12.06.1963

ST. PAULIAngst im Nacken

Am Neonhimmel der Reeperbahn ist Ader "gute Stern von St. Pauli" aufgegangen. Ein Transparent heißt den Gast des Hamburger Vergnügungsviertels mehrsprachig willkommen und verspricht: Hier gibt es weder Nepp noch Prügel.
Der so poetisch benannte Leuchtkasten ist eine Erfindung der St.-Pauli -Gastronomen, die sich zu Beginn der Internationalen Gartenbau-Ausstellung ("IGA 63") zu einer Aktionsgemeinschaft zusammengetan haben. Sie wollen das in schlechten Geruch geratene Viertel zwischen Millerntor und Nobistor desodorieren. Wahlspruch der Gastwirtsgemeinschaft: "St. Pauli ist für alle da."
Der Milchglaskasten leuchtet als Ausweis gastronomischer Ehrbarkeit an Imbißstuben, handtuchschmalen Bars und Großvergnügungsstätten.
Er soll den Reeperbahnbummlern, die ohnehin durch in- und ausländische Zeitungsberichte über Neppmethoden und Kriminalität auf der "schmutzigsten Meile der Welt" ("Stern") verprellt worden sind, die Orientierung erleichtern.
Die IGA brachte dem Viertel am Hafen einen Zulauf, wie ihn Reeperbahn und Große Freiheit seit Jahren nicht mehr kannten. Den Besuchern der Gartenschau steht ein Ausgang offen, der sie vom Ausstellungsgelände direkt in den Bereich der berühmtesten Revierwache Deutschlands, der Davids-Wache an der Reeperbahn, führt.
Polizei-Hauptkommissar "Fiete" Ott, Chef der Davids-Wache und Oberschutzmann von St. Pauli, betreut ein Revier von nur einem halben Quadratkilometer Ausdehnung, auf dem 285 Lokale, 24 Hotels und 18 Leihhäuser gedeihen. Die Wache registrierte in einem Jahr rund 5000 Freiheitsentziehungen und über 3500 Vergehen und Verbrechen.
Im Lichte der Kriminalitäts-Statistiken mußte der Glanz des Vergnügungsviertels verblassen. Der "Ankerplatz der Freude" ("Welt") mit bayrischer Bierzeltseligkeit und Damenringkämpfen in Schlamm, sittsamem "Ball paradox" und schaumbadenden Negerinnen, biersaufenden Kamelen und bürgerlichen Tanzpalästen, Twistschuppen und dem Wachsfigurenkabinett "Panoptikum" geriet durch Schreckensmeldungen von Jahr zu Jahr mehr in Verruf.
Früher wurde auf St. Pauli noch zeitweilig mehr Dänisch und Schwedisch als Deutsch gesprochen, und der Reeperbahnbummel war im Programm skandinavischer Reisegesellschaften fest eingeplant. Heute fahren die Busfahrer an St. Paul vorbei.
Hamburgs Fremdenverkehrsdirektor Anton Luft klagte: "Die Skandinavier gehen vielfach nur noch die Reeperbahn auf und ab, um das Gruseln zu lernen."
Zum Gästemangel kam der Mangel an Personal: Die prozentual am -
schwindenden - Umsatz beteiligten Animiermädchen wanderten in west- und süddeutsche Städte ab, wo die Preise noch höher und die Verdienstmöglichkeiten besser sind.
Der Besucherschwund verschärfte den Konkurrenzkampf und stärkte die Aktivität der Gaunerwelt von St. Pauli. Die Portiers klammerten sich an die seltener gewordenen Passanten und verhießen "50 chemisch gereinigte Pastorentöchter" und "das Perverseste, was Sie je sahen". Dem Hamburger Kriminaldirektor Dr. Land offerierte ein Anreißer: "Hier werden Sie von unseren Damen in den Oberschenkel gebissen." Land: "Danke, dafür ist es mir noch zu früh."
Der Dummenfang blühte. Ein findiger Wirt kündigte für sieben Mark Eintritt "Schweinefilme" an und hatte ein überfülltes Haus. Dem Publikum wurden, wie versprochen, Filme über die Schweinezucht gezeigt.
