22.05.1963

FALLADAMorgens Kognak

Er nannte sich nach dem geschundenen Opfergaul aus dem Märchenbuch der Brüder Grimm, nach Falada, dem glücklosen Schimmelpferd, dessen abgeschlagenes Haupt da hängt und die Wahrheit spricht.
Der Name war treffend gewählt: Ein ganzes Leben lang, von der Kindheit bis zu seinem Tod Im Jahre 1947, bewegte sich Hans Fallada, bürgerlich Rudolf Ditzen, Autor des Weltbestsellers "Kleiner Mann - was nun?" und weiterer 25 Bücher, auf jenen "Nachtseiten" menschlicher Existenz, für die er auch als Erzähler "eine nicht zu unterdrückende Vorliebe" (Fallada) hatte.
Die "Welt voll Enge, Dumpfheit, Muffigkeit, voll schlechter Luft und üblen Odems" (Carl Zuckmayer), die er in seinen Büchern beschrieb, war jahrelang seine eigene. Gleich seinen Helden hat Fallada aus dem Blechnapf gegessen, gleich ihnen wurde er zum heillosen Trinker ("Der Trinker"), zu einem Rauschbesessenen, der genügend Erfahrung besaß, um einen "Sachlichen Bericht vom Glück, ein Morphinist zu sein" zu verfassen.
In einer ersten Fallada-Biographie, die in diesem Frühjahr bei Rowohlt erschienen ist, hat der 30jährige Autor Jürgen Manthey erforscht, wie sehr der Erfolgsschriftsteller seinen lädierten und schlecht weggekommenen Figuren glich, wie sehr deren Mißgeschick und Haltlosigkeit dem permanenten Pech und der Labilität ihres Urhebers ähnelten**.
Die Negativ-Helden der Fallada -Romane, so erkannte Manthey, seien "unschwer als die Projektion der Wesens-Zwiespältigkeit" eines Menschen zu deuten, der unter einem "Untüchtigkeits- und Einzelgängerbewußtsein" litt und durch "nicht nachlassenden äußeren Zwang immer weiter in Isolierung und Introversion getrieben" wurde.
Dennoch weist Falladas Erst-Biograph nach, daß der Romancier der Unterprivilegierten keineswegs als sozialkritischer Schriftsteller gelten kann. Nach Manthey ist Fallada zeit seines Lebens ein Konservativer geblieben, der die Gesellschaft hinnahm, wie sie war, und ihre Ordnung akzeptierte:
Manthey: "Das Zwischenreich der Unangepaßten, die noch am liebsten in Traum und Narkotika fliehen, es ist für ihn nicht... eine selbständige magische Realität, sondern der untere schwarze Rand einer Ordnungswelt."
In dieser Ordnungswelt, fürs erste repräsentiert durch den preußischen Gerichtsrat Wilhelm Ditzen, galt Sohn Rudolf, 1893 in Greifswald geboren, seit frühester Jugend als Außenseiter und Pechvogel.
Fallada, nach eigener Aussage rein langes, wadenloses Tier. - ungeschickt, mit einer Brille", zumeist "trübe, verdrossen, mundfaul", dann wieder von einer "übermäßigen Neigung zu kalbern und vor allem zu necken" befallen, erinnerte sich später: Meine Mutter hat mir erzählt, daß ich bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr eigentlich alljährlich einmal lebensgefährlich krank gewesen sei."
Als der malträtierte und verschüchterte Schüler des feudalen Prinz-Heinrich-Gymnasiums in Berlin, der während des Unterrichts so oft Weinkrämpfe
bekam, "daß die Klasse vor der Lateinstunde Wetten abschloß, ob ich heulen würde oder nicht", zum drittenmal sitzenbleiben sollte, unterrichtete sein Lehrer den väterlichen Gerichtsrat: "Für die, weitere Bildung Ihres Sohnes halte ich nun freilich eine Volksschule für das höchst Erreichbare, vielleicht wäre noch richtiger eine Anstalt für geistig zurückgebliebene Kinder."
