20.02.1963

ANTISEMITISMUSPrüfung geboten

Der fromme Hamburger Gelehrte
Hans-Joachim Kraus möchte unter seinen evangelischen Glaubensbrüdern die Erkenntnis verbreiten, daß niemand einen Pelz waschen kann, "ohne ihn naß zu machen".
Kraus, 44, als Alttestamentler mit Lehrstuhl im Gebrauch von biblischen und anderen Bildern geübt, bediente sich der Säuberungs-Metapher gemeinsam mit dem Berliner Soziologen Dietrich Goldschmidt, 48.
Die beiden Professoren wollen die bundesdeutschen evangelischen Christen und die ungetauften Juden nach jahrhundertelanger Zwietracht miteinander versöhnen. Der Hamburger Kraus - Vorsitzender einer kirchenoffiziösen Arbeitsgemeinschaft "Juden und Christen", der drei Dutzend renommierte Gelehrte angehören - und der Berliner Goldschmidt arbeiten seit langem an einer "gründlichen Revision überkommener Meinungen und Verhaltensweisen, ja bestimmter theologischer Überzeugungen". Sie wissen sich einig mit Kurt Scharf, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland; der oberste deutsche Protestant förderte ihr Vorhaben nach Kräften.
Die beiden Revisionisten und ihre Freunde vertreten im Gegensatz zu überkommenen evangelischen Lehrmeinungen die Ansicht, daß
- die Juden trotz der Kreuzigung Jesu
Gottes auserwähltes Volk geblieben seien und sich schon deshalb - entgegen kirchlicher Tradition - Christen und Juden eng verbunden fühlen müßten,
- die Kirche - wie es der von den
Nazis ermordete Dietrich Bonhoeffer
forderte - "den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet (ist), auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde angehören", und
- "jede Form von Judenfeindschaft ... Gottlosigkeit" sei, wie es die Kraus -Arbeitsgemeinschaft in einer Entschließung formulierte.
Der sogenannte christliche Antisemitismus, der schon im Mittelalter oft zu Pogromen geführt hatte und unter katholischen Christen zumindest bis in die nahe Vergangenheit hinein lebendig blieb, hinderte jahrhundertelang auch die evangelische Kirche daran, sich mit den Juden zu versöhnen. Vornehmlich dem Kampf gegen judenfeindliche Tendenzen in den eigenen christlichen Reihen ist deshalb ein Paperback gewidmet, das Kraus und Goldschmidt gemeinsam herausbrachten und das gegenwärtig auf dem evangelischen Büchermarkt ausgestreut wird*.
Die beiden Gelehrten, die vor allem "schonungslos gegen uns selbst ... unsere eigene (Kirchen-) Geschichte überprüfen" wollen, antworteten mit dieser Publikation auf Attacken frommer Blätter, denen sie wegen ihrer philosemitischen Thesen seit anderthalb Jahren ausgesetzt sind.
Im Juli 1961 hatten Kraus und Goldschmidt gemeinsam mit anderen gelehrten Glaubensbrüdern auf dem Evangelischen Kirchentag in Berlin erstmalig öffentlich festgestellt, der christliche Antisemitismus sei jahrhundertelang auf fast allen Kanzeln und theologischen Lehrstühlen gepflegt worden; er habe die evangelische Kirche während der NS-Zeit jahrelang daran gehindert, sich gegen die Verfolgung der Juden zu verwahren, und sei auch heute noch lebendig.
Alsbald häuften sich die Proteste der Protestanten. "Christ und Welt" unterstellte den Mitgliedern des Kraus-Kreises, sie wollten "die ganze Geschichte der christlichen Verkündigung bis heute als einen einzigen großen Holzweg" bezeichnen. In den "Lutherischen Monatsheften" eröffnete der Kieler Bischof Halfmann die Debatte darüber, ob "Israel noch heute Gottes geliebter Sohn" sei.
Einer der Geistlichen, die wie Halfmann diese Frage verneinten, protestierte in den "Monatsheften" nachträglich dagegen, daß Kraus zu der Kirchentagsdebatte auch ungetaufte Juden eingeladen hatte.
Der Hamburger Ordinarius und seine Freunde bemühten sich trotzdem weiter um theologische und kirchenhistorische Aufklärung.
Den Lesern des Kraus-Buches wird ar zahlreichen Beispielen erläutert, daß der evangelische Antisemitismus so alt ist wie der Protestantismus selbst. Bereits der alternde Luther hatte antijüdische Schriften verfaßt. So warnte er die Christen mehrmals vor dem "verworfenen, verdammten Volk der Juden" und empfahl, "daß man ihre Synagoga ... mit Feuer anstecke (und) ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre". Der Reformator hielt es darüber hinaus für zweckmäßig, "daß man (die Juden) zum Lande austreibe ... gen Jerusalem", dort sollten sie "lügen, fluchen, lästern, speien, morden, stehlen, rauben, wuchern, spotten und alle solche lästerliche Greuel treiben wie sie bei uns tun".
