24.04.1963

THIELEThema Weib

Sechs nackte Mannequins planschen in der Schwimmhalle einer Bergvilla und plaudern über Schwangerschaftsunterbrechungen. Während sie aus dem Wasser hüpfen und sich frottieren, kauert eine lesbische Medizinstudentin im weißen Badetuch am Beckenrand nieder und rezitiert liebesphysiologische Sprüche von Gottfried Benn.
Derlei Darbietungen sollten ursprünglich die Kinogänger in Westberlin und dreißig bundesdeutschen Städten zum Osterfest erbauen. Der Münchner Nora Filmverleih hatte für die Karwoche angekündigt und schließlich wieder abgesetzt: "Venusberg", das jüngste Lichtspiel des "Rosemarie"-Regisseurs Rolf Thiele.
Der Regisseur, so machte der Verleih Reklame, werde kundtun, "was Mädchen von der Liebe halten". Sein Werk sei als Beitrag zu einer Frage zu verstehen, der Sexualforscher und Seelenärzte seit Jahren "mit Inbrunst" nachgingen: "Warum sind die heutigen Frauen so unglücklich - und wie könnte ihnen geholfen werden?"
Rolf Thiele, 45, ein schmächtiger Mann mit blassem Teint und Stirnglatze, derzeit Chef-Erotiker des deutschen Films, glaubt zumindest eine Antwort gefunden zu haben, soweit diese Frage die Deutsche Bundesrepublik betrifft. Im "Venusberg" verkündet eine junge Schwedin: "Deutsche Männer lieben zu kurz - weshalb die deutsche Frau unglücklich ist."
Deutsche Männer waren es, die als erste Protest gegen die "Venusberg" -Erzählungen anmeldeten: die Mitglieder der Freiwilligen Filmselbstkontrolle (FSK) in Wiesbaden. Als Thiele ihnen seinen Film in der Osterwoche vorführen ließ, sahen die FSK-Leute sich nicht nur von "einer abstrahierenden Montage von Details und Totalen weiblicher Schönheit" bedrängt. Sie hatten auch eine Fülle von Dialogen zu bewältigen, wie
- "Das Bett hat die beiden nicht ausgehalten, es ist mitten in der Liebe zusammengebrochen."
- "Für mich fängt der Mann mit dem Kopf an, dann kommt lange nichts ... dann sein zweitwichtigster Körperteil
- und dann erst seine Million."
Nachdem die Filmkontrolleure in Wiesbaden solche Texte und dazu die Nackedeis zweimal über sich hatten ergehen lassen, fühlten sie sich außerstande, den "Venusberg" in Urfassung freizugeben. Sie beanstandeten 20 Textstellen - die zu entfernen oder zu ändern seien - und verordneten zudem die Entfernung einer Bildeinstellung, die einen unbekleideten weiblichen Körper in Vorderansicht, wenn auch nur durch eine eisbedeckte Fensterscheibe, erkennen läßt.
Thiele in pfiffiger Empörung: "Nur wer sie sehen will, kann da die Scham entdecken; der normale Mensch sieht den Damen ins Gesicht!"
Der Regisseur und sein Produzent Franz Seitz riefen prompt den FSK -Berufungsausschuß an. Doch daß sie bereit waren, mit den Wiesbadener Filmgutachtern Kompromisse auszuhandeln, erhellt nicht nur der neue Premierentermin, den die Nora-Leute sogleich auf Freitag dieser Woche festsetzten. Ebenso spricht dafür, daß Thiele - der von den FSK-Auflagen vernahm, als er eine Nackedei-Party für seinen neuen Film "Moral 63" aufnahm - gewöhnt ist, Händel mit der FSK auszutragen.
"Gehn wir 'n bißchen weit", hatte Thiele seinen Produzenten überredet, als er seinen vorletzten Film, den späteren Kassenschlager "Das schwarzweiß-rote Himmelbett", drehte. "Nehmen wir sehr viel rein, zu viel - dann bleiben uns wenigstens die kleinen Pornographien, wenn die großen Sachen 'raus müssen."
Der Münchner Kritiker Enno Patalas bezeichnete denn auch den "Himmelbett"-Regisseur prompt als einen "kleinen Händler mit blutleeren Pornographica". Der Regisseur hingegen: "Das Thema Weib interessiert mich aus Winkeln her, die man mir leider nicht unterstellt."
Es sind jene Winkel, in denen Thiele "das weibliche Unbehagen" wittert: "Welchen Dingen haben wir das Weib in der industrialisierten Gesellschaft ausgesetzt?" Die verblasene Quintessenz seiner Überlegungen: "Die Erneuerung unserer Gesellschaft kann wohl nur vom Weibe ausgehen."