Falladas "Zug zu Verhängnis und Unbegreiflichkeit" blieb auch ausgeprägt, nachdem er, auf ein weniger exklusives Gymnasium versetzt, zum Musterschüler, avanciert war. Unbegreiflich erschien dem pünktlichen, pflichtgetreuen' und disziplingläubigen Vater etwa, daß der schwierige Sohn einen Fluchtversuch aus dem Elternhaus unternahm, und dabei der richterlichen Schreibtischlade. Geld entlehnte, daß er Aktzeichnungen kolorierte (Fallada: "Ich hatte meine schrecklich rosa angepinselten Weibsen - sie sahen wie Marzipanschweinchen aus - in einer blauen, Mappe gesammelt") und für die Tochter eines Berufskollegen seines Vaters anonyme Briefe obszönen Inhalts verfaßte.
Als die pubertären Sexerzitien von den "in Bigotterid und falscher Pfaffensittlichkeit aufgewachsenen Eltern"
- so Fallada - entdeckt wurden, war
der Gymnasiast zu einer weiteren und, wie er hoffte, letzten Unglückstat bereit: Er hatte sich einen Revolver verschafft, um "in die Freiheit zu springen".
Vater Ditzen, der seinen Sohn Rudolf im letzten' Augenblick am Selbstmord gehindert hatte, reagierte mit richterlicher Unnachgiebigkeit: Er gab Fallada in ein Sanatorium und schickte ihn dann zu weiterem Schulbesuch in die Provinz. Im Juni 1911 kam Fallada, fast 18jährig, im thüringischen Rudolstadt an und bezog bei einem pensionierten Offizier Quartier.
In Rudolstadt blühte dem von Weltschmerz und innerer Zerrissenheit gequälten Schüler weiteres Ungemach. Fallada, mittlerweile seiner literarischen Neigungen bewußt, hatte sich mit einem Majorssohn namens von Necker angefreundet und mit ihm einen denkwürdigen Pakt geschlossen. Dem Vertrag zufolge sollte jeder von ihnen ein Theaterstück verfassen und einem "prominenten Dichter" zur Bewertung vorlegen. Der Autor des schlechteren Stücks, so war ausgemacht, sollte in einem fingierten Duell mit dem Sieger Selbstmord begehen.
Im Oktober 1911 wurde zumindest ein Paragraph des Abkommens verwirklicht. In einem Zweikampf auf einer Anhöhe außerhalb der Stadt schoß Fallada seinen Vertragspartner von Necker mit einem Tesching tot und gab zwei weitere Schüsse auf sich selbst ab, die ihn lebensgefährlich verletzten. Falladas Mutter, über den Unglücksfall benachrichtigt, war erleichtert. Ihre erste Reaktion: "Gott sei Dank, wenigstens nichts Sexuelles!"
Der verhinderte Selbstmörder wurde noch im Krankenhaus verhaftet und des Totschlags angeklagt. Nach Entdeckung des schriftlich niedergelegten Pakts ließ das Gericht die Anklage fallen. Es billigte dem Duellanten verminderte Zurechnungsfähigkeit zu und wies ihn für zwei Jahre in die geschlossene
Anstalt Tannenfeld bei Jena ein.
Nach seiner Entlassung aus Tannenfeld fand Fallada ("Ich weiß nicht mehr, wer es eigentlich beschlossen hat, daß ich Landwirt werden sollte") erste Anstellung als Eleve auf einem sächsischen Gut.
Aber schon mit dreiundzwanzig war Fallada, der sich 1914 nach elf Tagen Militärdienst im Pferdestall unter Berufung - auf den ihm zugebilligten Paragraphen 51 verabschieden ließ, des Landlebens überdrüssig. Er wurde Saatgutspezialist bei einer Kartoffelanbaugesellschaft in Berlin, verdiente viel Geld, reiste viel und ließ den Exzessen seiner Phantasie nunmehr realere Ausschweifungen folgen.
Dort, im Berlin des Jahres 1916, unter den Waffenhändlern und Schiebern des Ersten Weltkriegs, lernte er den Alkohol als "Rettung der Lebensuntüchtigen" kennen, dort genoß er den "kleinen Tod" der Morphinisten, dort setzte er auch seine literarischen Übungen fort, die er in der Anstalt Tannenfeld begonnen hatte.
Unter der Anleitung von Anne Marie Seyerlen, der Ehefrau eines Berliner Geldmannes, die ihm nicht nur als geistige Ratgeberin zugetan war, verfaßte er den Roman "Leiden eines jungen Mannes in der Pubertät". Das Buch erschien 1920 unter dem Titel "Der junge Goedeschal" im Verlag Ernst Rowohlts, sein Verfasser nannte sich Hans Fallada.
