12.06.1963

KIRCHE / JOHANNES XXIII.Aufbruch

Kurz nach 19 Uhr erhob sich Professor Antonio Gasbarrini vom Bett des Papstes und sagte zu Fernando Kardinal Cento, daß nun das Ende nahe sei. Assunta Marchesi, die Schwester des Papstes, begann zu schluchzen. In den Augen von Monsignore Loris Capovilla, dem persönlichen Sekretär des Heiligen Vaters Johannes XXIII., standen Tränen. Die übrigen beteten.
Der Arzt wich nun nicht mehr von der Seite des Sterbenden. Dessen Atmen wurde mühsam, sein Puls schwächer und schwächer.
Um 19.49 Uhr setzte Gasbarrini das Stethoskop ein letztes Mal ab. Flüsternd sagte er einige Worte zu Kardinal Cento. Der Kardinal trat daraufhin an das Bett des Heiligen Vaters, verharrte dort eine Weile und wandte sich dann an die Anwesenden: "Vere papa mortuus est" - "Wahrlich, der Papst ist tot."
83 Stunden hatte der Todeskampf des Papstes gedauert. Seit Donnerstag nacht hatten die Ärzte stündlich mit dem Ableben des Kranken gerechnet, doch dessen starkes Herz hatte dem Blutverlust und den Schmerzen, den Narkotika und dem Fieber widerstanden - bis es endlich am Abend des zweiten Pfingstfeiertages vom Tode übermannt wurde.
Die Kraft des Herzens war die wohl auffälligste Eigenschaft dieses, des 261. Papstes gewesen. Sie befähigte ihn, aus seiner kurzen Amtszeit ein "Pontifikat des Aufbruchs" (Kardinal Döpfner) zu machen - ein Pontifikat, in dem er, uralten Gewohnheiten und Bräuchen sanft, aber nachdrücklich widerstrebend, für die katholische Kirche neue theologische, politische und soziale Wegweiser setzte. Er
- förderte innerhalb der Kirche einen
freiheitlicheren Geist, der vor allem in der ersten Session des von ihm einberufenen Konzils zum Ausdruck kam,
- beschritt neue Wege zur Annäherung der katholischen und nichtkatholischen Christen,
- gab den gläubigen Katholiken im
Westen größere politische Freiheiten, begünstigte damit die "Öffnung nach links" und
- leitete erste Kontakte mit den Staaten des Ostblocks ein.
Die Kraft seines Herzens durchdrang schließlich sogar die in fast 2000 Jahren gewordene, geheiligte und verhärtete Ordnung der Kirche, ihre Riten und Vorschriften, ihre Überlieferungen und Fesseln, wie sie Bertolt Brecht in der berühmten päpstlichen Einkleidungsszene seines Schauspiels "Leben des Galilei" symbolisch verdeutlicht hat. Dort ist der Papst am Ende nur noch eine Institution, eine vorschriftsmäßig gekleidete Figur ohne Gesicht und menschliche Gestalt. Johannes XXIII. blieb auch unter der entpersönlichenden Gewalt des Amtes ein Mensch und vermenschlichte das Amt.
"In keiner Stunde", schrieb letzte Woche der Limburger Weihbischof Walther Kampe, "wurde der Mensch Giuseppe Angelo Roncalli von der Papstgestalt des 23. Johannes so aufgesaugt, daß dieser gütige, väterliche, bescheidene und demütige Christenmensch nicht mehr zu erkennen gewesen wäre. Im Gegenteil: Von dieser Person gingen so starke menschliche Kräfte aus, daß auch im Amt des Papstes ganz neue Seiten aufleuchteten, die vorher nicht in dieser Weise sichtbar gewesen waren. Der strenge Rahmen des Zeremoniells wurde gesprengt, und das fast überirdische Erscheinungsbild des Summus Pontifex erhielt menschliche Züge."
Doch als am Montagabend das Herz des Papstes aufgehört hatte zu schlagen, übernahm das tausendjährige Zeremoniell der Kirche wieder die Macht - freilich nur über den toten Papst: Gardisten in altertümlichen Uniformen marschierten mit gezogenem Säbel am Bett des Heiligen Vaters zur Totenwache auf. Die durch Jahrhunderte ehrwürdige Maschinerie des päpstlichen Totenrituals begann sich in Bewegung zu setzen.
Am Dienstagabend wurde der Leichnam des Papstes in feierlicher Prozession aus dem Apostolischen Palast in die Peterskirche überführt. Die katholische Kirche entfaltete dabei das glitzernde Gepränge, das Johannes zu Lebzeiten zu dämpfen bemüht gewesen war, allenfalls mit gütiger Nachsicht geduldet hatte. Beim leisen Dröhnen einer dunkel tönenden Glocke bewegte sich der Zug der Garden und Gendarmen, der Prälaten und der in schimmernde Helme und Stulpenstiefel gekleideten römischen Aristokraten über den Petersplatz.
Zwei Tage lang zogen dann Römer und Besucher der Heiligen Stadt an dem in der Peterskirche aufgebahrten Toten vorbei. Am Donnerstag wurde er provisorisch in der Krypta des Petersdoms beigesetzt. Die Menge der Gläubigen war von dieser Feier ausgeschlossen.
"Dieser Papst (hat) eine Erneuerung der Kirche begonnen", urteilte am Montagabend letzter Woche der Münchner Kardinal Döpfner. Doch andere waren vorsichtiger. "Die Bedeutung eines Papstes", schrieb Weihbischof Kampe, "werden kaum die Zeitgenossen recht würdigen können.
Ein erstes Urteil über das Pontifikat Johannes XXIII. werden die Kardinäle der katholischen Kirche fällen, die in der übernächsten Woche den neuen Papst zu wählen haben.
