17.04.1963

GARTENLAUBESächsische Keilschrift

Es geschah in Zelle 47. Dort, im königlich-sächsischen Landesgefängnis Schloß Hubertusburg unterbrach an einem Oktoberabend des Jahres 1852 ein Gefangener seine gedankenverlorene Zellenwanderung und begann, wie er sich später erinnerte, "mit energischer Hand zu schreiben".
Die Federstriche des Delinquenten Ernst Keil brachten einen Plan zu Papier, den er ein Vierteljahr später, aus der Haft entlassen, mit ebenso energischer Hand verwirklichte: Im Januar 1853 erschien die erste Nummer der "Gartenlaube".
Den Lesern seines "neuen Blättchens" versprach Verleger Keil: "Es soll Euch anheimeln in unsrer Gartenlaube, in der Ihr gut-deutsche Gemüthlichkeit findet."
Der 1816 im thüringischen Langensalza geborene Bürgersohn und spätere Buchhändlerlehrling in Weimar, dem der greise Geheimrat Goethe "wohlwollend über sein Blondhaar strich" (Keil), hatte nicht zuviel versprochen. Die lieben Leute im deutschen Lande", die Keil fünf Jahre nach der verunglückten Revolution von 1848 eingeladen hatte, fühlten sich in der Leipziger "Gartenlaube" nur zu heimisch.
Sie ließen sich, Keils Programm gemäß, in die "Geschichte des Menschenherzens" einführen, folgten programmgemäß "in die freie Natur, zu den Sternen des Himmels, zu den Blumen des Gartens, in Wälder und in die Eingeweide der Erde" und ließen es sich anheimeln bei "allem, was da lebt und schwebt und kreucht und schleicht".
Keil hatte den Geschmack seiner Mitbürger getroffen. Das "neue Blättchen" wurde zum Jahrhundertblatt. Am
Ende seines ersten Jahrgangs hatte es eine Auflage von 6000 Exemplaren erreicht. Sieben Jahre später, 1860, mußte Keil allwöchentlich bereits 86000 "Gartenlauben" auflegen; 1875, in einer Zeit, da die großen Gazetten bestenfalls 20 000 Exemplare vertrieben, betrug ihre wöchentliche Auflage 400 000 Stück.
Die "Gartenlaube" überdauerte drei Kriege, ein Königreich, ein Kaiserreich, eine Republik und fast auch eine Diktatur, bevor sie sich, 91jährig, dem totalen Krieg Hitlers opferte: Sie stellte 1944 ihr Erscheinen ein und tröstete den hinterbliebenen Leserkranz: "Es werden dabei weitere Kräfte für die Wehrmacht und für die Rüstung frei."
Die Kräfte, zu Wehr und Waffen nicht mehr benötigt, werden in diesen Wochen wieder mobil gemacht. In Feldafing, München und Stuttgart bieten, animiert vom Kitsch-Appeal und vom Nippes-Snobismus der Jahrhundertmitte, gleich drei Verleger Rückblick auf drei Generationen deutscher "Gartenlaube"*.
Um hinreichende Teilnahme an der "herzerfrischenden Wanderung" durch das publizistische Museum - so der Buchheim Verlag - ist dem Herausgeber-Trio zu Recht nicht bang. Denn, so meditierte Friedrich Sieburg in seinem Vorwort zum Stuttgarter Scherz -Buch: "Es wird immer einen Impuls geben, den man die Gartenlaube in uns nennen könnte."
In seiner Einleitung möchte Sieburg, seit je auf Konservierung bürgerlicher Lebensart bedacht, denn auch keinesfalls dem "Dünkel" huldigen, "den der technisch hochentwickelte Mensch gegenüber dem 19. Jahrhundert gern empfindet".
Im Gegensatz zu seinen vorwortschreibenden Kollegen in München und Feldafing, die bei allem philologischen Ernst einem Quantum Ironie nicht entsagen konnten (Vorwort-Autor Joachim Wachtel: "Keils Waffe war die Tränendrüse"), empfand Sieburg: "Es ist des nachdenkenden Menschen nicht würdig, eine Einrichtung, die gelebt und ihren Zweck erfüllt hat, als 'altmodisch' zu belächeln."
