20.02.1963

LEBENSHILFE UND ZWECKFREIE SINNENFREUDE

SPIEGEL: Herr Professor Holzamer, das Zweite Deutsche Fernsehen hat bekanntgegeben, daß sein Programm am 1. April beginnen soll. Ist das ein Aprilscherz?
HOLZAMER: Wir hoffen, daß es kein Aprilscherz in dem Sinne wird, daß man sich darüber negativ belustigt. Aber andererseits ist natürlich das Thema des 1. April für das Unterhaltungsprogramm, das dann starten soll, mit maßgeblich; das geht gar nicht anders. Also wir wollen keine pathetische, feierliche Eröffnung machen, sondern ...
SPIEGEL: ... keine "Zauberflöte"? ...
HOLZAMER: ... nein, sondern gleich in den Tag hineinspringen mit einem Unterhaltungsprogramm, und da ist natürlich der 1. April mit Thema. Wir wollen es eröffnen mit dem "Vorspiel auf dem Theater". Aber dieses "Vorspiel auf dem Theater" nun nicht in einer, wie ich eben schon sagte, feierlichen Weise, sondern mit hineinbezogen in den ganzen Vorbereitungswirbel, den der Theaterdirektor alias Intendant mit allen seinen Mitarbeitern hier im Hause selbst hatte.
SPIEGEL: "Vorspiel auf dem Theater", aber in heiterer, lockerer Form. Kann man diese Mischung - Goethe am 1. April - vielleicht als richtungweisend für das ganze Zweite Programm ansehen?
HOLZAMER: Das ist vielleicht etwas weit oder zu tief gefaßt. Andererseits ist der mit dem Auge die Welt beobachtende und die Welt in sich hineinziehende Goethe sicher jemand, der für ein Instrument wie das Fernsehen,
das ja eine Augenweide bieten soll, sehr geeignet ist.
SPIEGEL: Wie werden Sie etwa Ihr Programm aufschlüsseln? Wieviel Politik werden Sie bieten, wieviel Unterhaltung?
HOLZAMER: Wenn man es jetzt einmal von den beiden Ressorts her betrachtet, dann sieht es augenblicklich so aus, daß 54 bis 55 Prozent des Programms aus dem künstlerischen, unterhaltenden und bildenden Bereich kommen; etwa 46, 45 Prozent kommen aus dem aktuellen und politischen Bereich, Sport mit eingeschlossen.
SPIEGEL: Das entspricht annähernd der Aufschlüsselung im Ersten Programm.
HOLZAMER: Ach ja?
SPIEGEL: Dort gibt es 8,9 Prozent Tagesschau, 6,1 Prozent aktuelle Sendungen, 16,7 Prozent Dokumentar - und Informationssendungen, 16,2 Prozent Sport - insgesamt 47,9 Prozent. Haben Sie sich in dieser Beziehung am Ersten Programm orientiert?
HOLZAMER: Nein, gar nicht. Das ist einfach unmittelbar entstanden.
SPIEGEL: Sie sind in der Situation des zweiten, des Verspäteten. Sie sind darauf angewiesen, das Publikum, das zunächst einmal, nach dem Beharrungsprinzip, am gewohnten Ersten Programm hängt, von diesem abzuziehen. Wie wollen Sie Ihr Programm attraktiv machen? Was ist Ihr Konzept?
HOLZAMER: Hier habe ich die Auffassung mit meinen Mitarbeitern: Wir sollen ein Programm machen, das gewissen Erwartungen entspricht und gewisse Dinge ausfüllt oder ergänzt, die man jetzt vermißt ...
SPIEGEL: Was vermissen Sie jetzt im Ersten Programm?
HOLZAMER: Man vermißt beispielsweise eine persönliche Note, also im Kontakt auch mit dem Fernsehteilnehmer.
SPIEGEL: Blicken Ihnen die Tagesschau-Sprecher zu kalt drein?
HOLZAMER: Ja, zum Teil. Da könnte unter Umständen eine etwas persönlichere Note hineinkommen.
SPIEGEL: Soll der Fernseher etwa geduzt werden?
HOLZAMER: Nein, unter keinen Umständen. Also nicht eine plumpe Vertraulichkeit.
SPIEGEL: Wie soll Ihre persönliche Note im speziellen Fall aussehen?
HOLZAMER: Wir überlegen zur Zeit eine Sendung "In eigener Sache" einzuführen - jede Woche, wenn es geht, mindestens aber alle vierzehn Tage eine Viertelstunde. Eine Sendung, in der ich, in der die Direktoren in Verbindung zu bringen sind mit dem Fernsehteilnehmer: in der die Teilnehmerpost, in der die Kritik, in der bestimmte Erwartungen diskutiert werden, in der unter Umständen jemand, der kritisiert hat, oder jemand, der uns geschrieben hat, persönlich auch noch einmal vorgestellt wird.
SPIEGEL: Stunde der offenen Tür?
HOLZAMER: Jawohl. Das wäre so ein Punkt: eine etwas persönlichere Note. Dann habe ich da auch ein wenig
Hoffnung, daß man in der Unterhaltung einen etwas frischeren Ton bringt, nicht so überperfektioniert.
SPIEGEL: Zum Beispiel die großen Unterhaltungs-Shows von Michael Pfleghar ...
HOLZAMER: ... die sind mir zum Teil zu überperfektioniert, so gut sie gemacht sind. Ich möchte diese kühle und die zu sehr ausgekitzelte Leistung und Artistik ergänzen durch eine etwas menschlichere, wärmere, direktere Form - auch der Unterhaltung.
SPIEGEL: Kann das nicht allzu leicht betulich wirken?
HOLZAMER: Wenn es mittelmäßige und untere Kräfte sind, ja. Aber man wird sehen müssen. Ich meine, der wirklich große Künstler wird ja diese Gabe haben - wie Michelangelo es einmal ausdrückte: Kunst ist, wovon die Mühe abgemeißelt ist -, daß es gar nicht mehr spürbar wird, was da an perfekter Vorbereitung dahintersteckt.