Folgen sie der Tradition, so werden sie dem Papst des "Aufbruchs" einen konservativen Papst folgen lassen. Sie würden damit bekunden, daß sie das Pontifikat des Toten nicht als epochemachend anerkennen, daß sie vielmehr Johannes XXIII. als einen Papst wie andere verstanden wissen und sein "linkes" Pontifikat durch ein nachfolgendes "rechtes" korrigieren wollen.
Sollten hingegen die Kardinäle einen progressiven Kandidaten wählen, so würden sie damit zum Ausdruck bringen, daß nach ihrer Ansicht mit Papst Johannes XXIII. ein neuer Abschnitt in der Entwicklung des Katholizismus begonnen hat. Die Kirche würde sich damit weiter in Richtung auf jenes "neue Pfingsten" bewegen, das nach dem Willen des Verstorbenen durch das von ihm einberufene Zweite Vatikanische Konzil herbeigeführt werden soll.
In der Eröffnungsrede zu diesem Konzil hatte Johannes - unverwechselbar er selbst - seinem Optimismus über die Zukunft der katholischen Kirche Ausdruck gegeben. Er spottete über "Andeutungen mancher Seelen, die zwar vor Eifer glühen, aber nicht mit übermäßig viel Sinn für Klugheit und rechtes Maß begabt sind".
"Sie sehen", meinte er, "in den modernen Zeiten nur Unrecht und Ruin", und erinnerte mit souveräner Gelassenheit daran, daß die Kirche auch in der Vergangenheit nicht nur aus lauter Heiligkeit bestanden habe - "als ob zur Zeit der früheren Ökumenischen Konzile alles vor sich gegangen wäre in vollem Triumph der christlichen Idee und des christlichen Lebens und der rechten religiösen Freiheit".
"Aber Uns scheint", so verkündete der Papst mit dem starken Herzen, "solchen Unglückspropheten widersprechen zu müssen, die immer unheilvolle Ereignisse ankündigen, als ob das Ende der Welt bevorstünde."
Einen "Schritt vorwärts" verlangte Johannes von den Konzilvätern und
- anders als der Einberufer des Ersten
Vatikanischen Konzils (1869/70), Pius IX. - forderte statt Härte die Anwendung von Milde: "Heutzutage jedoch zieht die Braut Christi (die Kirche) es vor, eher von den Heilmitteln der Barmherzigkeit als von der Strenge Gebrauch zu machen ..."
Ob freilich der neue Papst diese Maximen annehmen wird, hängt davon ab, wen die Kardinäle zum Nachfolger des dreiundzwanzigsten Johannes wählen; nach jahrhundertealter Tradition darf kein Papst bestimmen, wer nach ihm auf dem Stuhl Petri sitzen soll.
Nach kanonischem Recht steht es den im Konklave versammelten Kardinälen frei, welches "männliche, vernunftbegabte Kirchenglied" sie zum neuen Heiligen Vater wählen wollen.
Aber seit 1000 Jahren ist es immer ein Priester (der letzte Laie war Johannes XIX., der im Jahre 1024 Papst wurde), seit 600 Jahren immer ein Kardinal und seit 400 Jahren immer ein Italiener gewesen.
Als der "Papabile" (Papstfähige), den Johannes XXIII. wahrscheinlich gern als seinen Nachfolger gesehen hätte, gilt der Erzbischof von Mailand, Giovanni Battista Kardinal Montini.
Die Wahl eben dieses Kandidaten würde jedoch eine entschiedene Ansicht der Kardinäle über die Zukunft ihrer Kirche bedeuten. Sie würde besagen, daß die Kardinäle sich dazu entschlossen haben, das Pontifikat Johannes XXIII. als richtungweisend für die fernere Zukunft zu akzeptieren.
Nach katholischer Lehre steht keinem Papst das Recht zu, den Entscheidungen seines Nachfolgers vorzugreifen. Zwar hat Johannes noch auf dem Totenbett versucht, den kommenden Papst jedenfalls moralisch zur Fortsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils zu verpflichten - formal binden konnte er ihn nicht.
Daß ein neuer Papst stets die Möglichkeit neuer kirchlicher Lösungen bedeutet, dafür war Johannes XXIII. selbst das eindrucksvollste Beispiel. Gewählt als "Statthalter für einen größeren kommenden Papst" (Kardinal Frings), stellte er sich innerhalb kurzer Zeit als der Papst des Aufbruchs heraus.
Als Priester, päpstlicher Diplomat und Patriarch von Venedig hatte er als einer der treuesten Diener der Kirche, aber durchaus nicht als Neuerer gegolten. Sein Wahlspruch: "Gehorsam und Frieden".
Den treuen Gehorsam gegenüber der Kirche hatte Angelo Giuseppe Roncalli schon im Elternhaus gelernt. Sein Heimatdorf Sotto il Monte gehört zur Diözese Bergamo, die sogar im katholischen Italien als "cattolicissima terra" gilt - als "allerkatholischste Erde". Roncalli-Biograph Algisi über die Frömmigkeit der Bergamasken: "Die Kleinen konnten noch kaum nach der Mutter rufen, da stammelten sie schon ihre Gebete."
Sonn- und feiertags besuchten die Roneallis zumeist dreimal die Dorfkirche, in der Angelo Giuseppe, drittes von dreizehn Kindern, am 25. November 1881, wenige Stunden nach der Geburt, getauft wurde*.
Mit den Familien anderer Päpste der neueren Zeit, etwa den Pacellis, haben die Johannes-Verwandten kaum mehr als allenfalls die Frömmigkeit gemeinsam. Den kleinbäuerlichen Roncallis war die Armut so selbstverständlich wie den patrizischen Pacellis der Reichtum.
Das Pontifikat Angelo Roncallis brachte seinen Angehörigen keinen materiellen Vorteil. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger auf dem Stuhle Petri scheute er sich, Verwandte mit vatikanischen Ämtern zu bedenken.