Der Zweck, den Ernst Keil mit seiner "Welt der Gartenlaube", ihrem Modernismus, ihrem Optimismus und ihrer Menschenfreundlichkeit" (Sieburg) anvisiert hatte, war in der Tat nobel und nicht minder fortschrittlich als die Ziele, die Keil bereits früher als Redakteur und Herausgeber verfolgt hatte. So hatte er in den sächsischen Zeitschriften "Unser Planet", "Der Leuchtturm" und "Der illustrirte Dorfbarbier" freimütig gegen die reaktionäre Politik des Vor- und des Nachmärz polemisiert und war schließlich, nach dem Scheitern der Revolution von 1848, wegen dieser staatsgefährdenden Aktivität für neun Monate ins Gefängnis gekommen.
Als Keil die Zelle 47 auf Schloß Hubertusburg verließ, war er gewitzter geworden. Die "Gartenlaube", die er nach seiner Haftentlassung gründete, sollte, so versprach er seinen Lesern und Zensoren, nun "fern von aller raisonnirenden Politik und allem Meinungsstreit in Religions- und anderen Sachen" unterhalten.
Dennoch erkannte Keils Zeitgenosse, der Romancier und Bühnenautor Hermann Sudermann: "Die ,Gartenlaube' ist bis zum österreichischen Krieg (1866) die eigentliche Trägerin des demokratischen Gedankens, das freiheitliche Gewissen Deutschlands gewesen."
Sudermanns Lob war übertrieben, ganz unbegründet war es nicht. Seinem Versprechen zum Trotz mochte der Lauben-Gründer "raisonnirender Politik" nicht völlig entsagen. "In einer Zeit zumal, die sich so lebhaft für die gute Behandlung der Hunde und Katzen interessirt", plädierte Keil für eine humanere Strafrechtspflege. Er beklagte die Not der deutschen Arbeiter, forderte die strikte Wahrung des Briefgeheimnisses und huldigte, in einer Epoche des Anti-Liberalismus, dem "wahren Republikaner" Abraham Lincoln. Keil sei, so formuliert Joachim Wachtel in der Buchheim-Ausgabe, "ein Kämpfer für Fortschritt und Freiheit" gewesen.
Dieser Kampf für Fortschritt und Freiheit galt freilich nicht nur politischen Zielen. Er galt zugleich dem einzwängenden Schnürleibchen, den "Tragödien und Komödien des Aberglaubens" und der Vielweiberei der Mormonen.
In seiner publizistischen Volkshochschule bot Keil aber noch weit populäreren Wissens- und Unterhaltungsstoff. In der "Gartenlaube" wurden heranreifende Jungfrauen mit praktischen Ratschlägen versorgt, wurde das Ruhebett Garibaldis als ein "Erzeugniß deutscher Industrie" gepriesen, wurden das bombastische Marmorschwimmbad des Bayern-Königs Ludwig II. und der Staatswagen des birmanischen Herrschers, wurden Azteken, Buschmänner, Samoaner und Sarazenen, wurde Kaiser Wilhelm I. im Hühnerhof und in den Armen geflügelter Genien auf Himmelfahrt vorgeführt.
Die Leipziger Laube verbreitete großvaterländische Gesinnung, sie erklärte den sonntaglichen Kaffeetisch im Garten zum Zentrum der Welt und kreierte das Höhere-Töchter-Ideal mit offener Haarflut, errötenden Wangen und fließenden Gewändern.
In der "Gartenlaube" dichtete vor allem Keils Landsmännin Eugenie John unter dem Pseudonym E. Marlitt für Generationen deutscher Mütter und Töchter ihre lauteren Jungferriträume vom "Geheimniß der alten Mamsell", von der "Reichsgräfin Gisela" und vom "Haideprinzeßchen".
Das kränkelnde Fräulein aus Arnstadt, das seit 1865 seine Romane in der "Gartenlaube" veröffentlichte, wußte
das "Gewissen Deutschlands" um neue Attraktionen zu bereichern. "Ihr bestrickender Hauptreiz", wurde die Hausdichterin ihren Lesern vorgestellt, "liegt in dem unbeschreiblichen Duft einer sauberen Idealität. Zwar werden auch ererbte und verlogene Schnödigkeiten heutiger Gesellschaftsklassen gezeichnet, die verhängnißvoll ihre breiten Schatten in das kleine Gemälde werfen.
