08.05.1963

KATHOLIZISMUSSache Bonn

Der Ärger mit Hochhuth ist noch nicht ausgestanden, da kommt schon neuer Kummer auf Deutschlands Katholiken zu.
In einem Taschenbuch, das der Rowohlt Verlag in dieser Woche ausliefert, wird die These vertreten, daß sich der Katholizismus in der Bundesrepublik weniger von der Botschaft Christi leiten lasse als vielmehr von seiner engen Interessen-Bindung an Bürgertum und CDU, an fragwürdig gewordene Leitbilder und Wertbegriffe eines bornierten, restaurativen "Mehrheitsmilieus".
Titel der Streitschrift: "Die Kapitulation". Verfasser: der 40jährige Münchner Journalist und Schriftsteller Carl Amery (bürgerlich: Christian Mayer), praktizierender Katholik und Autor zeitkritischer Romane ("Der Wettbewerb", "Die große deutsche Tour"), stellvertretender Vorsitzender des von Hans Werner Richter geführten "Komitees gegen Atomrüstung e.V." und Mitarbeiter der in München erscheinenden "Werkhefte", einer Zeitschrift glaubensfester Nonkonformisten. Ursprünglich sollte die Amery-Schrift im Münchner Rheinsberg-Verlag (stiller Teilhaber:
Hans Werner Richter) erscheinen; der Verlag ging jedoch unlängst in Konkurs.
Weil der deutsche Katholizismus zu fest an die Interessen und Vorurteile der bundesdeutschen Wohlstandsgesellschaft gebunden sei - etwa an die Axiome des Antikommunismus oder der Unantastbarkeit des Privateigentums -, gibt es laut Amery in der Bonner Republik heute "überhaupt keine Frage des öffentlichen Lebens, die nicht in erster Linie von den ... Sehnsüchten und Strebungen des Milieus und erst in zweiter Linie von der Substanz der (christlichen) Verkündigung her besprochen und entschieden wird*".
Amerys Schlußfolgerung aus seiner kritischen Kirchen-Analyse: "Diese Herrschaft (des 'Mehrheitsmilieus' über den heutigen deutschen Katholizismus) muß gebrochen werden." Andernfalls, prophezeit der Kirchenkritiker, drohe dem deutschen Katholizismus möglicherweise "völlige Auszehrung" oder sogar "katastrophales Erlöschen".
Der linksorientierte katholische Nonkonformist Amery leitet das Phänomen, das er die Herrschaft des Milieus nennt, aus einer historisch-soziologischen Betrachtung ab. Er konstatiert, daß eine "Prävalenz (Vorherrschaft) zweitrangiger Werte und Tugenden" die Kirche seit Jahrhunderten zur "Absprache", nicht zur "prinzipiellen Auseinandersetzung" mit den herrschenden Mächten gedrängt habe, daß der Klerus jegliche Rebellion verketzert, den Untertanengeist gefördert, Obrigkeit und Privateigentum unzulässig sanktioniert habe.
Amery interpretiert die Unterwerfung des deutschen Katholizismus unter das Hitler-Regime als eine Kapitulation des bürgerlich-katholischen "Milieus": Auch wenn die Kirchenführung 1933 entschieden opponiert hätte - was sie nicht tat -, wäre das "Milieu" nicht gewillt gewesen, "seine soziale Haut zu Markte zu tragen": "Die große Mehrheit derer, die man noch gutgesinnt nennen mochte, verweigerte von Anfang an die Widerstandsarbeit; besser gesagt, sie war gar nicht imstande dazu, weil ihr die seelischen und moralischen Voraussetzungen völlig fehlten."
Deutschlands "Milieukatholizismus", so meint der "Kapitulation"-Autor, habe wohl auch gehofft, "im 'allgemeinen 'Aufbruch der Nation' jene Feinde niederzuschlagen, die man vor allen anderen gefürchtet hatte: den Liberalismus, den Sozialismus - und die 'allgemeine Unsittlichkeit', das heißt die individuelle Emanzipation und ihre negativen Folgen. Vielleicht gelang es, mit einem Wort, die gute alte Ordnung wiederherzustellen".
