10.07.1963

GESCHICHTEZeit aller Zeiten

Um nach dem ehrwürdigen Vorbild Leopold von Ranke zu ergründen, "wie es eigentlich gewesen ist", haben mehr als 45 000 Bürger deutscher Sprache auf ein wissenschaftliches Werk subskribiert, das bei seinem Abschluß Ende 1964 zehn Bände mit rund 7000 Seiten Text umfassen wird - auf die "Propyläen-Weltgeschichte"*.
Das ebenso kostspielige wie erfolgreiche Opus ist das dritte gleichen Namens innerhalb einer einzigen Menschengeneration. Eine erste "Propyläen -Weltgeschichte", von Fachleuten und Laien noch heute hochgeschätzt und gewiß nicht unbeteiligt an der Auflagenhöhe der neuen, hatte der Leipziger Kulturhistoriker Walter Goetz um 1930 herausgegeben. Eine "Neue Propyläen -Weltgeschichte", von dem Heidelberger Geschichtsprofessor Willy Andreas ediert, erschien mitten im Zweiten Weltkrieg, blieb jedoch unvollendet.
Der Name freilich ist auch das einzige, was die von dem Thomas-Mann-Sohn
und Neuhistoriker Golo Mann und dem Göttinger Althistoriker Alfred Heuß herausgegebene Universalgeschichte mit ihren beiden Vorgängerinnen gemein hat. Art der Geschichtsschreibung und Interpretation dessen, "was gewesen ist", unterscheiden sich weitgehend von den Methoden und Deutungsversuchen der
voraufgegangenen "Propyläen"-Werke
- und nicht nur von ihnen.
Von Herodot, dem griechischen "Vater der Geschichte", der im fünften Jahrhundert vor Christus den Kampf der hellenischen Stadtstaaten gegen das Persische Weltreich beschrieb, bis zu Leopold von Ranke (1795 bis 1886), der noch im hohen Alter eine "Weltgeschichte" verfaßte, war die Historiographie immer die Arbeit einzelner gewesen.
Rankes neunteiliges Werk allerdings - es gedieh nur bis zur Darstellung des Mittelalters - blieb Fragment und damit zugleich auch ein Symbol dafür, daß die immer weitläufiger und komplexer sich ausbreitenden historischen Forschungen und Erkenntnisse nicht mehr von einem einzelnen überblickt und fixiert werden konnten.
Die Geschichtsschreibung wurde von da an zur Team-Arbeit. Noch zu Rankes Lebzeiten machte sich der Ranke -Schüler Wilhelm Oncken an den Versuch, eine "Allgemeine Geschichte in Einzeldarstellungen" herauszugeben.
Dieses erste universalhistorische Gemeinschaftswerk in 45 Bänden, zwischen den Jahren 1876 und 1893 publiziert, wurde beispielgebend für eine Reihe ähnlicher Unternehmungen in Großbritannien, Frankreich und Deutschland - so für eine Ullstein-Weltgeschichte, die vor dem Ersten Weltkrieg erschien, so auch für das erste Propyläen-Werk des Geheimrats Walter Goetz (1867 bis 1958).
Goetz, der deutschen historisch-kritischen Schule des 19. Jahrhunderts verpflichtet, hatte für sein großes Sammelwerk fast alle bedeutenden Repräsentanten zeitgenössischer deutscher Geschichtswissenschaft als Autoren gewonnen.
Diese Gelehrten entwarfen noch einmal das imponierende Gesamtbild einer Geschichtsschreibung, die das Dasein des Menschen primär von geistigen Kräften, von Ideen oder "Tendenzen" im Sinne Leopold von Rankes, bewegt sah. Ihr Leitmotiv war, so wollte es Herausgeber Walter Goetz, "Kulturgeschichte" als "geistige Entwicklung der Menschheit" nach der Auffassung des großen Schweizer Historikers Jacob Burckhardt (1818 bis 1897).
