05.06.1963

FELFEWasser und Alaun

Beim diensthabenden Beamten der Stuttgarter Politischen Polizei, Kriminalobermeister Gauß, meldete sich per Telephon ein Unbekannter, der eine wichtige Information anbot. Bedingung: polizeiliches Ehrenwort, daß kein Versuch gemacht werde, die Identität des Anrufers festzustellen.
Kriminalist Gauß gab sein Ehrenwort und sicherte außerdem freies Geleit zu. Der Fremde kam am Tag darauf ins Präsidium, wo ihn Gauß gemeinsam mit dem Kommissar Retter anhörte. Es war an einem Sonntagnachmittag im Februar dieses Jahres.
An diesem Tag erst endete die Karriere des erfolgreichsten Spions, den der sowjetische Geheimdienst je in der deutschen Abwehr untergebracht hatte: des Regierungsrats Heinz Felfe, Arbeitsname "Friese", Referatsleiter im Bundesnachrichtendienst (BND) des Generals Gehlen.
Als der Stuttgarter Anonymus den Beamten Gauß und Retter gegenübertrat, saß Felfe-Friese freilich schon ein gutes Jahr im Karlsruher Untersuchungsgefängnis. Der Spion war im Herbst 1961 ertappt und wegen Landesverratsverdachts verhaftet worden.
Die Presse hatte das Ereignis gebührend vermerkt, weil kurz zuvor der hannoversche Oberregierungsrat Fuhrmann und der Bonner Oberst Hinkeldey wegen eines ähnlichen Verdachts festgenommen worden waren. Meldete die "Welt": "Wieder ein Beamter der Abwehr verhaftet." Schrie "Bild": "Sowjetagenten saßen mitten in der Zentrale der westdeutschen Spionage-Abwehr!"
Soweit kannten auch die Stuttgarter Kriminalisten Gauß und Retter den Fall Felfe. Was ihnen indes der fremde Informant offenbarte, war in Stuttgart wie in Karlsruhe gleichermaßen unbekannt und blieb der Öffentlichkeit bis heute verborgen: Dank günstiger Schicksalsfügung brauchte Spion Felfe seine subversive Tätigkeit mit der Verhaftung keineswegs als beendet anzusehen, sondern konnte sie - wie der Unbekannte, ein früherer Mithäftling Felfes, in Stuttgart ausplauderte - auch in der Untersuchungshaft fortsetzen.
Im Gegensatz zu fast allen anderen politischen Gefangenen wurde Felfe nicht im streng überwachten Gefängnis Karlsruhe-Durlach verwahrt, sondern im Untersuchungsgefängnis an Karlsruhes Riefstahlstraße, wo sich Diebe, Betrüger und andere Nicht-Staatsschutz -Frevler relativ weitgehender Freiheiten erfreuen, deren auch der einstige Gehlen-Mann teilhaftig wurde.
Zunächst erwirkte Felfe vom Untersuchungsrichter des Bundesgerichtshofs, Oberlandesgerichtsrat von Engelbrechten, die Erlaubnis, seine Zelle samstags und sonntags zu verlassen und in der Bibliothek mit den dort beschäftigten drei Gefangenen Schach zu spielen - eine durchaus ungewöhnliche Gunst für einen Mann, dessen Spionagetalent über alle Zweifel erhaben ist.
Da Aufsichtsbeamte beim Schach der Bibliothekshäftlinge nur stören würden, dürfen die Bücher-Entstauber beim Spiel ihre Züge unbeaufsichtigt tun und mithin auch unbeaufsichtigt untereinander Kontakte pflegen, die sich ohne besondere Schwierigkeiten in Kontakte zur Außenwelt umsetzen lassen.
Die Beamten der Riefstahlstraße, die über diese Nebenwirkung des Schachspiels informiert sind, fanden es immerhin bedenklich, ausgerechnet den gefährlichen Felfe aus seiner Zelle herauszulassen. Der Aufsichtführende des Sonntagsdienstes, Verwalter Staub, weigerte sich sogar, ein solches Risiko einzugehen.
Indes: Der Spion wurde zum Schachspiel zugelassen und fand in der Bibliothek einen durchaus ebenbürtigen Partner: den bayrischen Ministerialrat a.D. Jürgen Ziebell, einst von Konrad Adenauer angezeigter Mitangeklagter im sogenannten Schmeißer-Prozeß*, inzwischen Aufsichtsratsvorsitzender der Langner-Feinkost AG (Spezialität: Mayonnaisen und Fleischsalate) in Ettlingen. Feinkost-Ziebell sah in der Riefstahlstraße einer Anklage wegen Konkursvergehens entgegen.
