20.02.1963

STRAUSSImmer tiefer

Die Christlich-Soziale Union hat aufgehört, Straußens Werkzeug zu sein. Der bayrische Statthalter des ehemaligen Bonner Ministers, Parteivize Rudolf Eberhard, kündigte Maßnahmen zu dem Zweck an, daß "endlich wieder Ordnung in der CSU einkehrt".
Der Ordnungsruf galt vordergründig dem Strauß-Gegner und CSU-Bundestagsabgeordneten Freiherrn von und zu Guttenberg; ungewollt aber bestätigte er die Diagnose des aufsässigen CSU -Barons, die Partei sei "an den Gliedern gesund, am Haupt jedoch krank".
In der Tat: "Die größte politische Potenz der Partei" - wie sich Strauß gern apostrophieren ließ - ist steril geworden. Politische Ausschweifungen von einer Art, die selbst bayrische Kraftnaturen umwirft, haben den Parteiboß derart geschwächt, daß er auch in Oberbayern auf dem bisherigen Tiefpunkt seiner Karriere angelangt ist.
Durch den Hinauswurf aus der Bonner Ermekeilkaserne angeschlagen, griff der Gestürzte derart ungeschickt in die bayrische Parteimaschine, daß seine Gefolgschaft an ihm irre wurde.
Am 9. Januar berichtete der SPIEGEL, daß Strauß den NS-Multifunktionär Max Frauendorfer nach Kräften gefördert und auf die CSU-Landesliste gebracht hatte; am 1. Februar verzichtete Frauendorfer darauf, in den Bundestag einzuziehen: Derselbe Parteichef, der den Bräunlichen zu höchsten Würden aufsteigen ließ, hatte sich dazu bewegen lassen müssen, seinen Protege zum Verzicht zu überreden.
Sieben Tage später machte Strauß wieder von sich reden. Er tat, was ein gestandener Bayer, der vor Gerichten Mut beweisen muß, nicht tun durfte. Er zog seine Strafanträge in Sachen Fibag gegen den SPIEGEL und die Fibag -Zeugen zurück.
Ein Jahr lang hatte der CSU-Chef seine Parteifreunde mit diesem Strafverfahren vertröstet. Nun plötzlich legte er keinen Wert mehr auf die Klärung der trotz Prozeß- und Untersuchungsausschuß offengebliebenen Fibag-Fragen vor allem seinen Duzfreund Kapfinger betreffend.
Die Aufmerksamkeit der Christsozialen war unterdessen von der Fibag -Affäre auf den Partei-Skandal um den Freiherrn von Guttenberg gelenkt worden.
Strauß hängte dem eigenwilligen Baron ein Parteigerichtsverfahren an, weil Guttenberg bei den Koalitionsverhandlungen des letzten Jahres mit der SPD verhandelt hatte - im Auftrag des Kanzlers, aber ohne Wissen Straußens.
Die Parteirichter wußten noch, wer Ihr Herr ist: Sie rügten Guttenberg. Der Freiherr reiste daraufhin protestierend über Land und sammelte jene Sympathien für sich auf, die Strauß eingebüßt hatte.
Selbst der fromme "Münchner Merkur", bis dato das offiziöse Sprachorgan der CSU, das dem Franz-Josef Strauß lange persönlich verbunden war, nannte das parteiische Scherbengericht "diabolisch" und wertete es als ein "weiteres Zeichen für die Verwirrung, die zwar nicht in der Partei, wohl aber in ihrer Führung Platz gegriffen hat".
Der mißglückte Versuch, den Abweichler Guttenberg zum Schweigen zu bringen, hat Franz-Josef Strauß sogar die Sympathien des bayrischen Klerus gekostet. So kritisierte das "Passauer Bistumsblatt" das Verhalten der Parteispitze. Und der Bamberger Erzbischof Josef Schneider, Frankens Oberhirte, nahm den fränkischen Bundestagsabgeordneten Guttenberg in einem kritischen Brief an Strauß in Schutz. Als Strauß daraufhin vorsprach, bot ihm der Kirchenfürst nicht einmal einen Sitzplatz an - ein Vorgang, der in der Geschichte der CSU und ihrer frommen Mutter, der Bayerischen Volkspartei, ohne Beispiel sein dürfte.
Nach einer Version, die von prominenten CSU-Funktionären verbreitet und von der CSU-Landesleitung bisher nicht dementiert wurde, hat der Erzbischof den CSU-Chef mit den Worten abblitzen lassen: "Wenn ich zwischen Guttenberg und der CSU wählen müßte, dann wüßte ich, was ich zu tun hätte."
Darauf Strauß: "Dann setzen Sie doch gleich auf die KPD."
Nach diesen Niederlagen folgte Strauß einer Empfehlung seines Freundes, des Päpstlichen Geheimkämmerers Lorenz Freiberger, der ihm in einem offenen Brief angeraten hatte, zu rekonvaleszieren und zu diesem Zweck auf eine Weltreise zu gehen.
Nach einem achttägigen Besuch in Lissabon wollte Strauß in jenem Landstrich Stärkung suchen, der ihm im vergangenen Herbst durchs Telephon nahe kam, weil sich SPIEGEL-Redakteur Conrad Ahlers dort sonnte, in der spanischen Provinz Málaga.