SPIEGEL: Also perfekt soll es doch sein?
HOLZAMER: Perfekt soll es sein.
SPIEGEL: Nicht etwa eingeplante Pannen?
HOLZAMER: Unter keinen Umständen. Es soll auch technisch alles genutzt werden, was nur möglich ist. Beispiel: ich habe jetzt eine Produktion von uns gesehen, die sehr schön ist, eine Reihe von Chansons, in der berühmte Chansonetten oder Chansonniers vorgestellt werden.
SPIEGEL: Aha, wie etwa im Ersten Programm die Sendung mit Juliette Greco.
HOLZAMER: Ja, Juliette Greco, die haben wir bereits in einer Produktion da.
SPIEGEL: Die haben Sie also auch.
HOLZAMER: Aber diese Sendung ist so gemacht, daß erstens ein gewisses Niveau da ist, schon vom Text her; daß sich dort zweitens eine große mimische und schauspielerische Skala ausbreitet, die zugleich auch wieder die Grenzen des bloß Technischen und Perfekten sprengt und sehr persönlich wirkt.
SPIEGEL: Nun strebt ja zweifellos auch das Erste Programm persönliche Noten an.
HOLZAMER: Sicher.
SPIEGEL: Sie wollen es demnach nicht unbedingt anders, sondern nur noch besser machen.
HOLZAMER: Ich möchte diesen Zug, soweit es nur geht, verstärken. Ich bin zum Beispiel nicht böse darüber, daß wir auch aus gewissen Ersparnisgründen dazu übergehen, mehr Live-Unterhaltungssendungen ins Programm zu bringen.
SPIEGEL: Ein alter Fernseh-Vorsatz!
HOLZAMER: Es hängt natürlich wieder an der Person dessen, der so etwas macht.
SPIEGEL: Werden wir Lou van Burg sehen?
HOLZAMER: Nein, nicht beabsichtigt.
SPIEGEL: Wen haben Sie engagiert? Wer soll so etwas mischen?
HOLZAMER: Von den alten kommt Kulenkampff und kommt auch Frankenfeld wieder.
SPIEGEL: Aber für eine frischere Sprache brauchen Sie auch frischere Leute.
HOLZAMER: Gewiß. Da sind wir mit unseren Unterhaltungsleuten schont mächtig dran. Da müssen wir auf die Dauer neue Gesichter und neue Leute hinstellen, die auch herausgeholt und entwickelt werden sollen.
SPIEGEL: Aber das Reservoir an solchen Show-Leuten ist doch begrenzt in Deutschland. Die anderen Sender sind
ja schließlich auch auf der Suche.
HOLZAMER: Gewiß ist es schwer. Da ist ein Engpaß. Aber ich habe doch
aus einigem, was ich bereits jetzt aus der Produktion sah, den guten Eindruck, daß mindestens auf diesem
Wege einer Verlebendigung einer Erfrischung etwas da ist.
SPIEGEL: Frankenfeld und Kulenkampff werden das Quiz-Sendungen sein?
HOLZAMER: Keine ausgesprochenen Quiz-Sendungen. Geplant ist zum Beispiel mit Kulenkamapff: "Ihre Vermählung geben bekannt".
SPIEGEL: Das ist doch nicht etwa eine Wiederaufnahme der mißglückten Sendung aus dem Ersten Programm "Das ideale Brautpaar"?
HOLZAMER: Nein, das nicht. Vielleicht darf ich auf etwas aufmerksam machen, was auf die neuen Kräfte hinweist. Das ist die Sendereihe "Der erste Applaus". Da wird eine Unterhaltungssendung mit neuen Kräften
macht, Kräften, die möglicherweise noch nicht auf der Bühne gestanden haben ...
SPIEGEL: Was Frankenfeld seinerzeit im Ersten Programm gemacht hat.
HOLZAMER: Ja, ganz recht.
SPIEGEL: Dürfen wir da einmal auf ein Wort von Ihnen zurückkommen, das Sie früher geäußert haben. Auch die Unterhaltung, so oder so ähnlich sagten Sie, solle nicht zweckfreie Sinnenfreude sein, sondern indirekt positive Werte, ethische Werte vermitteln. Was meinten Sie damit?
HOLZAMER: Das Fernsehen ist ein Instrument der Augenweide, und darum bejahe ich durchaus, daß auch die Unterhaltung nicht einen bestimmten Zweck haben soll, außer dem, daß sie den Menschen einfach entspannt, sich fallen lassen, sich ausruhen läßt. Daneben gibt es allerdings auch Unterhaltungsformen, durch die wieder Unterhaltung in selbsttätigem Sinne zugespielt wird.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
HOLZAMER: Daß durch eine bestimmte Unterhaltungssendung Anregungen in die Familie gebracht, den Menschen zugeworfen werden.
SPIEGEL: Anregungen zu Gesellschaftsspielen, zum Basteln?
HOLZAMER: Zu allem möglichen. Wenn ich daran denke, daß wir doch immer wieder durch Erhebungen oder durch eigene Beobachtungen darauf kommen, daß viele Menschen nicht genug mit sich anzufangen wissen, so ist mancher Intellektuelle leicht geneigt, das ein bißchen hochnäsig von oben herab zu sehen oder den Skat spielenden Menschen als einen Spießbürger par excellence zu verdonnern.
SPIEGEL: Das sei uns ferne.
HOLZAMER: Eben, das meine ich. Im Gegenteil, würde ich sagen, je mehr Anregungen zu einer selbsttätigen Unterhaltung ...
SPIEGEL: ... etwa Unterricht im Skatspielen?
HOLZAMER (lacht schallend): Vielleicht. Das braucht nicht eine detaillierte Kunde zu sein, sondern es sollen Anregungen gegeben werden: Tut doch mal wieder selbst so etwas! In diesem Sinne habe ich das gemeint.
