26.09.1962

SCHWARZHAUPTDurch Contergan geschädigt

Ein dringlicher Brief der CDU-Bundesgeschäftsstelle in Bonn schreckte die hanseatische Bundestagsabgeordnete Irma Blohm, 52, aus der Sommererholung im Hotel "Elefant" der Südtiroler Bischofsstadt Brixen auf.
Die Frauenreferentin in der CDU -Bundesleitung, Dr. Ilse Bab, 39, erteilte darin ihrer Hamburger Parteifreundin den delikaten Auftrag, die 61jährige CDU-Gesundheitsministerin Elisabeth Schwarzhaupt zwecks politischer Umerziehung ins Gebet zu nehmen. Bab an Blohm: "Die Contergan-Wogen sind höher," als uns lieb ist. Ich verspreche mir viel von Ihrem Gespräch mit Frau Schwarzhaupt."
In dem intimen Brief von CDU-Frau zu CDU-Frau über eine dritte CDUFrau heißt es:
- "Sie (Frau Schwarzhaupt) kann sehr schlecht Entschlüsse fassen - sowohl persönlicher Art als auch für Gesetzesvorlagen aus dem Hause."
- "Frau Schwarzhaupt ist im allgemeinen vielen Menschen gegenüber mißtrauisch, aber sie erkennt nicht,wer ihr wirklich übel will, wohl auch nicht, wer 100prozentig loyal ist."
- "Der Bundeskanzler und Herr Globke blockieren ihre (Schwarzhaupts) Arbeit zweifellos. Manche Vorlagen von ihr an das Kabinett mit der Bitte um Veröffentlichung durch den Bundeskanzler sind zu den Akten gelegt worden. Querverbindungen Globke - Forschbach mit schädlichen Auswirkungen."
Nun ist zwar Adenauer, dem seine - inzwischen verstorbene - CDU-Altersfreundin Helene Weber nur mit Mühe einen weiblichen Minister hatte aufdrängen können, nach wie vor der Überzeugung, Regieren sei Männersache.
Die Ministerin Schwarzhaupt kann sich indes nicht erinnern, daß ihr Einsatz für die Volksgesundheit im Bundeskanzleramt sichtbar blockiert oder torpediert wurde. Die Veröffentlichung von Schwarzhaupt-Vorlagen ist ohnehin Sache des Gesundheitsministeriums und nicht der Bundeskanzlei.
Worauf es der CDU-Frauenleiterin bei dieser Passage vor allem ankam, wird denn auch erst in den nächsten Briefabsätzen klar: auf den Ministerialdirigenten im Schwarzhaupt-Ministerium Edmund ("Mundi") Forschbach, Leiter der Unterabteilung "Lebensmittelwesen". Ihn hält Ilse Bab für eine Belastung. Wie dem Übel abgeholfen werden könnte, weiß sie auch schon:
- "Benennung des Staatssekretärs sofort notwendig, außerdem Benennung eines Abteilungsleiters für Lebensmittel- und Veterinärabteilung, um die Publizität Forschbachs nach außen hin einzudämmen."
Denn: "Forschbach hat keine gute Presse in der Öffentlichkeit aus den uns bekannten Gründen, daher aus seinen Äußerungen auch negative Auswirkungen für Renommee von Frau Schwarzhaupt."
Die der CDU "bekannten Gründe" für die Unpopularität Forschbachs reichen bis ins Jahr 1933 zurück, als der heutige Ministerialdirigent noch Verbandsführer der farbentragenden katholischen Studentenverbindungen (CV) war und proklamierte: "Wer ... nicht die Reichstagsliste der NSDAP wählt, bricht seinen Burscheneid."
Die Kumpanei des NSDAP-Trommlers Forschbach und des Rassengesetzkommentators Globke muß der CDU-Referentin begreifliches Unbehagen bereiten; ihr Onkel, der Berliner Theaterkritiker und Schriftsteller Julius Bab, war Jude und mußte 1933 mit seiner Familie aus Deutschland fliehen.
Außerdem wurde Forschbach, der seit 1956 in der - 1961 von Elisabeth Schwarzhaupt requirierten - Gesundheitsabteilung des Bundesinnenministeriums tätig war, lange Zeit von den Mitgliedsorganisationen des in Bonn akkreditierten Verbraucherausschusses verdächtigt, er höhle das Lebensmittelgesetz (Verbot von Fremdstoffzusätzen) auf dem Verordnungswege aus (SPIEGEL 8/1961).
Der Plan, dem Forschbach einen Abteilungsleiter vor die Nase zu setzen, wie es sich die CDU-Referentin vorstellt, scheitert freilich mangels Planstelle im Etat.
