05.09.1962

BMWKalte Ente

Unversehens geriet die Bayerische Motoren Werke AG (BMW) wieder in Personalnöte. Am Donnerstag vergangener Woche, einen Tag vor der Hauptversammlung des Unternehmens, legte Professor Dr. - Ing. Dr. mont. (Bergwerkswissenschaft) Alfons Wagner nach Verstreichen einer einmonatigen Rücktrittsfrist den Aufsichtsratsvorsitz nieder.
Der 72jährige ehemalige Honorarprofessor an der Technischen Hochschule München hatte dieses Amt erst am 20. Oktober vorigen Jahres übernommen. Seine Aufgabe hatte es sein sollen, den weiteren Weg der vor knapp zwei Jahren glücklich sanierten bayrischen Traditionsfirma vom Hochsitz seiner Altersweisheit aus väterlich zu überwachen - und im übrigen nicht allzuviel in die täglichen Geschäfte des vierköpfigen Vorstandes hineinzureden.
Vor ihm hatten seit Kriegsende bei BMW drei Aufsichtsratsvorsitzende gewirkt:
- der Bankier Dr. Hans Karl von Mangoldt-Reiboldt, der im Mai 1959 sein Amt niederlegte, um sich ganz der Arbeit in den europäischen Organisationen
widmen zu können;
- Dr. Hans Feith, Vorstandsmitglied
der Deutschen Bank, der im Dezember 1959 mit seinem Konzept, BMW der Daimler-Gruppe anzuschließen, scheiterte, und
- der Münchner Wirtschaftsprüfer Dr.
Johannes Semler.
Semler war Anfang 1961 trotz der Bedenken des BMW-Vorstands zu Borgward übergewechselt, um die notleidende Bremer Automobilfabrik zu retten. Er übernahm den Aufsichtsratsvorsitz der staatlichen Auffanggesellschaft Borgward-Werke AG und kündigte an, er werde in der folgenden Hauptversammlung bei BMW sein Münchner Amt zur Verfügung stellen.
Als es dann im Oktober soweit war, hatte sich Semlers Borgward-Rettungsversuch längst als Fehlschlag erwiesen - aber der Weg zurück zu BMW war verbaut.
Der BMW-Großaktionär Dr. phil. h. c. Herbert Quandt war es, der Wagner zum Nachfolger Semlers vorschlug. Die Quandt-Gruppe ist neben Flick auch Großaktionär bei Daimler-Benz und beherrscht so bedeutende Unternehmen wie die Varta AG (vormals Accumulatoren-Fabrik AG), Hagen/Westfalen, die Industrie-Werke Karlsruhe AG, die Busch-Jaeger Dürener Metallwerke AG, Lüdenscheid, die Draeger-Werke GmbH, Stuttgart-Feuerbach, die Kammgarnspinnerei Stöhr & Co. AG, Rheydt -Odenkirchen, und die Concordia Elektrizitäts-AG, Dortmund.
Von mehreren bekannten Managern, so von dem Wacker-Chemie-Direktor Dr.-Ing. Herbert Berg, hatte Quandt vorher einen Korb bekommen. Honorarprofessor Wagner dagegen ließ sich nicht lange bitten. Ihn reizte die Aussicht, seine trotz des Aufsichtsratsmandats in Flicks Maximilianshütte reichlich bemessene Freizeit für die renommierte Firma einzusetzen.
Zudem war er in der Automobilbranche kein Neuling. Schon als Chef der Oberschlesischen Hüttenwerke AG in Gleiwitz, die Anfang der dreißiger Jahre zu den wichtigsten Zulieferern der Kraftfahrzeugindustrie gehörte, hatte er Branchenerfahrungen gesammelt. Nach dem Kriege gehörte er mehrere Jahre lang dem Aufsichtsrat der Daimler Benz AG an.
Nach seiner Bestallung bei BMW hielt es den Pensionär immer weniger auf seinem kultivierten Alterssitz "Haus Lärchenwald" in Aschau/Chiemgau am Fuße der Kampenwand. Wagner widmete sich mit Eifer den Plänen des Unternehmens, das den erfolgreichen Kleinwagen BMW 700 vergrößerte und letzte Hand an den neuen Mittelklasse-Wagen BMW 1500 legte, dessen Serienproduktion mittlerweile angelaufen ist.
Professor Wagner erfreute sich in München bald einer besonders guten Zusammenarbeit mit dem Vorstandsmitglied Ernst Kämpfer.
Kämpfer, Finanzchef von BMW, genoß bei den Banken großes Vertrauen und wurde zum wichtigsten Mann in der frisch sanierten Firma. Sein Aufsichtsratsvorsitzender hielt ihn denn auch für prädestiniert, an die Spitze des zunächst gleichberechtigten Vorstands zu treten.
