20.02.1963

HANDELSTAGUnsicherheit im Rücken

Anderthalb Schreibmaschinenseiten
sind erforderlich, um die 33 haupt- und ehrenamtlichen Posten des Düsseldorfer Industriellen Dr. rer. pol. Dr. med. h. c. Ernst Georg Schneider, 62, aufzuführen. Sie umfassen vom Generaldirektor, Geschäftsführer und Aufsichtsratsvorsitzenden bis hin zum Präsidenten des feudalen Industrie-Clubs in Düsseldorf und anerkannten Mäzen alle Würden, die das Boß-Dasein erst lebenswert machen.
Auch gegen das 34. Amt sperrte sich der Vielbeschäftigte nicht: Dr. Schneider wurde dieser Tage zum Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) gewählt und damit zum Nachfolger des Hamburger Bankiers
Alwin Münchmeyer bestellt, der nach fünfjähriger Amtszeit auf seine Wiederwahl verzichtet hatte.
Bevor Schneider das Präsidialamt im DIHT antrat, hatte er als Freund der Künste mehr Publicity erlangt denn in der Welt der Arbeit. Seine Tätigkeit im Aufsichtsrat des Düsseldorfer Schauspielhauses, in den Kuratorien der Nordrhein-Westfälischen Landesgalerie, des Kölner Wallraf-Richartz -Museums, des Essener Folkwang -Museums, seine Mitarbeit im Vorstand der Gesellschaft der Keramik-Freunde sowie seine Ausstellung Alt-Meißner Porzellans im Schloß Jägerhof zu Düsseldorf stachen in der Öffentlichkeit stärker hervor als sein jahrzehntelanges und nicht minder erfolgreiches Wirken in der Industrie.
Der Keramik-Freund Schneider gebietet über einen Konzern, der so unterschiedliche Branchen wie die Kosmetik -Industrie, den Stahlbau, die Kohlewirtschaft und das Bankgeschäft umfaßt.
Die in Düsseldorf ansässige Kohlensäure-Industrie AG (Kiag) dient ihm als Holdinggesellschaft, mittels derer er seinen Konzern verwaltet. Am Grundkapital der Kiag in Höhe von 15 Millionen Mark sind auch die privatisierte Preußische Bergwerks- und Hütten-AG (Preußag), eine Schweizer Finanzgruppe und die Düsseldorfer Privatbank Trinkaus beteiligt. Bei Trinkaus wiederum sitzt Schneider als Teilhaber.
Der Kiag-Holding, an der Schneider den größten Anteil hat, gehören
- die Kosmetikfirmen Odol Werke GmbH (Mundwasser und Zahnpasta "Odol") mit umfangreichen Auslandsniederlassungen sowie die Lingner Werke GmbH,
- die Agefko Kohlensäure-Werke GmbH, deren Produktion für die Mineralwasser-Herstellung und für chemisch-technische Zwecke verwendet wird, sowie
- die Stahlbaufirmen Hein, Lehmann
& Co. AG in Düsseldorf und Karlsruhe, Hilgers AG in Rheinbrohl und Neuwied sowie Steffens & Nölle AG in Berlin und Stadthagen.
Außerdem hält der kunstsinnige DIHT-Präsident eine Beteiligung an der Niederrheinischen Bergwerks-AG, deren Aufsichtsrat er vorsitzt. Unter seiner Ägide entwickelten sich die Eß - und Anthrazitkohle-Pütts zu schwarzen Perlen: Für das Geschäftsjahr 1961 schüttete das Unternehmen 20 Prozent Dividende aus, mehr als alle anderen Zechen des Ruhrpotts.
Neben seiner Tätigkeit als Geschäftsführer der Agefko und der beiden Kosmetikfirmen Odol und Lingner sitzt Schneider sowohl den Aufsichtsräten seiner drei Stahlbaufirmen als auch dem Aufsichtsratsgremium der Düsseldorfer Parkhotel AG vor. Hingegen fungiert er bei der Berliner Handels-Gesellschaft nur als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzer, und in den Aufsichtsräten der Deutschen Industriebank, der Essener Steinkohlenbergwerke AG und der Nordwestdeutschen Ausstellungs-Gesellschaft ist er nur einfaches Mitglied.
