20.02.1963

TIERPSYCHOLOGIEWeise Taube

Seit vor einigen Jahren in Orange Park (US-Staat Florida) eine Forschungsstation für Menschenaffen errichtet wurde, kursiert unter amerikanischen Wissenschaftlern eine scherzhafte Geschichte: Einem neugierigen Farmer wurde von einem Assistenten des Instituts bedeutet, Zweck der wissenschaftlichen Arbeit sei, Schimpansen als Pflücker auf Apfelsinen-Plantagen auszubilden. "Ach", antwortete der Südstaatler eingedenk der Sklaven-Zeiten, "dann kommen sicher wieder die Yankees und wollen sie befreien."
Was an dieser Anekdote von Affen und Apfelsinen spaßig sei, erklärte jüngst das amerikanische Psychologen -Ehepaar Professor Charles Ferster und Frau Marilyn in dem britischen Wissenschaftsblatt "New Scientist": "Allein die Antwort des Farmers."
Unter dem Titel "Tiere als Arbeiter", erläuterten die Fersters, das Orangenpflücken erfordere - keineswegs die "Fähigkeiten eines so komplizierten Wesens, wie es der Mensch ist". Mit-Leichtigkeit könnten Schimpansen zu
dieser Arbeit abgerichtet werden. "Und sie könnten - wie viele Tiere - auch andere nützliche Tätigkeiten ähnlicher Art verrichten."
Wie vollwertig ein Tier unter Umständen den Arbeitsplatz eines Menschen einnehmen kann, ergaben auch die Studien des deutschen Zoologen Dr. Walter Hoesch, der kurz vor seinem Tode im Jahre 1961 auf der Otjiruse -Farm bei Windhuk in Südwestafrika ein Pavianweibchen beobachtete: Die Äffin Ahla arbeitete als Hüterin einer Ziegenherde.
"Die Verluste an weidenden Herdentieren waren für mich, solange ich Eingeborene als Hirten beschäftigte, nicht mehr tragbar", erläuterte die Besitzerin der Farm, Mrs. Aston, dem Zoologen. "Fast jeden Abend fehlten einige aus der Herde. Nun endlich klappt es."
In der Tat konnte sich Dr. Hoesch davon überzeugen, wie das Pavianweibchen tagtäglich 80 Ziegen auf die Weide begleitete und abends wieder zurückbrachte; versprengte Tiere mit Gebrüll und Klapsen wieder der Herde zutrieb; die als Melker angestellten Eingeborenen durch lautes Geschimpfe aufmerksam machte, wenn sie Jungtiere aus Versehen im Lämmerkral eingesperrt hatten; verirrte Lämmer wieder zu ihren Müttern führte.
Hoesch in seinem wissenschaftlichen Bericht: "Kein Eingeborener und auch kein Weißer wäre in der Lage, aus einer Anzahl von zwanzig und mehr oft gleichfarbigen und gleichaltrigen Lämmern eine solche Zuteilung zu den Müttern durchzuführen. Bei Ahla sind Fehler undenkbar."
Und: "Sind alle Lämmer bei ihren Müttern; so über-Wacht die Äffin das Säugen und holt häufig bereits gesättigte Lämmer, die abseits der Mutter stehen,
wieder ans Euter zurück. In den Fällen, in welchen Lämmer noch schwach auf den Beinen sind, springt Ahla ein und stützt sie. Ist der Milchdruck nach Säugung des Lammes noch zu hoch, so säugt sie etwas Milch ab, obgleich sie sonst nie nascht."
Diese erstaunlichen Beobachtungen, die immerhin in angesehenen wissenschaftlichen Publikationen ("Zeitschrift für Tier-Psychologie", "Naturwissenschaftliche Rundschau") veröffentlicht wurden, bezogen sich nicht einmal auf einen Ausnahmefall: Das Pavianweibchen Ahla hatte auf der Otjiruse-Farm bereits zwei Vorgängerinnen, von denen die eine volle sechs Jahre lang mit großer Umsicht als Ziegenhüterin tätiggewesen war.
