22.08.1962

SACHSENHerrenvolk?

Eine Westberliner Kampfgruppe ist angetreten, einen ganzen deutschen Volksstamm vor dem Rufmord zu retten: jenen mitteldeutschen Menschenschlag, der "goofen" statt kaufen, "Gobb" statt Kopf sagt und nach gängiger Meinung 90 Prozent aller Partei- und Staatsfunktionäre der DDR stellt.
Zum Fürsprecher der wegen ihrer konsonantenschwachen Mundart geschmähten Sachsen warf sich der antikommunistische Untersuchungsausschuß Freiheitlicher Juristen (UFJ) in Berlin -Zehlendorf auf.
Schrieb UFJ-Mitarbeiter Fritz Korn in den vom Untersuchungsausschuß herausgegebenen "Deutsche Fragen": Wenn die These vom sächsischen Ursprung der meisten SED-Funktionäre nicht widerlegt werde, "könnte dies zu einer Verfemung und Verketzerung des obersächsischen Stammes unseres deutschen Volkes führen".
Tatsächlich ist die Diskreditierung alles Sächsischen in Westdeutschland und besonders in Westberlin bereits so weit fortgeschritten, daß Korns vorbeugender Feldzug wider den "unheilvollen Sachsenhaß" und die "untergründige Saxophobie" beinahe verspätet erscheint: In Berlin werden die Sachsen schon lange als fünfte Besatzungsmacht bezeichnet. Sächsische Mundart und kommunistische Gesinnung drohen für den westdeutschen Bürger identisch zu werden.
Die sächsische Mundart gelte "mittlerweile als Jargon des Teufels", klagte Schriftsteller Rolf Schroers, ein Rheinländer, "sie ist die Sprache der Mauerposten von Berlin - und die Sprache Ulbrichts".
Der SED-Spitzbart machte vergessen, daß seine weichliche Mundart in der Vergangenheit auch von einwandfrei nicht-kommunistischen Deutschen wie
- den Dichtern und Denkern Luther, Leibniz, Lessing, Novalis, Nietzsche sowie
- den Musikern Händel, Bach, Schumann, Wagner
gesprochen wurde und sich des besten Rufs erfreute. Der Genieforscher Ernst Kretschmer beispielsweise erklärte Sachsen "durch das Zusammentreffen der musikalischen und der dichterischphilosophischen Begabung" für die absolut geniereichste deutsche Landschaft.
Die ansehnliche Garde unbestrittener Sachsen-Genies auf der einen und die neudeutsche Saxophobie auf der anderen Seite veranlaßten den aus Sachsen ins Rheinland emigrierten Schriftsteller Gerhard Zwerenz, die Forderung aufzustellen: "Gerade heute, im Zeitalter der dummen Schlußfolgerungen und üblen Nachreden, ist darauf zu halten, daß die Sachsen nicht schlechter sind als andere Modifikationen des Deutschen."
Stöhnte Zwerenz: "Es ist zum Kotzen. Ich bin ein sächsischer Patriot."
Sachlicher ließ sich der Schweizer Francois Bondy vernehmen, der die Saxophobie als den Versuch diagnostizierte, "die ideologische (Ost-West-) Trennung zu einer geographischen Sortierung zu machen".
Um die böswillige Legende, Sachsen und Kommunisten seien identisch, ein für allemal zu widerlegen, machte sich Sachsen-Retter Fritz Korn von den freiheitlichen Juristen Westberlins zunächst ans Zählen. Mit Hilfe des statistischen Jahrbuchs der DDR ermittelte er den prozentualen Anteil der Sachsen ah der Gesamtbevölkerung der DDR, stieß dabei aber auf ein Hindernis: Die Angehörigen des verfemten Stammes sind nicht eindeutig zu definieren.
Als Kaffee- oder Obersachsen im engeren Sinne gelten gemeinhin nur die-Bewohner des ehemaligen Königreiches und späteren Freistaates Sachsen, dessen Territorium etwa den heutigen sowjetzonalen Verwaltungsbezirken Dresden, Leipzig und Chemnitz entspricht*.