SPIEGEL: Anregungen will das Erste Programm natürlich auch geben. Man hat einen Fernsehkoch. Werden Sie den übrigens auch haben?
HOLZAMER: Vielleicht. Da suchen wir noch. Aber wenn, dann in anderer Form.
SPIEGEL: Andere Rezepte?
HOLZAMER: Ja, vielleicht etwas internationaler. Aber nicht nur auf Kochrezepte beschränkt.
SPIEGEL: Aber eine bestimmte Sendung, in der Anregungen ...
HOLZAMER: Nehmen wir einmal die Manfred-Schmidt-Show ...
SPIEGEL: Manfred Schmidt, der Erfinder des Nick Knatterton?
HOLZAMER: Ja. In dieser Sendung wird der Zuschauer aufgefordert, selber Papier und Bleistift zur Hand zu nehmen und ...
SPIEGEL: ... zu karikieren, Karikaturen zu zeichnen? ...
HOLZAMER:. ... auch Karikaturen zu zeichnen. Das ist nur ein Beispiel. Ich meine es auch nicht so, daß irgendein Kursus abgehalten wird oder daß die Unterhaltung dadurch plötzlich
etwas bekommt, was ihr gar nicht ansteht.
SPIEGEL: Also ein Ballett mit hübschen Mädchen ist sicher zweckfreie Sinnenfreude. Das wollen Sie Ihrem Publikum aber doch nicht vorenthalten?
HOLZAMER: Nein, unter keinen Umständen. Ich gehe immer wieder von dem Teilnehmer aus; gerade weil ich Professor bin, verteidige ich auch mein eigenes Recht, meine freien Stunden nicht immer mit ausgesprochen schöngeistigen Dingen zu verbringen.
SPIEGEL: Sie werden ständige Ansagerinnen haben - dürfen sie sich mal versprechen?
HOLZAMER: Ja, sie dürfen sich versprechen. Wir wollen aber auch - was ja auch das Erste Programm wieder stärker in Gang gebracht hat - darauf Wert legen, daß die Ansagerin nicht die Ansage allein gepachtet hat. Ein Gespräch, würde ich sagen, soll sich selbst ansagen, der Diskussionsleiter soll das tun. Und Wenn ein Interviewer da ist, dann kann er auch gleich selber präsentieren. Also man soll die Dinge nicht zu künstlich machen, sondern eben lebendig.
SPIEGEL: Haben Sie auch an einen Fernseh-Zoologen à la Dr. Grzimek gedacht?
HOLZAMER: Ja. Etwa im Rahmen einer Sendung "Wissenschaft im Alltag".
SPIEGEL: Wer wird diese Sendung machen?
HOLZAMER: Das wird wechseln. Das wird nicht einheitlich sein, sondern alle möglichen Autoren oder Mitgestalter betreffen. Themen sind zum Beispiel: "Unsere schlechten Zähne", "Viel Spaß mit Tieren"; das wird eine große Rolle spielen.
SPIEGEL: Der Vorzug solcher Reihen ist ja nun aber gar nicht einmal so sehr die Thematik ...
HOLZAMER: ... als der Mann.
SPIEGEL: Es sind doch im Grunde diese vier, fünf, sechs Solisten, die das Fernsehen vor allem repräsentieren: Höfer, Grzimek, Wilmenrod, Rudolf Kühn.
HOLZAMER: Ganz recht.
SPIEGEL: Und die schaffen gerade das, was Sie anstreben: den persönlichen Kontakt mit den Zuschauern.
HOLZAMER: Eben. Aber das kann man bei keinem Mitarbeiter im voraus sagen.
SPIEGEL: Sie haben immerhin Peter von Zahn.
HOLZAMER: Ja. Der arbeitet auch für uns. Er macht zunächst "Musik der Alten Welt", eine Serie, in der die Musik Europas vorgestellt wird, also Folklore im guten Sinne und nicht romantisierend.
SPIEGEL: Von Peter von Zahn müßten Sie ja auch noch viele Berichte unter den Programmkonserven entdeckt haben, die Sie seinerzeit vom verblichenen "Freien Fernsehen" übernahmen
- für zehn Millionen, das war wohl die Summe.
HOLZAMER: Es ist so: Gerade unter den Programmreserven, die von Herrn von Zahn stammten - es befanden sich 37 Sendungen von Herrn von Zahn unter diesen angekauften -, sind die allermeisten wegen ihrer aktuellen Bezüglichkeit nicht mehr verwertbar, obwohl sie in sich selbst gesehen natürlich eine ordentliche Sendung sind oder Archivmaterial abgeben können.
SPIEGEL: Was war noch dabei - Kalanag?
HOLZAMER: Er war schon noch dabei, aber wurde nicht mitbewertet.
SPIEGEL: Und die Curd-Jürgens -Reihe?
HOLZAMER: Davon ist noch einiges drin und bleibt auch drin. Unter den ersten Programmen, die kommen werden, erscheint die hübsche Unterhaltung "Meine Frau Susanne". Das ist eine große Serie: eine fortlaufende Ehe- und Familienkomödie, angefangen von der Gründung des eigenen Hausstandes und der Installierung eines Fernsehapparates für die Mitbewohner im Hause. Das ist in einer amüsanten Weise gemacht.
SPIEGEL: Auf hochdeutsch oder auf hessisch?
HOLZAMER: Nein, keine Familie Hesselbach. Es ist hochdeutsch.
SPIEGEL: Haben Sie sonst etwas, das den Hesselbachs vergleichbar wäre?
HOLZAMER: Da ist eine Sendereihe vorgeschlagen: "Oma ist die Bessere", in der, natürlich im Gedenken an "Vater ist der Beste", gezeigt werden soll, wie die Oma, die an sich immer die Altertümliche ist, auf einmal diejenige ist, die in die Familie die modernen Gesichtspunkte hereinträgt.
SPIEGEL: Hoffentlich kommt dann nicht das Erste Programm mit der Urgroßmutter.
HOLZAMER: Eine Sendung, die in dieser Linie liegt ...