Während aber Pius XII. von der Stunde an, in der er seinen Familiennamen gegen den Papstnamen eintauschte, seine Vergangenheit auszulöschen versuchte, plauderte Johannes XXIII. gern über seine Herkunft.
In Paris erwähnte der damalige Nuntius Roncalli gelegentlich, daß er sein Heimatblatt "Eco di Bergamo" ebenso gründlich lese wie das offiziöse Vatikanblatt "Osservatore Romano". Als wenige Wochen nach seiner Wahl zum Papst die ersten Biographien auf den italienischen Markt kamen, merkte das Kirchenoberhaupt an, daß seine Eltern "nicht so arm waren, wie einige es gern schildern". Er denke mit Freude an die "würdige und glückliche Armut" in Sottoil Monte zurück.
Als Elfjähriger verließ Roncalli sein Heimatdorf. Die Eltern schickten ihn auf das Priesterseminar nach Bergamo und nutzten damit die einzige, von der Kirche gebotene Chance, ihren ältesten Sohn studieren zu lassen.
Schon in seinen ersten Priesterjahren lernte Roncalli die Grenzen kennen, die der Gehorsam den katholischen Geistlichen gegenüber den Kirchenoberen setzt. Er traf auf zwei Amtsbrüder, die beide zu den Progressiven zählten, sich aber im Grad der Treue gegenüber der Kirche unterschieden: auf
- Ernesto Buonaiuti, der die katholischen Dogmen der Zeit anpassen und deshalb später als "Modernist" exkommuniziert wurde, und auf
- Giacomo Radini-Tedeschi, der 1905 Bischof von Bergamo wurde und Roncalli zu seinem Sekretär ernannte.
Für Roncalli war es selbstverständlich, daß er nicht wie Buonaiuti an den kirchlichen Lehren rütteln durfte. Aber er unterschied zwischen dem Irrtum und dem Irrenden, und er hielt dem Freund die Treue, auch als dieser der Kirche nicht mehr angehörte.
Der ebenfalls progressive, aber dem Papst ergebene Bischof Radini-Tedeschi zählte zu den arbeiterfreundlichen Oberhirten, die damals im Lande der Päpste nicht eben zahlreich waren.
Als der Bischof Streikenden Geld spendete, wurde er bei der Kurie angeschwärzt. Aber Pius X. ersparte dem Bischof den päpstlichen Tadel und schrieb lediglich: "Wir können die Maßnahmen, die Ihr für klug befunden habt, nicht mißbilligen, da Ihr mit den örtlichen Gegebenheiten, den in Frage kommenden Personen und den Umständen voll vertraut gewesen seid."
Im Gegensatz zu anderen Kirchenmonarchen vermied Pius X., sich in die Amtsgeschäfte der Bischöfe einzumischen. Roncalli verehrte diesen Papst wie keinen anderen; ein Leben lang eiferte er ihm nach.
Seiner Heimat blieb Roncalli auch in seinen wissenschaftlichen Arbeiten verbunden. Der bischöfliche Sekretär, der am Priesterseminar Kirchengeschichte lehrte, hielt sich an die "große Überlieferung jener Gelehrten, deren Hauptinteresse ihrem Geburtsdorf oder ihrer Geburtsstadt galt" (Roncalli-Biograph Aradi): Er beschrieb in einem Buch die Einrichtungen der Diözese Bergamo und begann die Arbeit an einem fünfbändigen Werk über die Visitationsreisen, die den heiligen Karl Borromäus im 16. Jahrhundert in Bergamasker Pfarreien geführt hatten. An diesem Projekt arbeitete Roncalli fünfzig Jahre lang, er nannte es die schönste Zerstreuung" seines Lebens. Der letzte Band ging in Druck, als der Autor schon auf dem Stuhl Petri saß.
Nach dem Tode Radini-Tedeschis verfaßte sein langjähriger Sekretär eine Biographie des Oberhirten. Roncalli: "Ich bekenne: Mehr als einmal zitterte mir die Hand bei der Niederschrift dieser Seiten vor unwiderstehlicher Ergriffenheit."
Der Wunsch des Priesters, nach neunjähriger Sekretärzeit Seelsorger in einer dörflichen Gemeinde zu werden, erfüllte sich nicht. Von 1915 bis 1918 mußte er in der Armee dienen, zunächst als Sanitätssergeant, später als Feldkaplan.
Auch nach Kriegsende blieb Roncalli ein Pfarrer ohne Pfarrei. Zunächst kehrte er an das Priesterseminar in Bergamo zurück; 1920 übersiedelte er in den Vatikan, wo er im "Päpstlichen Werk der Glaubensverbreitung" arbeitete. Außerdem erhielt er am "Seminario Romano" einen Lehrstuhl für Kirchengeschichte.
1925 wurde Roncalli ein Bischof ohne Diözese: Der Papst ernannte ihn zum Titularbischof von Areopolis, einer nur noch aus Ruinen bestehenden palästinensischen Stadt. Am selben Tag wurde er zum Apostolischen Visitator in Bulgarien ernannt.
Damit war die wissenschaftliche Karriere des Bergamasken zu Ende. Er schrieb an einen befreundeten Amtsbruder: "Ich gehorche, überwinde meine starke Abneigung, gewisse Dinge zu verlassen und mich auf andere einzulassen, und lege alle Trübsal ab."
Roncalli hatte in Bulgarien keinen Vorgänger; ein Jahrtausend lang gab es überhaupt keine Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der bulgarischen Krone. Auch der 43jährige Italiener zählte nicht zu den in Sofia akkreditierten Diplomaten, sondern galt offiziell nur als päpstlicher Beauftragter für die bulgarischen Katholiken.
Reisen, meist zu Pferde, führten ihn in alle Teile des Landes. Missionarischer Eifer war ihm fremd Roncalli: "Ich sehe schon, daß ich hier immer nur ein demütiger Sämann und nie ein Baumeister sein werde."
