20.02.1963

ARMER KLEINER IWAN IWANOWITSCH

Vor zwei Jahren reiste der sowjetische Schriftsteller und Stalinpreisträger Viktor Nekrassow 14 Tage lang durch die Vereinigten Staaten, doch erst jetzt wurde in der literarischen Monatszeitschrift "Nowy Mir" sein Reisetagebuch veröffentlicht. Seine unorthodoxe Beschreibung Amerikas forderte den Protest der parteitreuen Moskauer Presse heraus. Man warf dem Dichter "Oberflächlichkeit", "unwahre Verallgemeinerungen", "Versöhnlertum" und "bourgeoisen Objektivismus" vor. Besonders die zahlreichen Parallelen zwischen dem Glanz und Luxus, der Weltoffenheit und Liberalität der amerikanischen Wohlstandsgesellschaft und der muffigen Enge, der Borniertheit und dem Spießertum der Sowjetkultur wurden ihm übelgenommen. "Wie kann es ein Sowjetschriftsteller nur fertigbringen", urteilte das sowjetische Regierungsorgan "Iswestija", "die frappierenden sozialen Gegensätze und Klassenwidersprüche in Amerika sowie die von den imperialistischen Kreisen entfachte Kriegshysterie zu übersehen." Dem amerikanischen Tagebuch des sowjetischen Entdeckungsreisenden Nekrassow ist der folgende Auszug entnommen.
Am 2. November 1960 um 21 Uhr 30 New Yorker Zeit betrat ich zum erstenmal amerikanischen Boden, genauer gesagt: den Beton des internationalen Flughafens Idlewild.
Nachts blickte ich aus dem Fenster des 12. Stockwerks des Governor-Clinton-Hotels auf den Pennsylvania-Bahnhof zu meinen Füßen, auf die strahlende Leuchtreklame des Wolkenkratzers, in dem die Redaktion des "New Yorker" untergebracht ist, und wollte immer noch nicht meinen Augen trauen: War ich wirklich in Amerika?
Ich sehe tausend Fragen voraus. Ist es wahr, daß der Ku-Klux-Klan jedermann terrorisiert? Ist es wahr, daß alle sechs Minuten in New York ein Verbrechen geschieht? Daß auf jeden Amerikaner ein viertel Auto entfällt? Daß ... Nein, ich werde auf keine dieser Fragen eingehen, sondern nur das berichten, was ich mit eigenen Augen gesehen habe.
Unsere Intourist-Reisegruppe bestand aus 20 Personen: Lehrer, Journalisten, Ingenieure. Jeder zahlte ein rundes Sümmchen, und dafür schleppte man ihn 14 Tage lang in Eisenbahnzügen und Autobus-Ungetümen durch die Nord -Nordost-Staaten.
Sehr vieles an Amerika hat mich tief beeindruckt, obschon ich auf manches, was ich gesehen habe - die Wolkenkratzer, die Fülle der Autos, die Lichter des Broadway und die kilogrammschweren Sonntagsausgaben der Zeitungen -, vorbereitet war. Aber eben dies - die gigantischen Häuser, die gigantischen Städte, die das ganze Land überziehenden Straßen mit den Tausenden und aber Tausenden von Autos, die zwanzigstöckigen Kaufhäuser, die Orgien der Leuchtreklamen, der berühmte amerikanische Service -, das alles, dieser äußere Reichtum und Überfluß erdrückt einen schier und erschwert es zunächst, den Dingen auf den Grund zu gehen.
Der Leiter unserer Reisegruppe war - nennen wir ihn so - ein gewisser Iwan Iwanowitsch, ein prächtiger Bursche, doch offensichtlich von Kindesbeinen an verängstigt.
Am meisten fürchtete er irgendwelche Abweichungen vom Reiseprogramm. Alle Augenblicke zählte er uns aufgeregt wie Küken. Und am schlimmsten war es für ihn, wenn einer sagte: "Ich möchte nicht in die Nationalgalerie, ich möchte ins Guggenheim-Museum oder einfach auf dem Broadway spazierengehen." Dieses "Einfach spazierengehen", das war es, was ihn besonders erschreckte.