In späteren Jahren dachte Fallada nur ungern an diesen pathetischen Erstling zurück, der sämtliche Ingredienzen des Expressionismus, Vaterhaß und Prostituierten-Liebe, Pansexualismus und Irrenhaus-Ekstase, enthielt.
Er ließ den "Jungen Goedeschal" ebenso wie seinen zweiten Roman, "Anton und Gerda" - er erschien 1923 gleichfalls bei Rowohlt -, aufkaufen und einstampfen und vermerkte in seinem autobiographischen Manuskript "Wie ich Schriftsteller wurde": "Ich erkenne diese beiden ersten Kinder nicht an... Ich denke mit einem Grausen an sie zurück... weil ich sie auf Anregung, auf Befehl fast einer ehrgeizigen Frau geschrieben habe."
Fallada, der seit 1917 bereits etliche Entziehungsversuche in Sanatorien hinter sich gebracht hatte, kehrte nach Kriegsende in die Landwirtschaft zurück, allerdings ohne ausgeprägte Neigung zur Seßhaftigkeit. Er zog von einem Gut zum anderen, von Pommern nach Rügen, von Mecklenburg nach Westpreußen, von Schlesien in die Neumark - bemüht, mit den elterlichen Zuschüssen und einem Monatsgehalt von rund 200 Mark einen beachtlichen Alkohol- und Morphium-Konsum zu bestreiten.
"Falladas Lebenskurve erläutert Biograph Manthey, "ist damals dicht vor ihrem tiefsten Punkt. Seine Süchtigkeit hatte einen Grad erreicht, der den Abbau moralischer Hemmungen bis auf ein Minimum weitergetrieben hatte."
1923, als Rendant auf einem Gut in Schlesien, beging Fallada seine erste Unterschlagung. Er wurde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Zwei Jahre später kam es vollends zur Katastrophe: Als Angestellter einer Güterverwaltung in Holstein unterschlug Fallada rund 15 000 Mark, flüchtete nach Berlin und stellte sich dort einen Tag nachdem sein Arbeitgeber Anzeige gegen Ihn erstattet hatte, freiwillig der Polizei. Das Landgericht Kiel verurteilte ihn zu zweieinhalb Jahren Gefängnis.
Manthey ist der Meinung, Fallada habe seine Gefängniszeit im holsteinischen Neumünster ähnlich empfunden wie Willi Kufalt, der Held seines späteren Romans "Wer einmal aus dem Blechnapf frißt": "Hier hat man ganz seine Ruhe. Hier quatscht keiner auf einen los. Hier braucht man nichts zu beschließen, hier hat man sich nicht so zusammenzunehmen."
Dem Rowohlt-Lektor Paul Mayer, der ihn im Gefängnis besuchte, erklärte er: "Die zwei Jahre, die mir gebühren, will ich durchhalten. Das ist für mich die endgültige Alkohol-Entziehungskur."
Tatsächlich war die Blechnapf-Zeit für Fallada durchaus gesundheitsfördernd. Als er im Februar 1928 entlassen wurde, durfte er sich fürs erste als geheilt betrachten. Der Tiefpunkt im Leben Falladas schien erreicht und überschritten. 1929, das erste Jahr der Weltwirtschaftskrise, brachte für, den 36jährigen ungeahnten Aufstieg.
In Hamburg, wo er sich nach seiner Entlassung mit Adressen-Schreiben am Leben hielt, hatte Fallada das lebende Modell "Lämmchens", der idealischen Prolet-Kult-Heldin vieler seiner Romane, kennengelernt: die 28jährige Lageristin Anna Issel, genannt Suse, Schwester eines Abstinenzlers, der den Alkoholiker Fallada von einer Versammlung des Guttempler-Ordens mit nach Hause gebracht hatte.
Fallada heiratete das "physisch wie
moralisch völlig gesunde Mädchen" (Manthey) und rühmte in dem Erinnerungsbuch "Heute bei uns zu Haus" seine "Frau Suse": "Sie hat mich erst zu dem gemacht, was ich geworden bin, sie hat einen Verbummelten wieder das Arbeiten gelehrt, einen Hoffnungslosen die Hoffnung."
