20.02.1963

FERNSEHEN / ZWEITES PROGRAMMDie Mainzelmännchen

Am 1. April, 19.30 Uhr, soll dem deutschen Volk ein Licht aufgehen. Im schummerigen Schatten der Fernsehstuben leuchtet auf: das neue Zweite Programm.
Von dieser historischen Dämmerstunde an werden die Fernseher zwischen zwei voneinander unabhängigen TV-Programmen wählen können, zwischen
- dem jetzigen Ersten Programm, das
von den Sendern der "Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten" (ARD) ausgestrahlt wird, und
- dem Zweiten Programm aus Mainz,
das allein vom "Zweiten Deutschen Fernsehen" (ZDF) bestritten wird.
Was der Bundesbürger bislang als Zweites Programm empfängt, stammt von den gleichen Rundfunkanstalten, die ihm das Erste Programm ins Heim strahlen. Ende nächsten Monats jedoch wird das zweite ARD-Programm verschwinden. Auf seinem Kanal sendet dann Mainz.
Zwei miteinander wetteifernde TV-Programme - das gab's noch nie in Deutschland. Im Gegensatz beispielsweise zu den USA, wo mancherorts neun verschiedene Unterhaltungs-Programme eingeschaltet werden können (so in New York), mußten sich die deutschen Fernseher mit dem begnügen, was die etablierten Rundfunkanstalten gemeinsam in die Röhre schickten. Belebende Konkurrenz blieb der ARD erspart.
Konrad Adenauer wollte, auf seine Weise, diesem Zustand zwar schon vor drei Jahren abhelfen. Zusammen mit dem damaligen Justizminister Schäffer gründete er die "Deutschland-Fernsehen GmbH", unter deren Obhut private Wirtschaftsgruppen ("Freies Fernsehen GmbH") ein Fernsehprogramm erstellen sollten. Aber das Kanzler -Fernsehen entpuppte sich als verfassungswidrig (SPIEGEL 11/1961); das "Freie Fernsehen" ging in Liquidation; Bonn mußte das gescheiterte Fernseh-Experiment mit 35 Millionen Mark bezahlen.
Sieger der Bildschirm-Bataille blieben die Bundesländer, die - vom Verfassungsgericht ausdrücklich legitimiert
- nun ihrerseits ein neues Fernsehprogramm aufzuziehen beschlossen. Durch einen Staatsvertrag, dem sich nach einigem Zögern selbst das nach bodenständigem TV gelüstende Bayern anschloß, gründeten sie das "Zweite Deutsche Fernsehen" als zentrale Institution mit dem Sitz in Mainz.
Die Länderchefs fühlten sich dabei lediglich als "Hebammen", wie der evangelische Pressedienst "Kirche und Fernsehen" unlängst rekapitulierte. Als das "Kind geboren" war, ließen sie
wissen, es müsse sich nun "selbst behaupten". So war kaum verwunderlich, daß das Bildschirm-Baby bald unter Mangelkrankheiten litt, namentlich
- unter einem politischen Proporz -Fieber, das die im aufsichtführenden Fernsehrat dutzendweise vertretenen Interessentengruppen zu schüren wußten*: Die Folgen reichten von der Besetzung der leitenden Posten (Intendant: CDU, Chefredakteur: CDU-nahe, Programmdirektor: SPD) bis zu dem Eifer von Fernsehräten, die vor kurzem - bei einem Probeprogramm - mit der Stoppuhr in der Hand festzustellen suchten, "ob die von ihnen repräsentierten Organisationen auch jeden Tag 'proporzgerecht' zum Zuge kämen" ("Die Zeit");
- unter Geldknappheit: Die Mainzer
Anstalt soll sich finanzieren aus einem Anteil von 30 Prozent der Fernsehgebühren (nach Abzug der Postleitungsgebühren) sowie den Einkünften aus Werbesendungen (täglich bis zu zwölf Minuten zwischen 18.40 Uhr und 20.00 Uhr, bei einem Minutenpreis von 24 000 Mark) was keineswegs ausreicht, die gewaltigen Investitionen während der Aufbaujahre zu decken;
- unter dem Handikap, daß nur ein
Teil der Bundesbürger das ZDF -Programm empfangen kann: Nach Angaben der Bundespost erreichen zwar die Sender des zweiten ARD-Programms, die künftig Mainz zur Verfügung stehen, 80 Prozent des Bundesgebiets, doch besitzen nur schätzungsweise 60 Prozent der deutschen Fernseher überhaupt Geräte, mit denen sie das Zweite Programm empfangen können - abgesehen davon, daß sie es vielerorts in technisch mangelhafter Qualität erspähen.