Felfe und Ziebell verstanden sich. Als im August 1962 einer der Bücherverwalter entlassen wurde, durfte Felfe ganztags in die Bibliothek nachrücken. Die Bibliothekare aber, die auch die Kleiderkammer verwalten, dürfen sich im Haus frei bewegen.
Häftling Felfe wunderte sich: Bei jeder Gelegenheit erklärte er den Haftkollegen, daß er aufgrund seiner Vergangenheit weit strengere Überwachung erwartet habe.
Wieder schien auch einigen Aufsichtsbeamten so viel Freizügigkeit durchaus unangebracht gegenüber einem Häftling, dessen Gefährlichkeit bekannt war, obschon sich die Behörden nach Kräften bemüht hatten, Felfes Funktionen im Amt Gehlen zu verniedlichen.
Aus Bonn verlautete, der verhaftete Spion sei nur Regierungsrat auf Probe gewesen und habe keine militärischen Geheimnisse verraten können. Beide Angaben stimmten zwar, ließen aber unberücksichtigt, daß die Dienste des zu erprobenden Regierungsrats nach TOA 1, also mit Ministerialratsgehalt, entgolten worden waren und daß der Spion den Sowjets Geheimnisse zugetragen hatte, die Moskau immerhin mit 175 000 Mark veranschlagte: Felfe-Friese vermittelte Namen westlicher Agenten, die im Osten tätig waren.
So erklärt es sich, daß Felfes Verrat, als er bekannt wurde, "bei den westlichen. Nachrichtendiensten und Abwehrstellen Besorgnis und Beunruhigung" hervorrief, wie die "Stuttgarter Zeitung" zu melden wußte, und daß die Behörde des Generals Gehlen nach der gleichen Quelle möglicherweise "auf bestimmten Gebieten völlig neu organisiert werden" mußte.
Felfes Ankläger, Oberstaatsanwalt Fischer von der Bundesanwaltschaft: "Felfe war eine Spitzenquelle für die Sowjets. Sein Name wird bestimmt in die nachrichtendienstliche Geschichte eingehen."
Die Großzügigkeit der Untersuchungsbehörden gegenüber dem gefährlichen Felfe war um so unverständlicher, als Untersuchungshäftlinge, die politischer Straftaten, vor allem des Landesverrats, verdächtig sind, für gewöhnlich sorgfältig überwacht werden - so etwa seinerzeit die SPIEGEL-Redakteure, die nur in Gegenwart eines Richters mit Besuchern sprechen durften.
Gab dieses perfekte System des Mißtrauens neuen Anlaß, bei Gelegenheit der Kleinen Strafprozeßreform (SPIEGEL 14/1963) die Vorschriften über den Vollzug der Untersuchungshaft in Deutschland neu zu überdenken, so würde der Fall Felfe eher eine Reform in umgekehrter Richtung nahelegen.
Mit seinem Haftkollegen Ziebell widmete sich der Bibliotheksinsasse in der Karlsruher Riefstahlstraße nämlich keineswegs nur dem Schachspiel. Die beiden begannen vielmehr ein emsiges Treiben auf Agentenebene und korrespondierten alsbald auf zwei Kanälen munter mit der Außenwelt.
Den einen Kanal hatte die auf vorteilhaften Jahresabschluß bedachte Gefängnisverwaltung selbst geöffnet, als sie mit der Karlsruher "Neuen Verlags-Gesellschaft" - die Firma vertreibt "Freundin", "Film-Revue" und "Sport-Illustrierte" - vereinbarte, deren Zeitschriften von den billig arbeitenden Häftlingen der Riefstahlstraße versandfertig machen zu lassen. In einem besonderen Raum werden seither des öfteren Zeitungspakete etikettiert und beschriftet, keineswegs ein ungewöhnlicher Vorgang, da auch andere Firmen auf das Arbeiterreservoir in den Gefängnissen zurückgreifen.
Ungewöhnlich ist hingegen, daß ein anerkannter Abwehrexperte in der Untersuchungshaft Gelegenheit erhielt, an die Pakete heranzukommen.