Immer wiederkehrende Delikte waren Nepp, Beischlafdiebstähle und Überfälle. Mit Hilfe weiblicher oder männlicher Lockvögel wurden die Opfer in dunkle Winkel geführt, niedergeschlagen und beraubt. Körperlich kräftige St.-Pauli-Ganoven spezialisierten sich auf die Streit-Masche: Sie provozierten Gäste, schlugen sie zusammen, und ihre Komplicen verschwanden in der allgemeinen Aufregung mit der Brieftasche.
Ein großer Teil der Gewalttaten ereignet sich jedoch in der Unterwelt. Zugewanderte Ausländer, vor allem Italiener, aber auch Türken, Marokkaner und Griechen, konnten dank der Vorliebe deutscher Mädchen für schwarzgelockte Männer relativ schnell in das Zuhälterkorps eindringen. Kämpfe um den Besitz der Dirnen wurden nun nicht mehr auf germanische Art mit Fäusten, sondern mit Messern, manchmal auch mit Pistolen ausgetragen.
Hamburgs Boulevardblätter bauschten die milieugerechten Streitigkeiten zu Terroraktionen von "Amore-Gangstern" auf, und das "Hamburger Echo" berichtete über den Anmarsch von 200 italienischen "Revolvermännern" aus der "Zentrale" in Frankfurt, die angeblich
ihre von deutschen Zuhältern verprügelten Landsleute rächen wollten.
Das Kommandounternehmen der Revolvermänner erwies sich ebenso als Falschmeldung wie die Berichte über Rauschgift-, Mädchenhändler- und Waffenschieberbanden, die ganz St. Pauli terrorisierten.
Immerhin bekannte jüngst ein St. -Pauli-Kellner, der in einem Totschlagsprozeß vor dem Hamburger Schwurgericht aussagen mußte: "Wir leben außerhalb des Gesetzes ... Die Angst sitzt uns immer im Nacken - die Angst vor irgend jemand."
Aber: "Von organisierten Banden kann nicht die Rede sein, die gibt es auf St. Pauli nicht", versicherte Innensenator Helmut Schmidt, und Hauptkommissar Fiete Ott meint: "St. Pauli ist ein sicherer Platz."
In der Tat ist das St. Pauli der Touristen von der Unterwelt scharf getrennt. So konnten die Gäste eines Striptease-Lokals ungestört und ahnungslos Schönheitstänze genießen, während die Unterweltler im Keller des Etablissements Schießübungen mit Pistolen abhielten.
Als kürzlich der Geschäftsführer einer Bar mit Bauchschuß ins Hafenkrankenhaus eingeliefert wurde, gab er an, er habe sich die Verletzung aus Versehen selber beigebracht. Ähnlich diskret gingen jene unbekannten Männer vor, die den Nachtklub "Klein Paris" auf der Großen Freiheit völlig demolierten: Sie warteten den Geschäftsschluß ab und machten sich dann ans Werk.
Der Anlaß für die Zerstörungsaktion konnte offiziell nie ermittelt werden. "Klein Paris" wurde später von einem der Großunternehmer St. Paulis, Manfred Weissleder, übernommen.
Weissleder, 35, gehört zum St.-Pauli -Nachwuchs, der nach dem Kriege ins Geschäft eingestiegen ist und sich durch harte Arbeit und strenge Zucht nach oben geackert hat. Heute herrscht er mit Hilfe einer Sprechanlage über 14 Lokale, darunter sieben Striptease-Bars und der "Star-Club" (SPIEGEL 6/1963).
Das berühmteste der Weissleder-Etablissements, der "Star-Club", ist auch das rätselhafteste: Eine Flasche Bier, eine Cola oder ein Schnaps kosten in dem Teenager-Twistschuppen 1,50 Mark. Der Verzehr ist schon deshalb gering, weil die Kellner den stampfenden und transpirierenden Menschenblock in dem ehemaligen Kino kaum zu durchdringen vermögen.
Dennoch heuert der frühere Radiomechaniker aus Westfalen international bekannte Sänger und Bands an, deren Darbietungen sogar von seriösen Jazzkritikern beachtet werden. So flog am 10. Mai der blinde Jazzposaunist Ray Charles mit 16 Musikern im eigenen Flugzeug nach Hamburg, um für zwei Stunden im "Star-Club" 60 000 Mark zu kassieren. Der Eintritt betrug 20 Mark.
