06.02.1963

TUCHOLSKYAdofs Doitsche

Daß unsere Welt in Deutschland zu existieren aufgehört hat", schrieb der Emigrant Kurt Tucholsky am 11. April 1933 an den Emigranten Walter Hasenclever, "brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Und daher: Werde ich erst amal das Maul halten. Gegen einen Ozean pfeift man nicht an."
Der Brief an den expressionistischen Dramatiker Hasenclever ("Der Sohn") ist nicht das einzige Zeugnis jener Resignation, die Tucholsky angesichts der Machtergreifung Hitlers publizistisch verstummen ließ.
Im jüngst erschienenen vierten, abschließenden Band der Tucholsky-Gesamtausgabe haben die Herausgeber, Mary Gerold-Tucholsky und Fritz Raddatz, erstmals zahlreiche Briefe aus den letzten Lebensjahren Tucholskys bekanntgemacht: Dokumente einer politischen Enttäuschung, deren Konsequenz die literarische Kapitulation, deren Ende 1935 der Selbstmord des 45 jährigen Schriftstellers war. Die Briefe an Walter Hasenclever, der gemeinsam mit Tucholsky 1931 die Komödie "Christoph Kolumbus oder Die Entdeckung Amerikas" verfaßt hatte, nehmen in dieser Sammlung den größten Raum ein*.
Tucholsky hatte sich bereits 1929 aus Deutschland, dem "Affenstall", wo "noch am Laternenpfahl zappelnd... alle stinknational" seien, nach Hindas in Schweden abgesetzt. 1932 hörte er auf zu publizieren. Er trainierte sein Französisch, büffelte Englisch, las deutsche Klassiker und kaufte keine deutschen Waren mehr.
Zwei Jahrzehnte lang hatte er in aggressiven Artikeln, Feuilletons, Versen und Songs den andauernden Wilhelminismus in Deutschland bekämpft, hatte er gegen alles, was rechts war, schwungvoll angeschrieben. Nun schrieb er aus Schweden unter dem fingierten Absender-Ort Zürich nur noch Briefe, ohnmächtige, zuweilen auch prophetische Episteln der Wut, des Ekels und der Hoffnungslosigkeit. In sein Notizheft, das sogenannte "Sudelbuch", zeichnete er eine symbolische Treppe mit den aufsteigenden Stufen "Sprechen - Schreiben - Schweigen".
"Daß ich sowenig wie Sie umgelernt habe, wissen Sie", schrieb er dem Kollegen Hasenclever, der an die französische Riviera retiriert war. "Aber auf keinen Fall kann man in unserm Alter etwas Sinnloses tun, und das da wäre sinnlos."
"Das da" war für Tucholsky der literarisch-journalistische Kampf gegen Hitler. Erbitterter fast als über "Adof I.", wie er Hitler in seinen Briefen nannte, ließ er sich über die deutsche Emigration aus, die in "676 kleine Grüppchen" zersplittert und "auf einem falschen Wege" sei: "Es fehlt jede Selbstbesinnung. Wer eine solche Niederlage erlitten hat, muß in sich gehen. Und nicht etwa 'bereuen', aber nachdenken."
Er mied den Kontakt mit den "Freunden aus den Caféhäusern", mit den "Manifest-Indianern", die so weitermachten, als sei nichts geschehen. 1935 schrieb er an den emigrierten Romancier Arnold Zweig ("Der Streit um den Sergeanten Grischa"): "Sehn Sie sich Lenin In der Emigration an: Stahl und die äußerste Gedankenreinheit. Und die da -? Schmuddelei. Doitsche Kultur. Das Weltgewissen..."
Auch andere Gegner und Opfer der Nationalsozialisten bedachte er mit dem blinden Hohn und Haß des Enttäuschten und Vereinsamten. Die deutschen Sozialdemokraten, die er schon vor 1933 "Schlafmützen" genannt hatte, verhöhnte er im März des Jahres, weil sie immer noch beteuerten, patriotisch und "ruhrkämpferisch" zu sein. 1934 schrieb er an Hasenclever: "Von den deutschen Obbosidionellen höre ich gar nichts - ich fange statt dessen Quallen."
Schlimmer noch diffamierte Tucholsky, der 1911 "aus dem Judentum ausgetreten" war, die deutschen Juden - nicht nur jene deutschnational gesinnten, die sogar anfangs das NS-Regime bejahten. Pauschal nannte er die Juden feige, warf er ihnen mangelnden Heroismus und innerliches Akzeptieren der Getto-Idee vor. Tucholsky an Arnold Zweig: "Es ist nicht wahr, daß die Deutschen verjudet sind. Die deutschen Juden sind verbocht."
Daß der Pamphletist und Satiriker Tucholsky von 1932 an keine Zeile mehr veröffentlichte, hing zwar auch mit seinem schlechten Gesundheitszustand zusammen; mehrere Operationen hatten ihn geschwächt, und er fürchtete, seiner Schreibe nicht mehr sicher zu sein, gegnerische Polemik nicht mehr wie früher parieren zu können. Mehr aber als physische Schwäche lähmte ihn der Anblick der politischen Entwicklung und die Erkenntnis, daß Hitler nicht nur aus eigener Kraft zur Macht gekommen war.
