02.01.2006

Die Große Koalition ist mehr als ein Zufallsprodukt, sie spiegelt eine gesellschaftliche Entwicklung wider, die zur Implosion der politischen Lager geführt hat. Die kulturelle Kluft, die seit den sechziger Jahren linke Deutsche von rechten Deutschen trennte, schwindet - was besonders den Konservativen Sorgen macht.DAS BÜRGERLICHE DILEMMA

VON CORDT SCHNIBBEN
Es gibt Tage im Leben einer Nation, die sind so bedeutend, dass man nicht mehr über sie reden muss: der 4. Juli 1954, der 2. Juni 1967, der 9. November 1989. Und es gibt Tage, die sind so wichtig, dass man über sie reden muss. Der 25. September 1965, der 26. September 2005 und der 22. Oktober 2005. Das sind solche Tage, an denen sich der Lauf der Geschichte unmerklich verschiebt, aber sie bleiben nicht im Gedächtnis, weil da keiner Weltmeister wird, kein Student erschossen wird und keine Mauer fällt.
Am Morgen des 22. Oktober betritt Edmund Stoiber die Kongresshalle in Augsburg, er besucht den Deutschlandtag der Jungen Union, und als dieses Bundestreffen der jungen Konservativen geplant wurde, da war dieser Tag einen Monat nach der Bundestagswahl vorgesehen als großes Jubelfest eines schwarzen Aufbruchs, und deshalb wird Stoibers Marsch durch die abgedunkelten Reihen der Delegierten von Scheinwerfern begleitet, die man Verfolger nennt, vor allem aber von einer Einmarschmusik, die man auf Schalke spielt, wenn die Mannschaft den Rasen betritt. "Whatever You Want" tönt es aus den Lautsprechern, ein stapfender Song von Status Quo, in dem die Rocker davon singen, dass du - was auch passiert, ob du gewinnst, ob du verlierst - immer schön angibst.
Der Song wirkt, als wäre er vor 25 Jahren für Stoibers Auftritt an diesem Morgen geschrieben worden, ein Lied, das klingt wie der Triumphmarsch eines Gewinners, das aber erzählt von der Angeberei eines Verlierers, und was Stoiber in den Gesichtern der jungen Delegierten lesen kann, an denen vorbei er zum Veranstaltungspodium strebt, das macht ihm klar, dass es eine schwierige Show wird an diesem Tag. Auf den Tischen der Jungkonservativen liegt eine Broschüre, die auf ihrer Titelseite verrät, worum es auf diesem Deutschlandtag eigentlich gehen sollte. Ein leerer Theaterraum mit heruntergelassenem Vorhang und der Zeile: "The end - die 68er verabschieden sich von der Polit-Bühne". Diese Abschiedsgala sollte geboten und der Beginn einer "neuen Gründerzeit" proklamiert werden.
Der Aufbruch ist an der Urne verhindert worden, doch nicht das Volk machen die Enttäuschten verantwortlich, sondern den bayerischen Ministerpräsidenten und andere Spitzenpolitiker der Union, die einen falschen Wahlkampf geführt und den historischen Sieg vermasselt haben sollen.
Nur dreimal während seiner Rede produziert Stoiber den Beifall, der angemessen ist für diese Art Unionsveranstaltungen. Als er vom deutschen Papst spricht und dem christlichen Menschenbild der Union, als er mit beifallheischender Stimme beschwört, dass jeder Deutsche sein Land lieben müsse, und als er erzählt, dass seine älteste Tochter bald ihr drittes Kind bekommen werde.
Glaube, Vaterland, Familie - das sind die Werte, von denen die Jungkonservativen glauben, dass sie im Wahlkampf eine zu geringe Rolle gespielt haben. Die 380 Delegierten in der Augsburger Kongresshalle sehen sich selbst, wie es in den Tagungsunterlagen heißt, als "Innovationsabteilung" der Union, als Avantgarde aller Kräfte rechts von der Mitte, und man spürt die wütende Enttäuschung über den von den Wählern abgesagten Rechtsruck. Die Studenten, Rechtsanwälte, Angestellten, Unternehmer kritisieren in ihren Diskussionsbeiträgen, dass die Unionsspitze das in Leipzig beschlossene Reformprogramm geopfert habe für Ministerposten, dass es im Wahlkampf nicht gelungen sei, die Menschen "im Herzen zu bewegen", dass man nationalkonservativen Wählern nicht mit der Homo-Ehe kommen dürfe. Man müsse einsehen, dass sich sowohl die Spitzenkandidaten Kohl und Stoiber als auch Merkel bei den letzten drei Bundestagswahlen einer diffusen linken Mehrheit beugen mussten.
Die Sorge des bürgerlichen Lagers, in der geliebten Heimat bei Bundestagswahlen nie mehr mehrheitsfähig zu sein, trieb das in Augsburg versammelte junge bürgerliche Lager dazu, nicht nur auf Stoiber, sondern auch auf Angela Merkel loszugehen. Ihr werfen die Jungkonservativen vor, als Führungsfigur den Kompromiss mit dem anderen Lager zu verkörpern und nicht den visionären Aufbruch. Aber wer genau hinhörte, der erkannte das wahre Dilemma des bürgerlichen Lagers, das viel größer ist als das Unglück, eine Führungsfigur zu haben, der man das Reden, Schminken, Frisieren und das bürgerliche Denken mühsam beibringen musste. Das bürgerliche Lager zerfällt in Reformbürger und Altbürger, und die trennt mindestens so viel wie Kommunisten von Sozialdemokraten. Die einen Bürger wollen Sicherheit, Stabilität und Schutz vor Risiken, sie wollen einen starken
Staat und ein soziales Netz. Die anderen Bürger wollen radikale Reformen, mehr Eigeninitiative, mehr Risiko, sie wollen weniger Staat und mehr Markt; die einen wollen immer noch "keine Experimente" wie in den fünfziger Jahren und wählen deshalb CDU, die anderen wollen "Mehr Freiheit wagen" und wählen deshalb CDU oder FDP.