Aber auch ungeachtet solcher Widrigkeiten sah sich der katholische Pädagoge Karl Johannes Holzamer (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 60), nach langwierigem Proporz-Puzzle am 12. März vergangenen Jahres zum ZDF-Intendanten gewählt, einer schwierigen Aufgabe gegenüber. Es galt, binnen kurzem zu bewerkstelligen, wozu die ARD-Fernsehanstalten bei organischem .Wachstum rund ein Jahrzehnt gebraucht hatten: einen funktionstüchtigen Sendebetrieb mit langfristiger Programmplanung aufzubauen.
Welches Vorbereitungspensum zu bewältigen war, erhellt daraus, daß das ZDF in Mainz beispielsweise in einem Jahr 468 Unterhaltungssendungen mit insgesamt 15 600 Sendeminuten bestreiten will - das entspricht mehr als dem gesamten Sendeanteil des Hessischen Rundfunks, Süddeutschen Rundfunks und Südwestfunks am ARD-Gemeinschaftsprogramm.
"Wir brauchen Pioniere", sprach deshalb der Pädagoge Holzamer, und sein Ruf verhallte nicht ungehört in den Funkhäusern: Vom Süddeutschen Rundfunk erstand das Mainzest Fernsehen seinen Chefredakteur Wolf Dietrich, den Leiter des Studios Berlin, Hans W. Schwarze, und den Abteilungsleiter für aktuelle Magazin-Sendungen, Heinz Metlitzky; vom Sender Freies Berlin den Chef der ZDF-Tagesschau, Rudolf Radke; vom Norddeutschen Rundfunk der Leiter des Landesbüros Hamburg, Eberhard Freudenberg.
Der Saarländische Rundfunk verhalf dem Intendanten zu seinem persönlichen Referenten, Dieter Stolte; vom Hessischen Rundfunk kam der innenpolitische Ressortchef in der Hauptabteilung "Politik und Zeitgeschehen", Volker von Hagen; der Leiter dieser Hauptabteilung, Hans Herbert Westermann, war zuvor Chefredakteur bei Radio Bremen gewesen.
Vom Westdeutschen Rundfunk erstand Holzamer den ZDF-Korrespondenten für Washington, Claus Harpprecht, sowie den technischen Direktor des Mainzer Fernsehens, Rudolf Kaiser; vom Bayrischen Rundfunk den Leiter des Münchner ZDF-Landesbüros, Wolf Posselt.
Vom Südwestfunk schließlich fanden sich so viele Fernsehleute ein, daß in den Funkhäusern der Spruch kursierte: "Mainzer Fernsehen - der beste Südwestfunk, den es je gab". Aus Baden -Baden bezog das Zweite Deutsche Fernsehen seinen Programmdirektor, Ulrich Grahlmann, dessen Steilvertreter Wolfgang Brobeil, den Leiter, der Abteilung Kleinkunst und Kabarett, Guy Walter, und den Pariser-Büro-Chef, Dieter Wolff.
Sogar der Regierungsrat Werner vom rheinland-pfälzischen Rechnungshof, der die Geschäfte des Südwestfunks zu überprüfen hatte, und dessen Aufgabe es mithin auch geworden wäre, alljährlich den Haushalt des Mainzer Fernsehens zu durchleuchten, wurde vom aufstrebenden Fernsehen in Mainz einkassiert: Werner ist jetzt angestellter Revisionär beim ZDF.
Manche ARD-Funkhäuser verloren auf einen Schlag bis zu 80 Redakteure, Techniker und Sekretärinnen. Der Stuttgarter Intendant Bausch klagte, die ARD-Sender hätten Hunderte von Mitarbeitern verloren; weitere 50 freie Mitarbeiter würden nach Mainz abwandern.
Holzamers Pioniere, von den ortsansässigen Karnevalisten bald als "Mainzelmännchen" eingestuft (Holzamer: "Da sind wir auch dafür"), machten sich flugs an die Arbeit. Sie kauften dutzendweise alte wie neue Filme auf, nahmen Bunte Abende auf Band, gaben Opernkompositionen in Auftrag. Dokumentarserien und Fernsehspiele wurden bei sogenannten freien Produzenten bestellt, deren Produkte für absehbare Zeit den Großteil (80 Prozent) des Mainzer Programms ausmachen werden.