SPIEGEL: ... in der Linie der Fernsehfamilie ...
HOLZAMER: ... also ein Typ, um den sich nun Weiteres kristallisiert, kann eine Reihe mit Willy Reichert werden: "Grand Hotel".
SPIEGEL: Auf schwäbisch?
HOLZAMER: Natürlich auch auf schwäbisch, aber durchmischt mit Hochdeutsch und auf die schwäbische Art von Reichert, der als Chefportier in einem Grand-Hotel die Mittelpunktsfigur wird
- nach dem, was ich
bereits gesehen habe, eine sehr humorige Angelegenheit.
SPIEGEL: Das ist eine Auftragsproduktion?
HOLZAMER: Ja.
SPIEGEL: Sie sind ja in starkem Maße auf sogenannte freie Produzenten angewiesen. Wieviel Programm werden Sie überhaupt selbst machen? Wieviel werden Sie einkaufen?
HOLZAMER: Das ist in den beiden Sparten - künstlerische, unterhaltende, bildende Sendungen einerseits, Zeitgeschehen und Politik andererseits - unterschiedlich. Bei den politisch-aktuellen Sendungen, bei der Tagesschau angefangen - die übrigens bei uns unter dem Titel "Heute" laufen wird - über Gespräche und Features, überwiegt natürlich die Eigenproduktion. Dagegen werden wir im Bereich des Künstlerischen und Unterhaltenden zunächst 25 Prozent selber produzieren und mindestens 75 Prozent in Auftragsproduktion geben. Im engeren Bereich etwa der Dokumentation dürfte das Verhältnis im Augenblick ähnlich sein: 20 Prozent Eigenproduktion, 80 Prozent Auftragsproduktion.
SPIEGEL: Sie nehmen doch wohl sehr starken Einfluß auf die Auftragsproduktionen. Sie kaufen nicht Katzen im Sack?
HOLZAMER: Katzen im Sack hoffentlich, überhaupt keine. Wir kaufen natürlich. Filme, die aber alle vorher angeschaut und geprüft werden.
SPIEGEL: Vor kurzem wurde gemeldet, daß Sie entgegen früheren Erwartungen sparen müssen, daß Sie einige aufwendige Projekte zurückstellen müssen
HOLZAMER: Das stimmt insofern: Wir hatten zum Beispiel vor, und wir bleiben auch dabei, daß in der Regel am Samstagabend ein Fernsehspiel gebracht wird, das breiten Anklang finden soll; einen Teil dieser Abende werden wir nun unter Umständen mit entsprechenden Filmen füllen.
SPIEGEL: Sie müssen im Jahr - wenn wir recht unterrichtet sind -ungefähr 110 Fernsehspiele senden?
HOLZAMER: Ungefähr, ja.
SPIEGEL: Eine enorme Zahl.
HOLZAMER: Eine Riesenzahl ...
SPIEGEL: ... die sich beim Ersten Programm auf neun Sender verteilt. Und da haben ja schon die Dramaturgen große Schwierigkeiten, zum Beispiel Original-Fernsehspiele deutscher Autoren - der Ehrgeiz jedes Dramaturgen - heranzuschaffen.
HOLZAMER: So ist es:
SPIEGEL: Was für Fernsehspiele sind bereits produziert worden oder in Arbeit?
HOLZAMER: Da ist zum Beispiel "Der Geisterzug", eine Komödie an der kanadischen Grenze. Dann ist ein Stück da "Hasenklein kann nichts dafür", wo ein kleiner Mann plötzlich in die Rolle eines Ministerpräsidenten hineingehoben wird und sich daraus zahlreiche komische Situationen ergeben.
SPIEGEL: Hm.
HOLZAMER: Dann haben wir ein sehr schönes Fernsehspiel von Gerd Oelschlegel, das möglicherweise für den 17. Juni außerordentlich geeignet ist: "Aktenzeichen SBZ", ein Fernsehspiel, das die ganze Verlogenheit zeigt, das
nicht mit der üblichen Schwarz-Weiß -Manier arbeitet - hier sind die Teufel und dort die Engel -, sondern das zeigt, wie auch der Funktionär wieder angerührt wird von menschlichen Dingen, sie dann nur wieder verbirgt unter der Angst und seinem Streben, beruflich vorwärtszukommen.
SPIEGEL: Haben Sie hauseigene Regisseure verpflichtet?
HOLZAMER: Nur ganz wenige und im Grunde mehr zusätzlich. Wir wollen die Regisseur-Frage entweder im freien Vertrag oder bei der einzelnen vertraglichen Absprache eines Stückes mit der Produktionsfirma regeln.
SPIEGEL: Der deutsche Künstler-Markt ist überschaubar, begrenzt. Denkbar ist, daß es zu einem Konkurrenzkampf zwischen den beiden rivalisierenden Fernsehprogrammen um die guten Regisseure, vor allem auch um die prominenten Schauspieler kommt. Wie wollen Sie sich verhalten? Befürchten Sie, daß Gagen überboten werden?
HOLZAMER: Das ist immer die große Gefahr. Deshalb muß man von vornherein auf bestimmte Maßstäbe kommen, um sich nicht gegenseitig die Dinge zu verderben.
SPIEGEL: Meinen Sie Festpreise?
HOLZAMER: Nicht Festpreise. Aber ich meine, daß man sich nicht wechselseitig so überbieten darf, daß es unsinnig wird. Ich habe den Fall gerade konkret erlebt, als wir vorhatten, von einem angesehenen deutschen Theater eine bestimmte Sache zu übernehmen.
SPIEGEL: Welches Theater war das?
HOLZAMER: Es war ein Berliner Theater. Kurzum, die Forderung war so hoch, daß ich sagen mußte: Das mache ich nicht. Es dreht sich dann leicht um Größenordnungen, die fast an das
heranreichen, was man für ein eigenproduziertes Fernsehspiel ausgeben würde.
SPIEGEL: Über 100 000 Mark?
