30.01.1963

DODERERPackt ihn und zwackt ihn

Gepeinigt hat er schon früher. Vor drei Jahren erfand der Österreicher Heimito von Doderer, dem Titel seines letzten Erzählungsbandes zufolge, die "Peinigung der Lederbeutelchen".
Diesmal zog er noch schärfer vom Leder. Den Romanfiguren zur Qual und den Lesern zum Hohn, betrieb er in seinem neuen Roman "Die -Merowinger" das schmerzhafte Verfahren der "Detail-Peinigung" - das "Prinzip einer Teilung des Lebens-Ganzen in immer kleinere Teile und Teilchen von Teilen"*.
Verwirrt machten sich in den letzten Wochen die Kritiker an die Arbeit, um das Teilchengewimmel des epischen Vexierbildes nach seinem Sinn zu durchforschen. Im "Tagesspiegel" rätselte Hilde Spiel, ob nicht Doderers Held mitsamt seiner Familie "den Untergang des europäischen Adels' oder gar die "Hierarchie des Dritten Reiches" symbolisiere.
Der Rezensent der Züricher "Tat" mutmaßte rühmend, Doderer habe in seinem Buch nicht nur die vierte und fünfte, sondern möglicherweise auch noch eine sechste Dimension entdeckt.
FAZ-Rezensent Günter Blöcker allerdings war ziemlich skeptisch. Das Werk des 66jährigen, der seit den Romanen "Die Strudlhofstiege" (1951) und "Die Dämonen" (1956) seiner Leser-Gefolgschaft als einer der bedeutendsten deutschen Epiker der Gegenwart, wenn nicht gar als Ihr größter gilt, schien dem Kritiker der "Frankfurter Allgemeinen" lediglich ein "brutaler Ulk" von "unbekümmerter Abstrusität" zu sein, und er fühlte sich durch ein hohnvolles Geständnis des Autors noch bestätigt. Doderer im Epilog zu den "Merowingern": " Aber das Ganze ist doch ein Mordsblödsinn."
Dieses spöttische Bekenntnis ist in der Tat weit glaubwürdiger als die vagen Interpretationsversuche bewundernder Feuilletonisten. Eine deutliche Beziehung zur Wirklichkeit jedenfalls bleibt in dem kunstvoll arrangierten Jux von der "totalen Familie" (Motto: "Die Wut des Zeitalters ist tief") ebenso verborgen wie die sechste Dimension.
Doderer, der einst über spätmittelalterliche Quellenkunde promovierte und eine Arbeit über "Die Abtwahlformel in den Herrscherurkunden bis zum 10. Jahrhundert" verfaßte, hat in seinem anachronistischen Gegenwartsroman - er spielt in einer nicht genannten fränkischen Universitätsstadt und endet um 1950 - aufs neue seiner Vorliebe für die Historie nachgegeben: Der Romanheld Childerich III. trägt den gleichen Namen wie der letzte Merowinger-König aus dem Geschichtsbuch und erduldet auch annähernd dessen Schicksal.
Im Jahr 751 war der echte Childerich von seinem Hausmeier Pippin dem Kurzen abgesetzt und ins Kloster geschickt worden. Zwölf Jahrhunderte später blüht dem Roman-Childerich Doderers ähnliches Ungemach: Das Oberhaupt der Familie Bartenbruch aus dem Merowinger-Geschlecht wird von seinem Majordomus, dem Grafen Pippin von Landes-Landen, entmachtet und muß fortan den Ausschweifungen seines Lebens entsagen.
Doch bevor der "haarige Finsterling" Pippin sein Intriganten-Ziel erreicht, hat Childerich einen maßlos ehrgeizigen Traum fast ganz verwirklichen können. Der mickrige Franken-Baron, dem Aussehen nach einem "traurigen Beutelchen" ähnlich, zugleich aber gerüstet mit einer "das gewöhnliche Maß weit übersteigenden Manneskraft", erstrebt eine "Totalisierung der Familie" und heiratet zu diesem Zweck nach erster Ehe mit der Kulmbacher Bierbrauerswitwe Paust seine Stiefgroßmutter, seine Stiefmutter und seine Stieftochter.
Das Ergebnis dieser Heiratsstrategie ist erstaunlich. Childerich befördert sich nicht nur zu seinem eigenen Vater und Großvater, sondern wird auch noch, nach Abschluß der vierten Ehe, sein eigener Schwiegervater und sein eigener Schwiegersohn, der Vater seiner Geschwister, der Großvater seiner Kinder und der Onkel seiner Enkel.
Sichtbares Wahrzeichen solch familiärer Machtfülle ist eine monströse Bart-Sammlung, die Childerich sich zulegt. Er ziert sein "kleines und schlaffes Gesichtchen" mit sämtlichen Barttrachten seiner Ehe-Vorläufer, mit Schnauzer und Fliege, mit Kehlbart, Knebelbart und Backenbärten.
Bartenbruchs monopolistische Familienpolitik findet jedoch erwartungsgemäß ihre Widerstandskämpfer: Seine Stiefkinder aus erster Ehe, als der "Paust'sche Sack" verachtet, rotten sich unter der Führung Pippins des Kurzen zur Rebellion zusammen, um durch Hinterlist und rohe Gewalt die ihnen vorenthaltene Erbschaft zu erobern und eine fünfte Ehe Childerichs zu verhindern. Childerich wird überwältigt und muß erdulden, was Doderer die "kastrative Problemlösung" nennt: Der Patriarch wird auf dem Operationstisch entmannt und sämtlicher Bärte beraubt.
Der Familienaufstand in offener Feldschlacht ist keineswegs das einzige Beispiel brachialen Wütens. Von der "Wut des Zeitalters", wie Doderer sie sieht und in geruhsamen Schnörkeln beschreibt, sind nahezu alle Gestalten des Romans erfaßt. Sie prügeln mit Knüppeln und treten mit Füßen, sie piesacken sich, demolieren, toben und brüllen über 360 Seiten hinweg. Doderer nimmt als der Schriftsteller Döblinger des Romans nach Kräften am Getümmel teil.
Der Wiener, der seit je zu altfränkischer Umständlichkeit und barocker Wirrnis neigte, hat seine monumentale Wutorgie im Zeitlupentempo mit versteckten Parodien, mit kulturhistorischen Abschweifungen und pseudosachlichen Fußnoten versehen und sich zuweilen sogar als dramatischer Vers-Autor versucht:
Jetzt packt Ihn, packt Ihn,
zwackt Ihn, zwackt ihn
und reißt ihm aus, was er nach hatl
Daß ihm ersterbe weitere Neigung
zu immerwährend neuer Zeugung:
dies wirke eure rasche Tat!
So kunstvoll und sorgsam Doderer die Fabel vom Untergang der allerletzten Merowinger aber auch wirkte - das Resultat scheint solch intensiver Schriftsteller-Mühsal kaum angemessen.
Heimito von Doderer in den "Merowingern": "Es ist wirklich das ungeheure Maß sozusagen ehrlicher Mühe und Arbeit kaum glaublich, das mitunter bei Humbug und Schwindel geleistet wird. Ja, wir halten solche enormen Energie-Aufwände für eines der Charakteristica unseres Zeitalters, dessen gewaltige Kräfte vielfach auf diese Weise glücklich verpuffen."
* Heimito von Doderer: "Die Merowinger oder Die totale Familie". Biederstein Verlag, München; 368 Seiten; 16,80 Mark.
Anachronist Doderer: Glücklich verpufft

DER SPIEGEL 5/1963
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