16.02.1970

BUNDESWEHR / OFFIZIERSABGÄNGEIn die Freiheit

Ich leide unter der Zwangsvorstellung, daß mein Regimentskommandeur ein Idiot ist", klagte 1905 Rittmeister Walter von Fiebig vom 1. Badischen Leib-Dragoner-Regiment Nr. 20 seinem Stabsarzt.
Fiebig wollte aus dem aktiven Dienst ausscheiden, der Kommiß war ihm zu fad geworden. Der Militärdoktor half dem Rittmeister, dessen Abgang kavalleristisch einen herben Verlust für sein Regiment bedeutete: Zweimal hatte Fiebig den Großen Preis von Baden-Baden erritten. Dennoch gewährte der König von Preußen, Kriegsherr auch der Großherzoglich Badischen Regimenter, Fiebig "die Gnade des Abschieds".
Der Rittmeister a. D. bezog frohgemut die Universität In Lausanne und studierte Chemie,
57 junge Offiziere der Bundeswehr taten es 1969 dem Kavalleristen nach -- freilich ohne simulierte Neurose. Die Bundeswehrführung hat damit wieder eine neue Sorge: Neben den Problemen der Wehrgerechtigkeit und der wachsenden Zahl der Wehrunwilligen in der Mannschaft zeigt sich mehr und mehr Unbehagen am Dienst auch bei denen, die bereits die Silbersterne der Leutnante, Oberleutnante oder Hauptleute tragen.
In der amtlichen Monatsschrift "Information für die Truppe" stellte Hauptmann Werner Pösken schon die alarmierende Diagnose: "Das Unbehagen im jüngeren Offizierkorps der Bundeswehr ... ist eine gefährliche, schleichende, doch schnell um sich greifende Krankheit. Ihre Symptome: Resignation und Restauration,"
Die von Posken genannten Krankheitsmerkmale veranlaßten im vergangenen Jahr 37 Hauptleute, 18 Oberleutnante und zwei Leutnante zum Austritt aus der Armee. 28 Prozent der Offizieranwärter traten 1969 schon auf den Heeresoffizierschulen freiwillig von der Ausbildung zurück.
Die Kasernenflucht kam die Abtrünnigen teuer zu stehen: Sie mußten auf alle Versorgungsleistungen verzichten und erhielten nicht einmal die Übergangsbeihilfen, die Offizieren auf Zeit nach Beendigung ihrer Dienstzeit zustehen,
Der Exodus der jungen Offiziere trifft aber auch die Personalplaner der Bundeswehr an empfindlicher Stelle. Gerade Truppenoffiziere jüngerer Jahrgänge sind Mangelware in Heer, Luftwaffe und Marine. Heeresinspekteur Albert Schnez: "Es werden Ende des Jahres 1970 über 500 Leutnante fehlen -- allein auf das Notsoll*, also auf ein ohnehin schon äußerst zurückgeschnittenes Minimum."
Und: "Der Offiziernachwuchs zeigt auch weiterhin rückläufige Tendenz. Dabei wirkt sich besonders schlimm aus, daß es gerade an den Offizieren mangelt, die den Dienst in der Truppe versehen."
Der von Schnez beklagte Mangel hat dazu geführt, daß viele Bundeswehr-Kompanien heute mit nur einem Offizier -- dem Kompanieführer -- auskommen müssen.
Die uniformmüden jungen Offiziere schert das wenig. Sie sagen deutlich, was sie wollen: nach Hause, in die Freiheit, an die Universität.
Der Wunsch nach Kostümwechsel hat verschiedene Gründe. Ein Ex-Oberleutnant der Panzerbrigade 8 in Lüneburg: "Mannigfaltige Erlebnisse haben in mir die Erkenntnis wachsen lassen, daß das Verhältnis vieler Offiziere zur Gesellschaft gestört ist. Dies hat ein Unvermögen zur Folge, Entwicklungen außerhalb des militärischen Bereichs zu begreifen."
Wie recht der Oberleutnant hat, zeigte ein Oberstleutnant, der vor den Offizieren seines Bataillons in Lüneburg mit den ungebärdigen Zivilisten abrechneter "Die Professoren und Studenten, überhaupt diese ganzen Intellektuellen, laufen orientierungslos durchs Gelände."
Schlimmer noch: "Wenn Sie studieren, verlieren Sie die Fähigkeit zum Führen. Das Studium erzieht nämlich zum Zögern."
Weniger absurd als diese Militär-Lektion über das Wesen der Wissenschaft erscheinen die Gründe der Freiheitswilligen, wie sie sich einem Fachmann für Personalfragen junger Offiziere im Verteidigungsministerium darstellen:
* Zweifel an der Erfüllbarkeit des Verteidigungsauftrages im Ernstfall;
* keine Aussicht auf die Beförderung zum Major nach nicht bestandener Stabsoffizierprüfung;