Daß Fallada wieder arbeiten lernte, verdankte er allerdings auch dem Verleger Ernst Rowohlt, den er auf einem Ausflug nach Sylt zufällig getroffen hatte. Papa Rowohlt verschaffte seinem einstigen Autor eine Halbtagsbeschäftigung in der Rezensionsabteilung seines Berliner Verlagshauses; seine freien Nachmittage füllte Fallada von nun an wieder mit intensiver Schreibarbeit.
"Etwas Entscheidendes", psychologisiert Manthey, "ist geschehen. Fallada hat sein Rausch-Verlangen sublimieren, das Bedürfnis, sich selbst auszulöschen, in einen schöpferisch-produktiven Akt verwandeln können."
Erster schöpferischer Akt war der Roman "Bauern, Bonzen und Bomben", in dem Fallada die historisch wahren Bauern-Unruhen in einer holsteinischen Kleinstadt gegen Ende der zwanziger Jahre beschrieb. Als das Buch, das später als Meisterwerk der "Neuen Sachlichkeit" gerühmt wurde, 1931 bei Rowohlt erschien, rezensierte Kurt Tucholsky in der "Weltbühne": "Was vor allem auffällt, ist die Echtheit des Jargons. Das kann man nicht erfinden, das ist gehört." Tucholsky schränkte jedoch ein: "Wenn das nun noch ein Dichter geschrieben hätte... dann wäre dies ein Meisterwerk."
Ein "Dichter" und Sozialkritiker nach den Vorstellungen Tucholskys war Fallada als Autor von "Bauern, Bonzen und Bomben" freilich ebensowenig wie als Verfasser seiner folgenden Bücher. Hier bereits, in seinem politischen Kleinstadt-Roman, überwuchern Idylle und Romantik zusehends die Alltags-Wirklichkeit. Hier wie in- den folgenden Romanen sind seine negativen Figuren weniger Opfer der bürgerlichen Gesellschaft als ihrer eigenen Unzulänglichkeit, und das Happy-End in der Wohnküche, das sie zumeist erwartet, zeugt nicht so sehr von Lebensmeisterung als von Falladas Autorenwunsch nach privater Geborgenheit.
Gerade diese stimmungsvoll-versöhnliche Armeleute-Romantik inmitten eines detailgenau beschriebenen Milieus aber verhalf Fallada zu steiler Karriere. Fallada lieferte das- was dem Durchschnittsleser behagte - nach Mantheys Mutmaßung allerdings weniger mit bewußter Absicht als deshalb, weil seine "eigene Illusionsbereitschaft nicht so sehr von der seines Publikums verschieden war".
Der Ruhm kam mit dem Roman "Kleiner Mann - was nun?", den Rowohlt 1932 herausbrachte: Die Geschichte vom notleidenden Warenhausverkäufer Pinneberg und von dessen junger Ehefrau Lämmchen, in der "Vossischen Zeitung" und in rund fünfzig Provinzblättern abgedruckt, wurde seither in zwanzig Sprachen übersetzt und zweimal verfilmt.
Fallada empfand diesen jähen Welterfolg als "nichts Angenehmes": "Ich hörte mit Arbeiten auf, denn ich hatte nun eine ganz neue Beschäftigung entdeckt: Geld einnehmen und Geld ausgeben, und ich bemühte mich sehr erfolgreich, diese Beschäftigung möglichst töricht auszuüben."
Er begann wieder zu trinken, unterhielt ein Verhältnis mit einer Berliner Bardame und ruinierte sich in kurzer Zeit so sehr, daß der Arzt ihm Bettruhe verordnen und einen Tage dauernden Schluckauf mit Eis' und Kognak behandeln mußte. Fallada: "Eine sehr erwünschte Verordnung, denn nun konnte ich schon am frühen Vormittag Kognak trinken."
Rowohlt-Lektor und Fallada-Freund Peter Zingler endlich bereitete den Exzessen des Alkoholikers ein Ende. Er vermittelte dem enthemmten Erfolgsautor ein Sechs-Morgen-Grundstück im mecklenburgischen Carwitz bei Feldberg. Fallada floh aufs Land. Er erkannte wieder einmal: "Dies war der Wendepunkt, von nun an gab ich mir wieder Mühe. Der Goldrausch war vorbei, jetzt hieß es wieder arbeiten."