Da sich Felfe, wie Ziebell, seit seiner Anstellung als Bibliothekar im Haus frei bewegen konnte, nahm er Verbindung zu jenem Gefangenen auf, der den Versand der Zeitschriften leitet. Dieser, ein wegen Rückfallbetrugs zu vier Jahren Zuchthaus Verurteilter namens Kurrle, der in Karlsruhe das Ergebnis seiner Revision beim Bundesgerichtshof abwartete, erklärte sich bereit, einige Zeitschriften an von Felfe bezeichnete Adressen eines Mittelsmannes zu expedieren und in die Bilderblätter jeweils einen Felfe-Brief einzulegen. Der Mittelsmann beförderte das Papier dann durch die reguläre Post weiter.
U-Häftling Felfe war freilich vorsichtig genug, sich eine Chiffre auszudenken. Als Kodebuch diente Werner Kellers Bestseller "Und die Bibel hat doch recht".
Den anderen Kanal öffnete Felfe sich selbst: Er durfte seiner in der DDR ansässigen Mutter Briefe schreiben, die dem Untersuchungsrichter von Engelbrechten vorgelegt wurden. Engelbrechten hatte den Text zu kontrollieren, las vermeintlich unverfängliche Mitteilungen und ließ die Post durch.
Was der Richter nicht lesen konnte, las Mutter Felfe, indem sie das Briefpapier erwärmte. Erst dann kamen Schriftzüge zum Vorschein, die der Häftling mit einer aus Wasser und Alaunstein selbstgefertigten Tinte zwischen die für Engelbrechten sichtbaren Zeilen geschrieben hatte.
Auf beiden Kanälen korrespondierte Untersuchungshäftling Felfe über ein Thema, das den Richter Engelbrechten sehr interessiert hätte: über die Transaktion von Vermögenswerten, die aus dem östlichen Spionagegeschäft stammten und dem Zugriff der Bundesanwaltschaft entzogen werden sollten.
Über seine Mutter versuchte der Häftling, Mittelsmänner seines einstigen Arbeitgebers, des Sowjetgeheimdienstes, zu erreichen. Gewisse Briefe mußte Mutter Felfe in Dresden einem Abholer übergeben, der sie Felfes Kontaktmann - Deckname: Alfried - in Moskau übermittelte.
Daß die Post aus Karlsruhe in Moskau tatsächlich ankam, wurde dem Häftling durch entsprechendes Kodezeichen in der aus Dresden eingehenden Post bestätigt, die Untersuchungsrichter von Engelbrechten ahnungslos passieren ließ.
Intern mimte der Abwehrexperte den reuigen Sünder, der - offenkundig überführt - scheinbar keine Mittel darauf verschwendete, irgend etwas zu verbergen: Er war höflich und zeigte sich gegenüber den Untersuchungsbehörden als einsichtiger Mann von Welt, der sich mit einer hohen Zuchthausstrafe schon abgefunden hatte.
Heute fühlen sich die Karlsruher Strafverfolger von Felfe schmählich getäuscht. Klagte Oberstaatsanwalt Fischer gegenüber dem SPIEGEL: "Das menschliche Wohlwollen hat er in schändlicher Weise mißbraucht." Beschwichtigte Bundesanwalt Berard: "Solche menschlichen Risiken gehen wir ja immer ein."
Zur gleichen Zeit nämlich, als Felfe sich artig gab, schritt er in Gemeinschaft mit Ziebell zur Tat. Die beiden Bibliophilen überredeten einen Mithäftling, ihnen aus einem Flacheisen einen Torschlüssel zu feilen, mit dessen Hilfe sie einen zu den Baderäumen führenden Gang erreichen wollten, um von dort zu entweichen. Das Flacheisen wurde samt dazugehörender Feile entdeckt, das Duo
blieb jedoch unentdeckt und durfte sich weiterhin in der Bibliothek nützlich machen.
Daraufhin schleuste Felfe eine Zeichnung des benötigten Schlüssels über die Mutter in Dresden an den Kollegen Alfried mit der Bitte, das rettende Werkzeug anfertigen zu lassen.
Ein Mithäftling, dessen Entlassung kurz bevorstand, sollte zur sowjetischen Handelsmission in Berlin gehen, dort einen Kontaktmann aufsuchen und sich von diesem nach Karlshorst weitervermitteln lassen. Inzwischen, so hoffte Felfe, werde Helfer Alfried einen anderen Vertrauensmann mit dem Schlüssel nach Berlin entsandt haben. Das Geschenk sollte dann auf dem gleichen Weg in die Karlsruher Riefstahlstraße geschmuggelt werden.
Außerdem sollte der Kontaktler auch noch einen Posten sogenanntes Engelshaar mitbringen: in Perlondrähte eingenähte Diamantsplitter, mit denen
Eisengitter unschwer durchgesägt werden können.
