18.07.1962

DEUTSCHE PARTEIGesund geschrumpft

Neben hausgemachtem Apfelkuchen
und Schlagsahne, dem niederdeutschen Festgebäck, lagen auf den Wirtshaustischen Textzettel mit "Hannovers Königsgruß". Refrain: "Ich hab' als Fürst bewahrt die Ehr', es hat gesiegt mein tapfres Heer ..."
Das tapfre Heer der Deutschen Partei hatte die Schlacht zwar verloren; die versprengten Musketiere aber sammelten sich, um aus der Asche ihres Lagerfeuers neue Glut zu blasen. Vom Tonband dröhnten die "Alten Kameraden".
Zwei Jahre nach dem Zerfall der DP -Bundestagsfraktion und ein Jahr nach dem widernatürlichen Bündnis, das die heimatverbundenen DP-Bauern mit den heimatvertriebenen BHE-Kätnern eingegangen waren, schworen sich die übriggebliebenen Kameraden, fortan wieder allein und nur in den "menschlich noch übersichtlichen Bezirken" ihres Stammlandes zwischen Marsch und Heide hannoversche Politik zu treiben. Im "Lüneburger Hof" am Pferdemarkt des hannoverschen Städtchens Rotenburg - wo die DP bei der letzten Landtagswahl im April 1959 noch 35 Prozent der Stimmen erringen konnte - hatte ein Aktionsausschuß des DP -Landesverbandes Niedersachsen zur Mitgliederversammlung eingeladen, "damit wir vor der ganzen Öffentlichkeit überzeugend demonstrieren, daß der Versuch unserer politischen Gegner, die Deutsche Partei von innen her zu zerstören, gescheitert ist".
Schon nach knapp drei Stunden konnte der Versammlungsleiter, Kurt Helle-Haeussler, das Ergebnis proklamieren: "Ich darf feststellen: Wir sind wieder da, die Deutsche Partei existiert weiter." Die 300 anwesenden Heidjer,
mit Niedersachsenroß und Welfenkrone am Schlips, brachen in ihren Schlachtruf aus: "Holt fast - man to!" und "Man drup!"
Nach einem Jahrzehnt der Irrlauferei hatten die Deutschparteiler zu ihrem traditionellen Konzept - der Heimatpolitik - und zu ihrem von Ems und Elbe begrenzten Weltbild zurückgefunden. Versicherte der Vorsitzende des Aktionsausschusses, Rechtsanwalt Dr. Kurt Blanke aus Celle, mit eingeklemmtem Monokel: "Landespartei sind wir jetzt und wollen es für immer bleiben."
Als niedersächsische Landespartei - so auch der ursprüngliche Name - hatte es im Juni 1945 im Vaterhaus des Parteigründers Heinrich Hellwege begonnen: Den Niedergang des Deutschen Reiches und des Preußenstaates empfand dieser erdverwachsene Niedersachse als späte Genugtuung für die Schmach von 1866, als zwei Tage nach der Schlacht von Langensalza das Königreich Hannover dem verhaßten Preußenstaat eingegliedert wurde, obgleich der blinde Welfenkönig Georg V. die preußischen Truppen in dieser Bataille geschlagen hatte.
Mit seiner Niedersächsischen Landespartei (NLP) gedachte Hellwege die Tradition der Deutschhannoverschen Partei fortzusetzen, die von 1866 bis 1933 um die Wiederherstellung der alten Rechte gerungen hatte. Hellweges Programmpunkt Nummer 1: Aus Hannover, Oldenburg, Schleswig - Holstein und Teilen von Westfalen sollte "im Rahmen eines föderativen Deutschen Reiches" ein Staat "Groß-Niedersachsen" erstehen.
Keine zwei Jahre später aber ließ Hellwege sich dazu verleiten, die niedersächsischen Grenzen zu
überschreiten: Als Deutsche Partei strebte die NLP nach Macht im Bund.
Mit der Abhängigkeit von den Listen und Launen des CDU-Kanzlers Adenauer, in die sich die Deutsche Partei durch ihr rheinisches Abenteuer begab, begann auch ihr Untergang. Im Sommer 1960 fanden es neun der fünfzehn Bonner DP-Abgeordneten an der Zeit, im Parlament auf die CDU-Bänke zu rutschen. Der treue Rest hatte von den Christdemokraten nichts mehr zu erwarten und suchte anderwärts Hilfe: beim gleichfalls ausgezehrten Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten.
Das BHE-Bündnis der Fußkranken endete kläglich: Die aus den beiden Parteien durch Fusion der Bundesverbände gezeugte Gesamtdeutsche Partei (GDP) blieb bei der letzten Bundestagswahl mit 2,8 Prozent auf der Strecke.
In Niedersachsen, wo die GDP zwar gegründet, die DP aber nicht aufgelöst
wurde, hatte das Debakel zwar gleichfalls schreckliche Folgen: Hellwege voran und nach ihm 16 der 18 DP-Landtagsabgeordneten suchten Zuflucht bei den Christdemokraten; eine Schar von Unverzagten jedoch pries die Schrumpfung als Anzeichen der Gesundung.
Zunächst unabhängig voneinander konstituierten sich in Celle eine neue "Niedersächsische Landespartei", der Prinz Ernst August von Hannover ein Grußwort telegraphierte, und in Hannover ein "Aktionsausschuß zur Fortsetzung und Aktivierung der DP in Niedersachsen."
Beide Gruppen, die mit den im Landtag verbliebenen zwei Abgeordneten Winkelmann und Brunckhorst im Niedersachsen-Parlament eine "Traditionsrotte" stellen, vereinigten sich jetzt in Rotenburg wieder zur Deutschen Partei zwecks "Stärkung des niedersächsischen Raumes" und frohlockten lärmend über das "Ende der schwarzweißroten Epoche" ihrer DP.
Die GDP des niedersächsischen Finanzministers Ahrens hatte zwar versucht, die totgeglaubte Konkurrenz mittels einer Einstweiligen Verfügung in die Heide zurückzujagen, das Landgericht Hannover und das Oberlandesgericht in Celle befanden jedoch: "Jeder politisch interessierte Bürger weiß, daß ... eine nunmehr neu auftretende DP mit der GDP nicht identisch ist."
Die politische Eigenart der wiedervereinigten Scheintoten manifestierte sich in Rotenburg bei der Wahl des neuen Parteichefs: Zum Vorsitzenden wurde der Landwirt und Schnapsbrenner (Weinbrand "Majestät") Wilhelm-Ernst Freiherr von Cramm, Bruder des Tennis-Barons, bestimmt.
Dazu Anwalt Blanke: "Wir legten Wert auf einen angesehenen Mann des niedersächsischen Adels. Auch das ist unser Programm."
DP-Stützen Brunckhorst, von Cramm: Man to - man drup

DER SPIEGEL 29/1962
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