19.06.1963

VW-SPARERNicht ohne Stolz

Der 68jährige Karl Stolz, Bierkaufmann im Ruhestand aus dem sauerländischen Niedermarsberg, braucht sich von dem, was er "mein Lebenswerk" nennt, noch nicht zu trennen. Der von ihm vor mehr als 14 Jahren gegründete Hilfsverein ehemaliger Volkswagensparer e.V. ist zwar seit November letzten Jahres aufgelöst, aber Stolz bezieht als Liquidator vorerst weiter sein Gehalt von monatlich 3250 Mark.
Das Lebenswerk des beinamputierten Rentners schien bereits im Oktober 1961 vollendet zu sein, als sein Verein nach zwölfjährigem Mammutprozeß mit VW-Generaldirektor Nordhoff einen Vergleich schloß. Der Wolfsburger erklärte sich bereit, die Sparverträge aus der Vorkriegszeit wenigstens zum Teil zu honorieren: Schon für Klebekarten mit 750 Mark Sparsumme (Hitlers VW -Preis: 990 Mark) gewährt das Werk die Höchstentschädigung von 100 Mark in bar oder, beim Kauf eines VW, 600 Mark Rabatt.
Stolz konnte seinen "Endsieg" ("Wenn dieser auch kleiner ist als wir erhofften") mit dem Vereinsvorstand im Karlsruher Schloß-Hotel feiern. Aus der Regelung konnten immerhin rund 135 000 Sparer Nutzen ziehen, von denen 40 000 im Stolz-Verein organisiert waren*.
Der rührige Vereinschef hielt indes seine Tätigkeit auch nach dem Vergleichsabschluß keineswegs für beendet. Mit bewährtem Erfindungsreichtum
- früher hatte Stolz bereits ein Finanzierungs- und Versicherungsbüro für VW-Fahrer und einen VW-Aktionärsverein ins Leben gerufen - bot er sich als Mittler zwischen Werk und Sparern bei der Abwicklung des Vergleichs an.
Da das Werk den Altgläubigern monatlich 1000 Autos liefern wollte, hätte der Hilfsverein nach Stolzens Kalkulation noch jahrelang abwickeln können.
Auf der Stelle ernannte Stolz acht Vorstandsmitglieder zu "Untergeschäftsführern" mit einer jährlichen Aufwandsentschädigung von zusammen 32 000 Mark. Die Eröffnung zahlreicher Geschäftsstellen wurde ins Auge gefaßt. Die dankbaren Vorstandskameraden erhoben ihren Stolz einstimmig in den Rang eines Hauptgeschäftsführers und erhöhten sein Monatsgehalt von 1375 auf 3250 Mark.
Damit war, laut Sitzungsprotokoll, "insbesondere das schlechte Gefühl bei den bisher so aktiven Mitarbeitern behoben", daß sie "nun sich mit einem 'danke schön' verabschieden lassen sollten".
Die Geschäftsführung sonnte sich in der Gewißheit, daß es künftig "keine finanziellen Sorgen" mehr geben werde. Unzählige Sparer würden die Dienste des Hilfsvereins in Anspruch nehmen und Beiträge entrichten. Diese Neuankömmlinge wollte Stolz "aus Gerechtigkeitsgründen" auch zu den "Unkosten des Prozesses und der Abwicklung nachträglich angemessen" heranziehen.
Dazu hatte er freilich wenig Anlaß. Zwar waren die Prozeßkosten (Streitwert: 100 Millionen Mark) auf rund 880 000 Mark angeschwollen, aber der Verein brauchte keinen Pfennig davon zu bezahlen, da das Werk ihm großmütig eine Million Mark geschenkt hatte.
Im Karlsruher Vergleichsprotokoll hieß es dazu: "Es wurde beschlossen, daß die Vereinbarung wegen des Kostenzuschusses von 1 Million DM seitens des VW-Werkes entsprechend den Wünschen der VW-Werksleitung nicht an die große Glocke gehängt werden soll. Diese Vereinbarung gilt natürlich auch für die Herren des Volkswagenwerkes."
Seine stille Mildtätigkeit fiel dem VW -König Nordhoff nicht schwer. Ihm waren als Folge des Vergleichs endlich die auf Konto 21 706 bei der einstigen Bank der Deutschen Arbeit eingefrorenen rund 300 Millionen Mark Spargelder zugefallen; auf fünf Prozent abgewertet, machte das immer noch 15 Millionen Mark aus. Zudem konnte Nordhoff über den Großteil seiner 242 Millionen Mark "Rückstellungen für sonstige ungewisse Schulden" nun wieder frei verfügen.
