29.08.1962

BANKEN / ROTHSCHILDZweite Fortsetzung

Das Geld ist der Gott unserer Zeit,
und Rothschild ist sein Prophet", so trompetete Heinrich Heine vor 130 Jahren, nachdem er den Pariser Bank- und Börsenfürsten Baron James de Rothschild in seinem Privatkabinett besucht hatte. "Schon vor der Tür seines Kabinetts ergreift viele ein Schauer der Ehrfurcht, wie ihn einst Moses auf dem Horeb empfunden, als er merkte, daß er auf heiligem Boden stand."
Heine beobachtete "einen galonierten Bedienten", der das Nachtgeschirr des Barons über den Korridor trug, "und ein Börsenspekulant, der in demselben Augenblick vorbeiging, zog ehrfurchtsvoll seinen Hut ab vor dem mächtigen Topfe. So weit geht, mit Respekt zu sagen, der Respekt gewisser Leute".
Die Börsianer und Bankleute, die jüngst über den schmalen Gang zur Tür des berühmten Privatkabinetts eilten, um mit dem heutigen Bankchef Guy de Rothschild, 53, zu konferieren, ließen es an solchen Ehrenbezeigungen fehlen. Hinter dem Schreibtisch saß ein mittelgroßer Mann im dunkelblauen Zweireiher, seine kantige schlanke Figur in einen schlichten Sessel gelehnt und den silbern melierten Kopf leicht vorgeneigt.
Draußen auf dem Flur klopften Bauhandwerker Stuck ab und erneuerten alte Türfüllungen. Kalk rieselte zu Boden, und es sah so aus, als ob eine Modernisierung bevorstehe.
Die Konferenz hinter der verschlossenen Polstertür galt einem wichtigen Ereignis, mit dem sich die Weltpresse in letzter Zeit mehrmals befaßte. Das alte Pariser Bankhaus de Rothschild Fréres in der Pariser Rue Laffitte Nr. 23 und die Londoner Bank N. M. Rothschild & Sons - beide waren einst Säulen der internationalen Hochfinanz - wollen wieder- eng zusammenarbeiten, nachdem sie 53 Jahre lang getrennt Geschäftspolitik betrieben haben.
Obwohl sich Großbritannien noch nicht endgültig zum EWG-Beitritt entschlossen hat, überredete Baron Guy de Rothschild, das Oberhaupt der französischen Sippe, den Londoner Bankchef Edmund de Rothschild, 46, gemeinsam eine Finanzgesellschaft zu gründen, die den merkwürdigen Namen
"Second Continuation" ("Zweite Fortsetzung") trägt.
Sie soll die nach der Jahrhundertwende unterbrochene Zusammenarbeit fortsetzen. Wie ihre Urgroßväter, die einst durch engste Kooperation den europäischen Kapitalmarkt beherrschten, wollen die Pariser und Londoner Rothschilds jetzt wieder gemeinsam europäische Finanzpolitik treiben.
Intern ließen die Bankchefs verlauten, daß sich ihre Second Continuation als Finanzinstitut des Gemeinsamen Europäischen Marktes betätigen werde. Freilich nicht im banküblichen Sinne, sondern als Investmentgesellschaft, die mit ihren Geldmitteln das europäische Wirtschaftsgetriebe an einträglichen Stellen schmieren will. Die Rothschilds könnten zum Beispiel große Versandhandelsfirmen in England finanzieren, die billige Konsumgüter nach Frankreich exportieren wollen, wo die Neckermann-Branche bisher noch nicht vertreten ist. Das Institut könnte aber auch durch Aktienkäufe Einfluß auf einige am kontinentalen Markt besonders interessierte Industriefirmen, zum Beispiel der Automobilindustrie, nehmen.
In welche Schmiernippel die Rothschilds nun ihren goldenen Gleitstoff drücken werden, hielten sie bisher streng geheim. Aus dem berühmten Privatkabinett des Pariser Oberhauptes drangen nur vage Umschreibungen. "Ich bin Realist und weiß, wo mein Platz im Gebäude der internationalen Finanz ist", meditierte der Finanzbaron laut vor sich hin. "Wir sind eine sehr alte europäische Familie, alt im Sinne eines langen Familienstammbaums und alter Institutionen wie die Bank und zahlreiche karitative Einrichtungen. Warum soll sich diese Familie nicht enger zusammenschließen?"
Als Grundkapital wurden zunächst 11,2 Millionen Mark in die Second Continuation eingebracht. Die Gesellschaft wird sich aber bald durch Kapitalerhöhungen und den Verkauf kleingestückelter Anteilscheine viel mehr Geld verschaffen. 60 Prozent der Anteile gehören dem französischen Partner, der sich am eifrigsten um die Gemeinschaftsgründung bemühte. Es war ihm nicht leichtgefallen, auf der englischen Seite gewisse Familienressentiments auszuräumen.
Die englische Rothschild-Sippe (heute 44 Köpfe) und die französische Gruppe (31 Köpfe) hatten sich in den letzten Jahrzehnten auseinandergelebt. Vor allem hatten sich die Rothschilds jenseits desÄrmelkanalsbewußt vom Festland abgekapselt.
Ihre Familienhäupter waren als Lords ins Oberhaus eingezogen und führten einen untadeligen Lebenswandel, während die französische Verwandtschaft vor dem Zweiten Weltkrieg oft die Chronique scandaleuse der leichtfüßigen Multimillionäre bereicherte. Die englischen Geldaristokraten waren schockiert über die Amouren und Eskapaden, die sich mehrere französische Cousins leisteten.
Seit eine neue Generation nach dem Krieg die Bankführung in London und Paris übernommen hat, besserten sich jedoch die Familienbeziehungen. Die Pariser Rothschild-Garde wertete in den letzten Jahren nicht nur ihr Prestige auf, sie konzentrierte auch ihre finanziellen Kräfte und unterwanderte mit ihrem Kapital in aller Stille eine Anzahl französischer Großunternehmen, die heute im Schlepptau des Bankhauses Rothschild Frères oder seiner Satelliten (Investmentgesellschaften und Finanzholdings) hängen.
In rund hundert Aktiengesellschaften, Banken und Versicherungen, aber auch in internationalen Konzernen, wie der Ölgesellschaft Royal Dutch - Shell und der Diamanten- und Goldminengesellschaft De Beers, arbeitet mindestens eine Milliarde Neuer (Rothschild-) Franc. "Die ganze Wirtschaft Frankreichs wird von der Bank Rothschild Fr&es beherrscht", übertrieb unlängst der rechtsradikale Publizist Henry Coston, der ein dickes Pamphlet über die Renaissance des reichen Familienclans veröffentlichte.
Vergebens wehrte sich der Pariser Bankbaron gegen diese hohe Einschätzung seiner wirtschaftlichen Potenz: "Eine Familie wie die unsrige mit allen Vorzügen und Nachteilen kann sich nicht mit den großen Mächten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts messen, weder mit den staatlichen Großmächten noch mit den großen Aktiengesellschaften. Die Rothschilds sind nicht die Inhaber oder Verwalter einer Riesenfirma wie zum Beispiel die Du Ponts*, die Krupps oder die Agnelli (Fiat)." Auch werde der politische Einfluß der Rothschilds überschätzt.
Doch so viel Bescheidenheit wurde dem Bankier in Frankreich nicht abgenommen. Sie überzeugt nicht, seit der französische Premierminister Georges Pompidou heißt. Vor wenigen Monaten überwachte er noch wie ein Chefcroupier das Finanzroulette der Rothschilds und durfte sich Generaldirektor nennen. Der Posten war eigens für ihn geschaffen worden.
