16.03.1970

STOPH-TREFFENChance beim Tango

Mit volkseigenem Wodka Marke "Blauer Bison" besiegelten die Unterhändler aus Ost-Berlin und Bonn ihren Deutschlandpakt.
Beim Abschiedsessen im Haus des Ministerrats der DDR am Donnerstagabend vergangener Woche hob der westdeutsche Delegationschef Ulrich Sahm sein Glas zum Toast auf das mit seinem Ost-Kollegen Gerhard Schüßler erzielte Arrangement eines gesamtdeutschen Gipfeltreffens in Erfurt: "Ich trinke auf das gemeinsame menschliche Bemühen, zu einer Absprache zu kommen, unabhängig von politischen Gegensätzlichkeiten, die zu lösen nicht Aufgabe der Delegationen war."
Die Runde der Unterhändler, die um Ort, Zeit und Protokoll des ersten Zusammentreffens der beiden Regierungschefs gefeilscht hatte, ging zu Scherzen über. Die Prestigefrage, ob Brandt bei einem Zusammentreffen mit Stoph in Ost-Berlin einen Abstecher nach West-Berlin machen könne, war ausgeklammert worden. Sahm und Schüßler hatten ihr Verhandlungssoll erfüllt: Sie vermittelten ihre Dienstherren nach Erfurt.
Bevor ihnen das gelang, drohten die Ost-Berliner Vorverhandlungen in sterilen Monologen zu versanden. Brandts Bonner Berater hatten zunächst unterschätzt, wie entscheidend wichtig der DDR ein Exklusivbesuch Brandts in ihrer Hauptstadt war. Des Kanzlers Vorarbeiter Horst Ehmke: "West-Berlin ist doch kein Seuchengebiet, da sind doch nicht die Pocken."
Erst als immer mehr SED-Propagandisten gegen Brandts West-Berlin-Abstecher polemisierten und das "Neue Deutschland" schrieb, "Brandt hat dort nichts zu suchen", erkannten die Analytiker im Palais Schaumburg, daß sie sich verschätzt hatten.
Am Sonntagvormittag letzter Woche sammelte sich In Brandts Villa am Venusberg ein Krisenkommando der Bundesregierung, zu dem auch die Vorsitzenden der Koalitionsfraktionen, Herbert Wehner und Wolfgang Mischnick, stießen. Die Herren befanden in einem " Gemeinschaftswerk" (Außenminister Scheel), Willy Brandt müsse einen neuen Vorschlag machen: ein Treffen an einem politisch nicht vorbelasteten Ort. Denn, so Scheel: "Wir wollen dieses Gespräch unter allen Umständen."
Der Außenminister und der Kanzleramtsminister Ehmke die "beiden Meister" (Scheel), formulierten am Sonntagnachmittag In Scheels Villa einen Brandt-Brief an Willi Stoph ("Ich schlage vor ... zu prüfen, ob sich
auch ein anderer Ort des Treffens finden läßt"), den Unterhändler Sahm am Montag seinem DDR-Kollegen Schüßler übergeben sollte.
Tags darauf -- am Montag letzter Woche -- las Schüßler den Bonner Emissären mit eisiger Miene eine Erklärung des Ministerrats der DDR vor, in der Brandts geplanter West-Berlin-Abstecher als "Provokation" attackiert wurde. Sahm überreichte den Brief, und es wurde ein weiteres Treffen für Donnerstag letzter Woche verabredet. Nach Schüßlers Angriff sahen Brandt und seine Regierungshelfer kaum noch eine Chance für das Gipfeltreffen.
Bei diesem Verhandlungsstand meinten Kritiker aus der Koalition, Brandt hätte die Einladung, in der Stoph für den 19, oder 26. Februar vormittags elf Uhr ins Gebäude des Ministerrats gebeten hatte, direkt akzeptieren und auf technische Vorgespräche verzichten sollen. Dann, so das Kalkül der Kritiker, wäre die leidige West-Berlin-Diskussion gar nicht erst aufgekommen. Der Berliner Klaus-Dieter Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium: "Wenn der Kanzler mit Stophs Einladung am Übergang Heinrich-Heine-Straße erschienen wäre, hätten Ihn die Grenzer sicher nicht zurückgeschickt."
Doch Brandts Sonntagsbrief machte die Ost-Berliner kompromißbereit. Als sich Sahm und Schüßler am letzten Donnerstag wieder gegenübersaßen, versuchte der Ost-Unterhändler zwar zunächst noch einmal, die Westdeutschen für einen Sonderflug nach dem Ost-Berliner Flughafen Schönefeld zu gewinnen. Als aber Sahm wieder ablehnte, bat die andere Seite um eine kleine Pause.
Die Bonner Delegation zog sich in ein Nebenzimmer zurück, um die weitere Verhandlungstaktik zu besprechen. Leitender Regierungskriminaldirektor Hans-Wilhelm Fritsch, Chef der Bonner Sicherungsgruppe, traf Abschirm-Maßnahmen. Er drehte einen hauseigenen Radioapparat an und flüsterte, als auf der Welle des kommunistischen "Freiheitssenders 904" Tango-Weisen erklangen: "Dann haben wir eine gewisse Chance, daß die nicht alles mithören."
Die Vorsicht erwies sich als überflüssig. Als die Vollkonferenz wieder zusammentraf, nannte Schüßler das Lösungswort: Erfurt.
Die Begegnung Brandt-Stoph war gerettet. Bürokrat Sahm blickte auf seine Armbanduhr und machte die historische Minute aktenkundig: 11 Uhr 47.
Als Tagungsstätte stellten die Ost-Berliner die staatseigene Prunkherberge "Interhotel Erfurter Hof -- früher "Kossenhaschen" -- am Juni -- Gagarin-Ring gegenüber dem Hauptbahnhof in Aussicht.
Wie immer die Verhandlungen mit Stoph enden, ein Gewinn ist Brandt gewiß: exklusive Konferenz-Verpflegung. Interhotel-Meisterköche gewannen beim elften gastronomischen Festival im englischen Torquay fünf Goldmedaillen, vier Silbermedaillen und drei Pokale.

DER SPIEGEL 12/1970
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