06.04.1970

INDUSTRIE / ASCHZELL-ZELLWALDBund in Papier

Jahrelang hielt Generaldirektor Norbert Lehmann. 48, seine Aschaffenburger Zellstoffwerke AG für ein großes Unternehmen. Letzte Woche gestand der Papierproduzent vom Main: "mi Grunde genommen sind wir zu klein."
Die Selbsterkenntnis verdankt Lehmann dem Münchner Großbankier Dr. Anton Ernstberger, 59, dessen Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank 28 Prozent vom Aktienkapital der fast hundertjährigen Zellstoffkocherei
Der weiß-blaue "Fusionsvater" (so die Frankfurter "Börsen-Zeitung") verfolgt den ehrgeizigen Plan, das Aschaffenburger Unternehmen (240 Millionen Mark Umsatz. 4000 Beschäftigte) mit dem Konkurrenten Zellstofffabrik Waldhof in Mannheim (606 Millionen Mark Umsatz, 10 000 Beschäftigte) zu Europas größtem Papierkonzern zu verschmelzen. Gleich danach will Ernstberger den neuen Papier- und Zellstoff-Riesen noch weiter wachsen lassen und über die Grenzen hinweg zu einem multinationalen Konzern umformen: Er bot der Svenska Cellulosa AB im schwedischen Sundsvall mit 25 Prozent ebenfalls Großaktionär bei Aschzell -- ein Vorkaufsrecht auf eine mindestens 25prozentige Beteiligung an dem neuen Trust an. Ernstberger: "Nur große Einheiten sind in Zukunft lebensfähig."
Mit dem geplanten Dreierpakt würde ein Papier-Verbund entstehen, der riesige Rohstoffquellen für die Zellstoff-Herstellung besitzt (Ernstberger: "Die Schweden haben Wälder so groß wie Oberbayern"), Zeitungspapier, Wellpappe und hygienische Artikel bis zum Toilettenpapier produziert, über eigene Zellstoffkochereien verfügt. jährlich 190 000 Tonnen graphische, und holzfreie Papiere walzt und sich mit erheblichen Investitionen auf den zukunftsträchtigen Markt für Kunststoff-Verpackungen sowie Druckpapiere aus Kunststoff vorbereitet.
Beim größten Konkurrenten auf dem Kontinent, der zum Flick-Konzern gehörenden Feldmühle AG in Düsseldorf, läßt man sich vom Schalten des neuen Riesen nicht schrecken. Finanz-Vorstand Heinz Feldmann über das deutsch-schwedische Bündnis: "Wir sind an dem ganzen Vorgang desinteressiert." Nach Ansicht des Flick-Managers unterscheiden sich die Programme der beiden Papiergiganten beträchtlich überdies seien die Partner des neugeplanten Konzerns "noch in viel zu gefährlichen Gebieten tätig. in die wir uns nicht reinwagen".
In der Tat erlitt Aschzell Millionenverluste, als die Firma in ihrem Werk Stockstadt die größten Papiermaschinen Europas für graphische Papiere installierte; erst nach drei "Jahren arbeitete die erste Maschine einwandfrei. Außerdem hat das Aschaffenburger Unternehmen hohe Marktanteile bei sogenannten sterbenden Sorten wie Kraft-Papieren (Zementsäcke) und fettdichten Papieren (Butterbrotpapier).
"Aschzell war so im Keller, daß nur die Flucht nach vorne übrigblieb". kommentiert Bankier Ernstberger seine wiederholten Anläufe, mit der Fusion zwischen Aschaffenburger Zellstoffwerken und Zellstofffabrik Waldhof (Börsenchiffre: Zellwald) ein leistungsfähiges Großunternehmen zustande zu bringen. Die Chance zu diesem spektakulären Schritt bot dem Chef der Bayern-Hypo im Herbst vergangenen Jahres schließlich der Berufsspekulant Hermann D. Krages, als er seine an der Börse zusammengekaufte Zellwald-Majorität von 55 Prozent für 120 Millionen Mark an Ernstberger abgab (SPIEGEL 44/1969). Sobald im Sommer dieses Jahres die Aktionärs-Hauptversammlungen beider Unternehmen zugestimmt haben, soll der Zusammenschluß beginnen. Projektierter Firmenname nach der Vereinigung: Papierwerke Waldhof-Aschaffenburg.
Erwirbt dann. wie in Ernstbergers Fusionsplan vorgesehen, auch die Svenska Cellulosa eine größere Beteiligung an dem neuen Papierkonzern. so gewinnt Zellwald, bisher auf andere Rohstoffquellen angewiesen, einen sicheren Großlieferanten für das immer knappere Grundprodukt Zellstoff. Svenska Cellulosa dagegen, mit über einer Milliarde Mark Umsatz Schwedens renommiertester Zellstoffkonzern. kann durch den Firmen-Verbund seine führende Marktposition in Europa weiter ausbauen.
Noch aber müssen sich Konzernschmied Ernstberger und sein Chef-Kandidat für das geplante Großunternehmen, Aschzell-Generaldirektor Norbert Lehmann. in Geduld fassen: Die schwedischen Zellstoff-Partner müssen erst bei ihrer Reichsbank um Erlaubnis fragen. Denn die strengen Stockholmer Währungshüter wollen das Geld der Großindustrie lieber im Land behalten und kontrollieren den Kapitalexport scharf. Svenska-Manager Brändström vorsichtig: "Wir haben noch nicht gefragt."
Um Einwänden ihrer Reichsbank zuvorzukommen, besorgten sich die Schweden die nötige Finanzmasse für ihr verstärktes Engagement am deutschen Markt kürzlich in Kanada; Svenska trennte sich für umgerechnet 83 Millionen Mark von seiner kanadischen Zellstoffabrik Columbia Cellulosa. Bankier Ernstberger hoffnungsvoll: "Europa ist den Schweden näher."

DER SPIEGEL 15/1970
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