Das amerikanische Forscher-Ehepaar Ferster aber steckte in seiner Untersuchung den Rahmen tierischer
Arbeitsleistungen noch weiträumiger ab: Die Fersters halten den Einsatz von Tieren nicht nur als Hilfsarbeiter in der Landwirtschaft für praktikabel, sondern auch als Fließband-Kontrolleure in der industriellen Produktion.
Daß durch Mobilisierung des Tierreichs dem Menschen Erlösung vom tristen Fabrikalltag winken könnte, begründen die Wissenschaftler mit dem Hinweis auf die Anwendungsmöglichkeiten einer psychologischen Methode, die von Professor Ferster gemeinsam mit dem namhaften Harvard-Psychologen Professor Burraus F. Skinner ausgearbeitet worden ist.
Es handelt sich um die "Verstärker -Reiz-Methode", die Skinner schon während des Zweiten Weltkrieges erforscht hatte, als er Lernübungen mit Tauben vornahm. Er baute damals einen Versuchskäfig, der mit einem Futter-Automaten ausgestattet war, und brachte den Tauben bei, die Apparatur zu betätigen.
Zunächst mußten die Vögel lernen, mit dem Schnabel einen Knopf zu betätigen. Bei jedem Knopfdruck spendete ihnen der Automat einige Körner. Später wurden die Tiere dressiert, den Knopf nur dann zu drücken, wenn eine Signallampe aufleuchtete oder ein Ton zu hören war.
Die Belohnung, die in Form von Futterkörnern gewährt wurde, verstärkte mit jeder Wiederholung die Reaktionsfreudigkeit der Tauben und festigte das Dressurprogramm.
Mit der Versuchsapparatur, die als "Skinner-Box" inzwischen zur Standard-Ausrüstung amerikanischer Psychologen-Laboratorien gehört, testeten Skinner und Ferster vor allem Tauben, aber auch Mäuse, Ratten, Hunde, Katzen und Affen. Die Forschungsergebnisse, schon 1957 in einem vielbeachteten Buch veröffentlicht, bereicherten unter anderem die amerikanischen Schulen um ein Lehrmittel: den Lehr-Automaten, der dem Schüler ein in Frageform aufgelöstes Pensum auf eine Mattscheibe projiziert und erst dann die nächste Frage stellt, wenn der Schüler den richtigen Antwortknopf betätigt hat (SPIEGEL 29/1961).
Der kalifornische Psychologe Dr. Thom Verhave aus San Francisco war es; der sich schließlich mit der Frage befaßte, wie die auf Hebelzug und Knopfdruck abgerichteten Tiere für Arbeitsprozesse eingespannt werden könnten: Er setzte Tauben bei der Kontrolle von fließbandproduzierten Arzneipillen ein.
Forscher Verhave brachte den Tieren bei, auf dem Fließband jede Pille auszumachen, die von der Standardform erkennbar abwich. Die Aufgabe erforderte von den Tauben ein gewisses Abstraktionsvermögen; sie mußten zu kleine Tabletten ebenso wie zu große, defekte ebenso wie in der Farbe abweichende Pillen unterscheiden.
Psychologe Verhave hatte die Fließband-Apparatur so eingerichtet, daß den Versuchstauben am Arbeitsplatz - als Orientierungshilfe - stets eine Muster -Pille vor Augen war. Beförderte das Fließband eine Pille heran, die der Norm entsprach, so drückte die Taube, nach einigem Training, mit dem Schnabel einen zur Linken angeordneten Knopf - was eine Belohnung in Form von Futterkörnern einbrachte. Erkannte die Taube hingegen die Pille
als anomal, so pflegte sie einen rechts angeordneten Knopf zu drücken, wurde ebenfalls belohnt, und sogleich entfernte ein automatisch vorspringender Arm die defekte Tablette vom Laufband.