Während Wagner Freunden gegenüber Kämpfers Ernennung zum Generaldirektor für das Frühjahr 1962 in Aussicht stellte, hatte aber Großaktionär Herbert Quandt andere Pläne. Er war entschlossen, einen Mann aus seinem Clan nach München zu entsenden, um sein Interesse an BMW zu wahren, das in gleichem Maße stieg, wie die Gesundung des Unternehmens Fortschritte machte*. Der Auserwählte war der 47jährige Vorstandsvorsitzende der Concordia Elektrizitäts-AG, Dr. Karl-Heinz Sonne, seit achtzehn Jahren im Dienste der Gruppe Quandt.
Herbert Quandt stellte den Aufsichtsrat mit der Nominierung Sonnes praktisch vor die vollendete Tatsache, wie er es auch schon bei der Berufung der Vorstandsmitglieder Wilhelm Gieschen (früher Borgward) und Paul G. Hahnemann (früher Auto-Union) im September vergangenen Jahres getan hatte.
Wagner zeigte sich darüber erbost. Er ließ es nur deshalb nicht schon im Februar zu einem offenen Bruch kommen, weil sich sein Favorit Kämpfer mit den Machtverhältnissen abfand und Sonne akzeptierte, um nicht mit einem neuen Eklat der Firma zu schaden.
Herbert Quandt nahm an der Firma ein unternehmerisches Interesse, das sich selbst seiner Ehefrau mitteilte. Als der Großaktionär anläßlich der vorjährigen Frankfurter Automobilausstellung die Herren der BMW-Verwaltung zu einem Abendessen nach Bad Homburg einlud, malte Frau Johanna Quandt eigenhändig die Embleme der Münchner Firma auf neutrale Bierdeckel.
Der Aufsichtsratsvorsitzende Wagner registrierte es mit Unbehagen, wenn Großaktionär Quandt persönlich auf dem Werksgelände in München-Milbertshofen erschien, um sich etwa von den Fortschritten beim Aufbau einer neuen Fertigungsstraße zu überzeugen. Ebenso unlieb schien es dem Professor zu sein, wenn Quandt mit dem stellvertretenden Vorstandsmitglied Paul G. Hahnemann über geschäftliche Details wie beispielsweise den Verkaufspreis für den neuen BMW 1500 diskutierte.
Am meisten aber ärgerte es den selbstbewußten Aufsichtsrat, daß der Großaktionär seinen langjährigen Mitarbeiter Sonne und die übrigen Vorstandsmitglieder häufig zu geschäftlichen Besprechungen in seine Homburger Residenz holte.
Daß der Vorstand über Gespräche mit Quandt Protokolle anfertigte und diese dem Aufsichtsrat zur Kenntnisnahme übergab, beeinflußte Wagner nicht in seiner Meinung, der Großaktionär übe damit auf die Verwaltung einen unangemessenen Einfluß aus und regiere in die Geschäfte des Vorstands hinein. Er argumentierte, auf diese Weise würden die Rechte der übrigen, insbesondere der Kleinaktionäre, beeinträchtigt.
Im Vorstand allerdings teilte niemand diese Ansicht. Sonne und seine Kollegen wiesen Wagner darauf hin, daß Quandt immerhin mit seinem beträchtlichen finanziellen Engagement zur Sanierung von BMW und durch Absicherung von Krediten dazu beigetragen habe, daß die Banken wieder Vertrauen in das Unternehmen setzten. Hahnemann meinte: "Verdammt, der Mann hat hier 100 Millionen spielen."
Selbst das Aufsichtsratsmitglied Mathern aus Frankfurt, das 1959 die Rebellion der Kleinaktionäre gegen den Anschluß an Daimler-Benz führte, bestritt, daß die Rechte der Kleinaktionäre geschmälert würden: "Wenn BMW heute soweit ist, daß wir optimistisch in die Zukunft schauen können, dann haben wir das nicht zuletzt Herrn Quandt zu verdanken." Offenbar sahen die Mitglieder der Verwaltung Quandts Bestreben, BMW zu seinem Haus-Unternehmen zu machen, nicht ungern.
Sie stießen sich nicht daran, daß Quandt sie in Bad Homburg antanzen ließ, und nahmen es sogar hin, daß der Großaktionär Weisung gab, dieses oder jenes Mitglied der Verwaltung solle sich "künftig in der Öffentlichkeit größerer Zurückhaltung befleißigen".
Wagner hingegen fühlte sich in zunehmendem Maße isoliert, so daß er schließlich Anfang August zurücktrat.
Schon einmal hatte er sich auf diese Weise von einer Aufgabe gelöst: Nach dem Krieg war Wagner einer der zwölf Stahltreuhänder ("Zwölf Apostel") an der Ruhr. Da er die alliierten Entflechtungs-Offiziere nicht davon überzeugen konnte, daß der Verbund zwischen Kohle und Stahl erhalten bleiben müsse, hatte er sein Amt niedergelegt.
