18.07.1962

ANTISEMITISMUSNur Zitate

Die Elite der deutschen und französischen Theoretiker des Sozialismus im neunzehnten Jahrhundert ist, zumindest zeitweilig, antisemitisch gewesen. Und viele mehr oder minder radikale Antisemiten waren Juden. So jedenfalls ist es in einer Zitatensammlung zu lesen, die seit kurzem auf Ladentischen deutscher Buchhandlungen ausliegt.
Edmund Silberner, der Verfasser dieses Buches - Titel: "Sozialisten zur Judenfrage"* -, war bis 1951 Professor an der amerikanischen Universität Princeton und siedelte dann, wiederum als Professor, an die Hebräische Universität Jerusalem über. Sein Buch erschien zunächst in Englisch, später in Hebräisch. Die deutsche Ausgabe ist aus dem Englischen übersetzt.
Schon die ersten Ausgaben des Buches trugen dem Jerusalemer Professor Kritik von allen Seiten ein. Einige Leser meinten, er habe den sozialistischen Antisemitismus "überschätzt", andere hingegen, er habe ihn "unterschätzt". Einige verdächtigten ihn, er habe den Sozialismus "diskreditieren", andere wiederum, er habe ihn "rehabilitieren" wollen. Einige warfen ihm vor, er sei "einfach ein jüdischer Chauvinist", andere, er sei "kein jüdischer Patriot".
Silberner entschloß sich angesichts der widersprüchlichen Vorwürfe zu stoischer Ruhe: "Auch hier gilt es, seinen Weg zu gehen und die Leute reden zu lassen."
Silberner war auf das Thema des sozialistischen Antisemitismus im Jahre 1945 gestoßen, als er in Amerika an einem Buch über europäische Probleme arbeitete. Er fand beim Blättern in den Schriften des Franzosen Charles Fourier (1772 bis 1837), eines der Erzväter des europäischen Sozialismus, antisemitische Äußerungen, die sich zunächst nur wie zufällige Bemerkungen ausnahmen. Silberner: "Ich ging jedoch der Sache nach."
Dieses "Nachgehen" dauerte fünf Jahre, und am Ende hatte Professor Silberner eine Zitaten-Kollektion beisammen, die sich zuweilen wie eine Horror-Sammlung menschlicher Borniertheit ausnimmt, zum anderen aber auch Beweisstücke aufrichtiger Bemühung um einen Ausweg enthält.
Bei seiner Darstellung des Antisemitismus unter sozialistischen Theoretikern hat sich Silberner zeitlich mit der Epoche vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg und geographisch mit Frankreich, Belgien, Deutschland, Österreich und England begnügt. Er erläutert die Beschränkung: Wenn die osteuropäischen, insbesondere die russischen Sozialisten auch noch in die Untersuchung einbezogen worden wären, dann hätte er "noch viele Jahre gebraucht, und die Arbeit wäre derartig umfangreich geworden, daß ich am Ende vielleicht keinen Verleger gefunden hätte".
Zudem beschränkte sich Silberner fast ganz darauf, Zitate wiederzugeben, und verzichtete auf die Beschreibung der politischen und geistesgeschichtlichen Atmosphäre, in der sich die innersozialistische Auseinandersetzung mit dem Judenproblem abspielte. Silberner: "Ich will informieren und halte daher mit Zitaten nicht zurück." Silberner empfiehlt bündig, der Leser seines Buches möge zu seiner historischen Orientierung "ein paar Bände über die Geschichte der behandelten Zeitepoche nachlesen".
Die knappe Empfehlung dürfte praktisch bedeuten, daß die Mehrheit der Leser gegenüber einer Reihe von Problemen ziemlich ratlos bleiben muß, zum Beispiel bei der Frage, warum insbesondere jüdische Sozialisten wie Karl
Marx und Ferdinand Lassalle abschätzig über Juden geurteilt haben.
Was den schon immer bekannten Marxschen Antisemitismus angeht, so haben sich die Verteidiger des Kommunisten-Erzvaters bisher mit der Erklärung beholfen, der Haß Marxens gegen die Juden und das Judentum habe sich keineswegs gegen die Juden als Rasse oder als Glaubensgemeinschaft gerichtet, sondern nur gegen jene Juden, die zu seinen Lebzeiten die auffälligsten Repräsentanten kapitalistischen Ausbeutertums gewesen seien. Sein Haß habe also in Wirklichkeit nicht den Juden, sondern den Kapitalisten gegolten.
Silberner macht diese Entschuldigung zunichte und beweist, daß Marxens Judenhaß durchaus einen Beigeschmack hatte, der mit Klassenvorurteilen nicht zu erklären ist.
Ein Werk des ebenfalls jüdischen Sozialistenführers Ferdinand Lassalle wollte Marx, so zitiert ihn Silberner, nur lesen, wenn es "nicht nach Knoblauch duftet". Lassalles Kopfbildung und Haarwuchs beweise, schrieb Marx, daß "er von den Negern abstammt, die sich dem Zug des Moses aus Ägypten anschlossen (wenn nicht seine Mutter oder Großmutter von väterlicher Seite sich mit einem Nigger kreuzten)".