HOLZAMER: Ja. Und das hat ja dann keinen Sinn. - Nun haben wir uns in diesem Fall einigen können, weil ich mich an den Kultursenator, Herrn Tiburtius, wandte und ihn um Vermittlung bat. Ich habe erklärt, daß ein solches Hochtreiben der Preise unsere Absicht, den deutschen Theatern, besonders auch denen in Berlin, gleichzeitig eine Hilfeleistung zu geben, einfach zunichte machen würde.
SPIEGEL: Sie, haben angekündigt, daß im Zweiten Fernsehen auch Aufführungen kleinerer Theater gezeigt werden sollen. So haben Sie schon mit Schleswig und Kassel abgeschlossen.
HOLZAMER: ... und mit Oldenburg ...
SPIEGEL: Was versprechen Sie sich davon, die deutsche Theaterprovinz abzufilmen? Gerade durch das Fernsehen ist das Publikum doch anspruchsvoller geworden: Man sieht prominente Darsteller, sieht Berliner, Münchner Aufführungen auf dem Bildschirm und ist nun mit dem eigenen kleinen Stadttheater nicht mehr so zufrieden.
HOLZAMER: Der Staatsvertrag über die Errichtung des Zweiten Deutschen Fernsehens verpflichtet uns, ein Bild von der deutschen Wirklichkeit zu geben. Zu dieser Wirklichkeit gehört auch der künstlerische Bereich. Wir wollen selbstverständlich nun nicht ohne
Bedenken jedes Theater oder jede Aufführung berücksichtigen. Wir wollen aus der Provinz doch nur das übernehmen, was Spitzenleistung eines bestimmten Theaters oder was so spezifisch ist, daß es die Konkurrenz zum gewohnten Fernseheindruck aushält.
SPIEGEL: Wie steht es mit dem Musik -Theater?
HOLZAMER: Da planen wir, daß man ab und an auch aus dem Konzertsaal einzelnes - nicht ein geschlossenes Konzertprogramm - übernimmt und in fernsehgerechter Form vorführt.
SPIEGEL: Etwa?
HOLZAMER: Etwa die Haydn-Sendung "Die sieben Worte Christi am Kreuz", eine Eigenproduktion, die am Karfreitag gesendet wird. Da werden
während des Konzerts Einblendungen aus dem Kirchenbau, die zu der Musik einen Bezug haben, hineingenommen.
SPIEGEL: Ähnliches hat das Erste Programm beispielsweise mit Mozart und dem Münchner Cuvilliéstheater gemacht.
HOLZAMER: Ja. Die Bildende Kunst wird also mit hineingehoben, um die Musik noch expressiver zu machen und sie nicht einfach nur akustisch darzubieten. Dasselbe geschieht mit dem Brandenburgischen Konzert IV, das wir auch als Eigenproduktion bringen werden.
SPIEGEL: Wenn wir einmal resümieren dürfen: Wir haben ein wenig den Eindruck, daß sich das Zweite Fernsehen nicht so sehr vom Ersten unterscheiden wird. Nun haben Sie aber früher mehrfach angedeutet, daß Sie in Mainz auf etwas wirklich Neues hinauswollen, daß Sie bestimmte grundsätzliche Unterschiede in der Art der Darbietung anstreben.
HOLZAMER: Sagen wir: spezifische Eigenarten, die zum Ausdruck kommen sollen.
SPIEGEL: Sie wollten das Fernsehen, wie Sie einmal gesagt haben, als "Lebenszurüstung" ...
HOLZAMER: ... als Lebenshilfe ...
SPIEGEL: ... Lebenshilfe - ist es das? Ein volksbildnerischer Effekt?
HOLZAMER: Das bezieht sich vor allem auf den Bereich des Politisch -Aktuellen ...
SPIEGEL: Aha.
HOLZAMER: ... und weniger auf den Bereich des Künstlerisch-Unterhaltenden. Im Künstlerisch-Unterhaltenden sollte das Spezifische darin liegen, daß die Sendung das persönliche Flair behält und nicht allzu künstlich, wenn auch gut gekonnt, erscheint.
SPIEGEL: Und wie sollen nun die spezifischen Eigenarten des Zweiten Fernsehens in den politischen, in den aktuellen Sendungen zum Ausdruck kommen? Etwas, das es im Ersten Programm, wenigstens im Gesamtprogramm nicht gibt, ist zum Beispiel der persönlich gesprochene politische Kommentar?
HOLZAMER: Ja.
SPIEGEL: Der wäre also neu bei Ihnen.
HOLZAMER: Er ist beabsichtigt. Es ist daran gedacht, daß auch die Tagesschau, die bei uns um 19.30 Uhr beginnt, gerade darum auch diese Länge ...
SPIEGEL: ... 25 Minuten, also länger als die vom Ersten Programm. Da hinein sollen Kommentare kommen?
HOLZAMER: Wir müssen natürlich
genau wie das Erste Programm, wie
jede öffentlich-rechtliche Institution auf diesem Gebiet, Nachricht und Kommentar sauber voneinander scheiden. Wir wollen aber schon inderNachricht selbst etwas mehr geben an Hintergrund, also stärker die Nachricht in ihren Zusammenhang stellen, nachrichtlich audi vertiefen. Dann soll auch bewußt der Kommentar dazukommen.
SPIEGEL: Hintergrund, Zusammenhang, Kommentar - wird das die Tagesschau nicht ziemlich aufblähen?
HOLZAMER: Na ja, bei knapp 21 Minuten - man muß noch das Wetter dazurechnen - kann man schon eine Menge machen. Die Tagesschau des Ersten Programms ist doch praktisch heute nur 15 Minuten lang.
SPIEGEL: Werden die Kommentatoren Redakteure Ihres Hauses sein oder ...
HOLZAMER: Teils, teils.
SPIEGEL: Werden die Kommentare nach dem politischen Proporz aufgeschlüsselt?
HOLZAMER: Nein.