Sein Ausscheiden in München schien sich zunächst wie unter Gentlemen zu vollziehen. Die Kollegen aus der BMW -Verwaltung gaben ihm ein Abschiedsessen und bedankten sich für seine Arbeit. In einer Abschiedsrede betonte Wagner selbst, BMW brauche auch weiterhin vor allen Dingen Ruhe und dürfe nicht erneut ins Gerede kommen.
Anschließend lud der Scheidende zu einer Kalten Ente ein, und Generaldirektor Sonne witzelte: "Ente gut - alles gut." Es wurde vereinbart, der Presse nur eine lapidare Erklärung zu geben, in der Wagners Abschied mit "Meinungsverschiedenheiten über sachliche Fragen" begründet werden sollte.
Am 20. August jedoch, nach Veröffentlichung der Presseerklärung, rief Wagner bei Dr. Sonne an und beklagte sich über Gerüchte, nach denen sein Ausscheiden auf mangelnde Qualifikationen zurückgeführt werde. Generaldirektor Sonne versicherte, davon könne keine Rede sein, und er habe nichts Derartiges gehört. Man vereinbarte eine neuerliche Aussprache zwischen den Beteiligten.
Zwei Tage darauf fuhr Alfons Wagner von Aschau nach München hinein, blieb aber der Aussprache fern. Statt dessen traf er sich in Münchens "Peterhof" mit einigen Wirtschaftsjournalisten, vor denen er aus seinem totalen Bruch mit Quandt kein Hehl machte.
Am nächsten Tag wußte man auch Im Hause Quandt in Frankfurt, daß Wagner ohne vorherige Absprache seine ursprüngliche Formulierung wieder hervorgeholt hatte: Er scheide wegen "unüberbrückbarer Meinungsverschiedenheiten über die Rechte des Großaktionärs und die Zuständigkeiten von Vorstand und Aufsichtsrat" aus.
Quandt dementierte sofort "im Einvernehmen mit dem BMW-Vorstand": "An Vorstandssitzungen hat der Großaktionär nicht teilgenommen. Dagegen hat er den Herren des Vorstandes
gerne seinen Rat gewährt. Zuständigkeit und Verantwortung von Vorstand und Aufsichtsrat sind nicht berührt worden... Von einer unzulässigen, mit den aktienrechtlichen Bestimmungen in Widerspruch stehenden Beeinflussung kann keine Rede sein."
Wagner revanchierte sich mit der Erklärung: "Es ist wahr, daß Quandt nicht an ordentlichen Vorstandssitzungen teilgenommen hat. Er hat jedoch in regelmäßigen Zeitabständen außerordentliche Vorstandssitzungen abgehalten, die nach Tagesordnung und Ablauf zumindest normalen Vorstandssitzungen entsprechen."
Der zweite Großaktionär von BMW (acht Prozent Kapitalbeteiligung), Dr. Jacques Koerfer, der früher in Berlin die Zigarettenfabrik "Garbaty" leitete, machte vergebens einen Versuch, in dem Streit zu vermitteln. Er gab es bald auf und stimmte Quandts Vorschlag zu, als dieser ihm einen neuen Aufsichtsrats-Vorsitzenden für BMW präsentierte: den Essener Wirtschaftsprüfer Dr. Hermann Karoli. Er wurde am vergangenen Freitag von der Hauptversammlung gewählt.
Von dem neuen Chef im Aufsichtsrat (Karoli: "Ich bin neutral") erhofft sich Herbert Quandt mehr Verständnis für seine Aktivität in dem wieder aufstrebenden Unternehmen. Der Homburger Großindustrielle hat inzwischen seine Beteiligung an BMW erheblich verstärkt: Gegenüber im Vorjahr 17 Prozent des von 22,5 auf rund 60,3 Millionen Mark erhöhten Kapitals vertrat er am vergangenen Freitag bereits rund 25 Prozent.
Einige nicht schlecht informierte Besucher der Hauptversammlung wollten sogar wissen, daß Quandt darüber hinaus Aktien in Höhe von nahezu weiteren 25 Prozent des Nominalkapitals zu den gegenwärtig niedrigen Kursen erworben hat und sie in der Versammlung durch Strohmänner im Saal vertreten ließ.
* Nach Verlusten In Höhe von 14,7 Millionen
Mark während der Jahre 1958/59, die 1960 aus einer Kapitalherabsetzung gedeckt wurden war das Ergebnis des Geschäftsjahres 1961 mit plus-minus Null ausgeglichen.
BMW-Generaldirektor Sonne
Audienzen
Ex-BMW-Aufsichtsrat Wagner
Differenzen
BMW-Großaktionär Herbert Quandt
Konsequenzen

DER SPIEGEL 36/1962
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