Ähnliches hat Professor Silberner aber auch bei dem Objekt dieser Diskriminierungen, bei Ferdinand Lassalle, gefunden. So beschimpfte Lassalle zum Beispiel den Literaturhistoriker Julian Schmidt: "O, Sie Jude, Jude! Sollten Sie vielleicht von Bankiers bestochen sein, um durch den weitgreifenden Einfluß Ihrer Literaturgeschichte unser Publikum unmerklich zu judaisieren?"
In einem Liebesbrief, den Lassalle, damals 35 Jahre alt, 1860 an eine junge Russin namens Sophie Sontzeff schrieb, bot er an, zum Christentum überzutreten, sofern ihre Eltern diesen Schritt verlangen sollten: "Ich liebe die Juden gar nicht, ich hasse sie sogar ganz allgemein." Lassalle gab aber dann der geliebten Sophie zu bedenken, daß er als Politiker durch - einen solchen Übertritt Schaden haben könne: "Würde es nicht den Anschein erwecken, daß ich einem Vorurteil folge?"
"Es gibt", sagte Lassalle in einem vertraulichen Gespräch, "vorzüglich zwei Klassen von Menschen, die ich nicht leiden kann: die Literaten und die Juden - und leider gehöre ich zu beiden."
In den Schriften der sozialistischen Erzväter des 19. Jahrhunderts finden sich bereits nahezu alle Klischees antijüdischer Ressentiments vorgeprägt, die später in nationalsozialistischen Polemiken verbreitet wurden - wie etwa:
- die Juden hätten sich in der Geschichte "nur durch Verbrechen und Brutalität hervorgetan" (der französische Sozialist Charles Fourier);
- der Jude sei ein bloßer "Zwischengänger, immer falsch und parasitär, der sich im Geschäft wie in der Philosophie der Fälschung, betrügerischen Nachahmung und Roßtäuscherei bedient" (Pierre-Joseph Proudhon, 1809 bis 1865);
- die Juden hätten "alle Zeitungen in
der Hand und lenken die Politik in Deutschland wie in Frankreich" (Proudhon);
- sie unterstützten die obszöne Literatur (Georges Sorel, 1847 bis 1922);
- Jesus müsse als ein zufällig in Judäa
geborener Arier betrachtet werden (Edmond Picard, belgischer Sozialist, 1836 bis 1924);
- der Schacher sei der weltliche Kultus der Juden, das Geld sei "der eifrige Gott Israels, vor welchem kein anderer Gott bestehen darf" (Marx);
- die jüdischen Bankiers seien die
Verkörperung ausbeuterischer Instinkte und des Volksbetrugs (Johann Baptist von Schweitzer,
Präsident des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, der Lassalleschen Vorgänger-Organisation der SPD);
- die Juden hätten überall ihre Finger im Spiel, sie seien "Bankagenten, Literaten, Politiker, Korrespondenten für Zeitungen aller Schattierungen, mit einem Wort literarische Makler, so wie sie finanzielle Makler sind, einen Fuß in der Bank, den anderen in der sozialistischen Bewegung und mit dem Hintern auf der deutschen Tagesliteratur sitzend" (Michael Bakunin, russischer Anarchist, 1814 bis 1876);
- die jüdischen Einwanderer stellten für den Nationalcharakter der Engländer "eine ständige Gefahr der Herabwürdigung" dar (Beatrice Webb, englische Sozialistin, 1858 bis 1943).
Außer den sozialistischen Antisemiten aus jenem Affekt virulenter Selbstkritik, die etwa auch die deutschen
Philosophen Schopenhauer und Nietzsche dazu trieb, Pauschal-Verdammungen über die Deutschen zu formulieren, gab es auch Sozialistenführer, die zwar den politischen Antisemitismus bekämpften, jedoch "ohne selber von antijüdischen Ressentiments frei zu sein" (Silberner). Zu ihnen rechnet Professor Silberner den französischen Sozialistenführer Jean Jaurès (1859 bis 1914) und den österreichischen Sozialistenführer Victor Adler (1852 bis 1918).
Den Zionismus - jene Bewegung unter den Juden, von der die Bildung eines jüdischen Staates angestrebt wurde - bekämpften zumindest zeitweilig Karl Kautsky (1854 bis 1938) und Eduard Bernstein (1850 bis 1932). Da viele Sozialisten als Ziel der Menschheitsentwicklung den Fortfall aller nationalen Unterschiede betrachteten, paßte ein zionistischer Nationalismus nicht in ihre Pläne.
Das allgemein menschheitliche Weltbild der Sozialisten trug aber auch dazu bei, daß im sozialistischen Lager viele Stimmen gegen den Antisemitismus laut wurden.
Schon der deutsche Sozialist August Bebel hatte zudem bemerkt, daß der Antisemitismus im Kampf um die Gunst der Masse eine gefährliche Konkurrenz für den Sozialismus darstelle. Diese These hatte auch der alte Friedrich Engels vertreten, als er sich, nach dem Tode von Marx, vom Antisemitismus distanziert hatte.