Noch einmal also vermittelten die "Propyläen"-Autoren - in Meinungen differierend, in ihren Prinzipien jedoch einig - eine weltgeschichtliche Konzeption, die nach der Geschlossenheit ihrer Grundzüge ebensogut auch aus der Vorstellungskraft eines einzigen Verfassers hätte hervorgehen können.
Von einem einheitlichen Leitbild - einem Leitbild freilich ganz anderer Art - war auch die zweite Propyläen -Geschichte von 1940 bestimmt. Für Willy Andreas und seine Mitarbeiter trat an die Stelle "geistiger Entwicklung der Menschheit" der "Kampf um die Beherrschung großer Welträume, ja um den Besitz der Erde". Boden und Rasse galten nunmehr als geschichtliche Triebkräfte, die das gemeinsame Schicksal der Nationen "in Angriff und Abwehr" determinierten.
Trotz aller rassistischen Tendenzen und aller geopolitischen Klischees stimmte diese zweite mit der ersten "Propyläen-Weltgeschichte" doch in einem Punkt überein: In beiden war Europa Zentrum der Welt und ihrer Geschichte.
So sah noch Herausgeber Andreas das Europa von 1940 "im Mittelpunkt der Weltereignisse" und hoffte, daß es "diese Dynamik ... auch weiterhin trotz aller Anfechtungen und Selbstzerfleischung nach Kräften behauptet".
Andreas irrte: Historisches Resultat des Zweiten Weltkriegs war der Untergang jenes "Konzerts der Mächte", dessen Dauerhaftigkeit einem Ranke noch als selbstverständlich gegolten hatte.
An die, Stelle der europäischen Großmächte und ihrer Vorherrschaft in der Welt ist inzwischen der Antagonismus zweier Weltreiche, der Sowjet-Union und der Vereinigten Staaten von Amerika, getreten, die zwar beide von europäischen Ideen geprägt sind und in deren Namen handeln, jedoch durchaus eigene Machtinteressen repräsentieren.
Die Reaktion der Geisteswissenschaften Europas - oder doch zumindest Westeuropas - auf diese Machtverschiebung ist unverkennbar. Resultat ist eine Skepsis gegenüber der eigenen Geschichte, die bis in die Geschichtswissenschaft und somit bis in die neueste Propyläen-Weltgeschichte hineinreicht.
Die dritte Universalgeschichte; die seit 1960 erscheint, ist demnach auch, nach Golo Mann, "nicht mehr europazentrisch": Das "ruhige und sichere Selbstgefühl Europas" und die "philosophische Selbstsicherheit" seiner Gelehrten sind dahingeschwunden.
"Hingeschmolzen in der Arbeitsglut unserer Zeit" (Mann) sind gleichfalls die Vorstellung von der Kontinuität des Geschichtsprozesses und der Glaube "an den Fortschritt zum Besseren und an die Nation als sein Vehikel".
Das europazentrische Denken und mit ihm die Konzeption einer einheitlichen linearen Geschichtsentwicklung - von Professor Heuß schon "im Hinblick auf den unterschiedlichen Gang des Geschehens in Ost und West" verworfen
- ist damit zugunsten eines pluralistischen und fortschrittsungläubigen Denkens aufgegeben.
Dieses Denken spiegelt ebenso die soziale Struktur der "offenen" pluralistischen Demokratie von heute wie das in seinen verwirrend vielfältigen Beziehungen vom einzelnen nicht mehr überschaubare Panorama der Weltgeschichte wider.
Folgerichtig ist, im Gegensatz zu den beiden früheren Weltgeschichten des Propyläen-Verlags, die neue Edition eine Mosaikarbeit, deren Beiträge nicht mehr, wie einst, von verbindlichen Prinzipien historischer Interpretation zusammengehalten werden.
Noch nie war bei einem Geschichtswerk die Spezialisierung so weit getrieben. Zwangsläufig vermittelt die Essay -Sammlung dem Leser keine Totalaufnahme der Historie, keinen roten Faden durch Altertum, Mittelalter und Neuzeit. Statt dessen bieten ihm die zehn Propyläen-Bände detailliert - gezeichnete, präzis dokumentierte und durch bestechende Illustrationen, Faksimiles, Karten und Zeittabellen ergänzte Einzelbilder der Geschichte.