1929 wurde dem geistlichen Diplomaten ein delikater Auftrag erteilt: Der Visitator sollte diskret erforschen, ob der Heilige Stuhl einer Mischehe zwischen dem orthodoxen König Boris und der katholischen Giovanna, der Tochter des italienischen Königs Viktor Emanuel III., zustimmen könne.
Tatsächlich versprach Boris, sich nur katholisch trauen und seine Kinder katholisch erziehen zu lassen. Roncalli zweifelte nicht daran - wie er nach Rom berichtete -, daß der Monarch sein Versprechen halten würde. Der Vatikan genehmigte daraufhin die Mischehe.
Roncalli hatte jedoch zu optimistisch geurteilt: Boris ließ sich zwar erst katholisch, dann aber entgegen der Absprache auch noch orthodox trauen. Später wurde seine Tochter orthodox getauft.
Der päpstliche Visitator bekam "sehr viel Ärger", wie er einem Amtsbruder anvertraute. Indes: Obwohl er dem König pflichtgemäß das Mißfallen des Heiligen Stuhls auszurichten hatte, gewann Roncalli die Freundschaft des Monarchen und bescheinigte schließlich seinem königlichen Freund, daß "er doch eine gute Seele" sei. Roncalli: "Was ist das menschliche Leben doch geheimnisvoll!"
1934 wurde die geistliche Exzellenz zum Apostolischen Delegaten in Griechenland und der Türkei ernannt. Von den bulgarischen Katholiken verabschiedete er sich mit der Bitte, die Verständigung mit den Orthodoxen zu fördern. Roncalli: "Wenn ich nicht einmal die Steine auflas, die man auf mich warf, so beweist dies, daß ich sogar diejenigen liebe, die sie warfen. Denken wir darüber ernstlich nach: Es wird der Tag kommen, wo es nur eine Herde und einen Hirten geben wird."
Die bulgarische Mission hatte den Visitator Roncalli der Spaltung der Christenheit konfrontiert - jenem Problem, dem sich von da an immer mehr sein Eifer zuwenden sollte. Dabei galt damals wie heute jeder Posten im konfessionellen Grenzgebiet des Balkans als undankbar.
Auch seine neue Stellung lag in der Diaspora. "Viele Leute in Europa und Asien", so bemerkte Roncalli selbst, "bemitleiden mich und finden, daß ich Pech habe. Ich weiß nicht, warum. Ich übe den Gehorsam, den man von mir erwartet, und nichts anderes."
Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde der geistliche Diplomat mit informativen und karitativen Aufgaben betraut. Er sammelte in der neutralen Türkei Nachrichten, insbesondere aus der Sowjet-Union, und erreichte durch Kontakte mit deutschen und alliierten Dienststellen, daß Getreide für das griechische Volk importiert werden durfte.
Im Dezember 1944 erhielt Roncalli, der bis dahin nur zweitrangige Posten innegehabt hatte, zum erstenmal ein wichtiges Amt: Er wurde zum Nuntius in Frankreich ernannt.
Roncalli ließ sich durch den neuen Status nicht dazu verleiten, seine unkonventionellen Arbeitsmethoden zu ändern. Ihm waren weiterhin persönliche Kontakte und Reisen wichtiger als der diplomatische Schriftverkehr: In acht Jahren richtete der Nuntius nur drei offizielle Schreiben an die französische Regierung.
Schon in seinem ersten Amtsjahr hatte Roncalli eine schwierige Aufgabe zu lösen, für die diplomatische Routine allein nicht ausgereicht hätte: Die französische Regierung forderte die Abberufung von 33 der 87 katholischen Bischöfe. Begründung: Die Exzellenzen hätten mit der Vichy-Regierung kollaboriert.
Der Nuntius verhinderte die Dezimierung des französischen Episkopats: Nur drei Exzellenzen mußten ihre Ämter aufgeben, 30 blieben auf ihren Thronen. Die Regierung gab sich zufrieden.
Auf Anregung Roncallis revanchierte sich Pius XII.: Er ernannte den Erzbischof Saliège, der sich im Widerstand
gegen die deutschen Besatzer bewährt hatte, zum Kardinal.
Bald darauf mußte Roncalli Differenzen zwischen dem französischen Episkopat und dem Heiligen Offizium beseitigen. Die französischen Bischöfe hatten in allen Teilen des Landes sogenannte Arbeiterpriester eingesetzt: Junge Geistliche tauschten Priesterröcke gegen Zivilkleidung ein und gingen in die Fabriken.
Das Heilige Offizium hielt diese Methode der Seelsorge für unvereinbar mit dem Priesterberuf. Doch dem Nuntius gelang es immerhin, das Verbot der Arbeiterpriester hinauszuzögern. Es wurde erst einige Jahre später ausgesprochen.
Damals schrieb man den von Roncalli erzielten zeitweiligen Kompromiß nur seinem diplomatischen Geschick und seinem zum Ausgleich neigenden gütigen Charakter zu. Erst als Roncalli Papst geworden war und das Konzil vorbereitete, wurde klar, daß damals das Herz des Nuntius dem Wirken der Arbeiterpriester viel Sympathie entgegengebracht hatte. Als Papst suchte er selbst nach neuen, volksnahen Formen der Seelsorge.
Als Roncalli im Januar 1953 zum Kardinal ernannt wurde, setzte ihm das Birett - das Zeichen seiner Würde nicht der Heilige Vater, sondern ein kirchenfremder Katholik auf: der französische Staatspräsident Auriol, der sich selbst einen "Ungläubigen" nannte. Auriol übte damit auf Wunsch Roncallis ein Recht aus, das nach alter Tradition dem französischen Staatsoberhaupt zustand, aber jahrzehntelang nicht mehr wahrgenommen worden war.