Beide Gruppen hat die CDU im vergangenen Jahr verunsichert, Paul Kirchhoffs flat tax und die Kopfpauschale haben die einen verschreckt, Horst Seehofers Comeback und die christliche Sozialpropaganda die anderen. Die Mehrheit der jungen Konservativen in der Augsburger Kongresshalle sind Reformbürger, sie wollen eine marktradikale Union, und deshalb jubeln sie dem Mann zu, der für eine neoliberale CDU steht wie kein anderer.
Friedrich Merz reißt seine Zuhörer zu La-Ola-Wellen hin, weil er eine klare Botschaft hat: Die CDU muss eine bürgerliche Partei der radikalen Reformen sein, sonst werden sich die Reformer außerhalb der CDU sammeln, bei der FDP oder sonstwo, wir sind sozial genug, deshalb müssen wir radikaler sein. Stoiber formulierte es andersherum: Je marktradikaler wir sind, desto weniger Stimmen bekommen wir, je sozialer wir sind, desto mehr Leute ziehen wir von der SPD herüber - die Vorstellungen von Neoliberalen wie Friedrich Merz seien in Deutschland nicht mehrheitsfähig.
Konservativ und neoliberal sein zu wollen, zu bewahren und zu reformieren, gute alte Werte wie Sparsamkeit, Bescheidenheit und Gemeinsinn zu verkünden und gleichzeitig einen dynamischen Kapitalismus zu propagieren, gottesfürchtig zu sein und gleichzeitig marktgläubig, den Familienmenschen zu predigen und ihm gleichzeitig Arbeitsmarktflexibilität abzufordern, das ist das Dilemma des bürgerlichen Lagers.
Traditionsbewusst sein zu wollen, aber modern sein zu müssen, weil die ökonomische Existenzberechtigung des Bürgertums nun mal ein Wirtschaftssystem ist, das so dynamisch, so rücksichtslos, so effektiv, so zerstörerisch ist wie kein anderes vorher in der Geschichte, aus diesem Widerspruch zwischen Absicht und Zwang, zwischen Wollen und Müssen bezieht die bürgerliche Gesellschaft ihre Triebkraft. Im politischen und kulturellen Überbau drückt sich dieser Widerspruch aus als Kampf zwischen Konservativen und Rebellen, es tobt eine ständige Schlacht zwischen dem bewahrenden und dem dynamischen Bürgertum, und wenn der Konservatismus zu sehr zur Fessel der bürgerlichen Gesellschaft wird, dann rebelliert die dynamische Fraktion.
Anfang der sechziger Jahre etwa war die bundesdeutsche Gesellschaft im Inneren umstellt von so viel Konservatismus, von so vielen Regeln, Verboten und Vorschriften, von so vielen Werten und bürgerlichen Tugenden, von so viel Deutschtümelei und Provinzialität, dass es aus ökonomischen, politischen und kulturellen Gründen irgendwann krachen musste: Mit der Hierarchiegesellschaft, mit den ständischen Strukturen der Adenauer-Republik, mit den Ordinarienuniversitäten ("Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren") war die Modernisierung der kapitalistischen Produktion nicht zu meistern. Von "Reformstau" redeten damals die Gesellschaftskritiker und vom "Bildungsnotstand", der Philosoph Karl Jaspers beklagte "das Fortwursteln der Regierung" und die "Parteienoligarchie" und fragte ängstlich "Wohin treibt die Bundesrepublik?"
Besonders der kulturelle Überbau der Republik entsprach nicht den Erfordernissen eines modernen, westlich orientierten Landes. Wie können die Schulen lebensnaher, wie können die Hochschulen berufsorientierter und demokratischer werden, wie kann die Gesellschaft durchlässiger und das Alltagsleben toleranter werden - solche Fragen trieben besonders die jungen Bürger des Landes in immer größeren Widerspruch zu den konservativen Autoritäten der Republik. An den Schulen und Hochschulen begannen Gymnasiasten und Studenten ab Mitte der sechziger Jahre auf Mitbestimmung und Bildungsreformen zu drängen, in ihrer Freizeit zog es die Aufsässigen in die Partyräume ihrer Bürgerhäuser, in Milchbars oder Kellerclubs, um die Musik zu hören, die ihre Sehnsucht nach einem freieren Leben ausdrückte. Der amerikanische Rock'n'Roll der Fünfziger, aber noch mehr die englische Beat-Musik der frühen Sechziger wurde zum Kommunikationsmittel der deutschen Bürgerkinder, denen ihr Land zu eng, zu autoritär und zu provinziell geworden war. Die deutschen Radiosender spielten diese Songs nicht, man musste sie bei den amerikanischen und britischen Soldatensendern AFN und BFBS aufschnappen oder bei den Piratensendern, die von der Nordsee aus ins Land schallten.
Hits aus den USA und England zu hören war einer Avantgarde vorbehalten; welche Songs man kannte und mochte, trennte den Progressiven vom Spießer. Die Botschaft der Songs wurde antibürgerlich verstanden, und selbst wenn Petula Clark Anfang 1965 harmlos von "Downtown" schwärmte, wurde das von deutschen Bürgerkindern als die subversive Aussicht auf ein Leben verstanden, in dem man sich wild anzieht, die Haare wachsen lässt und mal einen Tag blaumacht.