In den Jahren von 1933 bis 1944, die er als Grundbesitzer und Familienvater in Carwitz verbrachte - 1930 wurde sein Sohn Ulrich, 1933 Tochter Lore, 1940 Sohn Achim geboren -, entstanden insgesamt achtzehn voluminöse Romane, einige von ihnen innerhalb weniger Tage. "Es ist zweierlei", so interpretierte er diese Arbeitswut, "an seinem Schreibtisch zu sitzen und sich eine Welt erschaffen, und dann draußen zu stehen in der wirklichen Welt."
Aber auch das Carwitzer Asyl vermochte ihn nicht vor der "wirklichen Welt" zu bewahren. Im März 1933, wenige Wochen nach Ausbruch der Hitler-Diktatur, wurde Fallada von den neuen Machthabern verhaftet: Er war denunziert worden, weil er mit einem angeblichen "jüdischen Verschwörer" - mit dem Rowohlt-Autor und gelegentlichen Carwitz-Besucher Ernst von Salomon - verkehre. Nach elf Tagen Haft wurde Fallada wieder entlassen - es hatte sich herausgestellt, daß Salomon weder als jüdisch noch als konspirativ gelten konnte.
Fallada, dessen Bestseller im Deutschland des Dritten Reichs weiterhin erscheinen durfte, wurde nun vorsichtig. Da er, wie er in einem Brief erklärte, "nicht im Ausland leben kann und will, auf irgendeinem doofen Emigrantenschmollstühlchen", war er bemüht, es mit den braunen Kulturkämpfern nicht zu verderben. So schmückte er seinen autobiographischen "Blechnapf"-Roman (1934) mit einem Vorspruch, in dem er vor den Nationalsozialisten vorsorglich "einen Knix" machte.
In dem Roman "Wir hatten mal ein Kind", der im selben Jahr erschien, knickste er noch deutlicher. Der körperlich zerrüttete Außenseiter formulierte nun nach germanischer Blut-und-Boden-Weise: "Der Körper ächzte und flehte, aber es tat ihm gut. Kein Gramm Fett. Muskeln, Sehnen. Ein Gebäude aus Stahl. Damit war etwas zu verrichten in einem Leben!"
Doch auch angesichts solcher Produktion blieben die Reichsschrifttumskämmerer skeptisch. Der arrivierte Romancier überließ sich erneut seiner Unsicherheit und kehrte einmal mehr zum Alkohol, der "Rettung der Lebensuntüchtigen", zurück.
In einem einzigen Buch, dem Inflationsroman "Wolf unter Wölfen" (1937), fand er noch einmal die Qualität der frühen dreißiger Jahre. Der Rest wären idyllische, sentimentsverbrämte Eskapaden aus der Wirklichkeit. Er schrieb ein "Märchen vom Stadtschreiber, der aufs Land flog", den Roman "Altes Herz geht auf die Reise" und die Kindergeschichten "Hoppelpoppel - wo bist du?", schrieb "Geschichten aus der Murkelei" und die Erinnerungsbände "Damals bei uns daheim" und, "Heute bei uns zu Haus".
Fallada produzierte unverbindlichen Lesestoff, arbeitete aber gleichwohl zwölf bis sechzehn Stunden am Tag. Das Resultat waren Schlaflosigkeit und eine zerrüttete Gesundheit, waren Trunksucht, wochenlange Aufenthalte im Sanatorium und Eheszenen mit Frau Suse. 1944 - ein Jahr zuvor noch hatte Fallada, von den Nationalsozialisten plötzlich hofiert, als Reichsarbeitsdienst -Sonderführer Ditzen Studienreisen nach Frankreich und in die' Tschechoslowakei unternommen - kam es zu einer weiteren Katastrophe.
In der Eremitage von Carwitz lernte er die Witwe Ursula Losch kennen, eine Alkoholikerin und Morphinistin, die mit ihrem Kind vor den Luftangriffen aufs Land geflüchtet war. Fallada ließ sich vom Lämmchen-Idol seiner Romane scheiden und heiratete im Februar 1945 Witwe "Uschi".