Ebenso schwierig ist die - seit November 1961 fällige - Berufung eines Staatssekretärs. Die Freien Demokraten betrachten den Beamten-Spitzenposten im Gesundheitsministerium als ihre Koalitionspfründe, vermochten aber mit eigenen Kandidaten bislang bei Elisabeth Schwarzhaupt nicht durchzudringen. Sträubte sich die Ministerin: "Ich möchte kein Partei-Kontingent auffüllen, sondern einen möglichst guten ersten Beamten."
Die CDU-Bundesgeschäftsstelle machte sich aber auch schmerzliche Gedanken über das politische Fingerspitzengefühl der mit viel Mühe ins Kabinett gehievten Kollegin Schwarzhaupt.
Irma Blohm hat der Ministerin daher laut Bab-Epistel vorzuhalten:
- "Hätte selbst zur Pressekonferenz (über die Contergan-Schäden) kommen müssen, nicht (Ministerialdirektor) Stralau halten lassen. Kam schlecht an.
- "Frau Schwarzhaupt argwöhnt feindliche Haltung von SPD und FDP. Das erscheint mir falsch, besonders hinsichtlich FDP."
In der Tat wurde dem Gesundheitsministerium ein schlechtes Echo zuteil, als Ministerialdirektor Stralau aus Anlaß des Contergan-Schocks in der Öffentlichkeit eine Pressekonferenz aufzog. Während die Ministerin in Kärnten Erholung suchte, verkündete ihr Beamter in Bonn, in der Bundesrepublik seien 5000 Contergan-Babys ermittelt worden; die Sterblichkeit habe 50 Prozent betragen. Daher berichteten einige Blätter über 10 000 Kleinkinder mit Mißbildungen, von denen 5000 gestorben seien. Tatsächlich wurden bis jetzt 3184 angeblich betroffene Babys registriert.
Unbeliebt machte sich Elisabeth Schwarzhaupt auch mit der Erklärung, daß "eine Bevorzugung der Contergan-Kinder gegenüber allen anderen ... körperbehinderten Kindern" ungerecht sein würde.
Vollends verärgerte die Ministerin ihre Partei mit der unpopulären Mitteilung, sie halte nichts von einem staatlichen Kontrollapparat für Arzneimittel. Statt dessen entstand im Gesundheitsministerium ein Gesetzentwurf, der die Hersteller von Medikamenten zur Prüfung ihrer Erzeugnisse auf mögliche "Keim- und Fruchtschäden" verpflichten soll - ein kostspieliges Verlangen, das noch in keinem anderen Land gestellt wird. Die Vorlage, eine Novelle zum Arzneimittelgesetz, soll im Oktober dem Bundestag zugeleitet werden.
Die contergan-bedingte sinkende Beliebtheitskurve des kontaktscheuen CDU-Gesundheitsministeriums - Bab: "Pressechef Michaelis sagt, daß er mit seinen Vorstellungen über Publizität im Hause bei den Medizinern und Juristen nicht durchdringt", - will die CDU -Frauenreferentin nun wieder steil ansteigen lassen.
Irma Blohm, aus langen Jahren der Parteiarbeit mit Elisabeth Schwarzhaupt gut bekannt, überbringt der Ministerin das Bab-Rezept für eine Radikalkur:
- "Schwarzhaupt sollte meines Erachtens einen Manager engagieren - Typ Skibowski -, der sie in systematischer Weise aufbaut und sie das Gespür für politische Wirksamkeit lehrt. Das könnte jemand nebenbei für ca. drei Monate machen, eventuell soll ihn Frau Schwarzhaupt persönlich entlohnen."
Der mundflinke CDU-Journalist Klaus Otto Skibowski, "Ski" genannt, an den Ilse Bab denkt, betätigte sich bei den Bundestagswahlkämpfen 1957 und 1961 als Propagandist, Plaketten-Verteiler und Reisebegleiter des CDU-Chefs Adenauer. Auch er ist allerdings nur Ilse Babs zweite Wahl: Ursprünglich hätte sie selbst gern das Pressereferat im Gesundheitsministerium übernommen, aber Elisabeth Schwarzhaupt kürte als Pressesprecher und auch als Persönlichen Referenten jeweils einen Mann.
Zum Leidwesen der prominenten CDU-Frauen, die nun mit ihr unzufrieden sind, hatte Parteifreundin Schwarzhaupt damals abgewehrt: "Ich habe kein Bundesfrauenministerium ..."
CDU-Ministerin Schwarzhaupt
"Erkennt nicht, wer ihr übel will"

DER SPIEGEL 39/1962
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 39/1962
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHWARZHAUPT:
Durch Contergan geschädigt

  • Sozialer Brennpunkt Folsterhöhe: Kinderarmut in "Saarbrooklyn"
  • Kanada: Sturm sorgt für atemberaubenden Himmel
  • Mexikanischer Drogenboss: Lebenslange Haft für "El Chapo"
  • Neue Bahnansagen: Eine Stimme für 20 Millionen Fahrgäste täglich