In den amerikanischen und englischen Top Ten des Jahres 1965 sind die Botschaften versammelt, die für die Söhne und Töchter des deutschen Bürgertums zu Argumenten wurden, um gegen die spießige deutsche Leitkultur zu rebellieren. "You've Lost that Lovin' Feelin'" (Righteous Brothers), "Eight Days a Week" (Beatles), "Play with Fire" (Rolling Stones), "Stop! In the Name of Love" (Surpremes), "Ticket to Ride" (Beatles), "I Can't Get No Satisfaction" (Rolling Stones), "Like a Rolling Stone" (Bob Dylan), "In the Midnight Hour" (Wilson Pickett), "Eve of Destruction" (Barry McGuire). All diese Songs erzählten in ihrer Musik und in ihren Texten von Leuten, die aufsässig waren, die Spaß haben wollten, die Fragen stellten, die gegen das wohlgeordnete Leben rebellierten; diese Songs, von Januar bis Dezember 1965 auf den vordersten Top-Ten-Plätzen, kamen für deutsche Bürgerkinder aus einer Welt, in der es Bürgerrechtsbewegungen gab und die ersten Hippies, wilde Mode und Anti-Kriegs-Demonstrationen, Drogen und Sex; die Popmusik wirkte in diesen Jahren in Deutschland so politisch, weil sie Ansprüche an ein Leben formulierte, das von den Autoritäten als Frontalangriff auf das bürgerliche Leben verstanden wurde.
Als die Rolling Stones im September 1965 auf ihrem ersten Deutschland-Trip in Münster und anderswo spielten, schlug ihnen der Hass des deutschen Bürgertums entgegen, im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen" wurde den deutschen Bürgerkindern der Krieg erklärt: "Wie ist es möglich, dass fünf lächerlich unmännlich
gekleidete und behaarte Wesen Tausende junger Menschen zu frenetischem Hüftwippen und Kopfwiegen bringen? Die haben nichts, was sie interessiert, wofür sie schwärmen, was sie beschäftigt."
Solange diese Musik nur auf Konzerten und in Clubs zu hören war, blieb sie in ihrer Wirkung beschränkt. Doch am 25. September 1965 geschah etwas, was das Leben in der Bundesrepublik zu verändern begann. Wilhelm Wieben erschien auf den Bildschirmen der Schwarzweißfernseher, entschuldigte sich bei den "Damen und Herren, die die Beat-Musik nicht mögen" und kündigte die erste Show im Deutschen Fernsehen an, die "nur für euch gemacht ist", für alle jungen Leute, die die aufsässige Musik nicht länger heimlich hören wollten.
Radio Bremen sendete von nun an einmal im Monat den "Beat-Club", eine Musiksendung, die nicht nur die Botschaften von Jimi Hendrix und Frank Zappa, den Stones, Who, Doors, Status Quo und Steppenwolf bis in die deutschen Wohnzimmer des letzten Provinzdorfes brachte, sondern auch die Mode, die Sprache und die Regeln einer bis dahin undeutschen Kultur.
Die Macher des "Beat-Club" mussten sich in der Presse vorhalten lassen, mit ihrer Sendung würden sie den Eltern Schwierigkeiten machen und schlechte Vorbilder produzieren. Und da in den Sendungen Briefe von jungen Zuschauern verlesen wurden, baten die Absender darum, ihre Zuschriften nur anonym zu bringen, da sie Ärger in der Schule und zu Hause bekamen.
Die Heftigkeit, mit der über eine - aus heutiger Sicht - rührend harmlose Fernsehsendung gestritten wurde, beschreibt den Beginn eines Kulturkampfs, der das deutsche Bürgertum auseinanderzutreiben begann: auf der einen Seite die konservativen Altbürger, die in ihrer Verehrung von Ordnung, Anstand und Sauberkeit den Werten des "Tausendjährigen Reiches" huldigten oder aber den schrecklichen Irrweg dieser Jahre durch penible Korrektheit, deutsche Gründlichkeit und Regeltreue vergessen machen und zukünftiges Fehlverhalten verhindern wollten; auf der anderen Seite die Bürgerkinder, die eigentlich nicht mehr wollten als ein freieres, toleranteres, weltoffeneres Leben. Warum ausgerechnet der "Beat-Club" zum Katalysator eines Kulturkampfs wurde, erlebten die Beteiligten der Sendung noch mehr als die Zuschauer.
Für Gerd Augustin, Miterfinder des "Beat-Club" und Moderator der ersten Sendungen, Karin Eckstein, eines der Gogo-Girls, und Evelyn Frisinger, Kostümgestalterin, alle drei Bürgerkinder, war der "Beat-Club" ein gesellschaftlicher und ein persönlicher Kulturbruch. Für Augustin, Sohn eines Nazi-Vaters, militärisch erzogen, war es die Chance, sein Wissen über die Popmusik - von seinem Vater belächelt - unters Volk zu bringen: Er hatte vorher zwei Jahre in New York gelebt und als erster deutscher DJ in Bremen Platten aufgelegt. Frisinger, Tochter eines Musikers, war im Faltenrock ins Swinging London gereist und Monate später im Minirock zurückgekommen; ihre Mode, die sie in den "Beat-Club"-Sendungen zeigte, kopierten Tausende deutscher Mädchen, bei Karstadt in Bremen allerdings wurde Frisinger von empörten Bürgerinnen bespuckt. Eckstein, im Hauptberuf Tänzerin am Goethe-Theater, tanzte im "Beat-Club" wie die junge Tina Turner und brachte viele Zuschauer dazu, nicht mehr artig zu zweit oder in Reih und Glied zu tanzen.