Zuvor jedoch ereignete sich neues Mißgeschick. Während eines Streits mit der geschiedenen Ehefrau Suse, mit der er noch immer im Carwitzer Haus zusammenwohnte, schoß er mit einer Pistole auf sie - ohne sie zu treffen und wohl auch ohne sie treffen zu wollen. Fallada wurde wiederum in eine Heilanstalt eingewiesen, eine auf Mordversuch, lautende Anklage wurde wegen verminderter Zurechnungsfähigkeit zurückgezogen.
Zusammen mit seiner neuen Ehefrau Ursula erlebte Fallada in Mecklenburg den Einmarsch der Roten Armee. Am "Tag der Befreiung", dem 8. Mai 1945, hielt er, vom sowjetischen Ortskommandanten zum Bürgermeister von Feldberg bestallt, eine "vom Wodka befeuerte Rede" - Fallada war bereit, den großen Umbruch auch als neue persönliche Lebenswende zu betrachten.
Sein Optimismus währte nicht lange. Nach vier Monaten Amtstätigkeit und extensivem Morphiumkonsum erlitt er einen Nervenzusammenbruch und kam, zusammen mit seiner Frau, ins Krankenhaus. Währenddessen plünderten Feldberger Mitbürger; über Falladas
Zuneigung zu den sowjetischen Besatzern erbittert, seine Wohnung.
Im Berlin des Jahres 1945 fand das Ehepaar neue Zuflucht. Während Fallada das Bett kaum noch verließ, schaffte Frau Ursula Lebensmittel, Alkohol, amerikanische Zigaretten und Morphium heran. Die Folge "derartigen Selbsteinsatzes", so erforschte der Rowohlt-Monograph Manthey, "ist allerdings, daß sie sich infiziert und auch ihren Mann ansteckt".
Johannes R. Becher schließlich, damals Chef des ostzonalen Kulturbundes zur Erneuerung Deutschlands, kam seinem notleidenden Schriftstellerkollegen zu Hilfe: Die "Tägliche Rundschau", die Zeitung der sowjetischen Besatzungsbehörde, beschäftigte ihn als literarischen Mitarbeiter, zahlte ihm hohe Honorare und sorgte zudem dafür, daß ihm in Berlin-Niederschönhausen, dem Sperrgebiet der kommunistischen Partei- und Staatsfunktionäre, eine Villa zugewiesen wurde.
Der Parteigünstling legte nun einen aufwendigen Lebensstil an den Tag. Einem Freund rechnete er vor: "Bis um zehn Uhr tagtäglich haben wir bereits eine Flasche Schnaps und zwanzig amerikanische Zigaretten hinter uns, und wenn Sie nun das noch hinzurechnen, was Butter, Honig, Vollmilchpulver auf dem Schwarzen Markt kosten, dann haben wir bis um zehn Uhr jeden Tages bereits so viel Geld verbraucht, wie ein Durchschnittsangestellter im ganzen Monat verdient... Dabei dürfen wir uns noch nicht einmal Sprünge erlauben."
Zu großen Sprüngen war Fallada ohnehin nicht mehr fähig. Das Jahr 1946 verlebte er zum großen Teil in Heilanstalten. Zwei Monate vor seinem Tod am 5. Februar 1947 in Pankow, während eines letzten Zwangsaufenthaltes in der Charite - Fallada hatte soeben seinen letzten Roman, "Jeder stirbt für sich allein", innerhalb von vierundzwanzig Tagen abgeschlossen -, führte ihn ein Professor den Medizinstudenten mit den Worten vor:
"Das, meine Herren, was Sie hier sehen, ist der Ihnen allen bekannte Schriftsteller Hans Fallada, oder vielmehr das, was die Sucht nach dem Rauschgift aus ihm gemacht hat: ein Appendix."
Autor Fallada, Ehefrau Suse, Kinder*: Von Lämmchen gerettet
Buchumschlag-Graphik (von George Grosz)
Aus dem Blechnapf gegessen
Verleger Rowohlt (1930)
Leiden eines jungen Mannes
Zweite Fallada-Gattin Ursula
Milchpulver und Morphium
* l938 auf Falladas Gut in Mecklenburg.
** Jürgen Manthey: Hans Fallada in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten". Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hainburg: 176 Seiten; 2,80 Mark.

DER SPIEGEL 21/1963
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