Traditionsgemäß wird ein Nuntius, der zum Kardinal ernannt wird, von seinem Posten abberufen. Roncalli befürchtete denn auch, als Kurienkardinal in den Vatikan übersiedeln und in irgendeiner Kongregation, einem päpstlichen Ministerium, "zwischen Aktenbündeln enden" zu müssen.
Doch der aristokratische Pius XII. holte den nun in Purpur gekleideten Bauernsohn nicht in die Kurie. Fünf Jahre lang durfte Roncalli noch fern vom Vatikan residieren - als Patriarch in Venedig.
Im Oktober 1958 aber kehrte er aus dem Konklave nicht nach Venedig zurück. Im zwölften Wahlgang erhielt der 76jährige mehr als zwei Drittel der Stimmen. Seit mehr als 200 Jahren war kein so alter Kirchenfürst mehr zum Papst gewählt worden.
Nicht Roncalli, sondern - wie nun nach fünf Jahren wieder - der 1897 geborene Giovanni Battista Montini hatte damals als einer der aussichtsreichsten Anwärter auf den Stuhl Petri gegolten. Aber das Kardinalskollegium entschied sich für den 16 Jahre älteren Roncalli, der nicht wie Montini den betont Progressiven zugerechnet wurde, sondern als farblos galt. Auch von der Karriere und vom Charakter her schien er nicht die, Gefahr von Überraschungen zu bieten.
Roncalli gab keinen Anlaß für "irgendwelche Vorschußerwartungen" (Kardinal Döpfner). Er "besaß nicht die glänzenden Sprachenkenntnisse wie Plus XII.; nicht seine feine Bildung und nicht die große diplomatische Erfahrung, die jener sich als Kardinal -Staatssekretär hatte erwerben können" (Kardinal Frings).
Auch Johannes selbst sah seine Aufgabe nicht in der Rolle eines Neuerers. Er selbst ahnte nicht, daß in ihm mehr steckte als ein Interims-Verwalter. Vor der Wahl meinte er, es sei nicht wichtig, ob "der Papst ein Bergamaske" sein werde. Der neue Oberhirte müsse nur "ein Mann des weisen und milden Regiments" sein.
Und nach der Wahl, in seiner ersten Amtsstunde, betonte er vor den Kardinälen im Konklave, er habe sich für den häufigsten Papstnamen - nämlich Johannes - entschieden, um "die Bedeutungslosigkeit Unseres eigenen Namens durch diese höchste Folge, römischer Päpste abzuschirmen"; es gebe "22 Päpste mit dem Namen Johannes von unzweifelhafter Rechtmäßigkeit", die fast alle ein kurzes Pontifikat hatten.
Sechs Jahrhunderte lang hatte kein Papst mehr den Namen Johannes angenommen. Katholische Kirchenhistoriker wußten und wissen die Gründe zu nennen:
- Laut Päpstlichem Jahrbuch gab es vor Johannes XXIII. nur 20 rechtmäßige Päpste namens Johannes: der sechzehnte Johannes gilt als Gegenpapst, ein Johannes XX. hat nie gelebt.
- Im 15. Jahrhundert existierte bereits ein Johannes XXIII., der allerdings vom Konzil zu Konstanz abgesetzt wurde und im kurialen Register als Gegenpapst geführt wird.
Ein halbes Jahrhundert lang hatte Angelo Giuseppe Roncalli seiner Kirche gehorsam gedient und in der Übereinstimmung mit dem Papst seinen inneren Frieden gefunden. Nun schien er nicht mehr nach seinem Wahlspruch "Gehorsam und Frieden" leben zu können: Es gab auf der Welt keine Instanz mehr, die ihm Aufträge erteilen konnte.
Schon drei Monate nach seiner Wahl zum Papst löste sich für Johannes XXIII. dieses Problem - nach seiner Überzeugung ohne eigenes Zutun.
Am 25. Januar 1959 berichtete er den Kardinälen "zitternd vor Bewegung, aber zugleich mit demütiger Entschlossenheit", er habe in der "Intimität und Schlichtheit Unseres Geistes eine göttliche Einladung zur Einberufung eines Ökumenischen Konzils" gehört.
Dem Papst selbst waren offenbar Zweifel gekommen, ob diese Idee ein "höchster Wink Gottes" gewesen war. Erst als die Eminenzen ihn beglückwünschten, war er sicher, daß die göttliche Eingebung keine Täuschung gewesen war.
Über die Aufgaben des Konzils hatte Johannes XXIII. "offensichtlich nicht von vornherein die gleiche Klarheit" (Jesuitenpater Hirschmann).
Aber schon ein halbes Jahr später, im Juni. 1959, stellte er dem Konzil die Aufgabe, "das Wachstum des katholischen Glaubens und die wahre Erneuerung der Sitten des christlichen Volkes zu fördern, damit die Kirchenordnung besser den Bedürfnissen und Bedingungen unserer Zeit angepaßt werde".
Johannes XXIII., der - nach dem Plan der Kardinäle - die Kirche fast unverändert seinem Nachfolger übergeben sollte, schickte sich damit an, das 2000 Jahre alte Gebäude zu renovieren, aus dem vor 900 Jahren die Orthodoxen, vor 400 Jahren die Protestanten ausgezogen waren, um das Fürchten zu verlernen.
Unter seinen Vorgängern war die katholische Kirche in die Defensive geraten. Mit zum Teil mittelalterlichen Methoden versuchten die Päpste, ihre Gläubigen vor den Gefahren des 19. und des 20. Jahrhunderts zu schützen. Schädliche Lehren wurden verboten, irrende Gläubige aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen, kritische Theologen auf den Index gesetzt, Kontakte mit der nichtkatholischen Umwelt streng reglementiert. Die Angst vor den Anfechtungen der modernen Ideologien - wie Liberalismus, Sozialismus und Kommunismus - bestimmten das Gesicht der Kirche.