Kosten entstanden dem Werk aus den Bestimmungen des Karlsruher Vergleichs praktisch nicht. Im roten Merkblatt, das die Altsparer nach Einsendung ihres Antrags aus Wolfsburg erhalten, steht: "Die Fahrzeuglieferung im Rahmen der Abwicklung des Volkswagen-Sparervergleichs ist ein Direktgeschäft zwischen der Volkswagen AG und dem Volkswagensparer."
Das Unternehmen braucht also bei der Lieferung keine Händlerspanne einzuräumen, die in der deutschen Automobilindustrie 15 bis 20 Prozent des Endpreises ausmacht und mithin in jedem Falle höher ist als der höchstmögliche Sparerrabatt von 600 Mark.
So einträglich das Direktgeschäft mit den Sparern für Heinz Nordhoff ist, so mißlich war es für Karl Stolz: Es machte die angestrebten Vermittlerdienste seines Hilfsvereins unmöglich.
Die Mitglieder verließen zu Tausenden den überflüssig gewordenen Verein, aber Stolz meinte noch in seinem Rundschreiben Nr. 101, "die Auflösung nicht empfehlen" zu können. In Nr. 103 vom Juli 1962 verkündete der Vereinsdiktator, die Einberufung der Generalversammlung "halte ich jetzt nicht für zweckmäßig".
Ihn drängte es vielmehr, das verbliebene "Betriebskapital" seines Lebenswerks, "etwa 750 000 bis 770 000 Mark", weiterhin unter Stolz-Regie zu behalten. Daß es Ende 1962 dann doch noch zu einer Generalversammlung kam, der ersten seit 1958, verdankten die restlichen rund 8000 Mitglieder dem Finanzamt.
Der Fiskus hatte nämlich zu erkennen gegeben, daß der Hilfsverein fortan nicht mehr als gemeinnützig und somit steuerbefreit anerkannt werden könne. Prompt hielt es nun auch Stolz für "notwendig und erforderlich", den Verein aufzulösen: "Kein Mitglied kann ... daran ein Interesse haben, daß wir das restliche Vereinsvermögen ... schließlich zum großen Teil an das Finanzamt abführen müssen."
Das war eine korrekte Prognose: Inzwischen, hat das Finanzamt allein von den aufgelaufenen Zinserträgen rund 77 000 Mark Körperschaftsteuer kassiert.
Zur Schlußversammlung im "Deutschen Haus" im weltabgeschiedenen Niedermarsberg fanden sich ganze 45 Mitglieder ein. 5020 Stimmen hatte Stolz durch Aufruf im Vereinsrundschreiben 104 umsichtig auf den Vorstand delegieren lassen, der "ganz bestimmt in der Hauptversammlung anwesend" sein werde.
Stolz allein besaß 2973 Mandate, das waren rund 60 Prozent der Entscheidungsberechtigten, und verfügte damit über die satzungsgemäß für Beschlüsse erforderliche einfache Mehrheit. Beschlossen wurde, die verdienten Vorstandskollegen mit jeweils bis zu 5000 Mark und den VW-Heros Stolz mit 15 000 Mark zu belohnen. Stolz erhielt ferner den Dienst-DKW und das Mobiliar des Vereins als Dankgeschenk.
Sodann gab der unermüdliche Vereinsmann die ihm übertragenen 2973 Stimmen für den Beschluß ab, den ehemaligen Vorsitzenden Karl Stolz bei gleichen Bezügen zum ordnungsgemäßen Liquidator des Vereins zu bestellen: "Ich hielt den Mitgliedern und meiner selbstgewählten Aufgabe die Treue da, wo manch anderer vielleicht der Versuchung erlegen wäre."
Das Vereinsvermögen, inzwischen auf 460 000 Mark zusammengeschmolzen, darf Liquidator Stolz freilich nach Paragraph 51 des Bürgerlichen Gesetzbuches nicht vor Ablauf eines Jahres an die Mitglieder verteilen. Mindestens so lange stehen ihm folglich Gehalt und Verwaltungsaufwand noch zu.
Er ließ bereits wissen, daß die im nächsten Jahr anhebende "endgültige Liquidation" für ihn noch "sehr zeitraubend und arbeitsreich" sein werde. Stolz: "Ohne mich geht es einfach nicht."
* Beim VW-Werk haben bis heute knapp
80 000 Sparer ihren Anspruch angemeldet.
VW-Sparer Stolz: Liquidieren statt prozessieren

DER SPIEGEL 25/1963
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