Die 5,48 Millionen Sachsen dieser drei Bezirke repräsentieren zwar rund 32 Prozent der insgesamt 17,08 Millionen DDR -Bürger, aber es gibt noch mehr Mitteldeutsche, die ein p in ein b und ein k in ein g verwandeln: die 1,96 Millionen Einwohner des Bezirks Halle (früher: Südteil der preußischen Provinz Sachsen und des späteren Landes Sachsen-Anhalt), die 0,80 Millionen Bürger des Bezirks Cottbus sowie die 2,5 Millionen Thüringer der Bezirke Gera, Erfurt und Suhl. Denn das Thüringische und das Obersächsische sind nahverwandte Spielarten des stark akzentuierten, satzmelodischen ostmitteldeutschen Idioms, das in diesem Raum durch Vermischung fränkischer, thüringischer, (nieder-)sächsischer und eingesessener slawischer Bevölkerungsteile entstand.
Die Praxis lehrt, daß nur alteingesessene Sachsenforscher das Thüringische etwa des Gothaer Raums von dem breiten Sächsisch des gemischt sächsischthüringischen Grenzbezirks Gera unterscheiden können.
Nach dem Motto, daß Sachse ist, wer im großsächsischen Sprachgebiet wohnt, ermittelte Korn schließlich, daß von den 17,08 Millionen Ulbricht-Untertanen genau 10,75 Millionen als Sachsen gelten. Das sind rund 63 Prozent der Zonenbevölkerung.
Nach diesen Berechnungen ist die in Westdeutschland grassierende Saxophobie unberechtigt: Dem Bevölkerungsanteil von insgesamt 63 Prozent steht ein Funktionärsanteil von "allerhöchstens 67 bis 72 Prozent" gegenüber.
Vier bis neun Prozent mehr Funktionäre, als den Großsachsen aufgrund ihres Anteils an der DDR-Gesamtbevölkerung zukommen, können noch nicht als ungewöhnlich angesehen werden. Mit anderen Worten: Der Eindruck, daß die meisten kommunistischen Funktionäre Sachsen seien, rührt daher, daß die meisten DDR-Bewohner sächsisch oder thüringisch sprechen.
Eine systematische Zählung der Sachsen unter der DDR-Prominenz widerlegt auch eindeutig die Behauptung, die Sprzcher des obersächsisch-thüringischen Idioms zeigten eine außergewöhnliche Affinität zum Kommunismus: Die durch ihre Sprache vereinigten Sachsen-Thüringer stellen
- im Staatsrat der DDR (Vorsitzender: der Leipziger Walter Ulbricht) von insgesamt 24 Staatsratsmitgliedern nur zehn (41,7 Prozent);
- im Ministerrat (Vorsitzender: der Braunschweiger Otto Grotewohl) von insgesamt 35 Mitgliedern nur sechs (17.1 Prozent):
- in der Staatlichen Plankommission (Vorsitzender: der Niedersachse Mewis aus Hannoversch-Münden) von neun Mitgliedern vier (44,4 Prozent);
- im Volkswirtschaftsrat (Vorsitzender: der Berliner Alfred Neumann) von sieben Mitgliedern nur drei (42,9 Prozent);
- im Politbüro der SED schließlich von 21 Mitgliedern nur sechs (28,6 Prozent).
Im Zentralkomitee der SED ist das großsächsische Volk im Verhältnis zu anderen Stämmen sogar eindeutig benachteiligt: Es stellt nur 32 von 111 ordentlichen ZK-Genossen, also gut ein Viertel.
Die aus den Bezirken Rostock, Schwerin, Potsdam, Berlin, Frankfurt an der Oder, Neubrandenburg und Magdeburg stammenden Genossen dagegen stellen mit 41 Abgesandten (36,9 Prozent) die stärkste Fraktion im Führungsgremium der Partei, obschon der Bevölkerungsanteil der Obersachsen und Thüringer 63 Prozent, der der nicht-sächsischen DDR-Bürger nur 37 Prozent beträgt.
Nur bei den Parteispitzen liegen die Sachsen eindeutig in Führung: Der Sachse Walter Ulbricht aus Leipzig ist Erster Sekretär der SED, der Sachse Gerald Götting aus Halle Generalsekretär der Ost-CDU, der Sachse Manfred Gerlach aus Leipzig Generalsekretär der Ost-LDP.
Daß Immerhin der oberste DDR -Mensch aus Leipzig kommt und seinen Mauer-Staat mit weichen Konsonanten regiert, halten die westdeutschen Sachsen-Verteidiger nicht unbedingt für ein Unglück.
Sachse Zwerenz: "Adolf konnte auf österreichisch die ganze Götterdämmerung aufführen. Der Sachse Ulbricht wird nie hitlersche Dämonie erreichen, sein Dialekt verhindert den makabren Rauschzustand."
* Dem Bezirk Dresden wurden Reste Schlesiens angegliedert.
Sächsische Parteichefs Ulbricht {SED), Gerlach (LDP), Götting (CDU): Gabb statt Kopf

DER SPIEGEL 34/1962
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