20.02.1963

PACKARDRecht auf Picasso

Amerikas populärster Sittenforscher,
Vance Packard; Verfasser der Bestseller-Studien über "Die geheimen Verführer" der Werbebranche (1957), "Die unsichtbaren Schranken" in der amerikanischen Gesellschaftsordnung (1959) und "Die große Verschwendung" durch industrielle Überproduktion (1960), ist einer "neuen Unmenschlichkeit" auf die Spur gekommen.
In seinem bisher letzten Buch, "The Pyramid Climbers" (Die Pyramiden -Besteiger), das diesen Winter in New York veröffentlicht wurde*, konstatierte der 48jährige Journalist und Soziologe: "In unseren Großunternehmen hat sich eine neue Art unverblümter Bevormundung entwickelt, eine Ausbeutung nicht so sehr der Arbeiter als der Manager."
Packards Befund ist das Ergebnis einer gründlichen Ein-Mann-Enquete bei Berufsberatern und Stellenvermittlern, bei Häusermaklern in Villenvororten und Privatdetektiven, denen die Überwachung von Managern anvertraut ist.
Packard nahm teil an Vorstandssitzungen, er besuchte Lehrseminare für angehende Wirtschaftsführer, inspizierte die Hauptverwaltungen von Großfirmen und ließ sich von Betriebspsychologen auf seines Eignung zum Direktor testen.
Nach dieser auf 167 Stenogrammblocks gewissenhaft registrierten Ermittlungsarbeit war der Selbstversucher Packard überzeugt: "Wie immer sich während der letzten Jahrzehnte die Ansicht der Betriebsdirektionen über die richtige Behandlung des Managers in der Theorie auch gewandelt haben mag
... die Praxis ist von Unmenschlichkeit bestimmt." Ursache dieser Quälerei großer Tiere ist, Packard zufolge, die Bemühung, "das Management als Wissenschaft zu etablieren".
Dem Glauben an eine wissenschaftliche Betriebsführung entspricht folgerichtig auch die Überzeugung, daß es wissenschaftliche Methoden und Maßstäbe gebe, nach denen sich die Eignung eines Bewerbers für einen Managerposten zweifelsfrei feststellen läßt. In rund achtzig Prozent aller größeren amerikanischen Betriebe müssen sich angehende Wirtschaftskapitäne heute einer Serie hochnotpeinlicher Persönlichkeitstests unterziehen.
Diese Tests gelten jedoch nicht so sehr den Fachkenntnissen des Aspiranten als vielmehr seinen charakterlichen Eigenschaften. Der Direktor einer Ölfirma, den Packard interviewte, war sogar der Meinung, daß von hundert Managern neunzig aufgrund persönlicher Mängel, dagegen nur zehn wegen unzureichender Berufsqualifikationen entlassen würden.
Packard nennt sieben Eigenschaften, die ein Manager besitzen müsse, wenn er einen Posten in der Betriebsdirektion bekommen oder behalten will:
- Arbeitsdynamik,
- Geschicklichkeit im Umgang mit
Menschen,
- Einfühlungsvermögen in die Hierarchie der Firma,
- die Fertigkeit, mit Worten und Ideen
umzugehen,
- die Bereitschaft, große Projekte zu
organisieren und zu leiten,
- die psychische Gelassenheit, je nach-Bedarf entgegenkommend oder energisch zu reagieren, und
- die Kunst, seinen Mitarbeitern genau
diejenige Lösung eines Problems zu suggerieren, für die er sich bereits selber entschieden hat.
Wichtigste Voraussetzung für den Beruf des Managers ist die Zugehörigkeit
zu jener exklusiven amerikanischen Kaste, der nur drei Prozent der erwachsenen Bevölkerung angehören: Fast ohne jede Chance sind Frauen, Farbige, Katholiken, Juden und alle diejenigen Pyramiden-Kletterer, die in den biographischen Angaben ihres Bewerbungsschreibens keine akademische Bildung nachweisen können.