Vom verblichenen "Freien Fernsehen" übernahm das ZDF für zehn Millionen Mark TV-Konserven, so daß die Mainzer Anstalt in den ARD-Funkhäusern bald spöttisch als "Müllschlukker" figurierte. Tatsächlich ist die große Masse der Bildschirmkonserven nicht mehr frisch. Allenfalls ein Drittel der konservierten 18 000 Sendeminuten, so erklärt Holzamer, sei noch verwertbar.
Wie morsch die Hinterlassenschaften des "Freien Fernsehens" mittlerweile geworden waren, mußten ZDF-Kamera -Teams erfahren, die im vergangenen Jahr auf dem Deutschen Katholikentag in Hannover Archivaufnahmen kurbelten. Das übernommene Rohfilmmaterial war kaum noch brauchbar. Tagesschau-Chef Radke: "Höchstens alle 40 Meter war da ein Katholik zu sehen."
Als das Jahr 1962 zu Ende ging, hatte die Anstalt genau 1037 Mitarbeiter (April-Ziel: 1800) angeheuert, für rund
1,4 Millionen Mark Schreib- und andere Büromaschinen eingekauft, Autos für rund eine Million Mark erstanden, bereits eine Viertelmillion Mark für Post, Telegramm- und Telephongebühren ausgegeben. Die Sitzungen der Aufsichtsorgane - Fernseh- und Verwaltungsrat - hatten eine halbe Million Mark gekostet. Und jeder der 66 Fernseh- und neun Verwaltungsräte hatte auf Wunsch einen Fernsehempfänger, einen Radioapparat und ein Tonbandgerät gratis ins Haus geliefert bekommen.
Die Mainzer Fernsehanstalt hat derweil noch nicht einmal eine feste Heimstatt. Ihre 400 Büroräume verteilen sich auf acht Gebäude im ganzen Stadtgebiet. In Mainz selbst verfügt sie nicht über einen einzigen Quadratmeter Studioraum. Zwar will das ZDF eines Tages eine Fernsehstadt bauen, die sich in der Größenordnung mit dem Studiogelände der BBC in London messen können soll, aber bis jetzt ist noch nicht einmal der Baugrund gefunden worden.
So dient ein Barackenkomplex in Eschborn bei Frankfurt, der einst für das "Freie Fernsehen" errichtet wurde, als provisorisches Sendezentrum (bis im benachbarten Wiesbaden die Studios der Taunus Film GmbH bezogen werden können, wo man sich mit rund zwei Millionen Mark Umbaukostenvorschuß vorsorglich eingemietet hat). In dem als "Telesibirsk" verrufenen Lager von
Eschborn proben die 70 Mitarbeiter der ZDF-Tagesschau seit dem 15. Januar ihre allabendliche Nachrichtensendung - "heiß", mit kurzgeschlossenem TV -Kabel. Für die Kamera-Arbeit stehen ihnen zwei ehemalige Ställe zur Verfügung, die zu Studios von 170 bis 180 Quadratmeter Größe ausgebaut wurden.
Mit dem Reportage-Training hatten die Mainzer Tagesschauer schon im vergangenen Jahr begonnen. Anfang November fuhr ein frisch ausgerüstetes Radke-Team zu den Nationalratswahlen nach Österreich. Anläßlich der Notstands-Debatte im Bundestag hielten ZDF-Leute in Bonn ein Gespräch mit Vertretern der drei Bundestagsparteien im Bild fest. ZDF-Leute filmten die Rückkehr Adenauers aus Paris, die Heimkehr Eugen Gerstenmaiers aus
Italien, die Ankunft des Entwicklungsministers Scheel aus Syrien.
Mitunter erfuhren die Gefilmten gar nicht, daß sie sich einer Anstalt präsentierten, die noch kein Programm ausstrahlte; so erging es etwa dem stellvertretenden amerikanischen Außenminister G. W. Ball, der dem Zweiten Deutschen Fernsehen auf dem Rhein -Main-Flughafen in Frankfurt unlängst ein Interview gab. Und in der letzten Woche kurbelten die ZDF-Leute probeweise die Verleihung des "Gartenzwergs wider den tierischen Ernst" im Hamburger Rathaus.
In Hamburg, Berlin, Bonn und München eröffneten die Mainzer Anfang des Jahres große Fernsehstützpunkte mit 50köpfigen Mitarbeiterstäben. Hamburg beispielsweise dient als Einspielstützpunkt für den gesamten norddeutschen Raum, wobei die Büros in Kiel, Hannover oder Bremen mit zwei bis drei Redakteuren bestückt sind.