"Den Sieg jedoch über diese Gewalten vermoderten Dünkels und anmaßender Scheinheiligkeit erringt der harmlose Sinnesadel, das stolze und doch so bescheidene Würdegefühl einer jungfräulichen Weiblichkeit, die still und züchtig auf dem stillen Boden des kleinen deutschen Bürgerhauses, der deutschen Sitte und Bildung gewachsen ist."
Buchheims Wachtel erläutert: "Die Marlitt und die Gartenlaube sind in der Publikumsgunst fast identisch geworden." Und im Vorwort der Heimeran-Edition rügt Magdalene Zimmermann, nachdem sie Keils "unbestechlichen Blick für die nüchterne Wirklichkeit in Politik, Technik und Wissenschaft" gelobt hat, den "pseudo-romantischen Kitsch des Unterhaltungsteils" der Keil-Schrift: "Gerade dies Minderwertige seines Werkes ... hat sich der Nachwelt als das Charakteristische der 'Gartenlaube' eingeprägt."
Nachdem Keil 1878 gestorben war, wandelte sich das Blatt vollends zum literarischen Elfenreigen in der Bürgerstube. Zwar publizierte die "Gartenlaube" Fianz Mehrings Betrachtungen "Zur Geschichte der Socialdemokratie" ebenso wie das erste Kapitel der Bismarck-Memoiren, aber die Laube, vom Kitsch, überwuchert, verstaubte im Schrebergarten des deutschen Spießbürgers.
Dennoch konnte das illustrierte Familienmagazin, nacheinander vom Kröner -Verlag, vom Scherl-Verlag und schließlich vom deutschnationalen Zeitungsnabob Alfred Hugenberg aufgekauft, noch 44 Jahre des neuen Jahrhunderts, überdauern.
Im Ersten Weltkrieg schrieb sie über Kaninchenzucht im Schützengraben vor Verdun, im Zweiten berichtete sie über winterliche Ostfront Idylle. Dann endlich brach die morsche "Gartenlaube" zusammen.
"Mit unserem zuversichtlichen Glauben an den Sieg", verband die Redaktion in ihrem Schlußwort von 1944 die Hoffnung, "unsere Zeitschrift nach dem Kriege allen Beziehern wieder in gewohnter Weise liefern zu können".
Aber Glaube und Hoffnung trogen. Ein Versuch des Hamburger "Erika -Roman"-Verlegers, Otto Melchert, eine westdeutsche "Gartenlaube" neu zu errichten, wurde bis heute nicht verwirklicht. Keils Erbschaft war längst angetreten.
Den Nachfahren der "lieben Leute im deutschen Lande", die Keil einst zusammengerufen hatte, war bereits mehr als reicher Ersatz zuteil geworden: "Hör zu" hatte "Die Gartenlaube", "Hör zu"-Autor Hans-Ulrich Horster
die Marlitt abgelöst und weit übertroffen.
Keils Parole "Es soll Euch anheimeln in unsrer Gartenlaube, in der Ihr gutdeutsche Gemüthlichkeit findet", hat nunmehr der Moralist und "Hör zu" -Verleger Axel Cäsar Springer durch die Losung ersetzt: "Seid nett zueinander."
* Joachim Wachtel: "Heißgeliebte Gartenlaube". Buchhelm Verlag, Feldafing; 160 Seiten; 19,80 Mark. - Magdalene Zimmermann: "Die Gartenlaubei. Ernst Heimeran Verlag, München; 288 Seiten; 35 Mark. - Heinz Klüter: "Facsimilequerschnitt durch die Gartenlaube". Scherz Verlag, Stuttgart; 208 Seiten; 19,80 Mark.
"Gartenlaube"-Titelkopf: Für Freiheit und Fortschritt ...
"Gartenlaube"-Gründer Keil ... ein Konzept aus Zelle 47
"Gartenlaube"-Autorin Marlitt
Sieg des Sinnesadels . . .
... über die Gewalten des Dünkels: "Gartenlaube"-Illustration

DER SPIEGEL 16/1963
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