SPIEGEL: Konnte man auch freie Publizisten bei Ihnen hören, gewissermaßen Gast-Kolumnisten, etwa Sebastian Haffner?
HOLZAMER: Absolut. Ich bin sogar der Meinung - das habe ich auch mehrfach schon vertreten, ohne daß ich jetzt weiß, wie Herr Dietrich (Chefredakteur) im einzelnen darüber denkt, aber ich glaube, er ist auch dafür -, man sollte recht viel von solchen Möglichkeiten Gebrauch machen, so, wie es zum Beispiel in Frankreich im Rundfunk ist, daß die Leitartikler der großen Zeitungen ...
SPIEGEL: ... Hessischer Rundfunk!
HOLZAMER: ... der Hessische Rundfunk tut es auch sehr viel
- zu Worte kommen. Das sollten wir auch pflegen.
SPIEGEL: Sie haben früher einmal gesagt, daß man dem "absolut Extremen und Perversen nicht unbedingt seine Stimme geben" sollte, und Sie sagten auch: "Die Publizistik steckt heute in einem elfenbeinernen Turm. Das Positive will sie einfach nicht sehen." Wie dürfen wir das interpretieren?
HOLZAMER: Ich habe gemeint daß vielfach der Kontakt mit den tatsächlichen Gegebenheiten fehlt und daß oft Probleme angepackt oder unter Umständen hochgespielt werden, die wiederum in der Breite gar nicht diese Resonanz oder Bedeutung haben.
SPIEGEL: Ein Beispiel?
HOLZAMER: So aus dem Kopf? ... Man konnte gelegentlich zum Beispiel den Eindruck haben, als ob es in großer Breite etwa das Problem der 175er gäbe, das dann durch eine ganze Menge von ähnlichen Gestaltungen immer wieder hindurchgeistert.
SPIEGEL: Meinen Sie, daß es das Problem nicht gibt?
HOLZAMER: Doch, natürlich. Nur ist die Frage, ob man in der Abwägung
der zahlenmäßigen Verbreitung dieser oder jener Form, oder dieses oder jenes Themas, die Gewichte nicht zu sehr vielleicht nach artistischen oder nach Gesichtspunkten verteilt, wie man damit Erfolg hat.
SPIEGEL: Haben Sie den Eindruck, daß im Programm der Rundfunkanstalten solche Fehler gemacht worden sind?
HOLZAMER: Ich möchte nur, ohne eine Zeitkritik oder
Gesellschaftskritik oder politische Kritik auszuschalten, daß auch - was natürlich sehr viel schwerer ist
- die positiven Daten
in Erscheinung treten und daß nicht Maßstäbe grundsätzlich verwischt werden und daß durch die notwendige Kritik immer wieder hindurchschimmert, daß man an gewisse für alle positive und verbindliche Gesichtspunkte, um nicht Wert zu sagen, gebunden ist.
SPIEGEL: Ist das nicht aber eine solche Selbstverständlichkeit, daß man sie vielleicht einmal aussprechen, aber dann doch nicht immer wieder, wie Sie sagen, durchschimmern lassen kann? Man kann doch nicht bei jeder kritischen Sendung sagen: Liebe Leute, grundsätzlich ist natürlich unser Staat, ist unsere Gesellschaft nicht so schlecht, woanders ist es doch viel schlimmer ...
HOLZAMER: Nein, das wäre - pädagogisch wäre es sowieso daneben - aber auch von der Sache her nicht richtig.
SPIEGEL: Es liegt nun mal im Wesen der Kritik, unter Umständen zu überzeichnen.
HOLZAMER: Klar, das soll sie auch. Aber die Frage ist dann wieder das Ausmaß der Überzeichnung.
SPIEGEL: Welche zeitkritischen Sendereihen, welche Dokumentationsreihen schweben Ihnen denn vor?
HOLZAMER: In der Dokumentation zum Beispiel wird gebracht werden, und das würde ich zu den positiven, aber nicht einseitig positiven Dingen rechnen: "Das Gewehr im Kleiderschrank", eine Dokumentation aus der Schweiz.
SPIEGEL: Über die Landesverteidigung?
HOLZAMER: Und über die selbstverständliche Haltung des Schweizers, die darin zum Vorschein kommt.
SPIEGEL: Gewehr im Schrank - würde da gewissermaßen die Anregung durchschimmern, es so auch in der Bundesrepublik zu machen?
HOLZAMER (lachend): Unter keinen Umständen; das gäbe ein großes Unglück.
SPIEGEL: Würden Sie das denn nicht für positiv halten?
HOLZAMER: Positiv insofern, als diese innere Beziehung und die Bereitschaft, ein Opfer zu bringen, sich einzusetzen, und diese Selbstverständlichkeit, mit der das gehandhabt wird ...
SPIEGEL: Sie meinen damit einen gewissen vaterländischen ...
HOLZAMER: Die Vokabeln sind natürlich für uns etwas schwieriger geworden ...
SPIEGEL: Das ist ganz ohne Unterton gesagt.
HOLZAMER: ... etwas schwieriger geworden, weil sie eben belastet sind. Insofern würde ich meinen, sollte von solchen Dokumentationen, oder was es sei, doch etwas ausgehen, was in diesem positiven Sinne stärkt und ermutigt.
SPIEGEL: Wehrertüchtigung?
HOLZAMER: Die Vokabel wurde ich ablehnen. Ich würde es mehr unter den Gesichtspunkt der Bereitschaft stellen, sich für das Ganze einzusetzen.
SPIEGEL: Gut, das war Dokumentation. Wie steht's mit Kritik?
HOLZAMER: Da haben wir beispielsweise eine Sendereihe "Nationaldenkmäler". Das wird eine vorwiegend kritische Betrachtungsweise sein. Hermannsdenkmal, Kyffhäuser. Der gesamte nationalistische Kitsch.
SPIEGEL: Würde zu dieser Kategorie von Sendungen vielleicht auch die "Report"-Sendung über die Ausbildung der deutschen Bereitschaftspolizei passen?
