15.08.1962

HUXLEYIsland in the Sun

Achtung!" weckt eine Stimme den schlafenden Schiffbrüchigen, "Achtung, Achtung!"
Als der Journalist Will Farnaby mit schmerzendem Kopf, verletzt und erschöpft, auf tropischer Urwaldlichtung zu sich kommt, erkennt er, daß ihn ein exotischer Vogel mit menschlicher Stimme anruft. Und nach weiterer Umschau erkennt er auch den Ort, an dem er an Land gespült worden ist: "Dies hier war Pala, die verbotene Insel, der Ort, den noch nie ein Journalist betreten hat."
Der Journalist Farnaby, Sonderkorrespondent mit Sonderauftrag seines britischen Zeitungs-Lords Joe Aldehyde, ist der Held, Pala der Titelschauplatz des neuen Huxley-Romans "Island" - "Insel" -, der unlängst in England erschien*.
Drei Jahrzehnte nach seiner satirischen Zukunftsvision "Brave New World" - deutsche Titel nacheinander: "Welt - wohin" (1932), "Wackere neue Welt" (1949), "Schöne neue Welt" (1952) - hat der 68jährige Romancier Aldous Huxley ein philanthropisches Gegenstück zur zynisch-pessimistischen Utopie vom perfekten Staat des Jahres "632 nach Ford" verfaßt.
Während die "prophetische Fabel" von der braven neuen Welt in Brut- und Normzentralen gezüchtete Menschenwesen vorführt, die keine seelischen Komplikationen mehr kennen und in glückseligem Schwachsinn dahinleben, sollen die Einwohner des fiktiven Modell-Eilands in Äquator-Nähe nach Willen des zu pazifistischer Güte gereiften Autors demonstrieren, daß Erdenglück auch bei geistiger Tätigkeit und trotz aller sozialen und politischen Gegenwartsprobleme möglich ist.
Huxley in seinem "Insel"-Roman: "Mehr oder weniger ein Drittel aller Sorge ist für die Person, für die ich mich selbst halte, unvermeidbar ... Die restlichen zwei Drittel aller Sorge sind selbstgefertigt und, was das Universum angeht, unnötig."
Wie dieses partielle Paradies, Huxleys Reißbrettarbeit zufolge, aussieht, darf der reisende Zeitungsschreiber Will in aller Ausführlichkeit erfahren. Der Journalist, nach Europäer-Art desillusioniert, defekt und zynisch ("Ja ist für mich keine Antwort"), wird nach seinem Schiffbruch in die friedfertige Palanesier-Kommune aufgenommen, die er ohnehin im Auftrag seines Verlegers besuchen wollte. Er wird gepflegt, in Pala-Gewohnheiten unterrichtet und instruiert, auf welche Weise der ideale Insel-Staat zustande gekommen ist.
Das gegenwärtige Gemeinwesen Pala, so erdachte es sich der Sozial-Utopist Huxley, ist das Ergebnis eines Experiments, dias vor mehr als hundert Jahren von zwei Männern begonnen wurde - von dem erst kalvinistischen, später atheistischen schottischen Arzt Mac -Phail und dem Inselfürsten Murugan, der als "Radscha der Reform" in die palanesische Geschichte eingegangen ist. Der Radscha und sein abendländischer
Leibarzt MacPhail hatten im vergangenen Jahrhundert gemeinsam das Insel-Dasein reformiert und ihren Untertanen alles geboten, was europäischer Erfindergeist und orientalische Lebensart an Nachahmenswertem bieten können.
Diese Auslese - vom Westen wurden Elektrizität, Medizin und Biologie übernommen, der Osten steuerte buddhistische Religiosität und erotische Tradition bei - erwies sich nach hundertjährigem Training als überaus segensreich. Farnabys palanesische Gastgeber, selbstgenügsam und mit einem eben noch menschlichen Quantum gesunden Menschenverstandes begabt, verstehen ihr Dasein zu genießen; sie sind ohne Ehrgeiz, sind fortschrittsunwillig und vermögen weder mit kommunistischen Errungenschaften noch mit kapitalistischen Finessen etwas anzufangen.
"Wir haben", so wird dem Journalisten erklärt, "kein Bedürfnis nach euren Rennbooten oder eurem Fernsehen. Noch weniger nach euren Kriegen und Revolutionen, euren Renaissancen, euren politischen Schlagworten, eurem metaphysischen Unsinn aus Rom und Moskau."
Und vom Doktor Robert MacPhail, einem Urenkel des Reformators, erfährt Farnaby: "Wir produzieren und importieren nur das, was wir uns leisten können. Und dieses Leistungsvermögen wird nicht nur begrenzt durch unseren Vorrat an Pfunden und Mark und Dollars, sondern auch und vor allem ... durch unseren Wunsch, glücklich zu sein, unseren Ehrgeiz, ganz und gar menschlich zu werden."