Guy de Rothschild hatte den volkswirtschaftlich gebildeten ehemaligen Studienrat 1954 in einer flauen Zeit entdeckt und sofort in sein Direktorium geholt, das damals über neuen Geschäftsplänen brütete. Pompidou füllte den Generaldirektorenposten mit viel Phantasie aus und konnte - was noch schwerer wog - interessante Beziehungen anbahnen. Er hatte schon 1944 Charles de Gaulle beim Aufbau von dessen erster (provisorischer) Regierung geholfen und dem General fortan als Berater und Memoiren-Schreibgehilfe zur Seite gestanden.
Sieben Jahre lang arbeitete Pompidou dann zusammen mit Guy de Rothschild an der neuen Architektur des Finanzkonzerns und vertrat die Bank in den Aufsichtsräten mehrerer Interessengesellschaften. Als de Gaulle 1958 die Macht im Staate übernahm, mußte sich Pompidou mehrere Monate lang von den Rothschilds beurlauben lassen, denn nach seinem Amtsantritt wollte der neue Staatspräsident seinen intimen Berater in unmittelbarer Nähe wissen.
Wieder zur Rothschild-Bank und zu den Aufsichtsratsposten zurückgekehrt, mußte der Pendler zwischen dem großen Charles und dem Großbankier einen Geheimauftrag erledigen, der sowohl den politischen Zielen de Gaulles als auch den geschäftlichen Ambitionen
der Rothschilds diente: Inoffiziell traf er sich 1961 mit bevollmächtigten Unterhändlern der algerischen Freiheitskämpfer in der Schweiz, um die FLN für Friedensgespräche zu gewinnen. Die Rothschilds waren daran höchst interessiert, weil sie sich in Nordafrika stark engagiert haben.
Baron Guy und seine Partner gründeten dort Zweigfirmen und Investitionsgesellschaften, nachdem ein geologischer Suchtrupp kurz vor Ausbruch der Revolte in der Sahara auf Erdöl und Erdgas gestoßen war. Zwei Privatbankiers und der französische Textilkrösus Marcel Boussac beteiligten sich an den Rothschild-Gründungen, für die rund 200 Millionen Neue Franc (163 Millionen Mark) aufgebracht werden mußten, bevor die ersten Sonden Öl spuckten.
Das Risiko wurde auf viele kleine Wertpapiersparer abgewälzt, denen die Rothschilds und ihre Ölgeschäftspartner Anteilscheine ihrer Investmentgesellschaften verkauften. Der Vorstoß in die Sahara erwies sich aber als ein sehr riskantes Unternehmen. Während des OAS-Terrors sanken die Kurse der meisten Algerien-Interessengesellschaften unter part. Nachdem sich die algerische Waffenstillstands-Delegation in Evian verpflichtet hatte, die früheren Rechte der Erdölausbeuter zu respektieren und
ihr Eigentum nicht anzutasten, stiegen sie wieder etwas.
Da versetzten Ben Bellas radikale Heerhaufen den weichen Ölaktien einen neuen Schlag. Seit die Sozialrevolutionäre an Macht und Einfluß gewannen, fürchten die Börsianer, daß Algerien den Verstaatlichungskurs Kubas einschlagen wird. Viele Aktionäre stießen die unsicheren Papiere ab, so daß der Kurs auf etwa 75 bis 80 Prozent ihres Nominalwertes sackte. Eine der Rothschild-Investmentgesellschaften büßte durch Kursverluste mehr als zehn Millionen Mark ein.
Wütend reagierten die kleinen Geldanleger auf den Kursverfall. Sie schimpften auf die Regierung und pflichteten dem rechtsradikalen Rothschild-Kritiker Henry Coston bei, der mit feindseligen Broschüren über die Herren der Rue Laffitte herzog und darin agitierte: "Der Dumme ist Monsieur Gogo (der französische Kleinbürger), der ihnen das Brot seiner alten Tage anvertraut hat und der ihre Macht stärkt, indem er seine Stimme der Politik ihrer Regierung gibt."
Während die Nordafrika-Aktien in die tiefste Baisse stürzten, war de Gaulles Spitzenwert Pompidou wie ein Komet aufgestiegen. Der General verhalf seinem vertrautesten Ratgeber zu dem Ministerpräsidenten-Sessel, und wieder mußte Guy de Rothschild seinen Generaldirektor beurlauben.
Als die Nationalversammlung ihn in seinem neuen Amt bestätigte, trommelten die Wortführer der Anti-Rothschild-Liga: Die Verfilzung der Regierungsspitze mit der Hochfinanz sei bereits so weit gediehen, daß man die staatlichen. Initialen
RF (République Francaise) getrost mit "Rothschild Frères" interpretieren könne.
Guy de Rothschild reagierte auf diese Angriffe sehr zögernd. Er argwöhnte bereits, daß Pompidous Ministerpräsidentschaft nicht von langer Dauer sein werde und tat so, als könne er den begehrten Mann kaum missen, weil der kunstvoll verschachtelte Finanzkonzern dringend seiner Hilfe bedürfe.
Nach den Plänen des Barons soll das finanztechnische Schachtelunternehmen noch in die Höhe und Breite wachsen und sich auf dem Gemeinsamen Europäischen Markt neue Positionen erobern. Vorausschauend organisierte Guy de Rothschild zusammen mit seinem belgischen Verwandten Baron Lambert, der die größte belgische Privatbank besitzt, eine Spitzenvereinigung gleichgesinnter Großbankiers, die sich Eurosyndicat nennt.
Als bundesdeutscher Partner gehört die Berliner Handelsgesellschaft diesem westeuropäischen Bankerclub an, zu dem sich noch die Manager einer italienischen und einer holländischen Bank gesellten: "Und was England anbelangt," sagt Guy de Rothschild, "so werden meine Vettern in London dem Syndikat beitreten, sobald Großbritannien den EWG-Vertrag unterschrieben hat. Wir studieren schon jetzt die Projekte, die wir gemeinsam bewältigen können."
Mit diesen Vorbereitungen bahnten die Rothschilds - nach der Konsolidierung ihres Finanzkonzerns - so etwas wie eine Renaissance der Machtposition
an, die der frühere Berliner Börsenspezialist Richard Lewinsohn einmal mit zwei Sätzen charakterisierte:
"Keine andere Familie hat in den fünfhundert Jahren, in denen es eine kapitalistische Wirtschaft gibt, Bank- und Börsenwesen in ganz Europa so vollkommen beherrscht, kein Finanzier, von den Fuggers bis zu John Pierpont Morgan, hatte jemals eine solche Zahl von Fürsten und Staaten auf seinen Schuldnerlisten stehen ... Es ist daher auch nicht verwunderlich, daß man in den Rothschilds geradezu das Sinnbild der kapitalistischen Weltmacht gesehen hat."
Von dieser Macht und Herrlichkeit zeugt heute noch die alte Rothschild-Residenz Ferrières östlich von Paris, ein viertürmiges, säulenverziertes Renommierschloß inmitten einer kultivierten Parklandschaft. Fasziniert von
der Luxusburg und ihren Kunstschätzen, fragte sich unlängst der amerikanische Schriftsteller Frederic Morton: "Hat Robespierre je gelebt? Wurde die Bastille wirklich gestürmt?" Der Amerikaner, dessen Buch über die Rothschilds jetzt auch in deutscher Übersetzung erschienen ist, bewunderte nicht nur die vergoldeten Kristalleuchter in den Salons und die silbernen Wasserhähne, er untersuchte auch die sanitären Einrichtungen und fand, daß sogar die Bidets aus geblümtem Edelporzellan und Rosenholz gefertigt waren.
In dieses Sanssouci seiner Vorfahren zog sich Guy de Rothschild zurück, nachdem er den Vertrag mit den englischen Verwandten unter Dach gebracht hatte. Er suchte Ruhe und ließ sich auch nicht von den Repräsentanten der Jüdischen Gemeinschaft Frankreichs sprechen, die ihn in letzter Zeit heftig kritisierten. Bis vor wenigen Monaten hatte der Bankier noch der Jüdischen Gemeinschaft präsidiert. Er legte aber sein Ehrenamt nieder, weil er nach Ansicht der mosaischen Doktrinäre untragbar geworden war.
