02.01.2006

MUSIKDie Unaufhaltbare

Die Regisseurin Katharina Wagner zeigt mit Puccinis „Il Trittico“ ihre vierte eigene Regiearbeit. Die Thronfolge der Urenkelin in Bayreuth wird immer wahrscheinlicher.
Wenn Katharina Wagner die Deutsche Oper in Berlin nach einer Probe durch den Bühnenausgang verlässt, steht sie mitten auf der Richard-Wagner-Straße. Na und? Das kann sie nicht beeindrucken. "Lassen Sie uns schnell in das Café da drüben gehen", sagt sie und steckt die Hände zum Schutz vor der Kälte tief in die Taschen eines schwarzen Lederblousons mit Strickärmeln. "Ich habe es bei diesem Wetter zum Glück nicht weit zur Probe, weil ich ja auch in der Richard-Wagner-Straße wohne."
Über diese Pointe freut sie sich nun doch ein bisschen - als Urenkelin Richard Wagners im großen Berlin ausgerechnet hierher gezogen zu sein. "Damit ich meine Adresse nie vergesse", sagt sie und lacht. Ihre Stimme klingt unverwechselbar, tief und rauh, damit könnte sie jedem Kerl auf einer Baustelle was husten. "Nein, die Wohnung war zufällig frei, als ich eine suchte, und sie hat eine Badewanne, nur deshalb wohne ich in dieser Straße."
Katharina Wagner ist 27 Jahre alt. Von Beruf ist sie Opernregisseurin, von Haus aus Urenkelin. Oder umgekehrt?
An der Deutschen Oper in Berlin probt sie zurzeit "Il Trittico" von Giacomo Puccini. Premiere ist nächsten Sonntag. Es ist erst ihre vierte eigene Regiearbeit, und doch gibt sie sich so selbstbewusst, als habe sie bereits 40 Opern inszeniert. "Eine Aufführung lebt nicht von einer einzelnen Idee", erklärt sie. "Eine Idee trägt im Glücksfall eine Minute. Wenn ich nun eine ganze Oper in eine Irrenanstalt versetze oder in eine U-Bahn, dann spielt stundenlang alles dort. Das macht noch keine spannende Inszenierung aus."
Sie hat einen Latte Macchiato mit fettarmer Milch bestellt und spricht über die drei Einakter, aus denen "Il Trittico" besteht. Ihre Inszenierung wird sie mit "Schwester Angelica" eröffnen, der Geschichte einer Nonne, die vom Tod ihres Kindes erfährt, das sie verleugnen musste. Dann folgt "Gianni Schicchi" über eine Familie, in der der Onkel sein Vermögen einem Kloster vermacht hat. Um an das Geld zu kommen, wollen die Angehörigen seinen Tod für den Notar noch einmal nachspielen - mit überraschendem Ende. Zuletzt "Der Mantel", die Geschichte einer unglücklichen Ehe.
Sie beginnt mit dem Stück, das ihr thematisch am fernsten ist, sagt sie. Je weiter der Opernabend voranschreitet, desto näher sollen dem Zuschauer die Menschen und Konflikte erscheinen. In "Der Mantel" erkennt Wagner die klassischen Beziehungsprobleme unserer Zeit, Entfremdung und Sprachlosigkeit, "das hat Bergmansche Dimensionen".
Wenn sie über ihre Arbeit spricht, fühlt sie sich wohl. Ihre Stimme erfüllt das Café, ihre Hände wirbeln durch die Luft und unterstreichen das Gesagte. "Genau, genau, genau", die Gedanken des Gegenüber meint sie oft schon nach einem halben Satz begriffen zu haben und kürzt mit raschen Worten ab. Die lebenslange Ausbildung zur Kronprinzessin ist nicht spurlos an ihr vorübergegangen, ihr Selbstbewusstsein scheint unerschütterlich.
Hätte sie als Tochter der Wagner-Familie eigentlich ein anderes Berufsfeld wählen können als das Musiktheater? "Ich bin viel zu dickköpfig, um mich mein Leben lang mit einem Beruf unglücklich zu machen, den ich nicht selbst gewollt hätte."
Sie besuchte ein Wirtschaftsgymnasium, hat aber schon in jungen Jahren begonnen, bei berühmten Regisseuren in Bayreuth zu hospitieren und zu assistieren. Und bei ihrem Namen dauerte es auch nicht lange, bis ihr nach ihrem Studium der Theaterwissenschaften die erste eigene Regie angeboten wurde. Andere Kommilitonen schrieben da noch Bewerbungen.
Das war im Herbst 2002, "Der Fliegende Holländer" am Mainfranken Theater Würzburg. In der Woche vor der Premiere wurde die Stadt vom überregionalen Feuilleton belagert. Was wird die kleine Tochter des Clan-Chefs Wolfgang Wagner mit Urgroßvaters Oper machen?
Hatte sie Nervenflattern damals? "Einmal ist immer das erste Mal", sagt Katharina Wagner. "Und wenn man das immer weiter rausschiebt, wird man nie selbst Regie führen."
Das Überraschendste an dieser ersten Inszenierung war die Entschlossenheit, mit der sie alle Erwartungen an ihre Person enttäuschte. Am lautesten buhten am Ende die eingefleischten Wagnerianer, die gekommen waren (und das Debüt mit 20 000 Euro unterstützt hatten), um mal wieder eine Wagner-Aufführung ohne störende Gedanken und Verfremdungen zu sehen.
Katharina Wagners Inszenierung war voller Stilbrüche. Und
sie hatte ein Konzept, auch wenn das nicht durchgehend aufging. Aber für alle war deutlich sichtbar: Hier hatte sich jemand emanzipiert. Nicht nur vom Urgroßvater, sondern vor allem vom Vater, dem Patriarchen Wolfgang Wagner.