Der Aufstieg des oberhessischen
Bauernsohns zum Multimanager und Industriemillionär vollzog sich binnen vier Jahrzehnten. Im Jahre 1922, nach dem Studium der Betriebswirtschaft an der Universität Frankfurt,hatte ihn der Berliner Handelsgerichtsrat Dr. Siegfried Arndt als Direktionssekretär engagiert. Arndt gehörten außer Kohle- und Stahlfirmen auch die Dresdner Odol-Werke. Als der Inhaber wegen seiner Abstammung emigrieren mußte, übernahm sein einstiger Sekretär Schneider treuhänderisch die Verwaltung des Besitzes.
Nach dem Verlust der sächsischen Mundwasserwerke baute Treuhänder Schneider den Konzern nach dem Krieg im Westen wieder auf. Im Jahr 1955 ließ sich Senior Arndt abfinden. Um die Entschädigung aufzutreiben, mußte Schneider ("Arndts Brocken war für mich zu groß") die Banken Trinkaus und Berliner Handels-Gesellschaft als Partner in die Firma nehmen, deren zügige Expansion dem Konzernchef alsbald den Blick zu den Musen frei machte. Seine Spezialität ist Alt-Meißner Porzellan. Wenn er die Beschäftigung mit der Kunst nicht mehr hätte, so Schneider, würde ihm auch als Unternehmer nichts Vernünftiges mehr einfallen.
Mit der Präsidentschaft im DIHT übernahm Schneider ein Amt, das seinem justierten Gemüt entspricht. Die neue Tätigkeit erscheint ihm "reizvoll, weil sie eine extreme Interessenvertretung verbietet und zu einem ausgewogenen Urteil über wirtschaftliche Vorgänge zwingt".
Tatsächlich sind die Interessen der in den Handelskammern zwangsweise organisierten Gewerbetreibenden derart unterschiedlich, daß sich der DIHT so gut wie niemals als Stoßtrupp bestimmter Interessen in Handel und Industrie betätigen kann. Immerhin macht der neue Präsident kein Hehl daraus, daß er Bonns Steuer- und Haushaltspolitik für bedenklich hält.
Auch die deutsche Entwicklungshilfe-Politik kritisierte er: "Es ist dringend zu fordern, daß den aktiven Ministern verboten wird, ins Ausland zu reisen, um dort Versprechungen über Kapitalinvestitionen abzugeben, denn der Bund übernimmt nur die Garantien, die Wirtschaft aber muß das Geld geben; auf die Dauer ist dies ein unmöglicher Zustand."
Der neue Präsident ("Als Markenartikler habe ich immer das Ohr an der. Erde") glaubt bei allen seinen Unternehmerkollegen seit einiger Zeit "Unsicherheit im Rücken" entdeckt zu haben. Anläßlich seiner Amtsübernahme in Bad Godesberg forderte Schneider deshalb vor der vollzählig versammelten Kulisse aus Wirtschaft und Politik, die Bundesregierung solle zu einer planvolleren Wirtschaftspolitik übergehen. Bonn möge schnellstens eine "Bestandsaufnahme" aller ökonomischen Kräfte und Belastungen vornehmen, "damit alle wissen, wo wir stehen und was wir uns noch leisten können".
Zuhörer Ludwig Erhard, dem alles wirtschaftspolitische Plandenken liberale Seelenblähungen bereitet, zollte dem neuen Präsidenten keinen Beifall. Hingegen gefiel einem anderen Zuhörer die Kritik an Erhard recht gut: Der Bundeskanzler applaudierte.
* Der DIHT ist die Spitzenorganisation der 81 westdeutschen Industrie- und Handelskammern und geht auf den 1861 gegründeten Allgemeinen Deutschen Handelstag zurück. Der Dachverband repräsentiert die Selbstverwaltungsorgane der gewerblichen Wirtschaft und vertritt deren Interessen gegenüber Bund und Ländern.
DIHT-Präsident Schneider
Applaus vom Kanzler

DER SPIEGEL 8/1963
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