Den Rabbinern und talmudtreuen Ideologen hatte es mißfallen, daß ihr hoher Funktionär sich von seiner langjährigen Glaubens- und Lebensgefährtin hatte scheiden lassen, um eine attraktive junge Katholikin zu heiraten: die brünette Marie-Helene de Zuylen de Nyevelt van de Haar, geschiedene Comtesse de Nicolay, 31.
Mit dieser Heirat hatte Guy de Rothschild nicht nur religiöse Maximen verletzt, sondern auch gegen das patriarchalische Grundgesetz seiner eigenen Sippe verstoßen, das der Stammvater der Bankiersdynastie vor 150 Jahren in seinem Vermächtnis allen männlichen Nachkommen auferlegte: Sie sollten nur jüdische Frauen nehmen, möglichst Cousinen oder Nichten aus der eigenen Familie, damit das Rothschild-Vermögen nicht in fremde Hände gerate*. In drei Generationen, wurden 14 solcher Onkel- und Vetternschaftsehen geschlossen.
Stammvater Meyer Amschel hatte seine Geschäfte noch im Frankfurter Getto abgewickelt, wo die Familie zunächst in der Judengasse - im Haus zum roten Schild (daher der Name) - gewohnt hatte. Später war sie in ein schöneres Gebäude gezogen, aber das Getto blieb an ihr hängen.
"Man warf sie mit Steinen, Koth und Schneebällen", so heißt es in einer zeitgenössischen Schilderung, "rupfte sie am Bart, stieß sie und dergleichen mehr. Auch pflegten die meisten Christen einen Juden nicht anders als mit Du anzureden. Diese Mißhandlungen dauerten bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Namentlich nahm zuletzt jeder christliche Gassenjunge das Recht in Anspruch, einen ihm begegnenden Juden durch den Zuruf ,Judd', mach' ,Mores!' zum Abnehmen des Hutes zu zwingen."
Meyer Amschel Rothschild, der in seiner Jugend eine Talmud-Schule besucht hatte, fand in dem hessischen Kurfürsten Wilhelm I. einen Schutzpatron. Nachdem er dem Fürsten, der wertvolle Münzen und Medaillen sammelte, die begehrtesten Liebhaberstücke beschafft hatte, wurde er 1769 zum Hoffaktor ernannt. So rückte der erste mit Geld handelnde Rothschild, wie Joseph Süss Oppenheimer in Württemberg, in die vorderste Garnitur der Hoffaktoren auf, die den Fürsten bei ihren Finanzgeschäften zur Hand gingen.
Der hessische Landesvater schöpfte seine Haupteinnahme aus einer trüben Quelle: Er verkaufte seine Untertanen als Kanonenfutter an England, das nicht bar, sondern mit Wechseln bezahlte. Diese Schuldverschreibungen standen nicht hoch im Kurs; doch Rothschild konnte sich rühmen, daß er "den Preis der englischen Briefe zum Vorteil der herrschaftlichen Kassen höher gebracht als vorhin gewesen".
Indes, Meyer Amschel blieb bis zu seinem letzten Atemzug (er starb 1812) der kleine, geduckte, geduldete Hofjude, der durch seineGefälligkeiten die Gunst der großen Herren und damit seinen Profit erlangen konnte. Da er ein Vermögen von 800 000 Gulden hinterließ, muß er gut verdient haben.
Die beiden begabtesten Sprößlinge, Nathan und Jakob, hatten sich schon in jungen Jahren in den Metropolen Europas niedergelassen-Nathan in London, Jakob, der sich später James nannte, in Paris. Die Leitung des Frankfurter Geschäfts übernahm der Älteste, Amschel Meyer, während Bruder Salomon in der Kaiserstadt Wien eine Dependance eröffnete. Der am wenigsten talentierte Bruder, Carl Meyer Rothschild, machte in Neapel eine Bank auf.
Da die fünf Frankfurter alle Transaktionen gemeinsam planten und sich den Gewinn teilten, als seien ihre fünf Bankhäuser in einer Hand, nannte man sie die "Fünf Finger". Während der Koalitionskriege gegen Napoleon fingerten die Brüder das Geschäft des Jahrhunderts.
England mußte damals seine Festlandsverbündeten mit vielen Millionen Subsidien unterstützen und seine in Spanien und Portugal kämpfenden Truppen besolden. Durch Napoleons Kontinentalsperre waren aber alle Verbindungen abgerissen. Gegen hohe Provision erboten sich die Rothschilds, die Hilfsgelder durch Frankreich zu schmuggeln.
Als James dabei gefaßt wurde, täuschte er den Küstenwächtern vor, daß er das Goldgeld hinter dem Rücken der englischen Regierung mit Küstenseglern nach Frankreich schaffen lasse, um die Golddeckung der englischen Währung zu untergraben. James kargte nicht mit Bakschisch, so daß er seine Schmuggelgeschäfte auch auf knappe Waren, wie englische Stoffe, Zucker und Kaffee, ausdehnen konnte, die der Frankfurter Bruder Amschel dann auf dem Schwarzen Markt umsetzte.
Der spektakulärste Coup gelang den Rothschilds nach der Schlacht von Waterloo (1815). Da sie früher als andere Geschäftsleute die Bedeutung der schnellen Nachrichtenübermittlung erkannt hatten - sie hielten sich für diesen Zweck eine private Taubenpost -, nutzten sie ihre Kenntnis vom Sieg Wellingtons zu einem raffinierten Spiel an der Londoner Börse aus.
Nathan, damals in der englischen Kapitale schon eine stadtbekannte Figur, hatte die Siegesnachricht von einem
Agenten aus Ostende erhalten, der ihm vermutlich den ersten Brüsseler Zeitungsbericht über die Schlacht mit einem Segler nach London schickte. An der Börse tat der Bankier so, als sei er eben informiert worden, daß England die Entscheidungsschlacht verloren habe. Seine melancholischen Andeutungen lösten sofort eine wilde Baisse aus. Während die Börsianer die Wertpapiere zu jedem Preis abstießen, ließ Nathan die Effekten von Agenten aufkaufen.
Als dann am nächsten Tag offiziell bekannt wurde, daß die Engländer und Preußen Napoleons Garde aufgerieben hatten und seine Gewaltherrschaft zu Ende war, stürzte die Börse im Siegestaumel in das andere Extrem. Zu Haussepreisen konnte der Nachrichtenmanipulant nun die billig aufgekauften Papiere losschlagen und dabei über eine Million Pfund Sterling verdienen.
Rothschilds "Waterloo-Sieg" wurde auch literarisch - meist legendär verzerrt - ausgeschlachtet. Stefan Zweig feierte ihn als große intuitive Tat in seinen "Sternstunden der Menschheit"; der NS-Dichter Eberhard Wolfgang Möller machte daraus ein politisches Konjunkturdrama.
In dem Tendenzstück tritt Nathan Rothschild als Schlachtenbummler auf, der aus sicherer Deckung die Endphase der Schlacht erlebt. Als er erkannt hat, daß Wellington und Blücher gesiegt haben, stürmt er zur Küste nach Calais und chartert einen Kahnschiffer, der ihn trotz tobender See über den Kanal bringt. In London angekommen, eilt Nathan sofort zur Börse und faselt, noch von Meerwasser triefend: "Was ich gesehen habe, und ich wünschte, ich hätte es nicht gesehen ... Wellingtons Niederlage war ehrenvoll, durchaus ehrenvoll, ehren Sie Wellingtons Niederlage durch Ruhe, meine Herren, durch Geschäftsruhe ..."
Nach Napoleons Sturz übernahmen die Rothschilds den Transfer von 120 Millionen Pfund französischer Kriegsentschädigung von Paris nach London, Wien und Berlin. Sie waren damals schon so kapitalkräftig, daß sie einen Teil der Summe vorstrecken konnten. Keine andere Bank des Kontinents hätte diese Finanzaktion durchführen können.
