12.09.1962

ATELIERSUnter weißer Flagge

Eine der letzten Bastionen der westdeutschen Filmproduktion hat die weiße Flagge gehißt. Nachdem sich bereits die Filmhochburgen München-Geiselgasteig und Hamburg-Wandsbek ergeben haben, kapituliert nun auch die Ufa-Festung BerLin-Tempelhof vor dem Fernsehen.
Die Übergabebedingungen sind praktisch ausgehandelt: Die Tempelhofer Studiostadt soll in Besitz der Mainzer Bildschirmherren (65 Prozent) und des Senders Freies Berlin (25 Prozent) übergehen, der Universum Film AG nur mehr ein Altenteil von zehn Prozent verbleiben.
Von den 55 bundesdeutschen Atelierhallen (mit einer Nutzfläche von insgesamt 29 000 Quadratmetern) dienen lediglich noch die sieben Hallen der CCC-Filmproduktion in Berlin -Spandau (4430 Quadratmeter) vorrangig der Filmherstellung. Aber auch CCC - Herr Arthur Brauner duldet das Fernsehen schon als subversives Element: Außer Kinostücken werden in seinen Hallen seit geraumer Zeit auch Bildschirmkonserven angefertigt.
Die Entmachtung der Flimmerindustrie in Deutschland scheint damit abgeschlossen. Mit einem finanziellen Aufwand, den nach Ansicht der Hamburger Korrespondenz "Filmpress" ein Privatunternehmen niemals hätte betreiben können, "haben die Rundfunkanstalten oder deren verlängerte Arme, die Fernseh-Werbegesellschaften, die bis dahin privaten Filmeinrichtungen aufgekauft":
- Die Filmstadt München-Geiselgasteig gehört zu 51 Prozent dem Süddeutschen Rundfunk (Stuttgart) und dem Westdeutschen Rundfunk (Köln), nur noch zu 49 Prozent der Bavaria-Filmkunst. Eingemietet hat sich auch der Südwestfunk Baden-Baden.
- Hausherr in der Atelierstadt Hamburg-Wandsbek ist (mit 80 Prozent der Anteile) der Norddeutsche Rundfunk.
- Mitbesitzer (50 Prozent) der großzügig angelegten Ateliers in Wiesbaden ist der Hessische Rundfunk.
- Die Riva-Studios in München-Unterföhring, die zu den modernsten Atelierbetrieben Europas zählen, hat der Bayrische Rundfunk aufgekauft.
- Die kleineren Ateliers arbeiten fast
ausnahmslos für das Fernsehen (Bendestorf, Pichelsberg) oder sind geschlossen worden (Göttingen). Während die Fernsehanstalten sich noch eigene Studiokomplexe in der jeweiligen Residenzstadt aufbauen, sind die Filmherren längst nicht mehr in der Lage, die Atelierkapazitäten (160 bis 180 Spielfilme jährlich) mit der Fertigung von Kinostücken auszulasten.
Wurden 1958 noch 115 deutsche Spielfilme hergestellt, so waren es 1959 nur noch 106, 1960 nur noch 95, 1961 nur noch 75. Und in diesem Jahr, da die Kinoflaute ein neues Tief erreicht hat, dürften es nur 50 bis 60 sein.
Daß sich angesichts dieser auszehrenden Entwicklung die Filmindustrie mit dem Fernsehen arrangieren mußte, konnte nicht wundernehmen. So entstanden beispielsweise in Hamburg-Wandsbek neun Kinostücke, aber 39 Fernsehfilme und fast 400 andere TV -Beiträge; in München-Geiselgasteig sieben Kinostücke, aber 60 Fernsehsendungen und 130 Fernsehkurzfilme; in den Heide-Ateliers von Bendestorf überhaupt kein Spielfilm, aber acht Fernsehfilme sowie zahlreiche Kurzfilme.
"Die Ateliers", so notierte die Korrespondenz "Filmpress", "wären unterbelegt und müßten wahrscheinlich schließen, wenn sich nicht das Fernsehen ihrer angenommen hätte."
Die Hoffnung der Hamburger "Welt" freilich, daß das Arrangement der Atelierbetriebe mit dem Fernsehen letzten Endes auch dem kommerziell wie künstlerisch ausgezehrten deutschen Film "auf die Beine helfen würde", wird nur von den etablierten Filmproduzenten, keineswegs aber vom jungen Produzenten-Nachwuchs geteilt. Dem Hersteller des Experimentierfilms "Das Brot der frühen Jahre" etwa, Hans-Jürgen Pohland, erscheint eine andere Entwicklung begrüßenswert: "Was sollen wir mit den Ateliers?"
Gute Spielfilme, so sprach Pohland, könnten nur noch außerhalb der großen Fabriken entstehen. "Ateliers sind nicht nur teuer, auch die Atmosphäre in den Ateliers ist steril. Außerhalb von Ateliers haben wir weniger Krisen und mehr Inspiration."
Brauner *
* SPIEGEL-Titel 47/1957.

DER SPIEGEL 37/1962
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