St.-Pauli-Kenner sind sich einig, daß Weissleder nicht nur bei solchen Veranstaltungen, sondern im allgemeinen beim "Star-Club" zusetzen muß. Weissleder selbst verweigert, nach dem Sinn des Zuschußunternehmens befragt, jede Antwort.
Weissleder war es auch, der dem neuen Anti-Nepp-Feldzug anläßlich der IGA Widerstand entgegensetzte. Als im vergangenen Jahr im In- und Ausland immer häufiger Skandalberichte über St. Pauli erschienen und der Besucherstrom immer spärlicher wurde, schlossen sich die Arrivierten unter den alten St.-Pauli-Gastronomen und eine Reihe gutwilliger Wirte zusammen.
Anführer waren Wilhelm Menke, W. Bernhard Keese ("Ball paradox") und der Pächter des an der Reeperbahn gelegenen Operettenhauses, "My Fair Lady"-Veranstalter Kurt Collien.
Collien brachte seinen Anwalt Horst Raczynski sowie die Public-Relations -Agentur Pistorius und Schwarzer mit, die schon seinem Musical "Heimweh nach St. Pauli" (mit Freddy Quinn) zu vollen Kassen verholfen hatte.
Die nach Seriosität strebenden Gastronomen entwarfen ein Drei-Punkte -Programm:
- Start einer eigenen Werbeaktion im
Zusammenhang mit der Hamburger IGA-Werbung, "damit das Ausland sieht, daß man in Hamburg nicht nur Blumen ansehen, sondern sich auch amüsieren kann" (Raczynski),
- Gründung der Aktionsgemeinschaft "St. Pauli ist für alle da",
- Ausgabe der Leuchttransparente "Der gute Stern von St. Pauli".
Mokierte sich das "Hamburger Abendblatt": "Kurz vor der IGA: Schnellpolitur für lädierten Ruf von St. Pauli".
Immerhin ließen sich die Schnellpolierer diese Sache etwas kosten: Sie gaben eine Million Prospekte für das In - und Ausland in Auftrag, mit denen sie für den guten Stern und die durch ihn gegebene "gewisse Gewähr, daß man da 'reingehen kann, wo der Kasten ist" (so Syndikus Raczynski), Reklame machen wollen.
Raczynski entwarf unterdes die "Grundsätze für die Führung eines gastronomischen Betriebes auf St. Pauli". Danach verpflichtet sich jedes Mitglied
- "und hierfür stehe ich ein" -, Gäste
nicht zu übervorteilen, nicht unterschiedliche Preislisten zu verwenden und bei Streitigkeiten mit Gästen "Selbsthilfe ... auf keinen Fall" zu üben.
Ferner muß ein Schiedsgericht anerkannt werden, das über Beschwerden von Gästen zu urteilen hat und auf Einziehung des leuchtenden guten Sterns erkennen kann.
Allein, Weissleder und eine Gruppe gleichgesinnter Unternehmer, die zusammen über 40 Lokale repräsentieren, wollten dem Ehrbarkeitsklub nicht beitreten. Da bekamen St. Paulis Ehrenretter Unterstützung von Behörden und Polizei.
Fiete Otts Davids-Wache wurde derart verstärkt, daß ständig 20 Mann und zwei Funkstreifenwagen das Revier abpatrouillieren können. Von der Kripo wurde ein IGA-Sonderkommissariat mit 36 Beamten eingerichtet, das auf St. Pauli stationiert ist, und auf der Davids-Wache macht ein Beamter des Bezirks-Ordnungsamts (Gewerbepolizei) Dienst, um Beschwerden und Zechstreitigkeiten sogleich an Ort und Stelle untersuchen zu können.
Endlich ließ sich auch die Weissleder -Gruppe herbei, den Leuchtkasten an, ihren Lokalen anzuschrauben.
Seitdem leuchtet der Gute Stern von St. Pauli für alle.
Anti-Nepp-Transparent in St. Pauli
Die schmutzigste Meile der Welt ...
...im Schnellverfahren poliert? St. Pauli bei Nacht
St.-Pauli-Nachtlokal: Für Blumenfreunde ...
St.-Pauli-Hauptkommissar Ott
... eine Pforte auf die Reeperbahn

DER SPIEGEL 24/1963
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