HOLZAMER: Ich habe sie nicht gesehen, ich weiß aber von ihr. Da haben wir übrigens auch eine: "Die Berliner Polizei". Das wird eine dokumentarische Sendung sein über die Aufgabe der Berliner Polizei, die ja unter besonders schwierigen Verhältnissen ihren Dienst verrichtet. Aus dem Bereich der Kultur wird eine sehr kritische Sendung werden "Der Bayreuther Stil".
SPIEGEL: Das hat unlängst im Ersten Programm der Süddeutsche Rundfunk gemacht.
HOLZAMER: Oder eine harmlose Sache: "Geschichte der Gartenzwerge". Das geht mehr in die geschmackliche Richtung. Aber bei all diesen Dokumentationen wird natürlich an einer bestimmten Stelle entweder der Ton im kritischen Sinne zu hören sein, oder er wird mehr in einem positiv wertenden Sinne durchklingen.
SPIEGEL: Werden Sie eine politische Diskussion, eine live-gesendete innen - oder außenpolitische Diskussionsrunde haben, einen runden Tisch wie Höfer oder Wessel?
HOLZAMER: Ja, ähnlich. Das ist mindestens alle vierzehn Tage vorgesehen.
SPIEGEL: Haben Sie auch einen Tischherrn à la Wessel?
HOLZAMER: Der ist noch nicht bestellt. Aber das wird natürlich sein.
SPIEGEL: Diese Sendung ist wann?
HOLZAMER: Mittwochs, im Rahmen einer zeitkritischen Reihe.
SPIEGEL: Aber wollte das Erste Programm nicht die Wessel-Runde auf Mittwoch verlegen?
HOLZAMER: Ja, das ist wieder rückgängig gemacht worden. Die Wessel -Runde bleibt am Montag.
SPIEGEL: Da sind wir beim Thema Programm-Koordination und Programm-Kontrast. Nach dem Staatsvertrag über die Errichtung des Zweiten Deutschen Fernsehens haben Sie ja mit den Intendanten des Ersten Programms darauf hinzuwirken, daß die Fernseher zwischen zwei inhaltlich verschiedenen TV-Programmen wählen können.
HOLZAMER: Deshalb beginnen wir ja schon mit unserer Tagesschau um 19.30 Uhr ...
SPIEGEL: ... um dem Fernseher die Möglichkeit zu geben ...
HOLZAMER: ... zwei Zeitungen zu lesen, am gleichen Tage.
SPIEGEL: Aber nun ist es ja nicht nur so, daß Sie damit die Möglichkeit geben, zwei Zeitungen zu lesen; Sie haben auch, wenn Sie im Fernsehen mit Ihren Nachrichten eher kommen,
einen deutlichen Vorsprung vor dem Ersten Programm.
HOLZAMER: Die Wettbewerbsgleichheit scheint mir doch insofern gewahrt, wenn wir um 19.30 Uhr beginnen und das Erste Programm um 20 Uhr ...
SPIEGEL: ... was ja nach langem Hin und Her nun feststeht ...
HOLZAMER: ... weil wir ja auch in unserer Tagesschau Stoffe verwerten, die die Rundfunkanstalten in ihren regionalen Abendschauen bringen. Wir haben ja wiederum, als zentrale Institution, eine solche Möglichkeit nicht.
SPIEGEL: Sie werden also in die Tagesschau auch Berichte aus den Ländern, regionale Berichte, einarbeiten?
HOLZAMER: Wichtigste, die wir dann auch in einem Länderspiegel am Ende der Woche, Samstag abends, noch einmal für sich bieten, wo wir die Länder in ihrer gesamten Wirklichkeit - politisch, kulturell - einander sozusagen vorstellen.
SPIEGEL: Das wäre also dasselbe, was das Erste Programm mit dem "Magazin der Woche" bringt?
HOLZAMER: Ähnlich.
SPIEGEL: Aber wie wird denn nun der Fernseher bei den Tagesschauzeiten von 19.30 beziehungsweise 20 Uhr jeweils Anschluß an das andere Programm finden? Daß er ihn oft verpaßt, wird ja allenthalben befürchtet.
HOLZAMER: Ich habe verbindlich angeboten, auch in einem Fernschreiben an Intendant von Bismarck, daß wir uns verpflichten wollen, mindestens fünfmal in der Woche zur gleichen Zeit mit dem Ersteh Programm, sei es um 20.15 Uhr, sei es um 21 Uhr ...
SPIEGEL: Aha, die vielzitierte Drehscheibe!
HOLZAMER: ... mit dem Hauptprogramm zu beginnen beziehungsweise es fortzusetzen.
SPIEGEL: Man wird sehen, wie es funktioniert. Wie wird der Inhalt der Sendungen abgestimmt? Die Zuschauer sollen ja nicht dasselbe sehen.
HOLZAMER: Inhalt? Wir haben in einer noch nicht ratifizierten, noch nicht unterschriebenen Vereinbarung bestimmte Farben für die einzelnen Tage festgelegt.
SPIEGEL: Vereinbarungen über die Grundfarben also, aber nichts über die einzelnen Sendungen?
HOLZAMER: Über die einzelnen Sendungen nicht. Daneben müssen wir uns natürlich über große Feiertagsprogramme noch einmal gesondert besprechen, damit nicht durch einen Zufall doch das gleiche gemacht wird, was die anderen vorhaben.
SPIEGEL: Das erste Problem wäre da die Osterwoche.
HOLZAMER: Karfreitag, Ostern, das sind Tage, an denen man sich auch unabhängig von der sonstigen Farbe abstimmen muß. Darum haben wir auch das Sonntagsschema vereinbart. Wir machen also sonntags Volksstück, Operette, Drama - leichtes und ernstes -, Oper, Konzert und eventuell entsprechende Filme. Wir wollen, wie ich das immer sagte, einen Sonntag, der etwas Festliches an sich hat, aber nicht zu feierlich ist, sondern möglichst auch wieder viel Komödien und Dinge enthält ...