Die Dogmen, Dekrete und Canones sollten die katholische Kirche in ein Getto verwandeln. Aber zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffte ein Abgrund, der sich zusehends vergrößerte. Den Getto-Regeln fügten sich jene Gläubigen, die ohnehin so kirchentreu waren, daß sie auch ohne die drohenden Canones nicht in unerlaubte Bezirke ausgewichen wären. Zahllose andere Katholiken aber nahmen sich innerhalb und außerhalb der Kirche die gleichen Freiheiten, die nichtkatholischen Christenmenschen vergönnt waren. Dem schwindenden Respekt der Gläubigen entsprach so die wachsende Bedeutungslosigkeit der aus Angst vor den ideologischen Gegnern immer strenger formulierten Verbote, Vorschriften und Weisungen.
So war auch die Forderung nach Wiedervereinigung mit Orthodoxen und Protestanten zu einer Feiertags-Losung geworden, die für die praktische Kirchenpolitik kaum noch Bedeutung hatte. An eine ernsthafte und furchtlose Auseinandersetzung mit den anderen Konfessionen dachten in der katholischen Kirche nur wenige.
In den letzten hundert Jahren wurden die gläubigen Katholiken durch Dogmen über die Mutter und den katholischen Stellvertreter Christi von ihrer Umwelt noch weiter isoliert.
Im Jahre 1854 verpflichtete Pius IX. alle Katholiken zu dem Glauben an die Unbefleckte Empfängnis Marias: Die Gottesmutter Maria sei von ihrer Mutter, der heiligen Anna, unbefleckt empfangen worden. Der Prager Fürsterzbischof Schwarzenberg glaubte damals nicht in seine Diözese zurückkehren zu können.
100 Jahre später, 1950, legte Pius XII. in einem weiteren Mariendogma verbindlich für alle Katholiken fest, daß Maria leibhaftig in den Himmel aufgenommen worden sei.
Nach evangelischer Lehre fehlt diesen Mariendogmen ebenso das biblische Fundament wie den Dogmen über die Unfehlbarkeit und den Primat des Papstes, die Pius IX. im Jahre 1870 vom Ersten Vatikanischen Konzil beschließen ließ.
Mit Unfehlbarkeit sei jeder Heilige Vater ausgerüstet, wenn er - so der Text des Dogmas - "ex cathedra" spricht das heißt, wenn er in Ausübung seines Amtes als Hirte und Lehrer aller obersten apostolischen Autorität eine Lehre, die den Glauben oder die Sitten betrifft, als von der gesamten Kirche festzuhalten definiert.
Das Dogma vom Primat besagt, daß jeder Papst die uneingeschränkte, "ordentliche und unmittelbare Jurisdiktionsgewalt" besitzt, der alle Gläubigen - auch die Bischöfe - unterworfen sind.
Die Meinung der Nichtkatholiken über diese Dogmen formulierte als einer der ersten der preußische Reichskanzler Bismarck: Die Bischöfe seien wegen des Papstprimats künftig nur noch dessen "Werkzeuge", päpstliche "Beamte ohne eigene Verantwortlichkeit"; der Papst habe sich zu einem Souverän erhoben, "der vermöge seiner Unfehlbarkeit ein vollkommen absoluter ist, mehr als irgendein absoluter Monarch der Welt".
Vergebens hatten vor allem auch die deutschen Bischöfe, angeführt von dem Mainzer Oberhirten von Ketteler, während des Konzils versucht, die Verkündung der Papst-Dogmen zu verhindern.
Unerfüllt blieb 90 Jahre lang die Hoffnung des englischen Kardinals Newman: "Laßt uns geduldig sein und Glauben haben, ein neuer Papst und ein neu versammeltes Konzil können das Boot wieder in die richtige Lage bringen."
Weder der dreizehnte Leo noch der fünfzehnte Benedikt noch die zehnten bis zwölften Päpste namens Pius hielten es für notwendig, das Kirchen -Schiff zurechtzurücken. Weder ergänzten sie die 1870er Beschlüsse, noch beriefen sie gar ein neues Konzil ein, um das lädierte Ansehen ihrer Bischöfe zu erhöhen und die Kirche auch auf anderen Gebieten der Zeit anzupassen.
Diese Aufgabe übernahm erst Angelo Giuseppe Roncalli, der jahrzehntelang an der Peripherie erlebt hatte, wie sehr sich seine Kirche von der nichtkatholischen Umwelt und sogar von vielen Gläubigen isoliert hatte.
Als sich aber andeutete, in welchem Umfange Johannes XXIII. die Kirche erneuern wollte, formierten sich die konservativen Kräfte zum Widerstand. An ihrer Spitze stand und steht - nicht zufällig - Alfredo Ottaviani, der Chef des Heiligen Offiziums, das - oft mit inquisitorischen Methoden - über Glauben und Sitte wacht.
Diese Kleriker, die entgegen den Plänen des Papstes die Getto-Politik der vergangenen Jahrhunderte fortsetzen wollen, gerieten in die Opposition. Sie glauben, die Kirche würde gefährdet, wenn das Regiment der Strenge und der Furcht abgemildert würde.
Drei Jahre lang bereitete Johannes XXIII. das Konzil trotzdem mit einem Optimismus vor, den viel jüngere progressive Kirchenfürsten bewunderten.
Als der Papst die Bischöfe aufforderte, Anregungen für das Konzil zu formulieren, ergoß sich gleich einem geöffneten Stausee eine Flut von 9000 Verbesserungsvorschlägen in die Kanzleien des Vatikans.
Gelassen nahm Johannes XXIII. es hin, daß die Forderung der meisten Bischöfe nach einer umfassenden Kirchenreform in einigen Konzilkommissionen mißachtet wurde. Der Papst, der nominell der zentralen Konzilkommission vorsaß, ließ auch die Entwürfe, die Ottaviani und seine Anhänger ausgearbeitet hatten, unverändert dem Konzil vorlegen.