Jahrhundertelang herrschte unter evangelischen Theologen eine Ansicht vor, die von progressiven Geistlichen vergebens bekämpft wurde und die Alttestamentler Kraus für unbiblisch hält: Weil die Juden allein die Schuld am Tode Jesu trügen, seien sie nicht mehr Gottes auserwähltes Volk. Hingegen Kraus: "Gott hat einen ewigen Bund mit Israel geschlossen." Schuld am Tode Jesu sei die ganze Menschheit. Und: "Wer den Juden antastet, hebt die Hand auf gegen den Juden Jesus von Nazareth."
Bis in die jüngste Vergangenheit hinein wurden von angesehenen Protestanten weit stärker anti- als prosemitische Thesen vertreten. Die nationalsozialistischen Judenfeinde konnten sich deshalb auf eine Reihe christlicher Zeugnisse berufen.
In der antisemitischen Ahnengalerie stehen neben dem späten Luther und dem frühen Hegel ("Der unendliche Geist hat nicht Raum im Kerker einer Judenseele") auch Ernst Moritz Arndt ("Die Juden als Juden passen nicht in diese Welt und in diese Staaten hinein") und der Wilhelminische Hofprediger Adolf Stoecker, dessen Tiraden nach 1933 im "Stürmer" und in anderen Hetzblättern nachgedruckt wurden.
Hitler fand Judengegner allerdings auch unter reputierlichen christlichen Zeitgenossen. Dieser Teil der Kirchengeschichte war indes auf dem Kirchentag 1961 nicht eben ausführlich behandelt worden. Erst in ihrem Buch bieten Kraus und Goldschmidt als "wichtigste Ergänzung" eine Analyse des "Verhältnisses der Christen zu den Juden im Dritten Reich".
Die beiden Professoren überließen dieses Kapitel der Berliner Theologiestudentin Renate Maria Heydenreich, zu
deren Forschungsergebnissen sie sich allerdings uneingeschränkt bekennen.
Die theologisch gebildete Zeithistorikerin entdeckte, daß die evangelische Kirche bis zum Beginn der Deportationen im Jahre 1940 gegen antisemitische Maßnahmen nur Widerstand geleistet habe, wenn "sie selbst von der 'Rassengesetzgebung' betroffen wurde". Und auch die Bekennende Kirche, die sich bereits 1933 im "Pfarrernotbund" zum Widerstand gegen Hitler formiert hatte, war "anfangs noch gelähmt durch die Macht der überkommenen religiösnationalen Ideen" (Kraus).
Sogar Martin Niemöller, der Leiter des Notbundes, verheimlichte in der NS-Frühzeit nicht, daß er "von Haus aus alles andere als ein Philosemit war" (Heydenreich). Er erklärte im November 1933, das deutsche Volk habe "unter dem Einfluß des jüdischen Volkes schwer zu tragen gehabt", und regte an, Pfarrer nichtarischer Abstammung sollten auf "ein Amt im Kirchenregiment oder eine besonders hervortretende Stellung in der Volksmission" verzichten.
Immerhin verwahrte sich der spätere NS-Verfolgte gemeinsam mit den Pfarrern seines Bundes schon damals dagegen, daß die Nichtarier ihre Kirchenämter durch Gesetz verlieren sollten, Analog zu dem "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums", dessen Arier-Paragraph die Juden aus dem Beamtenheer vertrieb, sollten die Landeskirchen ein Gesetz verabschieden, demzufolge ein Nichtarier "nicht als Geistlicher oder Beamter der allgemeinen kirchlichen Verwaltung berufen werden" durfte.
Gegen die Entfernung der Juden aus den Staatsstellungen hatten die Kirchenführer nicht öffentlich protestiert. Gegen die Arisierung der Kirchenkanzeln und -kanzleien aber wehrten sich neben dem Niemöller-Bund vor allem auch die Theologen der Universität Marburg.
Andere christliche Zeitgenossen dachten anders. Der sächsische Landesbischof Coch beispielsweise erklärte dazu: "Dieses Gesetz schafft eine Atmosphäre des Vertrauens zwischen Kirche und Staat. Zur Rechtsgrundlage des neuen Staatsbeamtenrechts gehört die Zugehörigkeit zur arischen Rasse." Und die Theologische Fakultät der Universität Erlangen fertigte ein Gutachten, in dem das Gesetz gutgeheißen wurde.
Die NS-hörigen sogenannten Deutschen Christen gingen noch weiter. Sie forderten gegen Ende des Jahres 1933 im Berliner Sportpalast, die Deutschen, die jüdischer Herkunft und evangelischer Konfession seien, sollten in spezielle Gemeinden ausgesondert und später zu einer "judenchristlichen Kirche" zusammengefaßt werden.
Die sächsischen Deutschen Christen entdeckten sogar, daß die Verfolgung der Juden gottgewollt sei: Sachsens NS -Protestanten erkannten "die Forderung, die Rasse rein und gesund zu erhalten, als Gottes Gebot" an. Die damals umstrittene Frage, ob Jesus selbst Jude oder Arier gewesen war,
entschieden sie mit einem Weder-Noch: "Jesus ist nicht Träger menschlicher Art, sondern enthüllt uns in seiner Person Gottes Art."