* Sympathie für die politischen Gedanken der Apo;
* fehlendes Vertrauen in die berufliche Zukunft.
* Offiziernotsoll: zwei Offiziere je Kompanie, demnach außer dem "Chef" ein Kompanieoffizier. Normal: "Chef" und drei Offiziere.
Mit der Sorge seiner Kameraden um den Arbeitsplatz identifiziert sich der Personalspezialist sogar: "Niemand weiß" wie es in diesem Beruf weitergehen solL Wir haben letzten Endes kein Vertrauen, daß wir in 20 Jahren noch eine Aufgabe haben."
So verschiedenartig die Gründe der jungen Ausstiegskandidaten sind, so eindeutig ist die Gesetzeslage: Nur wer sechs Jahre als Offizier gedient hat
das gilt für alle Hauptleute -, kann ungehindert um den Abschied bitten. Zwar bargeldlos, aber unverzüglich wird er ins Zivilleben entlassen.
Diese Gnade des schnellen Abschieds freilich wird Oberleutnanten und Leutnanten nicht zuteil, Grund: das Soldatengesetz. Dort nämlich beißt es im Paragraphen 46 Absatz 3, daß Berufsoffiziere vor dem Ende des sechsten Offizier-Dienstjahres -- mithin die beiden untersten Hänge der Sternträger -- nur dann ihre Entlassung verlangen dürfen, "wenn das Verbleiben im Dienst ... wegen persönlicher. insbesondere häuslicher, beruflicher oder wirtschaftlicher Gründe eine besondere Härte bedeuten würde".
Die "besondere Härte" grenzt Oberamtsrat Kurt Folie in den "Unterrichtsblättern für die Bundeswehrverwaltung" vor allein negativ ab: "Eine veränderte Einstellung zum Beruf des Offiziers oder eine auf innerer Überzeugung beruhende Hinwendung zu einem anderen Beruf können nur in Ausnahmefällen eine persönliche Härte darstellen. z. B. wenn ein Berufsoffizier Theologe werden möchte."
Nicht Pfarrer, aber Jurist ist das Berufsziel des ehemaligen aktiven Oberleutnants Helmuth Bock, der fast ein Jahr mit den Bürokraten auf der Hardthöhe rang, bevor sie ihn entließen. Seit 14 Monaten nun bat Jurastudent Bock den Paragraphen, an dem er so lange festhing, ins Visier genommen. Resümee des heutigen Reserve-Oberleutnants: Die Bestimmung des Soldatengesetzes ist verfassungswidrig. Sein Tutor an der Hamburger Universität, Assistent Dr. Hans Peter Bull: "Das lassen Sie man ruhig in einer Fachzeitschrift erscheinen."
Den Zuspruch des Übungsgruppenleiters hatte der Rechtsadept sich mit akribischer Tüftelei verdient, Er wies nach,
daß Offiziere des Bundesgrenzschutzes jederzeit gehen dürfen, daß Richter, Professoren und Polizeivollzugsbeamte sofortige Entlassung begehren können und > daß abschiedswillige Berufsunteroffiziere der Bundeswehr nicht bei der Fahne gehalten werden. Demnach, so Bock: Paragraph 46 Absatz 3 Soldatengesetz, der Offiziere zum Zwangsdienst in den Kasernen hält, verstößt gegen den Gleichheitssatz des Grundgesetzes. Artikel 3 Absatz 1 der Verfassung: "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich."
Nach diesem Satz ist es -- laut Bundesverfassungsgericht -- dem Gesetzgeber verboten, wesentlich gleiche Sachverhalte ungleich zu behandeln. Bock: "Die Ungleichbehandlung der Berufsoffiziere ist folglich nur dann zu rechtfertigen, wenn der Offizierberuf sich in Bedeutung und Funktion wesentlich von anderen Berufen abhebt."
In der Tat bescheinigte der Wehrbeauftragte des Bundestages. Matthias Hoogen, dem damaligen Oberleutnant, "als Berufsoffizier" gehöre er zum "Kernbestand der Bundeswehr". Der widerspenstige Bock "unterscheide sich durch höhere Verantwortung und größere Bedeutung nicht nur von den Berufsunteroffizieren, sondern auch von den Beamten".
Dazu Jurastudent Bock, der schließlich entlassen wurde, weil selbst nach Auffassung der Personalplaner sein "Verbleiben im Dienst" eine "Härte seelischer Art" bedeutet hätte: "Dieser elitäre Anspruch basiert auf einem fragwürdigen Rollenverständnis des Offizierberufes."
* Oben: bei einer Parade vor der Front: unten: bei der "Starfighter"-Ausbildung in den USA.

DER SPIEGEL 8/1970
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