20.02.1963

NACHFOLGERTod dem Bruder

Pausenlos heulten Düsenjagdflugzeuge vom sowjetischen Typ Mig 17 über das Verteidigungsministerium im Zentrum von Bagdad hinweg und belegten den Gebäudeblock mit Raketen- und Bordwaffenfeuer.
Aus den umliegenden Straßen schossen Panzer und Sturmgeschütze ihre Granaten in die Trümmer, aber die 600 Fallschirmjäger der Leibgarde des irakischen Diktators Kassim verteidigten sich verbissen gegen die angreifenden Rebellensoldaten.
Die Verteidiger gaben am Freitagabend vorletzter Woche erst auf, als sie ihre letzte Patrone verschossen hatten. Eine kleine Gruppe von Offizieren und Elitesoldaten hielt noch elf Stunden länger aus: Erst am Samstagmorgen wurde der längst totgesagte Regierungschef im Luftschutzkeller des Ministeriums aufgestöbert. Mit den Worten "Ich bin der einzige rechtmäßige Führer des Irak" ergab sich General Kassim den eindringenden Revolutionären, die ihn in sein verwüstetes Arbeitszimmer brachten.
Dort traf der überwältigte Diktator einen Mann, der früher sein treuester Freund und Waffenbruder war: Oberst Abd el-Salam Arif, 42, einstiger Revolutionsgefährte und späterer Todfeind des irakischen Führers, dem Kassim freilich noch Gnade erwiesen hatte, nachdem Arif versuchte, ihn zu ermorden.
Sieger Arif zeigte nicht dieselbe Großzügigkeit. Anderthalb Stunden lang feilschte Kassim vergebens um sein Leben. Ein eilig zusammengestelltes Standgericht hielt dem gefesselten Diktator eine lange Liste mit Namen von Offizieren und Politikern vor die Augen, die während seiner viereinhalbjährigen Herrschaft hingerichtet worden waren.
"Warum haben Sie diese Männer ermordet?" wurde Kassim gefragt. Er schwieg, und das Offizierstribunal verurteilte ihn zum Tode.
In einem Nebenraum setzten Soldaten den abgeurteilten Führer und drei seiner engsten Mitarbeiter auf ein Sofa, dann bellten ein paar kurze Feuerstöße aus Maschinenpistolen durch den Raum, und am 15. Ramadan des islamischen Jahres 1382 - am 9. Februar 1963, um 15.30 Uhr - meldete Radio Bagdad die Hinrichtung des "Verbrechers Kassim". Die Leiche wurde später auf Befehl des neuen Machthabers Arif im Fernsehen gezeigt.
"Ein klassisches Beispiel der Selbstzerstörung einer Revolution", schrieb dazu die Londoner "Times".
Denn: Vor viereinhalb Jahren hatten die seit ihrer Kadettenzeit an der britischen Militärakademie in Bagdad unzertrennlichen Offiziere Kassim und Arif - sie nannten sich "Brüder" - gemeinsam der Haschemiten-Dynastie ein blutiges Ende bereitet. Arif stürmte damals mit der 19. Armeebrigade als Stoßtruppführer der Revolution, die Kassim an die Macht brachte, den Königspalast. Der neue Herrscher belohnte seinen kleinen Bruder" mit dem Posten eines stellvertretenden Ministerpräsidenten und Innenministers.
Schon bald danach trennten sich indes die Wege der beiden Revolutionshelden. Arif suchte Anschluß an sein Idol, den ägyptischen Diktator Nasser, Kassim hingegen wollte die Geschicke des Iraks unabhängig von Kairo lenken.
Nach einem monatelangen Machtkampf setzte Kassim seinen rebellischen Mitstreiter, der bereits offen gegen ihn konspirierte, ab und ernannte ihn zum Botschafter in der fernen Bundesrepublik Deutschland, die der Oberst von
einem zweimonatigen Gastaufenthalt bei der 6. britischen Brigade her kannte.
Der Oberst wollte sich freilich nicht so billig geschlagen geben: Er zog gegen den Regierungschef den Revolver, und Kassim verdankte es nur seinem Adjutanten, dem kommunistischen Oberstleutnant Wasfi Tahir, daß er mit dem Leben davonkam.
