24.04.1963

DPMan to

SPD wie CDU hatten ihre Funktionäre zur Eröffnung der niedersächsischen Wahlkampagne in den prunkhaft drapierten Kuppelsaal der hannoverschen Stadthalle geladen; die Vertriebenen und Entrechteten der Gesamtdeutschen Partei (BHE) mieteten sich goldverbrämte Säle in den Maschsee-Gaststätten der Leine-Metropole. Die Deutsche Partei blieb der erdverwachsenen Tradition ihres Niedersachsenlandes treu und versammelte sich im Stall.
Auf blütenweißem Karton hatte DP -Chef Wilhelm-Ernst-August Freiherr von Cramm vier ausgewählte hannoversche Journalisten "zu einem politischen Gedankenaustausch und kl. Mittagessen" in das Dorf Harbarnsen bei Hildesheim eingeladen, wo der Freiherr, ein Bruder des Tennisbarons, ein Brennereigut betreibt.
Die Presseleute bereiteten sich artig auf das erwartete intime Mahl im Crammschen Herrenhaus vor: Redakteur Scholber von der sozialdemokratischen "Hannoverschen Presse" legte seinen dunkelblauen Sonntagsstaat an und erwarb sogar einen Blumenstrauß, den er - vor Tisch - der Freifrau des Hauses zu überreichen gedachte.
Doch statt in die Salons des Gutshauses wurden die Zeitungsvertreter in die Harbarnser Stallungen eingewiesen, wo in einer Holzscheune, die den Cramms auch als Reitbahn dient, bereits an die siebzig DP-Wahlkämpfer zum Rapport versammelt waren.
Der angekündigte politische Gedankenaustausch fand auf Torfmull und an ausgeliehenen Gartentischen einer Dorfwirtschaft statt; das "kl. Mittagessen" bestand nach alter Niedersachsenart aus Bockwurst, Bier und Doppelkorn. Der rustikale Empfang galt dem Renommier-Kandidaten der DP, dem hannoverschen Prinzen und Kaiser-Enkel Welf Heinrich, der seinen Parteifreunden zum erstenmal präsentiert werden sollte.
Der Prinz, ein angebissenes Würstchen in der linken, ein Glas Bier in der rechten Hand, versicherte zwar, daß Politik ihm fremd sei, daß er aber "mit Stolz" dabei sei, der Heimatpartei in den Landtag zu verhelfen.
Von den 7400 Plakaten - Emblem: zwei gekreuzte Pferdeköpfe; Inschrift: "Niedersachsen wählt DP" -, die bislang von den 80 000 Mark aus der Parteikasse finanziert werden konnten, zierten rund hundert die Reitstallwände.
Von der vertrauten Atmosphäre ermutigt, gelobten die bäuerlichen Parteifunktionäre aus Marsch und Heide, "wie ein Mann zusammenzustehen", um außer den 400 000 alten DP-Wählern - 1959 erhielt die Deutsche Partei 12,4 Prozent der Stimmen - auch jene Wahlberechtigten um ihren Prinzen zu scharen, "denen die CDU zum Halse heraushängt".
Statt anderer vaterländischer Lieder und anstelle der sonst auf Parteitagen
obligaten Proklamation eines Wahlprogramms - Cramm: "Das kannten ja schon unsere Väter" - intonierten die Delegierten ihren alten Welfen-Song aus vorpreußischer Zeit:
Hei kümmt, hei kommt, hei kummt,
der gerne einen nümmt,
pitsche, pitsche, pitsche,
der Herzog von Cambridsche*.
Welfisch rief der Prinz durch den Stall: "Holt fast!" Die Deutsch-Parteiler antworteten im Chor: "Man to!"
* Herzog Adolf v. Cambridge (1774 bis 1850)
war der jüngste Sohn des Welfenkönigs Georg III. von Hannover, Großbritannien und Irland.
DP-Funktionärstreffen in Harbarnsen (bei Hildesheim): Pitsche, pitsche, pitsche

DER SPIEGEL 17/1963
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