Amery: "Gewiß, ein guter Teil des deutschen Katholizismus bewies, daß er sich verschiedene Dinge nicht leicht gefallen ließ ... Aber die Demokratie? Aber die Juden? Aber die Parteien und Männer der Linken? Sie hätte das Milieu niemals verteidigt."
Katholik Amery - wie auch sein Kollege und Glaubensbruder Heinrich Böll, der ein nicht minder kirchenkritisches Nachwort zur "Kapitulation" verfaßte (siehe Auszug Seite 82) - streitet dem heutigen Katholizismus das Recht ab, auf katholische Widerstandskämpfer und katholische Opfer des Nazi-Terrors insgesamt stolz sein zu dürfen, denn, so Amery: "Sie waren Propheten gegen ihr eigenes kirchliches Milieu nicht weniger als gegen die Übermacht der Heiden. Sie zeugten nicht nur gegen die Horde ... sondern auch gegen den Untertanengeist, der das ,katholische Volk' in seiner Gesamtheit der Horde unterwarf, und gegen die amtlichen (kirchlichen) 'Weisungen', die diesen Geist billigten und ideologisierten."
Amery kritisiert, daß der westdeutsche Katholizismus noch heute die "kleine heile Welt von gestern" und das "Kirchenbild von 1914" - die Kirche als "Erziehungsinstitut" und "wohlbewachte Hürde" - favorisiere, daß er immer noch am "kleinbürgerlichen Tugendsystem" festhalte. Er wirft ihm vor, das sozialreformerische Ahlener Programm der CDU von 1947 verraten, gegenüber Flüchtlingsproblem und Wohlstands-Materialismus versagt, "die Sache Bonn zu der seinigen" gemacht und Konrad Adenauer "sakralisiert" zu haben.
Die positiven Gutachten katholischer Theologen zur Atombewaffnung nennt Amery "ethische Steuerberatung" für Bonn und moraltheologische "Trapezakte". Er macht die "gesellschaftlichpolitische Verfilzung" des deutschen Katholizismus dafür verantwortlich, daß die Kirche unter Vortäuschung weltanschaulicher Motive auch die entmarxte SPD nach wie vor diskreditiert: "Das Milieu kann einfach 'die Roten nicht riechen'- und damit basta."
Das "Milieu", klagt Amery, diffamiere katholische Nonkonformisten als "hämische Kritiker" und drücke ihnen "das Stigma des Außenseitertums" auf, es "bestimmt, was katholisch ist". So komme es, schreibt der Münchner Autor, "daß jemand wie J. Kapfinger sich schlicht und ohne zu erröten als 'katholischen Publizisten' bezeichnen kann" und damit durchaus recht habe: "Er ist ein katholischer Publizist, oder, besser gesagt, ein Publizist des deutschen Katholizismus in seiner heutigen Lage und seinem heutigen Zustand - während zum Beispiel. Walter Dirks keiner ist*."
Im Hinblick auf eine Änderung der beklagten deutsch-katholischen Verhältnisse zeigt sich der Reform-Katholik Amery, der für das abgewürgte Experiment der französischen Arbeiterpriester, für die katholische Opposition gegen Franco und für katholische Wehrdienstverweigerer in Deutschland Partei ergreift, wenig optimistisch: Ein Katholizismus, "der das 'Bürgertum' ablösen könnte", sei in Deutschland nicht in Sicht.
Dennoch fordert Amery: "Es muß eine Alternative - oder mehrere Alternativen - zum gegenwärtig herrschenden Milieu-Katholizismus geschaffen ... werden." Und: "Sentire cum Ecclesia (Mit der Kirche fühlen) kann von uns den Bruch mit dem existierenden Katholizismus verlangen."
Katholik Amery
Auszehrung droht
* Carl Amery. "Die Kapitulation oder Deutscher Katholizismus heute." Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg; 128 Seiten; 2,20 Mark.
* Der linkskatholische Publizist und Essayist
Walter Dirks ("Die Antwort der Mönche"), unter dem NS-Regime zeitweilig inhaftiert und mit Schreibverbot belegt, gründete mit Eugen Kogon und Clemens Münster 1946 die "Frankfurter Hefte" und leitet seit 1956 die Hauptabteilung Kultur des Westdeutschen Rundfunks in Köln.

DER SPIEGEL 19/1963
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