Dennoch verzieh der Diktator seinem
Waffengefährten von früher, und als Arif nach Deutschland abflog, verabschiedeten sich die beiden Rivalen auf dem Flugplatz mit einem öffentlichen Bruderkuß.
In Bonn wartete man freilich vergebens auf Arif. Der entmachtete Revolutionär verließ die Maschine in München, verwandelte sich in einen Touristen und flog nach Brüssel und dann über Wien und Rom nach Kairo, wo er mit Hilfe seines Gönners Nasser eine Erhebung gegen Kassim vorbereitete.
Als aus Bagdad ein Telegramm eintraf, daß alles bereit sei und man auf ihn, "den wahren Führer aller Iraker", warte, zögerte Arif keine Minute. Er tappte jedoch in eine Falle: Auf dem Flugplatz wartete bereits die Geheimpolizei Kassims, die den Heimkehrer gefesselt ins Gefängnis brachte.
Während der rebellische Offizier sich sicher und unbeobachtet gewähnt hatte, war er in Wahrheit stets vom sowjetischen Geheimdienst beschattet worden, der über die Bagdader Sowjet-Botschaft Kassim über jeden Schritt des Widersachers unterrichtete.
Die Sowjets waren an einem ihnen freundlich gesinnten Gegenspieler Nassers im Nahen Osten interessiert und lieferten Arif ans Messer, weil sie seinen panarabischen Plänen mißtrauten.
Im Dezember 1958 begann vor dem kommunistisch beherrschten Volksgerichtshof in Bagdad der Schauprozeß gegen Arif und seine nationalistischen Mitverschwörer. Die Anklage lautete auf Hochverrat und Mordversuch an Kassim. Leidenschaftlich verteidigte sich der mit den übrigen Beschuldigten in einen überdimensionalen Holzkäfig eingeschlossene Arif gegen den Mordvorwurf: "Wie hätte ich daran denken können", klagte er, "meinen großen Bruder zu töten. Ich wollte mich damals selbst entleiben."
Volksrichter Mahdawi, Schwager Kassims und Kommunist, ließ sich, indes von solchen Beteuerungen nicht beeindrucken: Er verurteilte Arif zum Tode.
Während die Mitverurteilten unverzüglich an die Wand gestellt wurden, ließ die Vollstreckung des Urteils gegen den Hauptschuldigen jedoch auf sich warten.
Kassim vergaß Arif die einstige Waffenbrüderschaft nicht und setzte das Urteil zuerst auf 20 Jahre Kerker herab; nach 38monatiger Haft wurde der Rebell schließlich am 24. November 1961 entlassen. Überschwenglich bedankte sich der von Kassim noch mit einer Staatspension versehene Arif damals bei seinem "Führer und Bruder". Kassim aber begründete seine Haltung mit den Worten: "Wenn ich Arif hätte töten lassen, wäre ich des Brudermords schuldig geworden."
Der hitzköpfige Arif, Sohn eines islamischen Geistlichen, scheute freilich solche Schuld nicht, als Ende vorletzter Woche die Rollen vertauscht waren. Er ließ nicht nur Kassim, sondern auch dessen Schwager Mahdawi, seinen einstigen Richter, erschießen und rächte sich grausam auch an jenen Kräften, die seinerzeit den Putsch gegen Kassim vereitelt hatten.
"Vernichtet die Kommunisten", rief Radio Bagdad nach dem geglückten Staatsstreich. Dieser Aufruf führte nach dem Urteil der israelischen Zeitung "Maariv" in der vergangenen Woche "zum grausamsten Blutbad, das sich in den letzten Jahren im Nahen Osten ereignete". Allein in Bagdad und in Basra wurden mehrere Tausend als Kommunisten bekannte oder verdächtigte Iraker
vom Mob ermordet.
Revolutionsheld Arif
Der Freund flehte vergebens

DER SPIEGEL 8/1963
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