Gleich am ersten Tag in New York, nach dem Besuch des Uno-Gebäudes, berief Iwan Iwanowitsch eine Versammlung unserer Reisegruppe ein und hielt den ersten Schulungsvortrag. Es war eine Ansprache über die Disziplin, die Aufgaben und Pflichten eines kleinen sowjetischen Kollektivs auf fremdem Boden. Er kritisierte, daß wir uns beim Essen verspätet und, getrennt vom Kollektiv, ein Taxi benutzt hätten. Das dürfe nicht mehr vorkommen. Andernfalls er entsprechende Maßnahmen ergreifen müsse. Welche, sagte er freilich nicht.
Und der Grund für unsere Verspätung? Bei einem ersten Bummel zu dritt
über den Broadway hatten wir uns von der Kinoreklame für Elvis Presley, das amerikanische Teenager-Idol, verführen lassen und waren in den Film gegangen. Das Vergnügen kostete uns einen Dollar und die Strafpredigt auf den Stufen des Uno-Palastes.
Wie Schulbuben standen wir vor dem riesigen Gebäude und hörten ihn stumm an. Dann begannen die Angeschuldigten, sich zu rechtfertigen. Die streitenden Stimmen tönten immer lauter. Armer, armer Iwan Iwanowitsch. Irgendwie konnte ich ihn ja noch verstehen. Er tat mir sogar leid. Schließlich war er für uns alle verantwortlich. Wir kannten uns kaum 24 Stunden und waren nicht bei uns daheim, sondern in der Stadt des Gelben Teufels, wo es
Gangster gibt und Polizei und den FBI. Wie soll man da nicht Mitgefühl haben.
Freilich vergaß unser lieber, guter Iwan Iwanowitsch eines, daß die Menschen nach Kontakten mit uns Sowjetmenschen begierig sind und daß wir kein Recht haben, uns künstlich abzukapseln. Unnötige Vorsicht - nennen wir es einmal so - bringt die Menschen einander nicht näher, sondern auseinander.
Und dennoch: Trotz der strengen Vorschriften und Anordnungen gelang es uns, manches über Amerika zu erfahren. Nicht sehr viel, aber immerhin.
Ins Kino sind wir nicht mehr gegangen. Und doch erhielten wir davon einen Begriff durch die in unseren Hotelzimmern aufgestellten Fernsehapparate, die auf 11 Kanälen 22 Stunden lang in Betrieb sind. Und wie da gerauft wurde! In den Bars und auf den Straßen, in Zügen und Luxushotels, auf See, unter der Erde und in der Luft - mit umgestürzten Tischen, Schränken, mit Strömen von Blut und einer solchen Menge von Schüssen, daß es mir noch 14 Tage nach meiner Heimkehr in den Ohren dröhnte.
Schade nur, daß immer im entscheidendsten und spannendsten Augenblick auf dem Bildschirm eine hübsche junge Dame erscheint, die ziemlich lange ihren Kopf mit einer besonderen Seife wäscht, oder ein Liebespaar am Ufer eines schönen Sees, das sich um keinen Preis küssen will, solange der junge Mann nicht eine entsprechende Pille gegen üblen Mundgeruch zu sich genommen hat.
Von solchen und ähnlichen Szenen wird jeder Film, jedes Programm alle zehn Minuten unterbrochen. Das ist die Reklame, von der die Fernsehgesellschaft lebt. Und, stellen Sie sich vor, das funktioniert. Sogar wir kauften zu guter Letzt alle die angepriesenen Wundertabletten gegen Kopfschmerzen, obschon ich an jenem Gebrechen keineswegs leide.
Übrigens, im Ernst, der Fernsehapparat ist eine Plage - nicht nur in Amerika. Bei uns gibt es keine Raufereien und keine Catcher-Kämpfe. Aber bei uns gibt es etwas anderes. Tödliche Langeweile durch endlose Diskussionen und Laienaufführungen, die einander gleichen wie ein Ei dem anderen. Vielleicht ist das auch im Interesse der Planerfüllung des Fernsehstudios nötig. Doch sich das auch noch anzusehen, ist einfach zuviel verlangt.