Viele reformfreudige Exzellenzen und Gelehrte waren damals "gedrückt, pessimistisch, mutlos" (Konziltheologe Küng, Tübingen). Die Reaktionäre schienen den Kurs des Konzils zu bestimmen.
Schon in den ersten Sitzungen des Konzils aber zeigte sich, daß Johannes XXIII. die Situation besser eingeschätzt hatte. Die progressiven Oberhirten bildeten eine kompakte Mehrheit und verhinderten, daß die Entwürfe Ottavianis angenommen wurden.
Der Papst griff ebenso wie zuvor in die Vorbereitungen nun auch in die Beratungen des Konzils kaum ein - und wenn, dann "mit solchem Takt, mit solchem Geschick, mit solch väterlicher Güte, daß alle davon entzückt waren" (Kardinal Frings). Auch hierin war er das Gegenteil von Pius IX., der das Erste Vatikanum mit Härte und List geführt, oft den Zorn zumal der deutschen Bischöfe hervorgerufen und am Ende die Erhöhung seines Amtes zu Unfehlbarkeit und uneingeschränkter Macht gegen eine große Minderheit durchgesetzt hatte.
Ob das Zweite Vatikanum ohne den Herzenstakt des Johannes zu einem glücklichen Ende gelangen wird, ist zweifelhaft; daß es überhaupt fortgesetzt wird, gilt hingegen als sicher. Nach Ansicht katholischer Theologen käme auch ein konservativer Papst nicht umhin, das Konzil weiterzuführen. Die Mehrheit der progressiven Bischöfe ist aber so groß, daß es immerhin einer Intervention des Kirchenmonarchen bedürfte, um eine umfangreiche Reform zu verhindern.
Je gründlicher allerdings sich die katholische Kirche reformiert, um so deutlicher zeichnen sich die Grenzen ab, die sie sich selbst gesetzt hat. Auch wenn die kühnsten Pläne progressiver Bischöfe verwirklicht würden, blieben vor allem noch die Dogmen von der Unfehlbarkeit und dem Primat des Papstes übrig, die Katholiken und Nichtkatholiken voneinander trennen.
Zum erstenmal in ihrer Geschichte müßte die katholische Kirche an ihren eigenen Dogmen rütteln, wollte sie diese Schranken beseitigen. Und auch unter dem Pontifikat des dreiundzwanzigsten Johannes gab es nicht das geringste Anzeichen dafür, daß diese Barriere beiseite geräumt wird.
In den letzten Monaten vor seinem Tode begann Johannes XXIII. aber, die nicht durch Dogmen fixierte Haltung seiner Kirche gegenüber den Linken zu korrigieren.
Als der Heilige Vater den Chruschtschow-Schwiegersohn Adschubej empfing und wenige Wochen später die Kommunisten bei den italienischen Wahlen eine Million Stimmen gewannen, argwöhnten militante Katholiken, der Papst sei in Blindheit gegenüber den geistigen Gefahren des Kommunismus gefallen.
So schrieb der deutsche Schriftsteller Rudolf Krämer-Badoni Mitte vergangenen Monats in der "Welt" an Seine Heiligkeit: "Du mißbrauchst dein Amt politisch. Du bist dabei, unseren schon geschwächten Willen zur Freiheit endgültig zu verwirren ... Du hast keinen Auftrag zur Politik. Laß ab von diesem Weg!" Funktionäre christlicher Parteien, vor allem in Italien und Deutschland, beklagten sich: Viele Katholiken würden künftig linke Parteien wählen.
Der Papst, der seine Kirche aus dem Getto befreien wollte, hatte sich tatsächlich zum Ziel gesetzt, den Gläubigen größere politische Freiheiten zu gewähren. Er wollte die Kirche aus den Niederungen der Partei- und Blockpolitik herausführen, in die sie vor sieben Jahrzehnten geraten war.
Damals, 1891, hatte Leo XIII. sich in seiner Enzyklika "Rerum novarum" zwar kühn für eine Umschichtung der Besitzverhältnisse ausgesprochen und eine "kleine Habe" für die Vermögerislosen gefordert. Zugleich aber sprach er das Nein der Kirche gegenüber dem Sozialismus aus, der "den Neid der Vermögenslosen gegen die Besitzenden" schüre, alle Güter in Gemeineigentum überführen wolle, die Aufgaben des Staates in ihr Gegenteil verkehre und "schwere Unruhe in die Gesellschaft" bringe.
40 Jahre später, im Mai 1931, veröffentlichte auch Pius XI. eine Sozial -Enzyklika ("Quadragesimo anno"): Der Sozialismus habe sich in zwei Richtungen gespalten - den Kommunismus, dessen Ziele "schärfster Klassenkampf und äußerste Eigentumsfeindlichkeit" seien, und den Sozialismus, dessen "bemerkenswerte Annäherung ... an die Postulate einer christlichen Sozialreform" nicht zu leugnen sei.
Trotzdem entschied auch Plus XI.: "Der Sozialismus, gleichviel ob als Lehre, als geschichtliche Erscheinung oder als Bewegung ... bleibt mit der Lehre der katholischen Kirche immer unvereinbar." Und: "Es ist unmöglich,
gleichzeitig guter Katholik und wirklicher Sozialist zu sein."
Als 30 Jahre später, im Mai 1961, Johannes XXIII. seine Sozial-Enzyklika ("Mater et magistra") verfaßte, beschränkte er sich darauf, die Bekundungen des elften Pius kommentarlos wiederzugeben: "Kommunismus und Christentum, so erklärt der Papst, widersprechen sich radikal. Aber auch die Lehre der wohl eine mildere Richtung vertretenden Sozialisten sei für Katholiken durchaus unannehmbar."