Dann verschafften die Fünf Finger den ausgebluteten Staaten Anleihen,
die sie vor allem in Frankreich und England aufbrachten. Sie reizten die Besitzbürger, Anleihepapiere zu kaufen, indem sie die Emissionen wie eine Lotterie aufzogen; einzelne Stücke wurden als Gewinnlose prämiiert.
Die Schuldner-Länder wurden nicht nur mit den Zinsen, sondern auch noch mit 30 Prozent Disagio (Abschlag) belastet; für je 1000 Mark Schuldverschreibung bekamen sie nur 700 Mark. Die Differenz teilten sich die Rothschilds mit den Käufern der Obligationen, und wenn die Anleihe-Routiniers dann die Kurse der Staatspapiere durch geschickte Manipulationen hochputschten, verdienten sie auch noch kräftig am Kursgewinn.
Dieses Geschäft beherrschten die fünf Rothschild-Banken wie ein Monopol. In dem Jahrhundert von 1804 bis 1904 legten sie für 1,3 Milliarden Pfund Sterling Staatsanleihen auf - nach damaliger Währung 26 Milliarden Mark, in heutige Valuta umgerechnet: rund 70 Milliarden Mark.
"Nur wenige Regierungen können von sich sagen, daß sie nicht die goldenen Ketten dieses Bankhauses tragen", berichtete der deutsche Botschafter von Arnim aus Paris. Selbst überseeischen Staaten, zum Beispiel dem Kaiserreich Brasilien, an das sich früher kein solider englischer Kapitalist herangewagt hätte, verschaffte Nathan Rothschild Anleihen, während sein Frankfurter und sein Wiener Bruder vorwiegend den Hochadel bedienten.
Auf der Schuldliste des Frankfurter Bankhauses aus den Jahren 1815 bis 1865 standen an bevorzugter Stelle: der österreichische Staatskanzler Clemens Fürst von Metternich, Erzherzog Carl Ludwig von Österreich, Fürst Esterházy, Graf Henckel von Donnersmarck und ein Dutzend mittlerer und kleinerer Fürstentümer.
Da die Österreicher besonders kulant behandelt wurden - die Rothschilds verschafften dem Regime Metternichs über 200 Millionen Gulden Kredit -, sorgte der Wiener Hofadel dafür, daß Kaiser Franz I. den Brüdern das Adelsdiplom verlieh, in dem sie freilich nur als Wechsler und nicht als Bankiers bezeichnet wurden. Nach der Nobilitation bohrten die Brüder so lange, bis der Monarch, dessen Porträt noch heute in der Londoner Rothschild-Bank hängt, sie auch noch in den Freiherrnstand erhob.
Nachdem sich die Kreditspezialisten um den weltlichen Adel so verdient gemacht hatten, waren sie auch den höchsten Kirchenfürsten der katholischen Christenheit, Papst Gregor XVI. und seinem Nachfolger Pius IX., sehr gefällig. Der Vatikan borgte sich von den jüdischen Weltbankiers fast so viele Millionen wie die österreichische Regierung und honorierte die Anleihe nicht nur mit fünf Prozent Zinsen, sondern auch noch mit einem hohen päpstlichen. Orden, den Pius IX. dem Neapeler Rothschild Carl Meyer an die Brust heftete.
Als Großgläubiger Europas legten sich die Finanzfürsten luxuriöse Paläste, wie Schloß Ferrières, und ein Wappen zu, das außer Wehrgehenk, Einhorn und Löwe das Symbol der brüderlichen Zusammenarbeit zeigt: fünf Pfeile in einer geballten Faust. Der Pariser Bankchef James, der sich am üppigsten aufführte, hieß in der französischen Hauptstadt nur noch König Rothschild 1. Karikaturisten und Spötter wie Heinrich Heine, die als Kometenschweif hinter dem reichsten französischen Kapitalisten herwedelten, hatten diesen Namen aufgebracht, nachdem eine Zeitung das Vermögen des Barons mit 600 Millionen Franc beziffert hatte. Danach war er fast so reich wie der französische Monarch, dessen Besitzungen auf 800 Millionen Franc geschätzt wurden.
Mit List rang James der Regierung die Konzession ab, eine Eisenbahnlinie quer durch Frankreich bauen und betreiben zu dürfen, und gründete zu diesem Zweck die Aktiengesellschaft "Compagnie du Chemin de Fer du Nord" mit 200 Millionen Franc Aktienkapital. Als sich die Regierung dem Projekt widersetzte, korrumpierte er das Parlament. Er überwies jedem Abgeordneten ein kleines Aktienbündel, und prompt bewilligten ihm die Abgeordneten die Eisenbahn-Konzession.
Auch alle Redakteure der Pariser Presse bekamen - je nach Bedeutung - 50, 100 oder 150 Aktien. Nur einer schickte das Schweigepflaster zurück und deckte den Korruptionsskandal auf, aber die Enthüllung verpuffte wirkungslos. James baute nicht nur die Nordbahn, sondern auch die Strecke Paris - Lyon, während sein Wiener Bruder Salomon den österreichischen und Nathan den belgischen Schienenverkehr organisierten.
"Seyd umschlungen, Millionen", schrieb ein Karikaturist unter ein realistisches Konterfei, das den Londoner Rothschild, Nathan den Weisen, als personifizierte Geldmacht vor einer Säule der Londoner Börse zeigt, wo er täglich stundenlang wie angewurzelt das Kursbarometer beobachtete und blitzschnell seine Entscheidungen traf.
Unter den fünf Brüdern war der Chef des Frankfurter Stammhauses, Amschel Meyer Rothschild, der seriöseste. Er trat auch bescheidener als die anderen auf, ließ sich gern als Philanthrop und Wohltäter feiern und gab rauschende Empfänge. Bismarck war mehrmals bei Ihm zu Gast und amüsierte sich in einem Brief an seine Frau über das seltsame Geschenk, das ihm der Bankier einmal in seinem Park angeboten hatte.
"Herr Beraun (Baron)", so redete der Gastgeber nach Bismarcks Schilderung den späteren Reichsgründer an, "die Pflanze koscht mich 2000 Gülden, uf Ehre 2000 baare Gülden, laße Ihne for 1000, oder wolle Se habe geschenkt, so soll er (der Diener) se Ihne bringe in Ihr Haus, waiß Kott, ich schätze Se aufrichtig, Herr Beraun, Se sind e scheener Mann, e braver Mann."
"Dabei ist er", so schrieb Bismarck, "ein kleines magres eisgraues Männchen, der Älteste seines Stammes, aber ein armer Mann in seinem Palast, kinderlos, Witwer, betrogen von seinen Leuten und schlecht behandelt von vornehm französirten und englisirten Neffen und Nichten, die seine Schätze erben, ohne Dank und ohne Liebe."
Als der Alte 1855 starb, trat sein Neapler Neffe Meyer Carl die Erbfolge an. Im gleichen Jahr saldierten auch die Brüder in Wien und Neapel die Bilanz ihres Lebens. Der Londoner hatte bereits vorher das Hauptbuch für immer zugeklappt, und 1868 trat als letzter der fünf Brüder auch Rothschild I. (James) von der Pariser Bühne ab.
Das Fünfgestirn der größten europäischen Finanziers, die sich als Praktiker der Welt mit fast allen Machthabern gut gestellt hatten, war erloschen. Die nächste Generation zehrte vom Nimbus ihrer Väter; sie war arrivierter Geldadel und beschränkte sich darauf, das Erbe zusammenzuhalten.
"Müde Männer wohl auf jeden Fall, durch Reichtum, Macht, Erfolg verwöhnt, des harten Daseinskampfes ungewohnt, vielleicht auch schon zu blasiert ... durch fortgesetzte, mit nahezu ritueller Strenge betriebene Familien -Inzucht geschwächt, der robusten Widerstandskraft ihrer Vorfahren allem Anschein nach beraubt", so charakterisiert eine neu frisierte Rothschild-Biographie die Epigonen der Großen Fünf**.