An dem Theater, an dem Eckstein tanzte, war zur selben Zeit Peter Zadek dabei, das deutsche Theater so umzukrempeln wie der "Beat-Club" das deutsche Fernsehen. Mit Schauspielern wie Bruno Ganz, Judy Winter und Vadim Glowna und Kollegen wie Peter Stein und Wilfried Minks entnazifizierte der Jude Zadek, aus London nach Deutschland gekommen, das deutsche Bühnenwesen und ließ sich vom "Beat-Club" und seiner Bildersprache inspirieren, mischte Pop-Art mit Brecht zu Happenings und wollte ein Theater, das die Grenzen zwischen Theater und Leben übersprang.
In seinen Bühnenbildern nutzte Zadek die neue Bildersprache der Pop-Art und Op-Art, auch die deutsche Malerei war inzwischen inspiriert von modernen amerikanischen und britischen Einflüssen, psychedelische Kunst - von Drogen befeuert - machte sich breit, und auch im deutschen Filmwesen sorgten Regisseure wie Alexander Kluge und Volker Schlöndorff dafür, den Einfluss alter Kameraden zurückzudrängen.
Das Leben in der Bundesrepublik Mitte der sechziger Jahre hatte sich verändert, junge Bürgerkinder auf den Gymnasien und den Universitäten sahen anders aus, sie trugen nicht mehr die Konfirmationsanzüge auf, sie hatten sich Second-Hand-Sachen besorgt, lange Ledermäntel oder Jeans und Parkas aus den Army-Shops, aus der Londoner Carneby Street kamen wildgemusterte Hemden mit riesigen Kragen. In den Innenstädten der Großstädte eröffneten die ersten Modeläden nur für Jugendliche. 1963 waren in den Jahres-Top-Ten nur deutsche Titel, von "Junge, komm bald wieder", über "Ich will 'nen Cowboy als Mann" und "Vom Stadtpark die Laternen" bis "Siebentausend Rinder"; 1966 schafften es nur noch Roy Black und Freddy in die Jahreshitparade, es dominierten die Beatles, Beach Boys, Mamas and Papas, Nancy Sinatra.
So wie die Bürger handgreiflich wurden, wenn sie Langhaarige oder Kurzberockte sahen, so führte auch die Polizei verbissen den Straßenkampf gegen undeutsche Gammler und gitarrespielende Hippies auf deutschen Plätzen und an deutschen Brunnen. Das Bürgertum wehrte sich mit Händen und Füßen gegen den Befreiungsversuch ihrer eigenen Kinder und trieb sie immer weiter in die Subversion.
Was als zarte Bewegung für ein bisschen mehr Spaß, bessere Musik und mehr Sex begonnen hatte, wurde so zu einer Schlacht gegen das bürgerliche Leben, die Bürgerkinder entdeckten den Reiz der Boheme und den Spaß an der Provokation, und je weniger Spaß die Autoritäten verstanden, desto mehr wuchs das Ganze an den Gymnasien und Hochschulen zu einer antiautoritäten Bewegung.
Der Vater war autoritär, der Lehrer war autoritär, der Polizist war autoritär, der Staat war autoritär, die Gesellschaft war autoritär, und dagegen half nur der kollektive Regelverstoß. Erst hatten noch die Botschaften von Jim Morrison, Frank Zappa, Janis Joplin und The Who gereicht, aber bald lieferten Herbert Marcuse, Wilhelm Reich und Sigmund Freud die Einsichten.
Was sich jahrelang an Spannungen aufgebaut hatte im Wirtschaftswunderdeutschland, begann sich als Mordswut zu formieren, die Heuchelei des bürgerlichen Lebens und des bürgerlichen Staates machte den Bürgerkindern zu schaffen: Die Familie sollten
sie schätzen, aber Vater ging fremd; die Kirche sollten sie achten, aber der Papst war gegen Verhütung; die Marktwirtschaft sollte man toll finden, aber in Afrika hungerten die Kinder; die USA waren ein Vorbild, aber sie unterdrückten die Schwarzen und warfen Bomben in Vietnam.
Gegen die Heuchelei der Konservativen setzten die Bürgerkinder die Hoffnung auf ein ehrlicheres, sinnvolleres und moralischeres Leben. Sie lebten in einer heilen Welt - noch ohne Drogentod und Aids - und in der Gewissheit, den Sex, die Schule, das Wohnen, die Musik und die Demokratie neu erfinden zu dürfen. Wo sie hinblickten, ob nach Paris, San Francisco, Rom, Tokio oder London, entdeckten sie Mitkämpfer.
All die nackten Brüste dieser Jahre, all die Scheißhaufen auf den Tischen der Autoritäten, all die Hasch-ins, Go-ins, Sit-ins waren die Rebellion von Bürgern gegen das Bürgertum, der Bohemien rebellierte gegen den Bourgeois. Spätestens nach den ersten blutigen Opfern - Benno Ohnesorg und Rudi Dutschke - war die antiautoritäre Revolte zur allgegenwärtigen Protestbewegung der 68er geworden, die das Land fortan umkrempelte. Alles ist politisch, hieß es nun, die Gesellschaft sowieso, die Polizei, die Hochschule, das Theater, die Literatur, die Musik, die Familie, der Orgasmus. "Es lebe die Weltrevolution und die daraus entstehende freie Gesellschaft freier Individuen", hatte Rudi Dutschke das Ziel dieser Revolte formuliert, die kein Programm hatte.