"Die Frage des Hineinpassens", so formulierte, laut Packard, der sachkundige Direktor einer amerikanischen Telephongesellschaft, "berührt Probleme wie Erziehung, Erfahrung, Alter, Geschlecht, persönliche Merkmale, Prestige, Rasse, Nationalität, Konfession, politische Überzeugung, geographische Herkunft und höchst spezifische persönliche Charakteristika wie Umgangsformen, Redeweise, persönliches Aussehen."
Immerhin wird die von den Großunternehmen erhobene Forderung nach Exklusivität, "gesellschaftlicher Anpassungsfähigkeit" und "Homogenität" von einem hinreichenden Teil der Bewerber erfüllt.
Nach Packards Schätzung gibt es heute in den Vereinigten Staaten rund 100 000 Manager mit einem Einkommen von fünfzehn- bis zwanzigtausend Dollar im Jahr; 50 000 der Wirtschaftsführer verdienen bis zu fünfzigtausend Dollar; mindestens 20 000 Direktoren bringen es auf maximal hunderttausend, und die etwa vierhundert obersten Machthaber der amerikanischen Wirtschaft auf mehr als hunderttausend Dollar.
Der Direktor von General Motors, dem größten amerikanischen Industrie -Konzern, bezog 1961 ein Gehalt von 696 000 Dollar - rund 2,8 Millionen Mark. Von einem bestimmten Einkommen an verlieren allerdings die Gehaltserhöhungen ihren Anreiz für Führungsaspiranten. Von 100 000 Dollar Jahreseinkommen verlangt der Staat 75 000 Dollar an Steuern, von 400 000 Dollar bleiben nach Steuerabzug ganze 40 000 übrig. Bei Großverdienern werden die Gehaltsaufbesserungen deshalb gewöhnlich durch indirekte Zuwendungen ersetzt.
So kann beispielsweise der umworbene Manager verlangen, daß seine Büroräume zur Straße liegen, daß die Möbel mit Leder bezogen sind und an den Wänden zwei abstrakte Gemälde im Werte von mindestens 20 000 Dollar hängen. Als Packard die Hauptverwaltung eines Großbetriebs besuchte, fand er an einer Wand der Herrentoilette neben den Direktionsräumen einen echten Picasso vor.
Die negativen Seiten des Daseins an der Spitze der Betriebspyramide sind freilich, vor allem für die Ehefrauen der Manager, nicht minder evident: Sie müssen alte Freundschaften lösen, da auch von ihren Männern erwartet wird, daß sie sich nach einer Beförderung einen neuen, ihrer Position entsprechenden Bekanntenkreis suchen.
Bewirbt sich der Ehemann um eine Stellung in einer anderen Firma, so muß die Managerfrau darauf gefaßt sein, vom neuen Direktor empfangen und auf ihre Qualifikationen abgeschätzt zu werden. Sie muß Konversation führen können und unauffällig gut gekleidet sein, sie soll Alkohol vertragen und darf keiner rassischen oder religiösen Minderheit angehören.
Außerdem droht frühe Witwenschaft: Ihr Ehemann, der Manager, hat mit den typischen Krankheiten seines Berufs, mit Magengeschwüren, nervösen Störungen und Herzinfarkten zu rechnen.
Packards Motto für Pyramiden-Besteiger: "Psychisch gut angepaßt ist ein Manager dann, wenn sein Verbrauch an stimulierenden Pillen die Einnahme von Beruhigungsmitteln gerade so weit übersteigt, daß er die Energie aufbringt, wöchentlich einmal seinen Psychiater aufzusuchen.
* Vance Packard: "The Pyramid Climbers". McGraw-Hill Book Company, New York; 340 Seiten; 5 Dollar.
Sittentester Packard: Quälerei für Kapitäne

DER SPIEGEL 8/1963
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