Wilhelm Liebknecht, der deutsche Sozialistenführer, der ursprünglich dem Christentum das Verdienst eingeräumt hatte, an die Stelle des "engherzigen Nationalismus der Hebräer" die Idee des allgemeinen Menschentums gesetzt zu haben, begann nach einem Aufenthalt in England, die jüdische Religiosität der christlichen vorzuziehen. Er polemisierte gegen eine Äußerung des englischen Premiers Disraeli, wonach Angelsachsen und Juden die beiden Rassen bildeten, die am meisten zur Weltherrschaft berufen seien, und meinte, richtiger sei es, statt "Angelsachsen" Germanen zu sagen. Das ergäbe einen "Judo-Germanismus", der
freiheitlicher sei als der sogenannte Christo-Germanismus.
Einen besonderen Platz in der Geschichte des sozialistischen Antisemitismus nimmt der deutsche, aus dem Rheinland stammende Sozialist Moses Hess ein, der zuweilen als "Vater der deutschen Sozialdemokratie" apostrophiert worden ist.
Hess - geboren 1812 und gestorben 1875 - war zunächst für eine radikale Assimilierung der Juden eingetreten. Hess meinte, die jüdische Sonderexistenz sei letztlich auf ein religiöses Ereignis zurückzuführen, nämlich darauf, daß die Juden Christus nicht verstanden hätten. Er propagierte deshalb die Christianisierung der Juden und empfahl als das einzige durchschlagende Mittel die christlich-jüdische Mischehe. Kinder aus dieser Ehe sollten christlich erzogen werden.
Später jedoch kehrte Hess zum Judentum zurück. Das ganze Streben der gebildeten deutschen Juden, meinte er nun, sei vergebens darauf gerichtet, deutsch zu sein, deutsch zu fühlen und deutsch zu denken. Solche Anstrengungen würden bei den Deutschen nur auf Verachtung stoßen.
Daher wurde Hess zu einem Vorläufer des Zionismus und gleichzeitig zum Anhänger einer Geschichtsauffassung, die sich am Begriff der Rasse orientiert. Die moderne Gesellschaft, meinte er, sei aus den Bestrebungen zweier "welthistorischer Menschenrassen" hervorgegangen, der Arier und der Semiten. Seine Überzeugung war, daß diese beiden Rassen in friedlicher Koexistenz miteinander leben könnten.
An dem Wandel der Überzeugungen von Moses Hess wird deutlich, vor welchen Problemen die Juden standen, nachdem die seit dem 18. Jahrhundert wirksame Emanzipation ihnen Freiheit und Gleichberechtigung eingebracht oder doch in Aussicht gestellt hatte.
Die neue, zumindest gesetzlich garantierte Freiheit stellte die Juden vor die theoretische Frage, womit sie sich fortan identifizieren sollten: mit der jüdischen Nation, mit der Nation des jeweiligen Heimatstaates, mit Ihrem hergebrachten Glauben oder mit dem Weltbürgertum.
Erst dieser Zwang, sich auf die eine oder andere Weise zu entscheiden, liefert eine Erklärung für die Unsicherheit der jüdischen Sozialisten gegenüber der Judenfrage, eine Erklärung insbesondere für Marxens oder Lassalles Ausfälle gegen ihre eigene Herkunft, und schließlich eine Erklärung dafür, warum der Sozialismus unter dem Einfluß vor allem von Marx vorübergehend in das Fahrwasser des Antisemitismus geraten war.
Professor Silberner hat darauf verzichtet, diesen Sachverhalt darzustellen und an den vorgelegten Zitaten zu erläutern. Die menschliche Problematik des emanzipierten Juden im 19. Jahrhundert bleibt somit im dunkeln - ein Mangel, der zweifellos Platz für Mißdeutungen läßt.
Silberner selbst berichtet, es sei ihm gesagt worden, daß sein Buch "den Antisemiten, insbesondere den deutschen; Waffen in die Hand geben könnte". Auf diese - berechtigte öder unberechtigte - Kritik erwidert er lapidar: "Ich verstehe solche Einwände, teile sie aber nicht."
* Edmund Silberner: "Sozialisten zur Judenfrage". Colloquium Verlag, Berlin; 376 Seiten; 29,80 Mark.
Sozialistenführer Proudhon: War Jesus ...
... ein Arier?: Sozialistenführer Jaurès
Antisemit Marx
Ständige Gefahr ...
Antisemitin Beatrice Webbs
... für England ...
Antisemit Lassalle
... und die Literatur?

DER SPIEGEL 29/1962
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 29/1962
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ANTISEMITISMUS:
Nur Zitate

  • Webvideos der Woche: Tief gestürzt, weich gelandet
  • "Schmerzgriff"-Vorwürfe: Hamburger Polizei verteidigt Einsatz bei Klimaprotesten
  • Uli Hoeneß: Kalkulierter Wutausbruch im Video
  • Mein Schottland: Zwischen Brexit und Unabhängigkeit