Nun, aus der Weltrevolution wurde bekanntermaßen nichts, und die 68er wurden nie die geschlossene machtvolle politische Bewegung, für die sie heute gehalten werden. Die eigene Ohnmacht immer wieder spürend, suchten die bürgerlichen Rebellen im Proletariat das revolutionäre Subjekt; die einen zog es in kommunistische Parteien und Zirkel (DKP, KPD/AO, KPD/ML, KBW), 392 sogenannte linksextremistische Organisationen zählte der Verfassungsschutz 1971; die anderen trieb es zu den Arbeitern und Angestellten der Sozialdemokraten, ein paar tausend 68er machten sich auf den langen Marsch durch die SPD; später zogen ein paar tausend von ihnen dann weiter zu den Grünen und vereinigten sich dort mit den Ex-Kommunisten aus den K-Gruppen und kleinbürgerlichen Naturschützern zu einer neuen Partei.
Die Bourgeoisie zu stürzen und den Kapitalismus zu beseitigen, das haben die rebellischen Bürger nicht geschafft, aber den deutschen Kapitalismus zu verwestlichen und zu modernisieren, das ist ihnen gelungen. Die sich entwickelnde Jugend- und Popindustrie wurde zu einem gesellschaftlichen Integrationsmedium wie die Gewerkschaften in den Fünfzigern, und die Öffnung der Republik wurde zum Innovationsprogramm eines Kapitalismus, der an Bürokratie und Spießigkeit zu ersticken drohte.
Als Konsumrebellen etablierten sich viele der 68er, als Antikapitalisten, denen es nicht mehr ging um mehr soziale Gerechtigkeit und Abschaffung der Klassengegensätze, sondern um den moralisch besseren Konsum. Für die einen hieß das, den Massengeschmack durch Hipstertum zu unterlaufen, für die anderen, ökologisch bewusst einzukaufen. Für den Konsumrebellen soll der Kauf Ausdruck von Weltanschauung sein. In dem, was ich nicht kaufe, drückt sich aus, was ich denke; in dem, was ich kaufe, drückt sich aus, was die Leute denken sollen, was ich denke.
Politisch wurde die große Bürgerinitiative der außerparlamentarischen Opposition der Sechziger zum Vorbild für Hunderte und Tausende großer und kleiner Bürgerinitiativen in den folgenden Jahrzehnten, gegen Tierversuche, Atomkraftwerke und Hundekot. Sie machten aus der wilhelminischen Untertanenrepublik eine deutsche Demokratie, die mehr ist als eine Parteiendemokratie.
In der SPD verdrängten die Eingetretenen die alten Traditionsgenossen von den mittleren Führungsfunktionen, die Arbeiterpartei verbürgerlichte, ist heute in der Hand von 50- bis 60-Jährigen, die mal an die Illusion geglaubt haben, der Kapitalismus könne auf dem Verwaltungswege sozialistisch werden.
Weil sie die SPD irgendwann zu reformistisch und angepasst fanden, zogen viele der 68er weiter zu den Grünen, und gemeinsam gelang es Rot und Grün, das antikonservative Milieu, das sich in den sechziger Jahren herausgebildet und bis in die neunziger gehalten hatte, für den Wahlsieg 1998 zu mobilisieren.
Das rot-grüne Projekt war in den Augen ihrer Wähler mehr ein kulturelles als ein politisches Projekt. Sie wollten eine moderne Republik, in der Schwule und Lesben heiraten durften, in der Windkraft die Atomkraft ablöst, in der Bildung und Kultur wichtiger sind als Polizei und Bundeswehr, in der Grönemeyer mehr zählt als der "Musikantenstadl", in der Frauen mehr Macht haben, Ausländer mehr Rechte und Ansehen.
Den Wählern von Rot-Grün fehlte eine Vorstellung davon, wohin das Land sich vor allem sozialökonomisch entwickeln sollte, die "neue Mitte" hatte kein Programm, keine Vision, keine Forderungen, es war ein Verteidigungsbündnis zur Abwehr des sozialen Abstiegs.
Gerhard Schröder und Joschka Fischer ist es im Wahlkampf 2002 wie auch schon 1998 gelungen, Rot-Grün als Bündnis des gesellschaftlichen Überbaus zu profilieren, als Träger von Friedens- und Solidaritätssehnsüchten der sechziger und siebziger Jahre.
Der Pakt zwischen den Rot-Grünen und ihren Wählern: Ihr kriegt noch mal unsere Stimme, dafür liberalisiert ihr weiter den gesellschaftlichen Überbau und lasst die sozialökonomische Basis dieser Republik so, wie sie ist.
Bis zur Wahl 2002 reichte der Zusammenhalt des rot-grünen Milieus, seit danach aber immer klarer wurde, dass die Modernisierung des Überbaus von Rot-Grün erledigt war und die ökonomische Basis der Gesellschaft durch Rot-Grün genauso reformiert wurde, wie es Schwarz-Gelb gemacht hätte, verloren SPD und Grüne an Anziehungskraft. Teile der rot-grünen Boheme entdeckten ihre neue Bürgerlichkeit, die eigentlich ihre alte war, und die jüngeren von ihnen schmückten ihre Neuentdeckung verzückt mit der Pose des Rebellen. Bürgerkinder, die noch von Frank Zappa geschwärmt und auf Maos rote Bibel geschworen hatten, dann in den Achtzigern im elitären Konsumstil das Hipstertum gefeiert hatten, erklärten den puren Kapitalismus und seine liberalen Befreier zur Coolness des 21. Jahrhunderts.
