01.05.1963

INTELLIGENZ-TESTGenial oder fast genial

Verkannte Genies soll es in Mitteleuropa
bald nicht mehr geben. Der Münchner Michael Graf Soltikow, 60, der bislang ein eher anspruchsloses Publikum mit Illustrierten-Literatur ("Eine Frau genügt nicht?", "Augen ohne Liebe") versorgte, will sich fortan allen "hervorragenden Intelligenten" widmen und sie nach Kräften fördern.
Die Villa des Grafen in Münchens Redwitzstraße wird bereits mit Klassenzimmern für Begabte versehen.
Soltikow, der Rechtsanwalt gelernt und sich zeitweilig bei der deutschen Abwehr und bei dem Wunderdoktor Gröning verdingt hatte, will auch jenen Begabten helfen, die den falschen Beruf ausüben: Jedermann soll mit gräflicher Hilfe den "blauen Monteurkittel... mit dem weißen des Ingenieurs ... vertauschen" können.
Das Zaubermittel des Münchner Begabtenförderers ("Ich habe fünf Universitätsprofessoren unter meinen Vorfahren"): ein Verein der Genialen für Deutschland, Österreich-und die Schweiz mit dem Namen "Mensa".
"Mensa"-Anwärter werden sich einem speziell zu Vereinszwecken ausgearbeiteten Intelligenztest unterziehen müssen, bei dem durch rund 250 Rechenaufgaben, Scherz- und Fangfragen die Begabung des Prüflings ermittelt werden soll. Eine Frage beginnt etwa: "Bekanntlich
haben die Japaner keine Weisheitszähne..." Sie soll den Prüfling zu der Frage provozieren, wie der Tester diese Behauptung stützen will.
Nach dem Test teilt der Examinator den, Kandidaten den von ihnen erzielten Intelligenz-Quotienten (I. Q.) mit. Die Bewertungsskala reicht von "angeborenem Schwachsinn" (etwa 70 Punkte) bis "genial oder fast genial" (etwa 160 Punkte).
Dieses komplizierte Verfahren ist notwendig, weil Soltikow in seinen Verein nur besonders Begabte aufnehmen will. Soltikow richtet sich dabei nach seinem Vorbild, dem "Mensa"-Verein in Großbritannien, der bereits seit 18 Jahrien existiert und 1700 Mitglieder zählt.
Um in den englischen Begabten-Verein aufgenommen zu werden, ist ein Intelligenz-Quotient von 148 Punkten erforderlich. Für den deutschen Verein genügen 138. Punkte, denn während manche Amerikaner, und Engländer ihren Punktwert sogar auf Visitenkarten präsentieren, lieben es die Bundesbürger nicht, ihre Intelligenz einer allzu scharfen Prüfung unterziehen zu lassen.
Von den Engländern hat Soltikow auch die Ziele seines Vereins, kopiert. Die englischen Geistes-Aristokraten wollen
- finanziell minderbemittelten FastGenies
das Studium bezahlen und ihnen Spitzenpositionen in der Wirtschaft sowie
- kontaktarmen Klugen den ebenbürtigen Ehepartner vermitteln.
Besonders der letzte Punkt hat es dem Junggesellen Soltikow angetan: Er will in Zukunft verhindern, daß deutsche I.Q.-Spitzenreiter neben Ehehälften verkümmern, deren körperlicher Kurvenreichtum geistige Tiefebenen verbirgt: Es solle kein "Goethe neben einer Christiane Vulpius bis an das Ende seiner Tage geistig dahinvegetieren". Anhand des Partner-I.Q., so Soltikow, wird leicht festzustellen sein, ob sich die Anbahnung "intimer Verhältnisse" überhaupt lohnt.
Die Anbahnung berufsfördernder Kontakte, die sich Soltikow auch vorgenommen hat, ist dem englischen
Modellverein "Mensa" trotz langjähriger Praxis oft nicht in gewünschtem Umfange gelungen. Einer der Gründe: Hohe Intelligenz ist nach herrschender Lehrmeinung der Psychologen weder notwendige Voraussetzung noch Gewähr für außerordentliche Leistungen.
So ergab sich bei Beobachtung extrem intelligenter Nordamerikaner über Jahrzehnte hinaus ein Lebenslauf ohne besondere Höhen; andererseits errechneten Wissenschaftler bei einem Genie wie Kopernikus posthum einen I.Q. von 105, was einer allenfalls durchschnittlichen Intelligenz entspricht.
Auch die führenden Köpfe des Dritten Reiches wären bei der "Mensa"-Prüfung durchgefallen. Die Punktwerte der in Nürnberg von US-Psychologen getesteten Nazigrößen lagen durchweg unter 148. Sie reichten von 106 bei Julius Streicher über 138 bei Göring und Dönitz bis 143 bei Hjalmar Schacht.
Vereinsgründer Soltikow ist überzeugt, daß Fachleute seinen Klub-Plan fördern werden. Der Graf steht, wie er sagt, in noch geheimen Verhandlungen mit Münchner Universitätsprofessoren, die Bewerber um Aufnahme in den Intelligenzklub streng wissenschaftlich prüfen sollen. Gebühr: zehn Mark für die Rohauslese, 30 Mark für den Haupttest.
Vereins-Gründer Soltikow: Kein Kluger soll verkümmern

DER SPIEGEL 18/1963
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