Der Geschäftstüchtigste unter ihnen war König Rothschilds Sohn, Alphonse, den die Preußen 1870 nach der Umzingelung von Paris aus seinem Schloß Ferrières vertrieben hatten. König Wilhelm, Bismarck und Moltke nahmen dort Quartier. Der preußische Monarch war über das Gepränge und den Luxus der Rothschild-Burg so erstaunt, daß er kopfschüttelnd ausrief: "Das kann unsereins nicht, dazu muß man ein Rothschild sein."
Während der Friedensverhandlungen mußte Bismarck den exmittierten Schloßherrn hinzuziehen. Die französische Verhandlungsdelegation kam nicht ohne ihn zurecht; nur er konnte die von den Siegern geforderten fünf Milliarden Franc Reparationsleistungen beschaffen. Der Pariser Rothschild schaltete sofort seinen englischen Vetter ein und garantierte prompte Zahlung der Gelder, die dann durch Rothschildsche Vorleistungen und Anleiheoperationen vorfristig an das (auch Bismarck) befreundete Berliner Bankhaus Gerson Bleichröder überwiesen wurden.
Auch der Frankfurter Bankchef, Reichstagsabgeordneter Meyer Carl von Rothschild (Delegierter der Fortschrittspartei), weilte zu dieser Zeit in Paris, um dreimal "Hoch" zu rufen, als Wilhelm im Spiegelsaal von Versailles zum Kaiser proklamiert wurde. Alle Rothschilds hatten sich national assimiliert, und nach der Jahrhundertwende hörte das Fünffingersystem ganz auf. Es gab auch nur noch drei Finger.
Erst war die Neapler Linie ausgestorben, dann verblich (1901) der letzte Frankfurter Rothschild. Das große Vermögen des Stammhauses - etwa 300 Millionen Taler - sowie das alte Palais Rothschild an der Bockenheimer Landstraße gingen auf seine Tochter Minna Caroline und ihren Mann, den Frankfurter Bankier Maximilian von Goldschmidt, über, der sich fortan von Goldschmidt-Rothschild nannte. 1909 setzten die Chefs der restlichen Rothschild-Banken in London, Paris und Wien den Gemeinschaftspakt ihrer
Väter und Großväter offiziell außer Kraft und operierten seitdem völlig selbständig.
Eine neue Ära war angebrochen. Die großen Aktienbanken mit ihrer Armee von Aktionären hatten den früheren Weltbankiers den Rang abgelaufen. Das Börsenwetter machten nicht mehr die Sieger von Waterloo, sondern die Herren der New Yorker Wallstreet, wie der Großspekulant John Pierpont Morgan, die Bankiers Kuhn, Loeb & Co. und der Eisenbahnkrösus Edward H. Harriman. Am leichtesten fanden sich die Pariser Rothschilds mit der veränderten Situation ab. Sie eroberten neue wirtschaftliche Schwerpunkte und setzten sich zum Beispiel auf den Petroleumfeldern von Baku fest.
"Die gesamte Anlage wurde damals von Paris aus verwaltet", erinnert sich
das heutige Pariser Oberhaupt, Guy de Rothschild. "Oben im zweiten Stock der Bank saß ein Angestellter, der jeden Tag einen Brief schrieb, beispielsweise um einen Arbeiter zu entlassen, zehn neue Arbeiter einzustellen oder Gratifikationen zu verteilen." Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden alle Rechte der Rothschildschen Ölfirma Bnito an die Royal Dutch verkauft, und zwar nicht für Geld, sondern im Austausch gegen Royal-Dutch-Aktien.
Guy de Rothschild: "So sind wir Aktionäre dieses internationalen Konzerns geworden; die gesamte Familie hat ein sehr wesentliches Royal-Dutch-Aktienpaket bekommen. Natürlich konnte man damals nicht ahnen, daß wenige Jahre später die russische Revolution ausbrechen würde, die den Wert der russischen Petroleumanteile auf Null reduzierte. Es ist ganz lustig, daß aus den von Paris aus verwalteten kaukasischen Quellen Royal-Dutch-Aktien geworden sind."
Um zu demonstrieren, daß sie gute Patrioten seien, legten die in Frankreich ansässigen Nachkommen der fünf Brüder während des Ersten Weltkrieges ihr österreichisches Adelsprädikat und die Freiherrnwürde ab; allerdings nur vorübergehend: Seit 1918 sind sie wieder Barone und Baroninnen de Rothschild. Nur wenige Familienmitglieder bewahrten sich ihre eingewurzelte Abneigung gegen alles Teutonische.
Als sich die Gattin des reichsten französischen Lebemannes, Maurice de Rothschild, eines Onkels des heutigen Bankchefs Baron Guy, vor mehreren Jahrzehnten im Schweizer Höhenkurort St. Moritz mit deutschen Kurgästen an einen Tisch setzen mußte, ersuchte sie den Hoteldirektor, ihr künftig einen separaten Tisch zu reservieren. Am nächsten Morgen lag unter ihrem Frühstücksteller ein Zettel: "Vergessen Sie die fünf Frankfurter nicht."
Madame de Rothschild war darüber so empört, daß sie beschloß, St. Moritz zu boykottieren. Ihr norwegischer Skilehrer mußte in der französischen Alpenprovinz Hochsavoyen nach einem ähnlichen Wintersportgelände suchen, in dessen Zentrum die Multimillionärin dann einen neuen Luxuskurort aus dem felsigen Boden stampfen ließ: das französische Wintersportparadies Megève, dessen Rothschild-Hotel Mont d'Arbois Weltruf genießt.
Während die geschäftstüchtige Baronin aus einer spontanen Verärgerung in den Hochalpen eine neue Gewinnquelle erschloß, zog es ihren Gatten Moritz mehr zur. Côte d'Azur und nach Biarritz. In ihm kulminierte die hundertjährige Inzucht. Sowohl seine Großeltern als auch beide Elternteile waren reine Rothschilds gewesen und hatten ihm ein so riesiges Vermögen hinterlassen, daß er den Harun al Rothschild spielen konnte.
In Cannes erregte er öffentliches Ärgernis, weit er sich beim Schwimmen seiner Badehose entledigt hatte. Kreischend flüchteten alle Nixen vom Strand - Neptun Moritz hinterher. In Biarritz machte er einer eleganten Lebedame hartnäckig den Hof und prahlte in Gegenwart prominenter Gaste immer wieder: "Ich werde diesen entzückenden Hals mit dem herrlichsten Schmuck zusammenbringen." So gelangte er schnell zum Ziel seiner Wünsche.
Am nächsten Morgen chauffierte er die Dame zu einem Juwelier, deutete auf das teuerste Diamantenkollier imSchaufenster und sagte: "Voilà". Mit dem herrlichsten Stück habe er sie jetzt zusammengebracht. Wenn sie es kaufen wolle, müsse sie es allerdings selbst bezahlen. Stieg in sein Auto und ließ die Blume einer Nacht geknickt zurück.
Außer Moritz trugen noch zwei seiner, Vettern dazu bei, daß der berühmteste kapitalistische Name vor dem Zweiten Weltkrieg immer berüchtigter wurde. Familienoberhaupt und Chef der Firma Rothschild Frères war damals Edouard de Rothschild, der Vater des heutigen Bankobersten. Guy de Rothschild erinnert sich nur ungern an die sterilen dreißiger Jahre. "Weil die Bank so inaktiv war, habe ich keine richtige Banklehre absolviert. Ich konnte dort nicht viel lernen. Deshalb habe ich innerhalb der Bank auf eigene Rechnung Geschäfte gemacht."
Da Guys Vater alles andere als ein Finanzgenie war, umgab er sich mit talentierten Ratgebern, wie dem ehemaligen Staatspräsidenten Raymond Poincaré und dem späteren französischen Regierungschef Rene Mayer (von 1955 bis 1957 Präsident der Montanunion), den die französische Wirtschaftspresse "das Gehirn der Rothschilds" nannte.