Wer sich noch in den Neunzigern im Neonlicht der Szenebars gesonnt hatte, war nun der Neonliberale, der im coolen Aufstand gegen den bürokratischen, satten Wohlfahrtsstaat die Lösung des deutschen Problems sieht. In den Feuilletons trommelten diese Neonliberalen für eine neue Republik, in der aus einem Guss
durchregiert werden müsse, weil Globalisierung, Demografie und Staatsverschuldung keine andere Wahl mehr ließen. Die "Wirklichkeit" diktiere die Politik der Zukunft, und die Wirklichkeit sei immer rechts, da, wo Gewinn gemacht werde. Das bürgerliche Lager, geeint von neoliberal bis neokonservativ, sollte mühelos ins Kanzleramt marschieren und danach mindestens die Kulturrevolution ausrufen.
Das Ergebnis ist bekannt, die Deutschen sagten die bürgerliche Machtergreifung ab und ließen beide Lager implodieren. Rot-Grün und Schwarz-Gelb hatten nicht genügend Überzeugungskraft.
Gegen die Neoliberalen sprach die Wirklichkeit: Ihre schlichte Wahrheit, mit sinkender Staatsquote, sinkenden Steuern, sinkenden Löhnen und steigenden Gewinnen ließen sich quasi automatisch mehr Wachstum und mehr Arbeitsplätze erzielen, glauben immer weniger. Die Japaner müssen ein Drittel weniger Steuern und Abgaben zahlen als die Deutschen, warum kriselt ihre Wirtschaft? Bei den Briten stieg die Steuer- und Abgabenquote seit 1993 um 3,5 Punkte auf deutsches Niveau, warum fällt die Arbeitslosenquote? In der Schweiz gibt es flexible Arbeitsmärkte, freundliche Steuersätze und reformierte Sozialsysteme, warum wächst deren Wirtschaft langsamer als die deutsche? In Deutschland sind seit dem Jahr 2000 die Spitzen-, Eingangs-, Körperschaft- und anderen Steuersätze stark gefallen, die Firmen werden effektiv ein Fünftel weniger belastet als 1998, die Gesamtsteuerquote liegt auf Nachkriegstief, der Kündigungsschutz wurde gelockert, in deutschen Unternehmen wird mittlerweile mehr Geld verdient als investiert, gemessen am Volkseinkommen erreicht der Anteil der Gewinne aus Unternehmertätigkeit und Vermögen zuletzt 33,5 Prozent, ein Rekordwert aus den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts - warum reicht das alles nicht, um den neoliberalen Automatismus zu befriedigen? Kann es möglicherweise daran liegen, dass es keine schlichte Wahrheit gibt, dass man möglicherweise den Konsum der Deutschen durch Reallohnerhöhungen befördern muss, statt die Reallöhne - wie seit fünf Jahren geschehen - zu senken, und dass es möglicherweise nicht einfach um mehr Reformen geht, sondern um andere Reformen und den richtigen Reformmix? Sind das nicht etwas zu viele Fragen, um sich mit neoliberaler Überzeugungskraft als Dolmetscher der Wirklichkeit zur Wahl zu stellen?
Das bürgerliche Lager fordert von seinen Anhängern und Wählern, schizophren zu sein. Vertraue dem Markt, aber rechne mit seiner Willkür; plane weitsichtig, aber riskiere alles; konsumiere aus vollen Händen, aber sorge fürs Alter; suche das Neue, aber schätze die Tradition; denke global, aber liebe deine Heimat; misstraue dem Staat, aber gehorche ihm.
Der Neoliberale will, dass sich der Staat so wenig wie möglich in die Wirtschaft einmischt, der Neokonservative will, dass der Staat die Moral, die Familie, den Gemeinsinn schützt. Der Neoliberale will freie Medienmärkte, der Neokonservative will keinen Schund im Privatfernsehen, und so weiter und so fort.
Zum "Reformer des Jahres" haben die Initiative "Neue Soziale Marktwirtschaft" und die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" in den letzten drei Jahren nacheinander den Steuerreformer Paul Kirchhof, den Bierdeckelökonomen Friedrich Merz und zuletzt den Verfassungsrichter Udo Di Fabio gekürt. Die Wahl dieser Männer sagt einiges über die Reformphantasie des bürgerlichen Lagers, besonders der glückliche Familienvater Di Fabio, der strenge Bürger mit dem Zweitagebart, beseelt von dem Gedanken, dass im Kinderkriegen der Sinn der bürgerlichen Freiheit liege, ist so etwas wie der Peter Hahne der Rechtsintellektuellen. Sein Buch "Die Kultur der Freiheit" ist ein Plädoyer für die Rückkehr der Heuchelei; den Deutschen empfiehlt er den Kanon der Werte, an dem schon in den fünfziger Jahren die bürgerlichen Familien scheiterten. Als im besten Fall volksromantisch ist sein Glaube zu bezeichnen, man könne ein Volk zu Werten und Sinn bekehren, mittels Debatten, Werbekampagnen oder Fernsehserien. Die Überschätzung der Propaganda, der er erliegt, ist die Umkehrung seiner Behauptung, die Deutschen seien von Hitler mit allen Mitteln moderner Propaganda verführt worden.