Um diesen ehrgeizigen Wunsch erfüllen zu können, haben sich die Palanesier nahezu vollkommen von der Außenwelt abgeschlossen. Sie haben auf eine Armee verzichtet, ihre reichen Ölquellen bleiben ungenutzt, sie üben strenge Geburtenkontrolle und verhindern mit Hilfe von gründlichen Untersuchungen, mit Blutproben und psychologischen
Tests die Aufzucht von möglichen Verbrechern und möglichen Diktatoren - folgerichtig gibt es auf Pala auch keine Gefängnisse.
Den Kindern wird in der Schule neben Trigonometrie und Biologie gelehrt, wie man im hypnotischen Trance "Schicksalskontrolle" - gekürzt "SK" ausübt und wie "Maithuna" praktiziert wird, eine "Jogaübung der Liebe", die Huxley mit "männlicher Enthaltsamkeit" umschreibt.
Auch die häusliche Erziehung der heranwachsenden Insulaner weicht von Gewohnheiten westlicher Zivilisation ab: Palas Kinder dürfen, wenn es ihnen im elterlichen Haus nicht mehr behagt, bei anderen Familien Asyl suchen, und das Wort "Mutter" ist einzig "die Bezeichnung für eine Funktion. Wenn die Funktion nach Gebühr erfüllt worden ist, erlischt der Titel".
Die Palanesier produzieren, finanzieren und profitieren in der Art von Genossenschaften, üben sich, "auf vernünftige Weise irrational zu sein", und nähern sich der von Buddha geforderten Erleuchtung mit Hilfe der "Mokscha Medizin"
- einer aus Pilzen gewonnenen Droge, die Farnabys Erfahrung und Huxleys detaillierter Beschreibung zufolge, einen ähnlichen Helligkeitsrausch verschafft wie das Kaktus-Gift Meskalin, dessen Wirkung Huxley nach einem Selbstexperiment 1954 in seinem Bericht "Die Pforten der Wahrnehmung" beschrieben hatte.
Ein Vergleich zwischen der frühen "prophetischen Fabel" von der wackeren neuen Welt und dem späten "Insel"-Modell demonstriert überdeutlich, daß Skepsis und Zynismus literaturträchtiger sind als reformatorische Tiraden: Über seinem didaktischen Eifer, zu demonstrieren, wie schön es in der Welt zugehen könnte, wäre sie nach seinen Plänen zugeschnitten, hat Huxley sein satirisches Talent vernachlässigt und zuweilen sogar das Erzählen vergessen: "Island" ist weniger ein Roman als eine Folge dramatisierter, keineswegs immer sehr spannender Essays über Gesetzesreform, künstliche Befruchtung und die Freuden der Promiskuität, über Psychoanalyse und buddhistische Versenkung, über Erziehungs- und Industrialisierungsprobleme.
Nur zuweilen verwandelt sich der Sonderkorrespondent Farnaby vom schweigsamen Beobachter zum nicht allzu ehrbaren Romanhelden - zum Beispiel, wenn er versucht, den Auftrag seines Verlegers auszuführen: Lord Aldehyde, der außer seinen Zeitungen auch eine Ölgesellschaft dirigiert, möchte durch Farnabys Vermittlung der Rani von Pala Ölkonzessionen abkaufen.
Die Fürstin ist auch nicht abgeneigt. Sie und ihr Sohn Murugan Mailendra
vermögen ohnehin der Biederkeit ihrer Untertanen, deren Sexualpraxis und Denkungsart keinen Geschmack abzugewinnen. Angewidert klagen sie über ihr Volk: "Kein Fortschritt, nur Sex, Sex, Sex."
Thronerbe Murugan, ein Ephebe mit
homoerotischen Neigungen, der in Europa
erzogen worden ist, mit Vorliebe den Katalog des amerikanischen Versandhauses Sears-Roebuck studiert und sich für Motorräder und moderne Waffen begeistert, bereitet eine Reform vor, die das Inselvolk aus seiner Isolation befreien soll.
Murugan hat Erfolg. Er holt zum Schluß die Truppen der diktatorisch regierten Nachbar-Insel zu Hilfe und
proklamiert den unwilligen Palanesiern das neue Zeitalter des Fortschritts. Journalist Farnaby, vom europäischen Nihilisten zum Musterschüler palanesischer
Prägung bekehrt, resigniert: Die Inselbewohner "waren zu gut - das war ihr Verbrechen. So etwas war einfach nicht erlaubt".
Resigniert gab sich auch noch ein anderer Journalist - der Rezensent der Londoner "Times": "Einige vierzig Jahre lang hat uns Mr. Huxley amüsiert, verwirrt oder verärgert, aber er hat uns nie gelangweilt. Damit ist es nun vorbei."
* Aldous Huxley: "Island". Chatto & Windus, London; 288 Seiten; 18 Shilling.
Utopist Huxley: Zwei Drittel Sorge zuviel

DER SPIEGEL 33/1962
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