Als der Staat 1938 alle privaten Eisenbahnunternehmen nationalisierte und auch die Rothschildsche Chemin de Fer du Nord gegen hohe Entschädigung übernahm, wurde die Gesellschaft in
eine Mammutholding umgewandelt, in der heute die wichtigsten Industriebeteiligungen der Bank zusammengefaßt sind (siehe Graphik Seite 48). Doch bevor das "Gehirn" den Pariser Finanzkonzern neu organisieren konnte, brach der Zweite Weltkrieg aus.
Vorsorglich verlegte die Bank ihren Sitz nach La Bourboule in Mittelfrankreich. Der damals 31jährige Guy de Rothschild, Hauptmann der Reserve, konnte sich beim Vormarsch der deutschen Truppen in Dünkirchen mit den englischen Verbündeten über den Kanal absetzen. Er kehrte nach Frankreich zurück, um an den letzten Gefechten teilzunehmen, konnte jedoch den Deutschen kurz vor dem Waffenstillstand abermals entschlüpfen.
Im Ausweichquartier La Bourboule fand er nur noch einige Angestellte und den Briefkasten der Bank. Die Eltern und nächsten Verwandten waren schon
Wochen zuvor mit Koffern voller Banknoten, Wertpapieren und Juwelen über Spanien und Portugal nach Amerika geflohen. Bei der Zollkontrolle in New York wurde das Perlenkollier seiner Mutter auf eine Million Dollar taxiert.
Ebenfalls eine Dollar-Million Juwelen hatte Baron Moritz, das schwarze Schaf, in sein Fluchtgepäck gestopft. Als er auf dem Wege nach Amerika In London zwischenlandete, versilberte er die Hälfte und handelte dafür eine Kollektion Wertpapiere ein, die er erfolgreich als Spekulationsmaterial benutzte.
Mit den französischen Verwandten flüchtete auch der ehemalige Wiener Bankchef Louis von Rothschild, dessen alte Firma 1938 in der Geburtsstunde des kurzlebigen Großdeutschen Reiches liquidiert worden war. Der Bankier saß monatelang in Gestapohaft. Dann suchte ihn SS-Reichsführer Heinrich Himmler in seiner Zelle auf, um ihm ein Kompensationsgeschäft vorzuschlagen. Durch Preisgabe seines gesamten österreichischen Besitzes konnte sich der letzte Wiener Rothschild freikaufen.
Einen Teil ihrer Schätze, wertvolle Gemälde und Edelporzellan, hatten die Rothschilds vor ihrem Exodus mit fünf Lastzügen aus Paris herausschaffen lassen, "aber es gab noch viele Dinge zu ordnen", erinnert sich Baron Guy, "und deshalb bin ich noch bis Oktober 1941 in Frankreich geblieben und erst dann ebenfalls nach Amerika retiriert.
"Dort habe ich mich den freien französischen Streitkräften zur Verfügung gestellt, die 1942 nach England verschifft wurden. Auf der Überfahrt erhielt der Transporter einen Torpedovolltreffer. Ich schwamm sieben Stunden im Ozean, bis mich eine britische Korvette auffischte. In England wurde Ich mit Charles de Gaulle bekannt.
"Im Juli 1944 setzte ich dann mit Invasionseinheiten nach Frankreich über, und am 30. August stand Ich endlich wieder in der Rue Laffitte. Die alte
Bank war unzerstört. Ich verwaltete sie nun als Vorposten der Familie." Die Eltern trafen erst Mitte 1945 wieder in Paris ein, nachdem Charles de Gaulle die erste französische Nachkriegsregierung gebildet hatte, und bemühten sich, ihren alten Besitzstand wiederherzustellen. Schloß Ferrières war während der deutschen Zivilverwaltung in eine Gärtnerschule umgewandelt worden. Alle Kunstschätze, darunter berühmte Gemälde von Watteau, Boucher und Ingres, waren verschwunden.
Hitlers Kunstorganisatoren hatten die meisten Verstecke aufgespürt, in denen die Rothschilds ihre vielen Gemälde eingelagert hatten. Von den 22 000 Kunstobjekten, die während des Krieges in den besetzten Gebieten beschlagnahmt worden waren, gehörte etwa ein Fünftel den Rothschilds. Nach Rückgabe des Gemäldehortes mußten die Butler der weitverzweigten Rothschild-Sippe den Besitz ihrer Herrschaften identifizieren
und entscheiden, in welche Villa oder in welches Schloß die einzelnen Stücke gehörten.
Die alte Bank wurde erst 1949 wieder richtig aktiv, als sie ein typisches Börsenmanöver inszenierte. Ohne ersichtlichen Grund wurden an den französischen Börsen plötzlich dicke Stöße Royal-Dutch-Aktien und Anteilscheine der Bergwerksgesellschaft Le Nickel angeboten. Jeder Börsianer wußte, daß die Rothschilds an diesen Gesellschaften stark beteiligt sind. Auch andere typische Rothschild-Werte wurden so reichlich abgestoßen, daß ein starker Kursrutsch unvermeidlich war.
Als die Baisse ihren tiefsten Punkt erreicht hatte, gab Guy de Rothschild bekannt, daß sein hagerer, blasser Vater Edouard gestorben sei. "Während er in der Agonie lag, haben wir die Kurse künstlich gedrückt", so verrät der Haupterbe heute seinen Trick. "Was ein Aktienbesitzer beim Todesfall hinterläßt, muß nach dem Schlußkurs versteuert werden, den die Börse am Tage des Hinscheidens notiert. Um Erbschaftssteuer zu sparen, haben wir verkauft und nach dem Tode des Vaters wieder zurückgekauft, so daß sich der alte Kurs schnell wieder einpendelte."
Außer Guy wirkten auch seine Vettern Alain und Elie bei diesem Manöver mit. Sie waren 1945 aus dem Offiziers -Gefangenenlager Lübeck heimgekehrt. "Es war kein gewöhnliches Camp", sagt Elie de Rothschild. "Die Lagerleitung führte eine Kartei, in der jeder Gefangene mit einem Farbklecks kategorisiert war. Rot bedeutete besonders deutschfeindlich', grün aufgegriffener Ausbrecher' und gelb Jude'. Wir hatten alle drei Farbkleckse."
Bettnachbar der Großkapitalisten war der Sowjetoberleutnant Jakob Dschugaschwili, Sohn des Kapitalistenschrecks Josef Stalin. Die Rothschilds versuchten mit anderen Lagerinsassen, in der Prominenten-Baracke einen Ausbruchstollen in die Erde zu treiben. Sie buddelten in der Nähe des Bettes von Jakob Dschugaschwili, zu dessen strenger Bewachung ein Postern jede Nacht vor der Tür auf und ab ging.
Seine monotonen Stiefeltritte übertönten die Geräusche der Grabwerkzeuge, aber kurz vor dem Durchbruch wurde der Stollen doch entdeckt, und sofort fiel der Verdacht- auf den Stalin-Sohn. Obwohl er nicht der Rädelsführer war, wurde er abgeführt, und wenige Monate später hieß es amtlich über ihn: "In der Gefangenschaft gestorben." Elie de Rothschild heute: "Schade, wir hatten uns gut verstanden." "
Mit ihrem Vetter Guy mußten sich die Heimkehrer erst zusammenraufen, bis er sie als 25prozentige Teilhaber akzeptierte. Gemeinsam begann das Vettern-Trio, die Interessen der Bank neu zu ordnen und ihre Geschäftspolitik der Nachkriegssituation anzupassen. Die Bank deklarierte sich offiziell als Finanzholding, das heißt als Zentralverwaltung ihrer Beteiligungen an einer Vielzahl von Industrieunternehmungen, Finanz- und Versicherungsinstituten, Investmentgesellschaften und neuerdings auch an Forschungs- und Entwicklungsunternehmen, die sich mit Atomenergie-Projekten befassen.