Eine neue Gründerzeit brauche das Land, wollte auch Angela Merkel den Deutschen im Wahlkampf einreden, wie in den fünfziger Jahren müsse sich das Volk engagieren, um eine "Revitalisierung der aktiven Bürgergesellschaft" gehe es. Glauben das deutsche Bürgertum und seine Vordenker und Vertreter wirklich, im 21. Jahrhundert könne die drittstärkste Wirtschaftsmacht in einer globalisierten Welt mit den Werten der fünfziger Jahre bestehen? Ist das alles, hat das deutsche Bürgertum 40 Jahre nach den Sechzigern nicht mehr zu bieten als "Vorwärts in die Vergangenheit"? Wenn in den Sechzigern und Siebzigern Reformer des Jahres gewählt worden wären, hätte man Willy Brandt, Alice Schwarzer und Rudi Dutschke gekürt. Und jetzt Kirchhof, Merz, Di Fabio, also Steuern, Steuern, Familie, wo ist der Mut, die Vision, der Aufbruch?
Das große Jahr der bürgerlichen Auferstehung ist vorbei, es beginnt, ja, was? Das Jahr der Pragmatiker? Keine Show, keine Werte, keine Debatten? Die Wähler haben die beiden Lager implodieren lassen, Rot-Grün gibt es nicht mehr, gab es im letzten Jahr eigentlich schon nicht mehr, der Modernisierungsauftrag war abgearbeitet. Schröder und Fischer hatten ihre Parteien in der Regierungszeit erfolgreich entideologisiert, so dass besonders für die Sozialdemokraten der Schritt über den im Wahlkampf noch beschworenen Richtungsgraben nur noch die Sache von ein paar Tagen war. Es regiert nun das Patt, das schon seit einem Jahr den Gang der Dinge bestimmte, jene Große Koalition, die Hartz IV und andere Reformprojekte verabschiedete, jene Große Koalition, die in der Gesellschaft langsam von unten gewachsen war. Der heftige innerbürgerliche Konflikt zwischen Bohemien und Bourgeois hat sich in 40 Jahren totgelaufen, keiner hat das besser vorgeführt als der Bürgerschreck Fischer, der bei seinem Abgang hinterließ, er sei der letzte Rock'n'Roller der deutschen Politik.
Die drei vom Beat-Club - Augustin, Frisinger und Eckstein - haben ihre Karrieren vom Bohemien zum Bürger unterschiedlich erlebt. Evelyn Frisinger mietete sich von den Kostümgeldern im "Beat-Club" einen Laden in der Bremer Innenstadt, obwohl sie lieber einen Piratensender in der Nordsee gegründet hätte, vergnügte sich mit Rod Stewart, Cat Stevens und Scott Walker, galt unter den Bremer 68ern als Kapitalistin, weil sie einen Laden hatte, wählte stramm Willy, hat jetzt einen schicke Boutique in bester Innenstadtlage und wählt deshalb FDP. Karin Eckstein tanzte bis 1970 mit ihrer Zwillingsschwester
zu den Songs von den Small Faces, Kinks, Hollies, Beach Boys und tanzte am Theater die Medea, erfüllte sich dann den Traum einer eigenen Ballettschule und lobt noch heute den Kulturschock der unruhigen Jahre. Augustin ist Bohemien geblieben, managte nach dem "Beat-Club" Rockstars wie Ike and Tina Turner, wurde Mitglied der SPD, schrieb mehrere Bücher über die Beat- und Rock-Jahre, zuletzt "Der Pate des Krautrock", präsentiert im Offenen Kanal Bremen Erinnerungen und bissige Kommentare zu allem Möglichen, bezeichnete im letzten Jahr den neuen Kulturstaatsminister Bernd Neumann als Joseph Goebbels von Angela Merkel, wurde dafür mit Sendeverbot belegt und ist seit zwei Jahren nicht mehr Mitglied der SPD, "wegen Gerhard Schröder".
Was 1998 von den Sozialdemokraten als "neue Mitte" beschrieben wurde, ist nun die kulturelle und soziale Basis der Großen Koalition: die Schnittmenge all jener politischen Kräfte und Lösungen, die jenseits des Lagerdenkens und der ideologischen Kostümierung dabei helfen, das Land zu reformieren. Für die Sozialdemokraten heißt das schon länger, Gesellschaftspolitik als Standortpolitik zu verstehen und sich als konservativer Bewahrer eines - wenn auch geschrumpften - Sozialstaats zu profilieren. Darin sind sie sich einig mit den Kräften in der Union, vor allem in der CSU, die einen "dritten Weg zwischen Kapitalismus pur der angelsächsischen Welt und dem kuscheligen Wohlfahrtsstaat der alten Bundesrepublik" (Generalsekretär Markus Söder) suchen. Die Union wiederum hat das Kollektiv entdeckt, beschwört die Sehnsucht nach dem Miteinander, "keine Gesellschaft des Jeder-gegen-Jeden" dürfe es geben, sondern eine "neue Solidarität unter Bürgern". In der Förderung der Familien trennt die Roten sowieso kaum noch etwas von den Schwarzen, und so wächst zusammen, was nach Ansicht der Wähler zusammengehört.
Dass zwei Ostdeutsche, unbelastet von 40 Jahren Kulturkampf, den historischen Kompromiss der beiden Lager moderieren, ist nur logisch. Rockmusik habe sie nie vom Hocker gerissen, bekannte Angela Merkel vor einigen Jahren in einem Interview mit Campino, dem Sänger der Toten Hosen. "Smoke on the Water" von Deep Purple habe sie zu DDR-Zeiten gehört, aber sie sei immer traurig gewesen, dass sie sich auf Feten "nicht in die Musik reinsteigern" konnte. "Ich war immer das Mädchen, das Erdnüsse isst und nicht tanzt."