Freiberger, ehemals Stiftsprediger -und Chefredakteur der "Münchener Katholischen Kirchenzeitung", hatte das für Strauß entworfene Ferienprogramm unter anderem mit dem Hinweis begründet: "Wie wenig Abende blieben Dir noch für Deine junge Frau und Deine Familie." Und: "Ich wette, daß Du vor sechs Jahren keine Zeit zu einer Hochzeitsreise hattest. Hole es nach!"
Die resolute Frau Marianne Strauß, inzwischen dreifache Mutter, wird ihren Ehemann allerdings gerade in der nächsten Zeit nicht gänzlich an den heimischen Herd locken können. Strauß wird viele Abende brauchen, um das verlorene bayrische Terrain zurückzugewinnen. In der CSU hat sich nämlich inzwischen der konservative Petra-Kreis des Strauß-Gegners und Landwirtschaftsministers Alois Hundhammer (SPIEGEL 32/1962) breitgemacht.
Die November-Wahlen brachten der Partei zwar die absolute Mehrheit im Landtag, dem Franz-Josef Strauß indes eine Folge fast absoluter Niederlagen: Vergebens verlangte der Strauß-Flügel von der Landtagsfraktion, sie solle dem bisherigen Ministerpräsidenten Dr. Hans Ehard das Landtagspräsidium geben. Gerade wegen dieser Eininischung ließ die Fraktion Ehard durchfallen und wählte statt dessen den bisherigen Landtagspräsidenten Hanauer wieder.
Strauß gelang es auch nicht, seinen Spezi Gerhard Wacher als Überwacher
dem mit Hundhammer tändelnden neuen Ministerpräsidenten Goppel ins Vorzimmer zu setzen. Der bisherige CSU-Bundestagsabgeordnete und Oberlandwirtschaftsrat außer Dienst Wacher wurde Staatssekretär - aber nicht in der Staatskanzlei, sondern im bayrischen Wirtschaftsministerium.
Bayerns CSU-Wirtschaftsminister Schedl fühlt sich seither überwacht, ist aber nicht nur deshalb auf Strauß schlecht zu sprechen: Nach den Plänen des Strauß-Flügels hatte Schedl (im Fall einer CSU-FDP-Koalition) einem Liberalen weichen sollen; seither sucht Schedl bei den konservativen Strauß-Gegnern des bärtigen Hundhammer Anschluß.
Die bislang größte parteiinterne Niederlage aber erlitt der CSU-Chef, als der ehrgeizige Aktivist des Petra -Kreises, Staatsanwalt Dr. Ludwig Huber, zum Leiter der CSU-Landtagsfraktion avancierte.
Huber ist der einzige CSU-Politiker, der dem Franz-Josef Strauß dreimal in offener Saalschlacht entgegentrat:
- Im Herbst 1960 verhinderte er Straußens Versuch, auf einem CSU-Parteitag in zweimaligem Anlauf eine Satzungsänderung durchzuboxen.
- Im Frühjahr 1961, als der zweite
stellvertretende Vorsitzende gewählt
- werden sollte, wagte es Huber, gegen den erklärten Strauß-Favoriten Hans Weiß zu kandidieren, und unterlag mit nur sechs Stimmen.
- Im Sommer 1962 organisierte Huber eine Mehrheit von CSU-Landtagsabgeordneten gegen den von Strauß befürworteten Staatsvertrag über die Mainzer Länderanstalt "Zweites Deutsches Fernsehen"; erst nach endlosen Abstimmungskämpfen konnte der Strauß-Flügel die Ratifizierung des Vertrags durchsetzen.
Für die Zukunft präpariert sich Straußens Gefolgschaft auf einige Niederlagen, die nahezu unausweichlich scheinen, weil der Parteiboß offenbar das Zutrauen zu sich selbst verloren hat.
So muß sich Spezi Weiß im Juli 1963 nach zweijährigern Wirken als ergebener Strauß-Parteigänger wiederum zur Wahl stellen. Diesmal will jedoch der Hundhammer-Flügel auf jeden Fall seinen eigenen Abgesandten durchbringen.
Unmittelbar nach dieser Wahl hat die CSU-Landesversammlung dann den Parteivorsitzenden neu zu bestimmen. Auch für diesen Wahlgang gab der Päpstliche Geheimkämmerer Freiberger im Münchner Bistumsblatt der CSU einen Rat, der exakt den Hoffnungen des Hundhammer-Flügels entspricht.
Freiberger wörtlich an die Adresse von Strauß: "Lege - nicht alsogleich, aber bei gegebener Gelegenheit - den Vorsitz der CSU in andere Hände."
Freilich braucht Strauß den Parteivorsitz diesmal noch nicht mit einem Vorstandssitz in der rheinischen Schwerindustrie oder der außerbayrischen Assekuranz-Branche zu vertauschen, obwohl Angebote vorliegen. Denn noch hat Alois Hundhammer keinen Gegenkandidaten aufgebaut.
Strauß-Freund, Freiberger
... keinen Sitzplatz an
Parteichef Strauß
... bot dem Gestürzten ...
Strauß-Feind Huber
Der Bamberger Hirte ...

DER SPIEGEL 8/1963
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