Er habe die Inszenierung am Abend der Premiere zum ersten Mal gesehen, erzählt Katharina Wagner, und habe sie für ihr handwerkliches Können gelobt. "Dass mein Vater und ich einen grundsätzlich anderen Begriff vom Regieführen haben, ist ja wohl inzwischen jedem klar."
Wahrscheinlich ist das Katharina Wagners größte Begabung: Sie scheint es spielend zu schaffen, ihre Vorstellung von Opernregie mit ihrer Rolle als Tochter zu vereinbaren, ohne dabei zu brav zu sein.
Der für seinen Starrsinn berühmte 86-jährige Wolfgang Wagner wird angesichts ihrer Arbeiten jedenfalls milde. Mit der bedingungslosen Verehrung eines Vaters für seine jüngste Tochter toleriert er nicht nur, was sie tut, sondern ist sogar stolz auf sie.
Dass Katharina Wagner die nächste Festspielchefin von Bayreuth werden könnte, ist da mehr als naheliegend. Sie hat auf die Frage nach dieser Zukunft eine vorsichtige Standardantwort parat: "Natürlich könnte ich mir das vorstellen, aber ich kann mir vieles vorstellen. Ernsthaft darüber nachdenken werde ich erst, wenn die Frage konkret ansteht." So viel Zurückhaltung liegt ihr eigentlich nicht, aber es ist vermutlich eine kluge Strategie.
Bayreuth, die Familie Wagner, ihre Großmutter Winifred und deren Freundschaft zu Hitler - das sind Themen, über die Katharina Wagner nicht sehr gern spricht. Sie ist Profi genug, um auch hier ein paar gestanzte Antworten bereit zu haben: "Man kann das Verhalten meiner Großmutter während der Nazi-Zeit nicht gutheißen, aber es ist nicht meine Verantwortlichkeit, und ich kann mich schlecht für etwas entschuldigen, das ich nicht getan habe." Es hat den Anschein, als ob sie in diesen Momenten ausnahmsweise lieber Katharina Müller oder Katharina Schmidt heißen würde.
Ob ihr Verständnis für die Musik des Urgroßvaters tatsächlich genetisch bedingt ist oder ob sie dessen Musik von klein auf so oft gehört hat, dass sie ihr deshalb so vertraut erscheint, ist eine jener Fragen, die sie im Zusammenhang mit ihrer Familie noch am meisten interessieren. Bisher hat sie darauf keine Antwort gefunden.
Äußerliche Ähnlichkeiten? Hoffentlich nicht, sagt sie, die über 1,80 Meter große blonde Urenkelin, die ihre ganze Familie um einige Zentimeter überragt, und lacht. "Wer will schon die Nase von Richard Wagner haben?"
Drei Wochen später, Endproben zu "Il Trittico" in der Deutschen Oper. Der Chor der Nonnen in "Schwester Angelica" marschiert in einer etwas statischen Choreografie auf die Bühne und betet ein lebendes Madonnenbild an. Als die Nonnen mal einen Augenblick unaufmerksam sind, steckt sich die Madonna verstohlen eine Zigarette an und pafft rasch drei Züge. Und die Fürstin, die Angelica vom Tod ihres Kindes berichten wird, tritt mit zwei als Hunden verkleideten angeleinten Männern auf.
"Man darf nie überlegen, was dem Publikum gefallen könnte", sagt Katharina Wagner nach der Probe, "dann kommt man nie zu scharfen, konkreten Aussagen." Für sie ist ein Opernabend missraten, wenn man als Zuschauer schon beim Hinausgehen an die Termine des nächsten Tages denkt: "Oper darf kein Konsum sein."
Die Anspannung vor der neuen Premiere ist ihr anzumerken. Sie tritt noch ein bisschen zackiger und entschiedener auf als sonst. Da ist nichts Zweifelndes oder Grüblerisches. Die Tücke eines berühmten Namens erlebt auch sie: Niemand traut sich so recht, ihr zu widersprechen. Und so stehen manche ihrer Sätze etwas hohl im Raum.
Am Abend vorher war sie wie jeden Tag zwei Stunden im Fitnessstudio. Sie hat mit Gewichten trainiert. Das sei ein guter Ausgleich, weil man sich beim Stemmen und Heben so sehr darauf konzentrieren müsse, sich nicht zu verletzen, dass man an nichts anderes mehr denken könne. Unter ihrem schwarzen Rollkragenpullover zeichnen sich ihre Muskeln ab. Und wenn sie während der Probe zu den Sängern auf die Bühne steigt, dann tut sie dies mit kraftvollen, großen Schritten.
Sie sieht an diesem Tag mehr wie jene Katharina Wagner aus, die man von den Familienfotos zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele kennt. Vielleicht, weil sie die taillenlangen, goldblonden Haare offen trägt. Hin und wieder gebe es Wagner-Fans, erzählt sie, die zu ihr sagen würden: "Entschuldigen Sie, Sie haben da ein Haar verloren, dürfte ich das haben?" Solcher Fetischismus ist ihr unheimlich. "Denn rein biologisch ist es doch so: Da war ein Genie, und dann kamen Leute nach."
Mit großer Unbekümmertheit ignoriert sie alle Heiligkeit, die ihre Familie umgibt. Neulich im Urlaub habe sie jemand nach einem Autogramm gefragt. Sie hat es ihm gegeben. "Wer sind Sie denn?", hat daraufhin ein Mann am Nebentisch gefragt. "Katharina Wagner", hat sie geantwortet. "Ach, sind Sie mit der Familie verwandt, die die Steinofen-Pizza Wagner herstellt?" Das hat ihr gefallen. CLAUDIA VOIGT
* Mit Cristina Gallardo-Domas als Schwester Angelica.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 1/2006
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