Dass Rockmusik eine Waffe sein kann, weiß die Union, seit Bundespräsident Heinrich Lübke in den sechziger Jahren gegen den Ansturm der englischen Beat-Musik die Pflege des deutschen Liedgutes empfahl. 40 Jahre später darf Edmund Stoiber zu "Whatever You Want" in den Deutschlandtag einziehen, und Friedrich Merz, der Liebling der Jungen Union, wird mit dem Salt-'n'-Pepa-Song "Whatta Man" in den Saal geleitet. Für Angela Merkel haben die Jungkonservativen als Einmarschmusik ein Lied der Jule-Neigel-Band gewählt: "Ab jetzt oder nie". Darin heißt es: "Du hängst rum wie ein Trauerkloß, badest dich in Langeweile, systematisch absichtslos, so geht's nie voran, nicht eine Meile."
Das klingt nicht nett. Er habe den Vorsitzenden der Jungen Union auf den prekären Text aufmerksam gemacht, sagt der Fachmann, der bei den Jungkonservativen die Einmarschmusiken auswählt. Gespielt wurde der Song trotzdem. Dass Konservative die Meinungsverschiedenheiten mit ihrer Vorsitzenden nun auch über Rockmusik austragen, muss man als Zeichen des kulturellen Aufbruchs loben.
Den jungen Konservativen fehlt, das war auf ihrem Deutschlandtag zu spüren, das große Thema, das große Projekt, die große Mission. Wenn die Nation beschworen wurde, klatschten sie demonstrativ, aber auch Nationalgefühle sind inzwischen lagerübergreifend. Entweder man hat sie, oder man hat sie nicht, aber wer glaubt, durch Beschwörung, Debatten und Kampagnen die Deutschen zu mehr Vaterlandsliebe bewegen zu können, verkennt den Kern dieses Gefühls.
Fragt man die Deutschen, was ihnen einfällt, wenn sie an ihr Land denken, sagen sie (in dieser Reihenfolge): Industrie, Heimat, Leistung, Ordnung, Fortschritt, Sauberkeit. Ihr Nationalbewusstsein ruht auf der Qualität deutscher Wertarbeit. Die Nation als Versorgungseinrichtung, als Garant für Arbeit und Brot, als Arbeitsamt und Rentenbehörde - das wurde zum Kern deutscher Vaterlandsliebe. Darum beunruhigten Wirtschaftskrisen die Bundesbürger stets mehr als Identitätskrisen. Darum ist mehr vom "Standort Deutschland" die Rede als von Deutschland. Darum ist es auch so schwierig, die Deutschen in Zeiten wirtschaftlicher Stagnation durch Appelle an ihren Nationalstolz zum Verzicht auf Wohlstand zu bewegen.
Schröder und Fischer, der Kanzler und der Außenminister, haben das Verhältnis vieler Deutscher zu ihrem Land entkrampft. Besonders jene Generation, die ihre Identität in den sechziger Jahren fand durch die Abkehr von erstickender Deutschtümelei, hat in den rot-grünen Jahren ihr Land mehr schätzen gelernt.
Weil viele Menschen dieser Generation das Leben in der Bundesrepublik zu deutsch fanden, haben sie durch ihr Leben das verändert, was deutsch ist und nun als deutsch gilt. Jede Generation verändert das, was eine Nation ausmacht, gibt ihr etwas, nimmt ihr etwas, diese Generation hat die Deutschen internationaler und multikultureller gemacht. Der Internationalismus besonders von Pop, Film und Mode hat der Globalisierung kulturell den Weg geebnet, die Weltkultur, die sich in den Sechzigern herauszubilden begann, hat die Kultur der Nationen so verändert, dass man mit dem Beschwören der Leitkultur der fünfziger Jahre dem Leben in Deutschland nicht gerecht wird.
Du bist Deutschland", schallt es seit dem 26. September letzten Jahres aus dem Fernseher und liest der Deutsche in Anzeigen. Es ist der Versuch engagierter Bürger und finanzstarker Medienhäuser, die neue Mitte der Republik zum Akteur der Gesellschaft zu machen, ein Netzwerk von Initiativen anzuregen, viele Bürger zu Mitgestaltern der Gesellschaft zu machen, die Angst vor dem Absturz in Gemeinsinn zu verwandeln.
Das Konzept der PR-Agenturen und Werbeberater klingt wunderschön basisdemokratisch - "Du bist Bamberg", "Du bist Bonn", "Du bist Schlossallee". Es klingt nach dem Gründergeist der 68er, es klingt nach einer Apo von oben. Es ist kein Projekt der Konservativen, Gerhard Schröder und Angela Merkel hatten beide vor der Bundestagswahl zugesagt, die Kampagne nach der Wahl zu unterstützen. Es war eine Große Koalition im Geiste, wie schön, aber am 31. Januar sind die 30 Millionen Euro Werbegelder verbraucht. Und dann? Der Kampf geht weiter.
Die Große Koalition ist mehr als ein Zufallsprodukt, sie spiegelt eine gesellschaftliche Entwicklung wider, die zur Implosion der politischen Lager geführt hat. Die kulturelle Kluft, die seit den sechziger Jahren linke Deutsche von rechten Deutschen trennte, schwindet - was besonders den Konservativen Sorgen macht.
Von Cordt Schnibben

DER SPIEGEL 1/2006
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Die Große Koalition ist mehr als ein Zufallsprodukt, sie spiegelt eine gesellschaftliche Entwicklung wider, die zur Implosion der politischen Lager geführt hat. Die kulturelle Kluft, die seit den sechziger Jahren linke Deutsche von rechten Deutschen trennte, schwindet - was besonders den Konservativen Sorgen macht.:
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