Sorge um das Wohl der Gesellschaft hat den gebürtigen Böhmen offenbar schon immer geplagt. Nach dem Kriege verschickte der Student der Philosophie und Soziologie aus Göttingen "kulturphilosophische Denkschriften zur Substanzerhaltung", und er äußerte auf die Frage, wie und warum er zum Film gekommen sei: "Direkt aus der Schule des deutschen Idealismus. Wir wollten nach dem Kriege Kultur pflügen und Filme gegen den Film machen."
Als Mitbegründer und Produktionsleiter der Göttinger Filmaufbau GmbH war er an so ambitiösen Filmen wie "Liebe 47", "Nachtwache", "Es kommt ein Tag" und "Königliche Hoheit" beteiligt. 1951 wagte er sein Regie-Debüt mit dem Lichtspiel "Primanerinnen". Doch schon seine Filme "Der Tag vor der Hochzeit" und "Sie" (nach dem gleichnamigen Roman von Gabor von Vaszary) trugen ihm erste Rügen der Katholischen Filmkommission ein. Die konfessionellen Kritiker entdeckten "Unziemlichkeiten in Bild und Dialog" und urteilten: "abzuraten", da "heiter-frivol".
Von da an pflügte Thiele kaum mehr. Sein Filmexperiment mit Romy Schneider - Titel: "Die Halbzarte" - stellte er unter das Motto: "Die Schamhaftigkeit unter dem Mantel der Unmoral ist die eigentümliche Keuschheit unserer Jugend."
Im selben Jahr, 1958, drehte er sein bestes und auch international erfolgreichstes Lichtspiel: den Nitribitt-Film "Das Mädchen Rosemarie" nach einem Buch von Erich Kuby. "Indem er das Lotterbett mit Girlanden schmückt", argwöhnte die Münchner Cineasten -Zeitschrift "Filmkritik", habe Thiele "sein stilles Vergnügen am Zuschauen".
Und wie er das "Labyrinth", ein verquastes Traktat über ein Luxussanatorium, mit "eindeutigen Zweideutigkeiten" (so FAZ-Kritiker Karl Korn) spickte, so brachte er in "Man nennt es Amore" sowohl Goethe-Verse als auch die photographierten Sehnsüchte deutscher Italien-Touristinnen unter.
Seine künstlerische Aufmerksamkeit wendete er vor allem drei Darstellerinnen zu: den Wienerinnen Romy Schneider und Nadja Tiller, der Holländerin Nicole Badal. Sissy Romy Schneider wandelte sich unter Thiele zur "Halbzarten" in schwarzen Dessous. Charakter-Darstellerin Nadja Tiller ("Die Barrings") wurde zur üppigen Galionsfigur mancher erotischen Thiele-Schau - etwa als Dirne in "Das Mädchen Rosemarie" oder als verkommener Vamp in "Lulu". Nicole Badal verkörperte das von Thiele empfundene "weibliche Unbehagen" in "Man nennt es Amore", nachdem sie in "Labyrinth" als Nymphomanin mit Entkleidungsdrang in einer Nebenrolle erfolgreich aufgetreten war.
Für den "Venusberg" suchte sich der Regisseur in Schweden, Holland, Österreich und Italien sieben junge Damen zusammen, die gewillt waren, mal modisch gewandet, mal gänzlich unbekleidet vor seiner Kamera zu erscheinen. Sie sollten ganz unter sich bleiben, kein Mann sollte in dem Film auftreten. Er wolle "das wahre Ich" der Frau präsentieren, versicherte Thiele.
Die sieben Thiele-Mädchen reden im "Venusberg" unausgesetzt über Liebe, Kohabitation, Männer und Abtreibung. Sie baden nackt und wälzen sich in Betten. Sie summen "O du fröhliche". Sie köpfen Hähne, räumen sie aus und spielen - während elektronisch stilisiertes Hennengegacker ertönt - mit den abgehackten Hühnerbeinen. Sie zitieren Gottfried Benn, Simone de Beauvoir und Montherlant. Sie malen Männchen und sehnen sich nach dem Mann.
Gelegentlich schleicht denn auch ein geheimnisvoller Unbekannter um das Haus der sieben Damen. Er ruft hin und wieder an und blinkt aus respektvoller Entfernung mit der Lichthupe seines Autos. Einmal wird er von einem der Mädchen eingelassen; und die anderen lauschen im Nachbarzimmer angestrengt dem Knarren von Sprungfedern.
Thiele verhehlt nicht, daß er diesem geheimnisvollen Mann - der sieben Damen zugleich zu beunruhigen vermag - seine eigene Stimme lieh.
"Venusberg"-Regisseur Thiele, "Venusberg"-Darstellerinnen: "Geh'n wir 'n bißchen weit"
Thiele-Star Romy Schneider
"Die Erneuerung ...
Thiele-Star Nadja Tiller
... unserer Gesellschaft ...
Thiele-Star Nicole Badal
... geht von der Frau aus"

DER SPIEGEL 17/1963
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