"Dieses ganze Europa", klagte er 1934 dem Freund Walter Hasenclever, "hat so etwas Verkotztes, Verlogenes, wie lange nicht." Er beschuldigte die Franzosen der "Hosenscheißerei" und Nachgiebigkeit gegenüber den Nazis. England, so meinte er, stünde Deutschland ohnehin näher als Frankreich, und wenn sich das Hitler-Regime zu einer lediglich preußisch-reaktionären Herrschaft modifiziere, würden die Briten freudig Kredite gewähren.
Tucholsky schmähte auch die nicht in jedem Fall emigrantenfreundliche Schweiz. Zwar habe die Schweiz Thomas Mann das Bürgerrecht angeboten, doch für Menschen ohne "diesen lächerlichen Nobelpreis" sei das saturiert-bourgeoise Land weniger aufgeschlossen. Tucholsky an Hasenclever über die Schweizer: "Unangenehme Leute - ein Hotelvolk. Sie sind nicht für Hitler - aber es sind Emmenthaler Faschisten."
Entschiedener, als er es schon früher getan hatte, verurteilte der pazifistische Sozialist Tucholsky nach 1933 den Stalin-Kommunismus, der die von Hitler verfolgten deutschen Genossen im Stich gelassen habe. So schrieb er 1933 an den ebenfalls emigrierten ehemaligen Redakteur der "Vossischen Zeitung" Heinz Pol (heute USA-Korrespondent deutscher Tageszeitungen): "Hier kann es nie wieder eine Annäherung geben... Mir tut jeder Satz leid, den ich aus falsch verstandenem Mitgefühl gegen Rußland unterdrückt habe. Dieser nationalistische Dreck verdient genau denselben Fußtritt wie Hitler auch."
Die Sowjet-Union, fand Tucholsky, sei nicht mehr der Hort des Proletariats, sondern "ein Petroleumstaat wie jeder andere auch". Die Haltung, die der. Kreml zu Hitler einnahm, erschien dem enttäuschten Politmoralisten nur noch mit der des Vatikans vergleichbar: Er fand beider Verhalten "genau so schäbig".
Stalin und den Papst in einem Atemzug abzukanzeln, war eine polemische Spezialität des späten Briefschreibers Tucholsky. Schon Anfang März 1933 hatte er Hasenclever brieflich bekannt, sein Pessimismus werde sich gerade dann verstärken, wenn andere Emigranten möglicherweise wieder Hoffnung faßten: etwa bei einer Einigung zwischen den Nationalsozialisten und der katholischen Zentrumspartei. Ein solcher Akkord, prophezeite Tucholsky, werde das Hitler-Regime nicht zivilisieren, es aber endgültig konsolidieren.
Nachdem sich das Zentrum während der Konkordats-Verhandlungen des Vatikans mit Hitler am 5. Juli 1933 selbst aufgelöst hatte, schrieb Tucholsky an seinen jüngeren Bruder Fritz, der nach Prag geflohen war und später nach Amerika emigrierte:"Natürlich ist der Papst törichter als die Russen, er hat Angst vor ihnen, sie aber nicht vor ihm. Wie aber beide ihre Anhänger erst dirigieren, die große Fresse haben und dann sitzen lassen - ich finde das ekelhaft."
Und am 15. Dezember 1935, an Arnold Zweig: "Man muß von vorn anfangen - nicht auf diesen lächerlichen Stalin hören, der seine Leute verrät, so schön, wie es sonst nur der Papst vermag - nichts davon wird die Freiheit bringen."
Vier Tage später entschied der Polemiker außer Diensten, daß er selbst nicht mehr von vorn anfangen wolle: Er nahm Gift, an dem er zwei Tage später starb. Ekel und Resignation hatten ihn überwältigt.
Eine in seinem Sinne bessere deutsche Zukunft vermochte Tucholsky sich nicht mehr vorzustellen. "Man muß", hatte er 1933 an Freund Hasenclever geschrieben, "die Lage so sehn wie sie ist: unsere Sache hat verloren. Dann hat man als anständiger Mann abzutreten."
Er glaubte an den Einmarsch "Adofs" in Moskau, an die Niederlage der Bolschewisten ("Hunderttausend Arbeitgeber werden aufatmen") und an den Untergang auch des NS-Regimes.
Dennoch: "Und wenn das (Nazi-Regime) fällt -: wäre denn das ein Fortschritt, wenn sich das ganze Land, waren- und kredithungrig, wieder mit den amerikanischen Banken einließe? Das wäre also das, wofür wir gekämpft haben?"
* Kurt Tucholsky: "Ausgewählte Briefe 1913 bis 1935". Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg; 572 Selten; 38 Mark.
Briefschreiber Tucholsky
"Gegen einen Ozean ...
Briefempfänger Hasenclever
... pfeift man nicht an"

DER SPIEGEL 6/1963
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