Als Interessen-Administration wurde die Bank nur mit 20 Millionen Neuen Franc (16,2 Millionen Mark) Grundkapital ausgestattet. Ein Vielfaches dieser Summe liegt in den Stahlkammern der Bank und den Tresoren ihrer Zweiginstitute, umgemünzt in Aktienstapel jener Gesellschaften, auf die Rothschild Frères durch ihren Kapitaleinfluß einwirken.
Chef Guy de Rothschild nennt als seine wichtigsten Domänen:
- die Rio Tinto Zinc Company, den größten Uranproduzenten der westlichen Welt, der auch noch Kupfer, Blei und Zink fördert;
- die Bergwerks- und Veredlungsgesellschaft Le Nickel, die als einzige europäische Firma Nickel gewinnt;
- das Montanunternehmen Penarroya,
den viertgrößten Blei- und Zink-Erzeuger der Welt;
- drei weitere Erzgewinnungsunternehmen;
- vier Erdölgesellschaften, die sich um
neuentdeckte Vorkommen in Frankreich und Nordafrika bemühen, und
- eine Großreederei.
Die Bankherren verschachtelten die Beteiligungen so geschickt, daß nur wenige Eingeweihte das feinmaschige Netz der Interessenverflechtungen kennen. Sie unterscheiden zwischen stabilen und mobilen Beteiligungen. Die festen Engagements, wie die Anteile der genannten Großunternehmen, sammelten sie unter dem Dach der früheren Eisenbahn-Compagnie Chemin de Fer du Nord, die über zwei weitere Rothschild-Holdings (ebenfalls ehemalige Eisenbahn-Gesellschaften) noch an der Fremdenverkehrsindustrie sowie am Versicherungs- und Immobiliengeschäft partizipiert.
Daneben organisierte der Bankchef eine Kapital- und Aktien-Sammelstelle, die Société d'Investissement du Nord. Sie kaufte mit Rothschild-Millionen und den Zechinen der Bankkunden beträchtliche Aktienstapel der Firmen auf, die für die Hauspolitik der Rothschilds interessant sind. Baron Guy: "Wenn wir Geld zu placieren haben, geschieht das durch die Société d'lnvestissement du Nord."
Guy de Rothschild präsidiert nicht nur der Bankfirma Rothschild Frères, sondern auch ihren Hauptorganen, der Industrieholding und der Investitions-Gesellschaft, und er bestimmt auch, welche Aktienpartien gekauft oder verkauft werden und mit welchen Päckchen jongliert wird.
Zur Zeit umfaßt das Aktiendepot der Société d'Investissement 115 Firmen. Alle erstrangigen französischen Gesellschaften, wie die Reifenfirma Michelin, das Autounternehmen Peugeot sowie die Chemiekonzerne Péchiney und Kuhlmann, die auch für das französische Atomkommissariat arbeiten, sind dort vertreten.
Die Uran- und Chemiewerte in Rothschilds Tresor sind vor kurzem zu Börsenknüllern geworden, als der ehemalige Generaldirektor des Bankhauses Rothschild Frères, Georges Pompidou, den Ausbau des französischen Atomzentrums Pierrelatte im französischen Parlament durchsetzen konnte.
Es war die erste harte Bewährungsprobe, die der neue Premierminister durchstehen mußte. Zweimal hatte die Opposition wegen de Gaulles nuklearer Hypertrophie einen Tadelsantrag gegen Pompidou gestellt. Mit geringer Mehrheit wurde der Antrag abgewiesen, so daß die umstrittene Isotopentrennanlage, die auch Uran 235 für de Gaulles "Force de frappe" liefern soll, mit Staatsunterstützung gebaut wird. Die Aktien der Großfirmen, die an dem 3,8-Milliarden-Mark-Projekt verdienen, kletterten sogleich um mehrere Dutzend Punkte.
Genußreich entwickelten sich auch die internationalen Spitzenwerte in Rothschilds Portefeuille, darunter 20 000 Aktien der Gold- und Diamantengesellschaft De Beers Consolidated Mines Ltd. und 3000 IBM-Anteilscheine. Selbst 1500 Volkswagenaktien und für eine Million Mark Obligationen der Deutschen Bundesbahn liegen in Rothschilds Stahlkammer.
Starken Einfluß gewannen die Bank-Vettern noch auf die Ölwirtschaft: Sie gründeten vor einiger Zeit eine dritte Finanzgesellschaft, die Societe Francaise d'Investissements Pétroliers, die Ölaktien im Nominalwert von rund 75 Millionen Mark aufkaufte.
Um die Operationsreserven der Bank zu erhöhen und noch mehr Rothschild -Geld in die großen Kapitalgesellschaften der Industrie pumpen zu können, versuchte der Bank-Premier, die kapitalkräftigsten Verwandten für sein Renaissance-Programm zu gewinnen. Er bemühte sich vor allem um den Cousin, der im Familienkreis als reichster Rothschild gilt: den 35jährigen Krösus Edmond de Rothschild, und bot ihm an, als vierter Mann dem Vettern-Clan beizutreten.
Edmond erbte 1957 von seinem Vater, dem schwarzen Familienschaf Moritz, ein riesiges Vermögen, das auf etwa eine Milliarde Mark geschätzt wird. Obwohl Vater Moritz wie Gott in Frankreich gelebt hatte, war sein Reichtum nicht zerronnen. Sein Spekulationstalent hatte ihm in der Emigration phantastische Glückstreffer an der Börse beschert, so daß er 1945 noch reicher nach Frankreich zurückkehrte, als er es fünf Jahre zuvor verlassen hatte.
Sohn Edmond legte das Erbe - außer dem - Kapitalvermögen große Latifundien, Palais und Kunstschätze - so nutzbringend an, daß er heute als reichster Mann Frankreichs gilt, was selbst Nikita Chruschtschow nicht verborgen blieb. Als ihm der junge König Midas aus dem Hause Rothschild 1960 während der verunglückten Pariser Viermächtekonferenz bei einem Empfang in der Pariser Sowjetbotschaft vorgestellt wurde, raunzte der oberste Sowjetmensch: "Wir sind noch reicher als Sie."
"Das war eine Blödheit", so disquaiifizierte der Monopolkapitalist Chruschtschows Stichelei. "Ob ich der Reichste unter den Rothschilds oder gar der reichste Mann Frankreichs bin, weiß ich nicht, denn wenn wir Vettern zusammenkommen, dann nicht zu dem Zweck, unser Geld zu zählen, sondern um neue Geschäfte anzubahnen oder um uns zu zerstreuen." Sowohl Guy als auch Edmond de Rothschild züchten zum Zeitvertreib Rennpferde und hetzen sie über die Bahnen von Longchamp und Chantilly. Die englischen Vettern sind in den Pferdesport so vernarrt, daß sie in ihrer Londoner Geschäftszentrale einen Fernschreiber aufstellen ließen, der nur Renn-Informationen aufnimmt.
Das Millionärs-Hobby konnte aber den reichsten Franzosen, Edmond de Rothschild, nicht von seinen Transaktionen ablenken. In Brasilien erwarb er unter anderem die Aktienmajorität einer Maschinenbaufirma, die er zur zweitgrößten Werkzeugmaschinenfabrik Südamerikas entwickelte. In Israel ließ er eine Pipeline vom Roten Meer zum Mittelmeer legen, die Pipeline-Gesellschaft übernahm auch gleich den Ölverkauf.
In Frankreich investierte er seine Millionen vorwiegend in Supermärkte, Grundstücks- und Baugesellschaften und in das Fremdenverkehrsgeschäft, von dessen Aufschwung er sich goldene Berge verspricht. Luxushotels auf Martinique und Guadeloupe, aber auch volkstümliche Herbergen in den Alpen stehen auf seinem aktuellen Bauprogramm, außerdem zwanzigstöckige Großstadthotels vom gleichen Typ des Gäste-Silos, der zur Zeit am Frankfurter Untermainkai mit Edmond de Rothschilds Finanzhilfe hochgezogen wird*.