Zum erstenmal sind die Propyläen -Mitarbeiter nicht nur Historiker und Soziologen, sondern auch Naturwissenschaftler verschiedener Fachrichtungen
- Physiker, Biologen, Mediziner - und
sogar Philosophen. Zum erstenmal auch ist an dem Propyläen-Werk der Universalgeschichte eine Reihe hervorragender ausländischer Gelehrter beteiligt - darunter der britische Geschichtsphilosoph Arnold Toynbee, der französische Religionsphilosoph Gabriel Marcel, die britischen Historiker Barraclough und Seton-Watson, der indische Diplomat und Neuhistoriker Kavalam Madhava Panikkar und der amerikanische Yale-Professor C. Bradford Welles, Schüler des großen russischen Althistorikers Michael Rostovtzeff.
Dieses subjektive und relativistische Geschichtsbild (Mann: "Ein Werk wie das unsere entwickelt keine These, keine bestimmte Geschichtsphilosophie") rechtfertigt Golo Mann mit dem Geschichtsaktualismus des italienischen Philosophen Benedetto Croce (1866 bis 1952): "Croce hat den gegenwärtigen
Charakter alles Geschichtlichen behauptet: reine Objektivität sei unmöglich, es müsse eine Frage gestellt werden, ein gegenwärtiges Problem auf Lösung drängen."
Und Mitherausgeber Heuß sekundierte, "unsere Weltgeschichte" betrachte ihre "Standortgebundenheit" an die Gegenwart nicht nur als unvermeidliche Notwendigkeit, sie "bejaht sie vielmehr ausdrücklich".
Mit anderen Worten: Der Historiker ist nicht imstande, die Geschichte unabhängig von seiner individuellen und gesellschaftlichen Zeitsituation zu betrachten. Seine Fragestellungen und Perspektiven, mit denen er Einblick in den Geschichtsprozeß zu gewinnen versucht, sind von den Bedingungen seiner Gegenwart abhängig, die Beschäftigung mit der Historie ist für ihn also nur Anlaß, sich über den Sinn seiner eigenen Zeit klarzuwerden. Insofern ist, nach Golo Mann, "das Heute ... für uns die Zeit aller Zeiten".
Die Folge ist ein Skeptizismus, der nach der bisher größten Katastrophe der Menschheit, von der Weltkrise des 20. Jahrhunderts aus, über die Historie als Krise überhaupt reflektiert und das "abendländische Geschichtsdenken" von der Gefahr bedroht sieht, "sich selber zu widerlegen" (Mann).
"Befänden sich", so fragte "Propyläen"-Herausgeber Golo Mann beklommen, Gedanken, Hoffnung und Traum des Menschen immer in einer Krise? Gäbe es für ihre Verwirklichung den rechten Ort und die rechte Zeit nie?"
* "Propyläen-Weltgeschichte". Herausgegeben von Golo Mann und Alfred Heuß; Propyläen-Verlag, Berlin. Bisher erschienen: Erster Band: "Vorgeschichte. Frühe Hochkulturen", 656 Seiten. Zweiter Band: "Hochkulturen des mittleren und östlichen Asiens", 696 Seiten. Dritter Band: "Griechenland. Die hellenistische Welt", 724 Seiten. Achter Band: "Das neunzehnte Jahrhundert", 802 Seiten. Neunter Band: "Das zwanzigste Jahrhundert", 724 Seiten. Zehnter Band: "Die Welt von heute", 700 Seiten. Nach Erlöschen der Subskription pro Band 82 Mark.
Propyläen (griech.) = der Zugang, der Eingang.
Propyläen-Herausgeber Heuß
Blick zurück im Team
Universalhistoriker Herodot, Ranke, Burckhardt, Goetz, Andreas: Nation als Vehikel
Propyläen-Herausgeber Mann
Konzert in der Krise

DER SPIEGEL 28/1963
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