03.10.1962

STRAUSSJohann und Jetty

In Wien begannen Ende vergangenen Monats die Dreharbeiten zu einem "schönen Film von schönen Menschen, die schön handeln".
Die schöne Bescherung hat sich Hollywoods Märchenonkel Walt Disney ausgedacht. Er verfilmt "The Johann Strauß Story". In Wien verkündete er: "Ich will Musik für Massen machen."
Wie dieser Leitsatz in die Tat umzusetzen sei, hatte Disney schon vor zwei Jahren demonstriert, als er - ebenfalls in Wien - einen Beethoven -Film fabrizierte (SPIEGEL 30/1960). Das Kinostück ließ kulturbeflissene Kritiker erschauern und entlockte selbst Disneys Mitarbeitern Bemerkungen wie: "An dem Drehbuch kann nur eins unwidersprochen bleiben: die Schreibweise des Namens Beethoven."
Disneys Gehilfen hatten die Musikhistorie auf Hollywood-Bedürfnisse umgeschrieben und den kontaktarmen Musiker mit dem pockennarbigen Gesicht in einen liebenswerten Trotzkopf von appetitlichem Äußeren verwandelt. Ein nächtliches Rendezvous bestimmten sie als entscheidendes Erlebnis für die Komposition der berühmten Mondscheinsonate. "Glitzerndes Wasser mit Reflexen von Beethoven und Giulietta, als er ihre Wange zärtlich küßt", hieß es im Drehbuch, "ein welliger Mond reflektiert auf dem Wasser."
"Nun hat's auch den alten Beethoven erwischt", bedauerte die Münchner "Abendzeitung" damals. "Er ist in die Hände von Walt Disney geraten, der bekanntlich vor nichts zurückschreckt." Und die "Süddeutsche Zeitung" spottete: "Die Schnulze und Walt Disneys Produktionen haben ihre eigenen Gesetze, und für Genies gibt es da keine Extrawurst."
"Walt Disney hat für solche Filme ein Konzept", bestätigt auch der Wiener Autor und Schauspieler Fritz Eckhardt, der in sechswöchiger Hollywood-Klausur den Handlungsabriß für Disneys neuen Musikfilm, die Straußiade, zu Papier brachte. "Er pfeift auf die Wirklichkeit und überläßt die Biographien neidlos den Historikern."
Immerhin: Für fast vier Jahre hatte Disney ein Dreierteam abgestellt, das sich gewissenhaft kreuz und quer durchs Leben des Wiener Walzermachers forschte. Ordner um Ordner wurde mit Daten gefüllt. Tabellen und Stammbäume wuchsen.
Erst nachdem die Hollywood-Leute auch die letzte Dissertation über den 1825 geborenen Johann ("Schani") Strauß Sohn gelesen hatten, fühlten sie sich bereit, ihr Wissen über Bord zu werfen: Es entstand ein Drehbuch mit zahlreichen Geschichtsfälschungen, die nach Disney-Helfer Eckhardt "keine Pannen, sondern Absicht" sind.
Die Korrekturen erwiesen sich als erforderlich, weil die Lebensgeschichte des Komponisten jene Klarheit vermissen ließ, die eine Disney-Story braucht. So hatte es dem Meister des Dreivierteltaktes gefallen, bis zum 37. Lebensjahr Junggeselle zu bleiben und dann ausgerechnet die 45jährige Jetty Treffz zu
heiraten - eine Frau, die ganz Wien als Mätresse des Barons Todesco und Mutter zweier illegitimer Töchter kannte.
Klagte Eckhardt: "Sagen Sie mir einen Autor außer Tennessee Williams, der solch einen Stoff bändigen kann! Wir fühlten uns überfordert und ließen lieber den 20jährigen Johann eine 20jährige Jetty ehelichen!"
Mit ähnlichen Umdichtungen rückten Eckhardt und Drehbuchverfasser Maurice Tombragel, der bislang vornehmlich Texte für Wildwestfilme lieferte, das ganze Lotterleben der Familie Strauß posthum in besseres Licht und sorgten dafür, daß sich das Spätlingsgenie Schani schon im Jünglingsflaum als musikalischer Tausendsasa präsentiert:
- Im Gegensatz zur Wirklichkeit wird
der Ahne Johann Strauß Vater keineswegs von beruflichem Konkurrenzneid auf seinen erfolgreichen Sohn geplagt, sondern trieft fortwährend väterliches Wohlwollen. Eckhardt: "Wir dachten an die Heiligkeit amerikanischer Familiengefühle."
- Jetty Treffz bleibt die einzige Frau
im Flimmerdasein des Strauß-Junioren, der in Wahrheit dreimal verheiratet und darüber hinaus als geigender Herzensbrecher bekannt war. Eckhardt: "Drei Frauen können S'um den Casanova stellen, aber nicht um einen Komponisten."
- Statt mit 57 Jahren komponiert der
Noten-Titan den "Frühlingsstimmenwalzer" schon als Zwanzigjähriger. Eckhardt: "Er hätte ihm ja auch früher einfallen können."
- Seine erste Operette ist nicht "Indigo"
(die nach der Uraufführung 1871 von dem Kapellmeister Ernst Reiterer bearbeitet wurde und seitdem als "1001 Nacht" bekannt ist), sondern gleich die "Fledermaus". Eckhardt: "Unter Indigo können sich die Amerikaner bestenfalls eine Farbe vorstellen."
Und gegen den Vorwurf, er habe Schanis Bruder Eduard im Film unterschlagen, verteidigt sich der Disney -Mann so: "Gar nicht wahr! Im ersten Abschnitt des Streifens sagt Mutter Strauß zu ihrem Gatten: 'Schrei nicht so, du weckst das Baby.' Dieses Baby ist Eduard."
Daß die Persönlichkeitskorrekturen durchaus im Sinne Walt Disneys vorgenommen wurden, bestätigte der Micky-Mouse-Millionär freimütig. Als die Wiener Filmjournalistin Dr. Martina Rohner bemängelte, er lasse die in Wirklichkeit ältliche Jetty von der 22jährigen Darstellerin Senta Berger spielen, antwortete er: "Don't kill the fun." ("Verderben Sie doch nicht den Spaß.")
Für den Part des Strauß-Bruders Josef heuerte Disney den einstigen Rock'n'Roll-Buben Peter Kraus an ("You really look like a Strauß"), die Hauptrolle besetzte er mit dem Amerikaner Kerwin Mathews, 36 ("Der Teufel kommt um vier"). Disney über den Exlehrer: "Er wollte mal Franz Liszt für Metro-Goldwyn-Mayer spielen."
Strauß-Regisseur Steve Previn: "Wir verzetteln uns nicht an launenhafte Stars, denen wir Supergagen zahlen müssen." Disney: "Ich mache einen billigen Bestseller." Eckhardt: "Einen wahren Micky-Strauß-Film."
Disneys "Johann-Strauß-Story"*, Schöner Film von schönen Menschen
* Senta Berger und Kerwin Mathews als
Ehepaar Strauß.

DER SPIEGEL 40/1962
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