SPIEGEL: ... der heitere Goethe? ...
HOLZAMER (lachend): Beispielsweise. Das ist also unser Farbschema. Nun wollen natürlich die Rundfunkanstalten Ähnliches machen. Da haben wir ein verzahntes Schema vereinbart, daß also nicht etwa Operette auf Operette fällt, sondern daß erster, zweiter, dritter, vierter Sonntag nacheinander so sich ineinander verzahnen, daß keine gleichen Formen und Inhalte kommen.
SPIEGEL: Man kann sich vorstellen, daß das noch gut zu arrangieren ist: Absprache für große Feiertage. Aber wie ist es mit großen aktuellen Ereignissen, an denen doch strenggenommen keines der beiden Programme vorbeigehen kann, wenn es nicht die Kundschaft verlieren will, auch die Inserentenkundschaft? Nehmen wir an: Deutsche Fußballmeisterschaft, Bundesliga ...
HOLZAMER: Da liegen Vorverabredungen vor, die wir unter Dach und Fach bringen wollen. Es gibt teils Sportsendungen, die keine der anderen berühren, zum Beispiel Sport-Dokumentationen, Sportsendungen, die sich etwa mit einem bestimmten Thema beschäftigen ...
SPIEGEL: Da liegt sicher nicht das Problem.
HOLZAMER: Ja, es fängt erst bei den aktuellen Sportsendungen an.
SPIEGEL: Genau. Wir meinen die großen internationalen Sportereignisse: Fußballweltmeisterschaft, Olympische Spiele - vielleicht sogar per Telstar.
HOLZAMER: Genau. Da sind wir in dieser Vereinbarung, die nur noch sanktioniert werden muß, die aber grundsätzlich von beiden Seiten hinsichtlich ihrer Wertigkeit schon akzeptiert ist, übereingekommen: Es kann nur ein Fifty-fifty-Verhältnis zwischen uns geben.
SPIEGEL: Also keine Konkurrenz?
HOLZAMER: Doch Konkurrenz, aber in dem Sinne, daß jeder den gleichwertigen Anspruch hat, die Rundfunkanstalten insgesamt und das Zweite Deutsche Fernsehen für sich.
SPIEGEL: Wie soll man das verstehen? Sie nehmen beispielsweise die Olympischen Spiele, das Erste Programm nimmt die Fußballweltmeisterschaft? Oder?
HOLZAMER: Nein, die Olympischen Spiele sind ein Fall für sich. Daran sind wir beide selbstverständlich interessiert. Wir müssen uns also gleichwertig darüber verständigen, wie nun bestimmte Ereignisse wahrgenommen werden sollen.
SPIEGEL: Etwa: Sie senden das Damenschwimmen, und das Erste Programm das Fechten.
HOLZAMER: Oder bei anderen großen Sportereignissen: Wir senden das Damenschwimmen original, und das Erste Programm bringt später eine Aufzeichnung, und wir bringen von einer anderen Sportart die Aufzeichnung, das Erste Programm die Originalsendung.
SPIEGEL: Aber das hört auf beim 100 -Meter-Lauf!
HOLZAMER: Sicher.
SPIEGEL: Welches Hohe Gericht entscheidet denn aber darüber, wer die Knüller live sendet?
HOLZAMER: Bei den Olympischen Spielen kommt noch der Eurovisionsgesichtspunkt hinzu, weil da ja alle europäischen Staaten und Gesellschaften zusammen teilnehmen.
SPIEGEL: Aber das alles stellt doch hohe Anforderungen an die Objektivität und an die Fähigkeit, gerecht zu urteilen, dieses Verfahren, immer ständig abzustimmen ...
HOLZAMER: Sicher. Aber das ist ja auch innerhalb der europäischen Nationen in diesem Fall nötig. Es wird Fälle geben - um klar zu antworten
-, bei denen wir gar nicht daran vorbeikommen, in beiden Netzen das gleiche zu übertragen.
SPIEGEL: Das gleiche oder dasselbe? Also mit verschiedenen Kameras oder dieselbe Sendung?
HOLZAMER: Auch das könnte sein, indem man dann ein gemeinsames Team für eine bestimmte Sache zusammenstellt.
SPIEGEL: Angeschlossen sind alle deutschen Sender!
HOLZAMER: So wird es sein.
SPIEGEL: Dann ist aber doch das Zweite Programm, das qualitativ, nämlich technisch qualitativ, in der Regel schlechter zu empfangen ist, überflüssig em Moment, da man es im Ersten Programm qualitativ besser empfangen kant.
HOLZAMER: Das wird aber wahrscheinlich, wie gesagt, ein ganz seltener Fall sein. Der Regelfall wird wohl sein, daß man versetzt, wo es geht, oder die gleiche Materie in verschiedener Form und vielleicht auch zu verschiedenen Zeiten behandelt, oder daß man sich in bestimmten Dingen, wo es wieder geht, einigt: Ihr macht diesmal dies und wir ein andermal das. Übrigens fällt die technische Empfangsqualität in den einzelnen Gebieten teils zugunsten des Ersten, teils zugunsten des Zweiten Programms aus.
SPIEGEL: Die bereits bestehenden neun Fernsehanstalten haben doch untereinander schon große Schwierigkeiten mit der Koordination - es soll ja vorkommen, daß sich Reporter-Teams im afrikanischen Busch begegnen, um denselben Neger zu filmen.
HOLZAMER: Es wird konkret manche Schwierigkeiten geben.
SPIEGEL: Herr Professor, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Intendant Holzamer (M.) beim SPIEGEL-Gespräch in seinem Mainzer Büro*
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* Nach einer Aufführung von Hölderlins Sophokles-Übersetzung im Münchner Residenztheater.
* Beim Jahreskongreß des Deutschen Sportbundes. Links: ZDF-Team, rechts: Arbeitsgruppe des Deutschen Fernsehens.

DER SPIEGEL 8/1963
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