Mit Wasser und Alaun legte Felfe seinen östlichen Mittelsleuten dar, was den sowjetischen Geheimdienst am Fall Felfe auch nach der Festnahme des Spions noch interessieren konnte: mit welchen Methoden man ihn hochgenommen hatte, welche Beschuldigungen die Bundesanwaltschaft gegen ihn erhob und wie er sich zu verteidigen gedenke - Angaben, die von der Bundesanwaltschaft als Staatsgeheimnisse gewertet wurden.
Erst anhand dieser Kassiber, von denen einige an die Bundesanwaltschaft gelangten, konnte Oberstaatsanwalt Fischer dem Spion auch die subjektive Absicht des Landesverrats voll nachweisen.
Unter Vorlage genauer Lageskizzen des Karlsruher Knasts bat Felfe seine Freunde im Osten, ihn, wenn nötig, unter Anwendung von Gewalt zu befreien.
Die Ausführung scheiterte schon daran, daß Felfe nach Durlach verlegt wurde, nicht ohne die Zusicherung, daß er nach Rückkehr in die Riefstahlstraße wieder Bibliotheksdienste verrichten dürfe.
Auch im Gefängnis Durlach machte sich der nunmehr schon erprobte Bücherfreund sogleich über die wenigen Bücher her, die, der Anstaltsleiter aus eigener Initiative beschafft hat.
Diesmal entspann sich eine Dreieckskorrespondenz zwischen Durlach, dem in der Riefstahlstraße verbliebenen Ziebell und der Außenwelt. Ein Gefängnisfriseur, der neben der Riefstahlstraße auch noch Durlach bediente, richtete dem Etikettierer Kurrle regelmäßig "Grüße" von Felfe aus; bis der
Spion zum zweitenmal aufflog.
Er hatte einen Mitgefangenen kurz vor dessen Entlassung gebeten, die Expedition von Briefen zu übernehmen, die in der Geheimschrift geschrieben und an die sowjetische Handelsmission in Berlin adressiert waren.
Der Vertrauensmann indes fuhr nicht nach Berlin, sondern nach Stuttgart, um sich dem Kriminalobermeister Gauß zu offenbaren. Ein zweiter Komplice, der Zeitschriftenverpacker Kurrle in der Riefstahlstraße, wollte mithelfen, den versierten Bibliothekar auffliegen zu lassen. Kurrle hatte sich ohne Wissen Felfes Abschriften von jenen Briefen gefertigt, die Felfe ihm - teilweise unverschlüsselt - zum Einlegen in die Zeitungspakete übergab.
Der Bericht, den Obermeister Gauß nach dem Besuch des unbekannten Informanten in Stuttgart anfertigte, wurde via Stuttgarter Landeskriminalamt der Bundesanwaltschaft übermittelt. Felfe und Ziebell wurden in Einzelhaft genommen, der eine in Durlach, der andere in der Riefstahlstraße.
Die Voruntersuchung gegen Felfe stand zu diesem Zeitpunkt schon kurz vor dem Abschluß. In der vergangenen Woche erhob die Bundesanwaltschaft Anklage.
In der Anklageschrift mußte sich Oberstaatsanwalt Fischer auch darüber verbreiten, daß Bonns gefährlichster Ost-Spion noch nach seiner Inhaftierung unter den Augen der Ermittlungsbehörden eine Aktivität entfaltet hatte, die den herkömmlichen Vorstellungen vom Vollzug der Untersuchungshaft in Deutschland diametral entgegengesetzt ist.
Heinz Felfes synthetische Knast -Korrespondenz trug dem Meisterspion noch zusätzlich eine Anklage wegen landesverräterischen Nachrichtendienstes (Paragraph 100e Strafgesetzbuch) ein, weil er noch als U-Häftling Beziehungen zum sowjetischen Geheimdienst pflegen konnte.
* Im Schmeißer-Prozeß (1952 bis 1957) ging es um Behauptungen des ehemaligen französischen Agenten Hans-Konrad Schmeißer über Bundeskanzler Adenauer, die im SPIEGEL veröffentlicht worden waren. Die Auseinandersetzung wurde durch einen Vergleich beendet.
Untersuchungsgefängnis Karlsruhe (Riefstahlstraße): Korrespondenz auf zwei Kanälen
Ministerialrat a.D. Ziebell
Schach mit dem Meisterspion

DER SPIEGEL 23/1963
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DER SPIEGEL 23/1963
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FELFE:
Wasser und Alaun

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