kirchen und Kathedralen in Flammen aufgehen ließen.
Im Frühjahr vergangenen Jahres rebellierten 352 Priester aus vier nordspanischen Diözesen gegen die allzu enge Zusammenarbeit der Kirche mit einem Regime, das trotz seiner sozialrevolutionären Phrasen eine Sozialpolitik des Status quo betrieb und zugunsten der Großgrundbesitzer selbst die bescheidenen Agrarreformen der Republik (1931 bis 1939) wieder rückgängig gemacht hatte.
Erschreckt von der Tatsache, daß im erzkatholischen Spanien nur noch acht Prozent der Industriearbeiter zur sonntäglichen Messe gehen, begehrten die Priester in einem offenen Brief an die Kirchenleitung auf: "Täglich wird die Kluft zwischen uns und den uns anvertrauten Seelen tiefer." Das ganze soziale Panorama Spaniens biete "ein Spiegelbild der Unaufrichtigkeit".
Obwohl die hohen Kleriker den Protestbrief der 352 wegen seiner regimefeindlichen Tendenz rügten, nahmen die Kirchenoberen dennoch die sozialpolitischen Forderungen der Rebellen auf.
Der Erzbischof von Sevilla, Kardinal Bueno y Montreal, beklagte in einem Hirtenbrief "die viel zu großen Unterschiede bei der Verteilung des Wohlstandes" und geißelte "den Mangel an sozialem Gewissen" bei den herrschenden Schichten.
Während die Kirche ihre Karitasarbeit in spanischen Notstandsgebieten verstärkte und immer dringlicher eine großzügige Agrarreform verlangte, forderte Oberhirte Pla y Deniel, den in den Syndikaten integrierten Arbeiterbruderschaften der Kirche müsse ein autonomer Status eingeräumt werden. Begründete der Kardinal: Die Arbeiterbruderschaften seien Organisationen der Katholischen Aktion, und der Katholischen Aktion räume der Artikel 34 des Konkordats volle Bewegungsfreiheit ein.
Indes, Franco lehnte das Ansinnen des Kardinals ab. Zwar erinnerte auch er sich jetzt in seinen öffentlichen Reden der "irritierenden sozialen Ungerechtigkeiten", aber in Wirklichkeit vertagte er jegliche Sozialreform. Statt dessen baute er die staatlichen Syndikate aus und räumte ihnen immer größere Vorrechte ein.
In den Arbeitnehmer-Arbeitgeber -Syndikaten sieht Franco Ansätze zu einem Ständestaat, der geeignet wäre, die Fortdauer des Franco-Regimes auch über den Tod seines Gründers hinaus zu garantieren. Daher ist der Caudillo bemüht, die Syndikate an die Stelle der Falange zu rücken, der seit 1945 verblaßten Staatspartei, die Spanien nur noch dem Namen nach regiert.
Der General duldete sogar liberale Reformen der Syndikatsbewegung: Sie durfte zu halbparlamentarischen Beratungen zusammentreten, erhielt einen ehemaligen, Regime-Gegner zum Generalsekretär und konnte darüber abstimmen, ob es ratsam sei, sich von der Mutterorganisation, der Falange, völlig zu trennen - einer knappen Mehrheit erschien es nicht ratsam.
Mehr noch: 1958 lockerte der Caudillo die Kontrolle des Arbeitsministeriums über die Syndikate und gestattete ihnen, sogenannte Lohn-Kollektivabkommen abzuschließen, Verträge zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern eines Betriebs oder einer Berufsgruppe, die nachträglich allerdings vom Arbeitsministerium genehmigt werden müssen.
Die Konzession Francos entfesselte eine rasante Lohnbewegung, da sich seit dem Lohnstopp von 1956 die Löhne und Preise in Spanien weit auseinanderentwickelt hatten. Bis zum Januar 1962 waren 550 Kollektiv-Verträge unterzeichnet, 400 weitere standen vor dem Abschluß.
Da forderten auch die 80 000 Bergarbeiter von Asturien neue Löhne. Sie gehören zwar zu den bestbezahlten Arbeitern Spaniens, aber sie fühlten sich benachteiligt, weil kurz zuvor für das größte spanische Stahlwerk, die Bilbaoer Fabrik "Altos Hornes", ein neuer Kollektiv-Vertrag ausgehandelt worden war, durch den die asturischen Bergarbeiter von ihrer Spitzenstellung auf der spanischen Lohnskala verdrängt worden waren.
Das Bergbau-Syndikat beschloß zwar leichte Lohnverbesserungen, doch Spaniens bürokratischer Arbeitsminister Sanz Orrio zögerte, das ausgehandelte Abkommen zu genehmigen. Prompt traten die ob ihres revolutionären Temperaments gefürchteten Bergarbeiter von Asturien in den Streik.
Die Sache der asturischen Rebellen wurde von Sympathiestreiks in sieben Provinzen unterstützt, und bald streikten 100 000 Arbeiter gegen Francisco Franco. Und je mehr das Heer der Ungehorsamen anschwoll, desto herausfordernder nahm sich der Massenausstand gegen ein Regime aus, das jeden Streik verbietet.
Die. Presse des Regimes wurde denn auch von Franco angewiesen, die Illegalität des Streiks zu unterstreichen. Da aber erwuchs den stimmlosen Streikenden ein mächtiger Fürsprecher: Die Kirche forderte das Streikrecht für alle Spanier.
"Ebenso wie der Krieg das letzte Mittel ist, das einer Gruppe bleibt, die sich überfahren sieht", dozierte das Madrider Kirchenblatt "Ecclesia", Spaniens einzige unzensierte Zeitung, "so ist auch der Streik das letzte Mittel, das einer Arbeitsgruppe zur Verfügung steht, wenn sie ihre Rechte ignoriert glaubt."
Die Hirten der katholischen Kirche stellten sich zudem so sichtbar hinter die streikenden Arbeiter, daß Franco es für geraten hielt, jeden harten Schlag gegen die Arbeiterrebellen zu vermeiden. Er erhöhte seine Lohnkonzessionen an die Kumpels von Asturien und konnte damit die Streikwelle stoppen.
Noch gewichtiger war freilich eine Konzession, die den Kardinal Pla y Deniel hoffen läßt, in die Syndikatsfront eine erste Bresche geschlagen zu haben, durch die eines Tages auch die katholischen Arbeiterbruderschaften als unabhängige Gewerkschaften eindringen könnten:
Der Caudillo ließ den stellvertretenden Generalsekretär der Falange, Fernando Herrero Tejedor, andeuten, die Regierung bereite ein neues Gesetz vor, das zum erstenmal in der Geschichte des Franco-Regimes "wirtschaftliche" Streiks für legal erklärt. Für zehn Millionen spanische Arbeiter hat damit eine neue Ära begonnen.
Streikbrecher Franco, Kleriker: Spiegelbild der Unaufrichtigkeit
Jesus-Autor Beaverbrook
"Der Hasser ist's, der leidet"

DER SPIEGEL 23/1962
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