Zwei Wochen in den Autobussen der American Express Company ... Museen, Museen, Museen... Und keine Menschen! Dabei möchte man sehen, wie
die Amerikaner leben, was sie tun und denken.
Am dritten oder vierten Tag unserer Amerika-Reise brach einer unserer nicht sehr intelligenten Journalisten in die Klage aus: "Wann kriegen wir endlich die Slums zu sehen? Was soll man denn da schreiben - alles ist so unproblematisch, sauber und komfortabel ..."
Jener Zeitungsmann aus Kiew startete, kaum zu Hause angelangt, eine Vortragsreihe. In der ganzen Stadt hingen Plakate aus. Ich ging in einen dieser Vorträge.
Unser Freund sprach sehr ausführlich von den Slums, der Arbeitslosigkeit, der Armut, den New Yorker Straßen, in denen es niemals hell wird, den schweren Arbeitsbedingungen, teuren Wohnungen, niedrigen Löhnen und Streiks. Er wurde nach den Preisen gefragt und antwortete, daß er sich dafür nicht interessiert habe. Im Saal kam Unruhe auf, einige lachten. Ich aber schämte mich.
In den zwei Wochen meines Amerika -Aufenthaltes habe ich mich mit keinem einzigen Amerikaner anfreunden können. Und das bei der amerikanischen Umgänglichkeit und Unkompliziertheit!
Also gilt es, sich an das zu halten, was mir leichter zugänglich war, und die Amerikaner, ihren Geschmack, ihre Sympathien und Antipathien indirekt zu beschreiben. Das ergibt dann kein sehr genaues und klares Bild, eher eine Art Lichtreflex. Doch das ist nun einmal so.
Einer dieser "Reflexe" ist zweifellos die Kunst. Bei uns gibt es den weitverbreiteten Irrtum, daß die abstrakte und überhaupt die sogenannte "linke" Kunst in Amerika in hohem Ansehen stünde. Das ist keineswegs so. Die große Masse der Amerikaner mag eine solche Kunst nicht. Sie liebt das Ähnliche" ...
Am letzten Abend in New York. Ich sitze allein, am Rande von New York, in einer Vorstadtbar. Ein Mann in einer Lederjoppe setzt sich zu mir an den Tisch. Schweigend trinken wir unser Bier und rauchen. Plötzlich blickt er erstaunt auf. "Bjelomor?" fragt er, und seine Augen deuten auf den Zigarettenrest im Aschenbecher. "Bjelomor", sage ich und ziehe eine Packung aus der Tasche.
"Leutnant Patrick Stanley", sagt der Mann in der Lederjoppe. "Fliegende Festungen". Bordfunker. Flugplatz Poltawa. Es stellt sich heraus, daß wir Kriegskameraden sind. Du in der Luft und ich auf der Erde. Und jetzt sitzen wir zusammen und trinken Bier. Ihr habt gutes Bier, und stark ist es. Und kalt. Warum lachst du? Du trinkst lieber Wodka? Gut so. Und wo hast du das gelernt? Bei uns natürlich. Im Lazarett? Nein, im Lazarett habt ihr Spiritus getrunken, den die Schwestern besorgt haben. Du kannst es ruhig zugeben. Ich war auch im Lazarett und weiß Bescheid.
Patrick Stanley ... "Fliegende Festungen" ... Bordfunker ... Wie schade, daß unsere Begegnung nicht zustande kam, daß ich mir diese ganze Geschichte ausgedacht habe. Das mit der Vorstadtbar und den Zigaretten "Bjelomor". Es gab keine Vorstadtbar und keinen Patrick. Es gab nur den Wunsch, daß es so hätte sein können.
Amerika-Tourist Nekrassow
In der Stadt des Gelben Teufels
Von Viktor Nekrassow

DER SPIEGEL 8/1963
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