Wenn die Taube jedoch den Defekt übersah und auf den falschen Knopf pickte, wurde das Experiment vorübergehend geändert. Auf dem Fließband rollten nun für einige Zeit ausschließlich defekte Tabletten an. Aber: Das Tier wurde nicht dafür belohnt, daß es sie erkannte.
Sobald das Experiment wieder normal lief, zeigte es sich, daß die Taube - erpicht darauf, wieder belohnt zu werden
- ihre Achtsamkeit verstärkt hatte. Mit
dieser Art des Trainings ließ sich ein sehr hoher Zuverlässigkeitsgrad erreichen.
"Gegenwärtig", schreiben die Fersters, "setzen die Arzneimittelfirmen noch menschliche Kontrolleure bei der Pillen -Inspektion ein. Indes, die Taube kann jeden der feinen Unterschiede erkennen, die der Mensch zu sehen vermag." Darüber hinaus biete der Einsatz von Tauben auch gegenüber automatischen Sortiermaschinen Vorteile, weil
- Tauben-Arbeit nahezu gratis sei,
- angesichts der simplen Abrichtung leicht mehrere Tauben am selben Fließband arbeiten und sich gegenseitig kontrollieren könnten,
- bei einer Produktionsumstellung, etwa auf farbige Drogen, die Umdressur der Tauben viel billiger wäre als die Umkonstruktion des Kontrollautomaten.
Ähnliche Vorzüge entdeckte auch Dr. William Cumming von der Columbia -Universität, der Tauben zur Kontrolle von Transistoren abrichtete. Daß trotz derartiger Versuchserfolge die Industrie sich noch immer scheut, Tauben einzustellen, erklärt sich Professor Ferster mit der Abneigung der Konsumenten, Pillen zu schlucken, die von Tieren inspiziert worden sind. "Die Leute wiederholen zwar immer das Sprichwort
"Irren ist menschlich", spöttelt der Wissenschaftler, "aber sie verlassen sich dennoch auf die menschliche Urteilskraft."
Ungeachtet gängiger Vorurteile halten es die Fersters sogar für denkbar, Tauben im Bankwesen einzusetzen - zur Identifizierung eingehender Schecks. Erforderlich wäre lediglich, 26 Vögel auf die Erkennung jeweils eines Alphabet -Buchstabens zu dressieren. Wie bei den Pillen-Versuchen ein Knopfdruck die defekte Tablette aussortiert, würde dann ein Knopfdruck die Type einer Schreibmaschine auslösen, der Name des Scheck-Ausstellers also in Maschinenschrift ausgefertigt; der Scheck wäre damit für automatische Weiterverarbeitung aufbereitet.
Da auch Schimpansen in Versuchs -Anordnungen, die dem Skinner-Käfig ähnelten, sowie als Piloten der amierikanischen Raumkapseln hochwertige Arbeitsleistungen an Hebel- und Druckknopfvorrichtungen vollbrachten, kommen die Psychologen zu dem Schluß, daß die Affen beispielsweise auch in der chemischen Industrie automatische Prozesse steuern,könnten. Fazit: "Das Problem, ob Tier oder Maschine eingesetzt werden sollten, ist rein ökonomischer Natur; wenn der Einsatz eines Tieres billiger ist als der einer Maschine, so wäre das Tier selbstverständlich vorzuziehen - und umgekehrt."
Naheliegende soziologische Probleme
- etwa die Tatsache, daß der Prozeß
zunehmender Automatisierung allein in den USA jährlich 1,5 Millionen Beschäftigte um ihre Arbeitsstätten bringt - lassen die Fersters außer acht. Unter den Gesichtspunkten der Verhaltensforschung aber sind ihre Überlegungen stichhaltig: "Obgleich Tiere oft Objekte wissenschaftlicher Forschung waren, hat noch niemand die Grenze ihrer Fähigkeit aufgezeigt. Das Tier jedenfalls scheint nicht der begrenzte Faktor zu sein, sondern die Ignoranz des Experimentators."
Tierforscher Ferster: Vögel am Fließband
Psychologe Skinner
Arbeitslose durch Arbeitstiere?

DER SPIEGEL 8/1963
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