16.01.1963

Lieber Spiegel-Leser!

In diesem Moment darf ich mich bei Ihnen, den regelmäßigen oder sporadischen Lesern, und bei vielen Nicht-Lesern bedanken. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der SPIEGEL dem mit so ungeheurer Perfektion geführten Stoß nicht hätte standhalten können, wenn die Öffentlichkeit und die beiden liberalen Bundestagsparteien nicht rebelliert hätten, wenn die Zeitungen, das Radio und das Fernsehen nicht gewesen wären.
Wahrscheinlich wußte die Bundesanwaltschaft nicht, wie leicht man ein Zeitungs-Unternehmen ruinieren kann. Aber der andere, der nach Auskunft des hintergangenen Bundesjustizministers "die Dinge bis ins letzte in der Hand" hatte, der hat es wohl doch gewußt?
Wir glauben, daß viele von Ihnen gar nicht aus Sympathie für den SPIEGEL gehandelt haben. Wir glauben, daß viele aktiv wurden, denen der SPIEGEL herzlich unsympathisch ist. Gleichwohl, als Sie für das gute Recht des Volkes eintraten, haben Sie den SPIEGEL gerettet. Das ist eine große und bedeutende Sache, die wir nicht vergessen werden. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, nachts in der Zelle nicht einschlafen zu können, weil der Lärm der Demonstranten durch die dicksten Mauern dringt.
Sie müssen also nicht befürchten, daß wir unbesehen in Sympathie für den SPIEGEL ummünzen, was aus Gerechtigkeitssinn und staatsbürgerlicher Verantwortung geschah. Anders ist das mit jenen vielen tausend Grüßen, Geschenken und Wünschen, die uns Untersuchungshäftlingen in die Gefängnisse geschickt wurden und für die wir uns nur pauschal bedanken können.
Geduldspiele, viel Selbstgebackenes, Kränze, Kerzen, Zigaretten, selbstgestrickte Strümpfe, warme lange Unterhosen, Zeichnungen von namhaften Leuten wie von Nicht-Einmal-Amateuren, Bücher noch und noch, Kunstbände, bibliophile Ausgaben, Humoriges, dreimal die Platte "Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus", sowie sämtliche Schmuckblatt-Telegramme der Bundespost, "Die Weihnacht" von Meister Francke am häufigsten, den "Hafen von Greifswald" von Caspar David Friedrich dichtauf (Luthers "Ein feste Burg"-Telegramm bekam ich nur einmal). Jeder von uns mußte für unbekannte Haftgenossen eine Bescherung veranstalten, damit das Genießbare nicht verdarb.
Briefe aus Cambridge in Massachusetts ("We're very pleased with what you're doing, though sorry it is necessary"), aus England, aus der Schweiz ("Wir sorgen uns nicht um Sie, sondern um Deutschland").
Viele deutsche Schreiber erboten sich, eine Weile als Stellvertreter einzusitzen, viele versicherten, ihnen sei das Weihnachtsfest verdorben und sie wollten dies Jahr keine Kerzen ins Fenster stellen, andere wiederum hörten jeden Abend zweimal Nachrichten, weil sie keine Entlassung verpassen wollten ("Die Entlassung des Herrn Ahlers war mein schönstes Weihnachtsgeschenk"). Frauen schrieben so viel wie Männer.
Ein Zigarrenfabrikant aus Bünde beklagte, daß er kein Zola werden könne, da er nur den kaufmännischen Jargon beherrsche, strafte aber seine Bescheidenheit sogleich Lügen mit den Worten: "Was soll ich tun, ob Essig saufen oder Krokodile fressen (heißt es nicht so ähnlich irgendwo im Hamlet?) - ich will es tun!" Und immer wieder: "Sie sind nicht allein, wir sind bei Ihnen, und wir sind eine Macht, das wissen wir jetzt!"
Alle unsere Freunde waren mit
uns. Der Ermittlungsrichter von Ahlers gestand mir, er habe jeden Morgen schlechte Laune, wenn er die Post zensieren müsse, die Ahlers von hochgestellten Personen bekomme. So viel Post wie Schmelz und Ahlers von so hochgestellten Personen bekam ich natürlich nicht. Immerhin, ohne die Bundesanwaltschaft hätte ich es wohl schwerlich dahin gebracht, daß Gustaf Gründgens am Weihnachtsabend, wie er mir schrieb, ein Glas Sekt auf mein Wohlergehen trinken würde; er, der Nichttrinker. Von Professoren bekamen wir überhaupt viel Post.
Es war also kein solches Kunststück, die "serenità" zu behalten, die der Professor Carlo Schmid uns gewünscht hatte. Die Anteilnahme, mit der wir zugedeckt wurden, bewies uns, daß unsere Botschaft, die wir doch oft genug entstellt und in aufgeputzter Verkleidung auf die Reise geschickt hatten, angekommen war.
Wir hatten viel mehr erreicht, als wir uns je erträumten. Der Stachel des Widerstandes gegen den "pragmatischen Verwaltungsstaat", gegen patriarchalische Erbpacht und Gängelei, gegen ein katholisches
Rhein-Isar-Preußen ohne preußische Sauberkeit und Manieren hatte sich in die Herzen der Bürger gesenkt.
Da waren Artikel und Sätze, die wir vergessen hatten - man rief sie uns ins Gedächtnis. Man tadelte uns für längst und jüngst Vergangenes ("Dafür sollten Sie sich zu schade sein"). Wie nie zuvor fanden wir uns im Gespräch mit dem Volk, mit denkenden Menschen aus allen Schichten und jeglicher Repräsentanz. Und immer aufs neue: "Werden Sie jetzt nicht verbittert, das können wir uns nicht leisten."
Keine Bange. In der Ära Adenauer waren wir das Sturmgeschütz der Demokratie, mit verengten Sehschlitzen. Im ärgsten Kampfgetümmel, wo man uns manche Hafthohlladung appliziert hatte, erreichten wir nicht entfernt die Wirkung wie in dem Moment, da man uns wie mit einem Netz auf den Trockenboden schleppte und die Armierung zu demontieren gedachte.
Welche Lehren werden wir daraus ziehen? Doppelte Panzerplatten, dickere Kaliber, größere Reichweite? Mitnichten. In einer nach dem Grundgesetz funktionierenden parlamentarischen Demokratie, wie wir sie bekommen werden, bedarf es dessen nicht. Gestärkt durch das Vertrauen und die Hoffnung so vieler intelligenter Bürger, zurückblickend auf eine nicht ruhmlose Vergangenheit, werden wir den Nachweis frei Haus und Kiosk liefern, daß jede demokratische Gesellschaft den SPIEGEL hat, den sie verdient. Leser Erich Voigt, Stuttgart-Sillenbuch: "Machen Sie keinen neuen SPIEGEL! Machen Sie es wie Nordhoff! Verbessern Sie das Ei des Kolumbus von innen heraus!"
Mit der bundesrepublikanischen Gesellschaft läßt sich, so scheint es, etwas anfangen. Mehr jedenfalls, als wir dachten, und mehr, als sie selbst dachte. Diese Erkenntnis kann nicht ohne Folgen bleiben, auch bei uns im SPIEGEL nicht. Und so mag es denn dahin kommen, daß, nachdem wir unsere Leser beeinflußt haben, unsere Leser uns beeinflussen. So können wir Ihnen danken. So soll es sein.
Herzlichst Ihr
Rudolf Augstein
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 3/1963
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