Sozialisten und geistliche Katholiken reagierten auf diese Enzyklika unterschiedlich. Der von der CDU zur SPD konvertierte Katholik Peter Nellen schickte dem Papst ein Danktelegramm, weil Johannes XXIII. den Sozialismus nicht mehr verdammt habe. Dominikanerpater Eberhard Welty hingegen befand, der katholische Christ dürfe weiterhin weder Sozialist sein noch auch nur die SPD wählen.
Erst in seiner letzten Enzyklika, "Pacem in terris", vom April 1963, nahm Johannes XXIII. selber zu dem Problem Stellung, wie die Katholiken künftig ihre Beziehungen zum Sozialismus regeln sollten.
Der Papst unterschied im Gegensatz zu seinen Vorgängern zwischen philosophischen Lehrmeinungen einerseits und andererseits "Bewegungen, die sich mit wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen" befassen und "von solchen Auffassungen her entstanden und geleitet sind". Solche Bewegungen seien den "Veränderungen der jeweiligen Situation" unterworfen.
Damit wurden jene kirchentreuen Katholiken aus ihren Gewissenskonflikten befreit, die sich beispielsweise nicht zu einer sozialistischen Ideologie bekennen, aber trotzdem die SPD - eine "Bewegung" im Sinne der Enzyklika - wählen wollen.
Für sich selbst nahm Johannes XXIII. im März die bis dahin in der katholischen Kirche durchaus nicht selbstverständliche Freiheit in Anspruch, einen prominenten Kommunisten - Adschubej - zu empfangen.
Der "Osservatore Romano" glaubte noch, er müsse den Papst entschuldigen: Der Chruschtschow-Schwiegersohn sei nur empfangen worden, weil "der Papst alle aufnimmt und niemanden zurückweist".
Tatsächlich aber war dieser erste Kontakt mit einem Kreml-Abgesandten Teil einer Politik der Annäherung, die nicht Johannes XXIII., sondern Chruschtschow mit Glückwünschen zum 80. Geburtstag des Papstes und zum vierten Jahrestag seiner Krönung eingeleitet hatte.
Später übermittelte der Kreml-Chef dem Kirchenmonarchen den Wunsch, auf dem Konzil sollten keine anti-sowjetischen Beschlüsse gefaßt werden. Antwort des Vatikans: Diese Bitte könne erfüllt werden.
Die Kontakte zwischen dem roten und dem schwarzen Zentrum führten bereits zu sichtbaren Ergebnissen:
- Der Kreml ließ Beobachter der russisch-orthodoxen-Kirche - den Erzpriester Borowoj und den Archimandriten Kotljarow - am Konzil teilnehmen;
- der ukrainische Metropolit Slipyj wurde nach achtzehnjähriger Haft entlassen und durfte in den Vatikan übersiedeln;
- der Vatikan und die ungarische Regierung erklärten sich bereit, das Mindszenty-Problem zu lösen. Der Kardinal darf, wenn er sich einverstanden erklärt, aus der US-Gesandtschaft in Budapest ausziehen und ein Amt in der Kurie übernehmen;
- vatikanische Beamte deuteten an, daß in Ländern des Ostblocks päpstliche Konsulate als Vorstufe für diplomatische Beziehungen eröffnet werden könnten.
Johannes XXIII. versuchte, sich mit den Regierungen des Ostblocks zu arrangieren, um die Gefahr der Isolierung von den Katholiken östlich des Eisernen Vorhangs abzuwenden; sie droht ihnen, wenn sich der Vatikan einseitig antikommunistisch und prowestlich gibt.
Wenige Wochen vor seinem Tode deutete Johannes XXIII. ein weiteres Ziel seiner Ostpolitik an: Der Vatikan müsse eine "übernationale Neutralität" erreichen. Damit sollte er den moralischen Kredit gewinnen, als Vermittler zwischen den Großmächten aufzutreten.
Es ist sicher, daß einflußreiche Kirchenfürsten die Fortsetzung dieser Politik verhindern wollen. Kurienkardinal Ottaviani erinnerte noch zu Lebzeiten Roncallis öffentlich daran, daß weiterhin das Dekret des zwölften Pius gelte, demzufolge jede Zusammenarbeit mit den Kommunisten verboten sei.
Und Ottaviani-Anhänger unter den Kurienklerikern fragten spöttisch, ob denn etwa Christus künftig nicht mehr zur Rechten, sondern zur Linken Gottes sitzen werde.
Kurz vor seinem Tode aber bekundete Johannes XXIII. noch einmal den ihm eigenen fröhlichen Glauben, daß seine Kirche sich bei engeren Kontakten zu Sozialismus und Kommunismus als die stärkere geistige Kraft erweisen werde: "Wer Glauben hat, zittert nicht. Er überstürzt nicht die Ereignisse. Er ist nicht pessimistisch, er verliert nicht seine Nerven."
Überführung von Papst Johannes XXIII. in die Peterskirche: "Menschliche Züge ...
... an einem fast überirdischen Erscheinungsbild"
Papst-Kandidat Montini
Ein neues Pfingsten?
Militärkaplan Roncalli (2. v. l., sitzend), 1916: Gehorsam und Frieden
Präsident Auriol, Roncalli
Aus der Hand des Ungläubigen ...
Johannes XXIII., Döpfner
... das Birett des Kardinals
Papst, russisch-orthodoxe Konzilbeobachter Kotliarow, Borowoj. Kontakte mit dem Osten
Eröffnungssitzung des Zweiten Vatikanischen Konzils: Zittert nicht
* Den Papst überlebten seine Brüder Saverio (verheiratet, kinderlos), Alfredo (ledig), Giuseppe (verwitwet, neun Kinder) und seine Schwester Assunta (verwitwet, fünf Kinder).

DER SPIEGEL 24/1963
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