Zwar mißbilligten Leipziger Theologieprofessoren in einem Gutachten und die Rheinische Pfarrer-Bruderschaft in einem offiziellen Einspruch diese antisemitischen Thesen. Die Theologische Fakultät der Universität Berlin aber erteilte in einer Art Obergutachten den christlichen Judengegnern "wissenschaftliche Schützenhilfe" (Heydenreich): Die Berliner Gutachter billigten die sächsischen Argumente fast ohne Einschränkung.
Die anti- und prosemitischen Protestanten, die sich damals über eine Rassenzugehörigkeit Jesu stritten, enthielten sich der Stellungnahme zu den Nürnberger Gesetzen, die am 15. September 1935 in Kraft traten. In Berlin konnten zwei der wenigen, von Anbeginn konsequenten Gegner der Judenverfolgung - der später hingerichtete Dietrich Bonhoeffer und Heinrich Vogel, der heute in Westberlin wohnt und in Ost- wie Westberlin Theologie lehrt - sogar nur mit Mühe verhindern, daß die Synode (das Parlament) der altpreußischen Unions-Kirche die Nürnberger Dekrete offiziell begrüßte. Nur einzelne mutige Theologieprofessoren und Pfarrer wagten wie Bonhoeffer und Vogel öffentliche Proteste.
Auch als in der Kristallnacht am 9./10. November 1938 fast 100 Juden ermordet, 177 Synagogen und 7500 jüdische Geschäfte zerstört wurden, schwiegen die Kirchenleitungen und fast alle Geistlichen; freilich war ihnen in jenen Tagen das Ausmaß der Ausschreitungen so wenig bekannt wie den meisten anderen Deutschen.
Sogar die NS-feindliche Bekennende Kirche hielt sich damals zurück. Sie erklärte sich einen Monat nach den Pogromen, am 10. Dezember, auf ihrem Kirchentag lediglich mit "allen Christusgläubigen aus den Juden" solidarisch; die weitaus zahlreicheren Juden mosaischen Glaubens wurden nicht erwähnt.
Erst als 1940 die Deportationen der Juden begannen und 1941 der gelbe Stern dekretiert wurde, setzte "sich in der Bekennenden Kirche die Erkenntnis durch ... daß man schon zu lange schuldhaft geschwiegen hat" (Heydenreich).
Geistiger Führer des Widerstandes wurde der württembergische Landesbischof Wurm. Der Oberhirte protestierte im Juli und im Dezember 1943 gegen die "Verfolgung und Vernichtung", der "viele Männer und Frauen im deutschen Machtbereich ohne gerichtliches Urteil unterworfen werden". Das deutsche Volk empfinde "vielfach die Leiden, die es durch die feindlichen Fliegerangriffe ertragen muß, als Vergeltung für das, was den Juden angetan worden ist".
Fünf Jahre zuvor, 1938, hatte auch Wurm die antijüdischen Maßnahmen der NS-Regierung noch gutgeheißen. Wurm damals an den Reichsjustizminister Gürtner: "Ich bestreite mit keinem Wort dem Staat das Recht, das Judentum als ein gefährliches Element zu bekämpfen. Ich habe von Jugend auf das Urteil ... über die zersetzende Wirkung des Judentums auf religiösem, sittlichem, literarischem, wirtschaftlichem und politischem Gebiet für zutreffend gehalten."
20 Jahre nach der mutigen Absage Wurms an den christlichen Antisemitismus glaubt der Hamburger Theologieprofessor Kraus, daß viele bundesdeutsche Protestanten "auch heute weithin noch völlig unverständig den Fragen gegenüberstehen".
Kraus an seine Glaubens- und Amtsbrüder: "Unter uns erhebt der Antisemitismus erneut sein Haupt." Beispielsweise seien die Religions- und Geschichtsbücher in den Schulen "immer noch durchsetzt von Ausführungen, die die Würde des Judentums antasten". Darüber hinaus werde "in der Kirche, in Unterricht und Predigt" noch immer vom jüdischen Volk der Christusmörder gesprochen. Deshalb sei eine "strenge Selbstprüfung der Kirche" geboten.
Den bundesdeutschen Christen empfiehlt Kraus eine semitische Weisheit: "Die große Schuld des Menschen ist, daß er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut."
* "Der ungekündigte Bund". Neue Begegnung von Juden und christlicher Gemeinde. Herausgegeben von Dietrich Goldschmidt und Hans-Joachim Kraus. Kreuz-Verlag, Stuttgart, 315 Seiten, 7,80 Mark.
Evangelischer Theologe Kraus
Worte für die Juden
Brennende Synagoge* (1938): Das Feuer des Hasses ...
Kirchenführer Niemöller
... von Luther geschürt?
* In Berlin, Fasanenstraße.

DER SPIEGEL 8/1963
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