Aber: "Das Geld reicht noch nicht aus, um auch in so wichtigen Städten wie Düsseldorf und Stuttgart Einspielstützpunkte zu errichten", erklärt Chefredakteur Dietrich. "Fünf oder sechs Mann müssen es jetzt in Düsseldorf mit dem Westdeutschen und in Stuttgart mit dem gesamten Süddeutschen Rundfunk aufnehmen."
Und: Den fast 200 Kamera-Teams der Rundfunkanstalten wird das Zweite Deutsche Fernsehen nur etwa 70 Teams entgegensetzen können.
Genau das ist die Malaise, der sich die Mainzer Anstalt gegenübersieht, noch ehe sie mit ihrem Programm begonnen hat: Unter dem Zwang, einen riesigen technischen Apparat aufzubauen (Investitionen 1962: 25 Millionen Mark), zugleich aber ein schlagkräftiges Konkurrenz-Programm zu offerieren, ist Mainz in Geldnot geraten.
Schon im vergangenen Jahr wies das ZDF-Budget (74,9 Millionen Mark) 9,7 Millionen-Mark Schulden auf; in diesem Jahr dürften es mindestens 30 Millionen werden.
90 Millionen Mark Fernsehgebühren etwa kann das ZDF 1963 erwarten aber mindestens 170 Millionen Mark werden insgesamt benötigt. Schon jetzt steht fest, daß sich das Loch mit den Werbeeinnahmen nicht stopfen lassen wird. Die werbende Wirtschaft hat bisher nur zurückhaltend in Mainz gebucht. Der Leiter des Mainzer Werbefernsehens, Horst Buckwitz: "Die Aufträge kommen nicht in Massen, aber laufend." In einem Fernseh-Informationsdienst heißt es: "Ursprünglich hatten Optimisten auf rund 50 Millionen Mark Gewinn (aus dem Werbegeschäft) für dieses Jahr gehofft. Jetzt ist man in der Kalkulation schon bei bescheidenen 20 Millionen angelangt."
Das aber würde bedeuten, daß die Premiere der Mainzer Anstalt am 1. April der Auftakt zu einem gigantischen Sparprogramm werden müßte. Tatsächlich mußte Chefredakteur Dietrich bereits auf die Einrichtung von Korrespondentenposten in Brüssel und Rom verzichten. Und Programmdirektor Grahlmann sah sich genötigt, zur Einsparung von 30 Millionen Mark zahlreiche Projekte aufzugeben. Er strich eine allwöchentlich für Dienstag vorgesehene Unterhaltungssendung und mußte auch ein rundes Drittel der ursprünglich eingeplanten Fernsehspiele durch Filme ersetzen. Grahlmann: "Mit dem Geld reicht es hinten und vorne nicht."
Grahlmann weiß die beklemmende Verstrickung, in der sich die Mainzer Anstalt befindet, präzise zu umschreiben: "Um ein gutes Programm zu machen, müssen wir uns notgedrungen durch Werbung finanzieren. Um aber Werbung zu bekommen, müssen wir erst einmal ein gutes Programm machen. Die Katze beißt sich in den Schwanz."
Branchenkundige vermuten denn auch, daß die Bundesländer - nach einer Zurechtweisung in "Kirche und Fernsehen" "nicht die Hebammen, sondern die Väter der neuen Anstalt" - ihrem gefährdeten Zögling helfen müssen: durch "nachträgliche Starthilfe".
* Der 66köpfige Mainzer Fernsehrat setzt
sich zusammen aus elf Vertretern der Bundesländer, drei Vertretern des Bundes, zwölf Vertretern der Parteien, je zwei Vertretern der katholischen und evangelischen Kirche sowie einem Vertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland, ferner aus 25 Mitgliedern verschiedener Verbände und Organisationen (zum Beispiel: Gewerkschaften, Arbeitgeber, Landwirtschaft, Handwerk, wohlfahrt, Sport, Vertriebene, Familien- und Jugend-Organisationen) sowie zehn Mitgliedern aus dem Kreis freier Berufe, aus Kunst und Wissenschaft.
ZDF-Kennzeichen
Ein neues Programm ...
... aus den Baracken von Telesibirsk: ZDF-Sendezentrum in Eschborn
Kölnische Rundschau
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