Auch im Frankfurter Rothschild-Park hinter dem Opernhaus werden jetzt achtzehnstöckige Hochbauten aus dem grünen Rasen gestampft. Den Park hatte die Stadt 1938 dem Schwiegersohn des letzten Frankfurter Rothschild für 620 000 Mark abgekauft, die Summe wurde aber seinen Erben vorenthalten.
Dafür wurden sie 1950 mit 800 000 Mark entschädigt. Die Abfindung genügte ihnen zunächst, aber zehn Jahre später, nach dem Wirtschaftsaufschwung der Bundesrepublik, stellten sie neue Forderungen. Baron Guys erste Ehefrau, Alix, focht als Treuhänderin der Erbengemeinschaft einen sehr lukrativen Vergleich aus:
Die Stadt Frankfurt trat den Rothschilds den südlichen Teil des Parks (12 564 Quadratmeter) kostenlos als Baugelände ab, erteilte ihnen Ausnahmegenehmigungen für jede Art der Bebauung und zahlte auch noch 300 000 Mark in bar. Da die Erbengemeinschaft beim Verkauf dieses idealen City-Geländes für den Quadratmeter bis zu 1500 Mark erzielte, hat ihr die Frankfurter Wiedergutmachung rund 14 Millionen Mark eingetragen
Auch Edmond, der reichste Mann Frankreichs, profitierte von dem Ertrag*. Seine vielseitigen Engagements faßte er unter dem breiten Dach seiner Holdinggesellschaft "Compagnie financiere" zusammen, unter dem noch viel Platz ist. Aber es vergeht kaum ein Tag, an dem Edmond keine neuen Gründungs- oder Beteiligungsprojekte studiert. Nur von einer Beteiligung an der Bank seiner Altvorderen wollte er nichts wissen, weil er glaubt, daß es keine gute Geschäftsehe gäbe, wenn er sich dem 17 Jahre älteren Bankvetter Guy unterordnen muß.
Erst nach dieser Absage wandte sich der Senior an die Londoner Rothschilds und lotste sie in die Second Continuation - in jene Gesellschaft, mit der die Sippe gemeinsam auf den Gemeinsamen Europäischen Markt vorstoßen will. Das Londoner Bankhaus hielt lange einen Dornröschenschlaf", sagt Guy de Rothschild, "deshalb kann ihm die Zusammenarbeit nur guttun."
Wie die Bank Rothschild Fr&res in der Rue Laffitte hatte auch New Court, das alte, elegante Rothschild-Geschäftshaus in der Londoner City, jahrzehntelang allen Glanz verloren. Das internationale Renommee hatte der Enkel des Firmengründers, Nathaniel ("Natty"), der 1885 zum Peer des Vereinigten Königreiches ernannt worden war, mit ins Grab genommen. Sein Sohn Lionel Walter (1868 bis 1937), der zweite Lord Rothschild, interessierte sich mehr für Wasserflöhe als für das Bankgeschäft und beschäftigte sich vorwiegend mit seinem Privatzoo und den 2,5 Millionen Schmetterlingen, die er als Mumien in seine Sammlung aufnahm.
Dieselbe Sammel- und Forscherleidenschaft bewog auch das heutige Familienoberhaupt, Nathaniel Mayer Victor, 51, den dritten Lord der Familie, auf die Bank-Geschäftsführung zu verzichten. Er qualifizierte sich als Fachwissenschaftler, indem er das Liebesleben der Flöhe und allgemeine Fruchtbarkeitsprobleme studierte.
Neidlos überließ der Lord seinem kahlköpfigen Vetter Edmund das Steuer der Bank, die "Eddy" mit zwei Partnern, Bruder Leopold und Cousin Evelyn, aus der Flaute herausbugsierte. Zwei bewährte Finanzexperten und "einer der bedeutendsten englischen Fachleute für Steuer und Steuerumgehung" - schrieb der "Observer" - halfen ihnen bei diesem Wendemanöver und wurden dafür mit Bankanteilen belohnt.
"Gleichwohl gehört auch die Gründung der Second Continuation", sagt Juniorchef Evelyn, "zum neuen Geist
von New Court und der Rue Laffitte. Es ist die Reaktivierung eines Verhältnisses, das sich in der Vergangenheit als großer Erfolg erwiesen hat und in Zukunft ein noch größerer Erfolg sein wird."
Dabei spekuliert das Londoner Konsortium zuversichtlich auf ein Projekt, das der Pariser Familienchef Baron Guy seit Jahren vorwärtstreibt. Er ist einer der Hauptförderer des Plans, die Britischen Inseln durch einen zweigleisigen Eisenbahntunnel an das Festland zu knoten. Diese Landverbindung ist seit Beginn der Diskussionen um Englands EWG-Beitritt hochaktuell, denn der geplante zweigleisige Eisenbahntunnel würde die Transportkosten britischer Ausfuhrgüter erheblich reduzieren und dadurch Englands Chancen auf dem kontinentaleuropäischen Markt verbessern.
"Die Pläne sind technisch so weit ausgereift, daß im nächsten Jahr mit dem Bau begonnen werden könnte", sagt der Tunnel-Promoter, "wenn sich die Regierungen bis dahin einig geworden sind. Es wurde auch schon ein Bankenkonsortium für die Finanzierung gebildet, dessen Leitung ich übernommen habe."
Vorausschauend gründeten die Rothschilds schon vor längerer Zeit eine Tunnelbetriebsgesellschaft, die "Société Concessionnaire du Chemin de Fer Sous-marin entre la France et l'Angleterre", die vom Staat die Konzession für den Verkehrsbetrieb in der unterirdischen Röhre erwarb. Die Baukosten des Tunnels wurden auf 1,5 Milliarden Mark veranschlagt.
Guy de Rothschild: "Ich bin der Hauptbankier."
* Inhaber des amerikanischen Chemiekonzerns Du Pont de Nemours.
* Die Rothschild-Töchter, die keine Rothschild-Männer fanden, heirateten mit Vorliebe in die christliche Aristokratie ein.
** Egon Caesar Conte Corti / Walter Gong: "Die Rothschilds. Des Hauses Aufstieg, Blütezeit und Erbe." Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt am Main; 392 Seiten; 19,80 Mark.
* An dem Objekt ist auch die Fluggesellschaft Pan American World Airways beteiligt.
* Sein Vater, Maurice de Rothschild, hatte der Erbengemeinschaft angehört.
Rothschild-Wappen
Für Europas Gemeinsamen Markt ...
... eine neue Firma: Pariser Bank-Chef Baron Guy de Rothschild, Ehefrau Marie-Hélène
Bank-Gründer Amschel (o), Nathan, Salomon (M.), James, Carl: Fünf Finger
Ministerpräsident Pompidou: Von Rothschilds beurlaubt
... hat je Europa so beherrscht: Rothschild-Chateau Ferrières
Frankfurter Rothschild-Stammhaus
Keine andere Familie ...
Schlacht bei Waterloo*: In einer Sternstunde der Menschheit ...
Groß-Spekulant Nathan
... eine Million Pfund verdient
Guy-Onkel Moritz, Freundin*: Voilà!
Baron Guy (4. v. l.) bei der Beerdigung seines Vaters (1949)*: Baisse
Reichster Franzose Edmond de Rothschild: Pipeline in Arabien
Londoner Rothschilds Edmund (r.) und Leopold in ihrem Direktionszimmer: Tunnel unter dem Kanal?
* Links (mit Fernrohr): Wellington.
* Filmschauspielerin Dolores del Rio.
* 3. und 4. v. r.: Baron Guys Partner Alain und Elie de Rothschild.

DER SPIEGEL 35/1962
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BANKEN / ROTHSCHILD:
Zweite Fortsetzung

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