23.02.1970

PARTEIEN / NPDVerstaubt und vermodert

Durch die Main-Tauber-Halle zu Wertheim dröhnten die ewigen Werte deutscher Nation. "Ehre, Treue, Beharrlichkeit, Hingabe und Tapferkeit", rief NPD-Chef Adolf von Thadden, "sind die Tugenden, für die wir in der Geschichte unseres Volkes unzählige Beispiele finden und die auch heute nötig sind."
Vor 620 Delegierten, die am vorletzten Wochenende zum vierten nationaldemokratischen Bundesparteitag angereist waren, pries der Pommer Thadden germanischen Wandel und zog angesichts "einer zersetzenden Umwelt" die Konsequenz: "Wir müssen konservativ sein."
Daß die NPD "eine konservative Partei" sei, hatte der nationale Edelmann bereits in seiner Rede postuliert, die er Mitte November 1969 auf dem Saarbrücker Parteitag halten wollte. Zwar wurde die Darbietung verboten (und deshalb jetzt in Wertheim abgewickelt), aber der Redetext des Vorsitzenden kam als Manuskript unter das Parteivolk.
Und kaum waren in Wertheim die ersten Formalien erledigt, kletterten Provinz-Amtsträger aufs Rednerpult und begehrten zu wissen: "Was Ist konservativ?" Oder: "Sind wir mehr konservativ als national?"
Diese Streitfragen beschäftigen zum zweitenmal binnen eines Jahres eine bundesdeutsche Partei. Tagelang hatte im Dezember 1968 die CSU bei der Formulierung ihres Programms darüber debattiert, ob sie die Vokabel "konservativ" darin unterbringen solle oder nicht. Vorwiegend die jüngeren Christsozialen waren dagegen, weil, so CSU-MdB Walter Althammer, viele Mitglieder mit diesem Begriff "nicht festgelegt werden wollen".
Just auf diesen Begriff aber legte CSU-Chef Franz Josef Strauß besonderen Wert. "Konservativ", so erläuterte der gelernte Philologe, "sollte heißen, an der Spitze des Fortschritts marschieren." Doch trotz großer rhetorischer Anstrengungen vermochte sich Strauß nicht durchzusetzen: Mehr als ein "auch konservativ" ließen die Christsozialen nicht in ihr Programm einrücken.
"Verstaubt und vermodert" klinge dieser Begriff, klagten nun auch jüngere Nationaldemokraten in Wertheim. Und wie damals Franz Josef Strauß, lieferte jetzt Adolf von Thadden seine Definition: "Konservativ sein bedeutet für uns die Erhaltung der inneren Werte, die jedem Volke Kraft verleihen, und das unbeirrte Festhalten am Ziel."
Am Vorstandstisch verfolgten zwei greise Konservative die Diskussion. Die beiden NPD-Ideologen Ernst Anrich, 63, und Hans-Bernhard von Grünberg, 66, konnten Ihrem Führer jedoch nicht mehr mit eigenen Interpretationen beistehen. Denn unversehens wurde über sie selber befunden.
Texte der zwei Parteidenker waren Ende letzten Jahres besonders in Bayerns NPD mißbilligt worden -- so Anrichs Staatslehre, es könne sogar "eine Diktatur eine gute Verfassungsgebung für eine bestimmte Epoche sein", so Grünbergs Aufruf, "gegebenenfalls Rußland den Rücken zu decken, und zwar wirksamer als heute Ulbricht, Dubcek, Gomulka usw. mit permanent revoltierenden Bevölkerungen, die alle die Russen hassen".
Der SPIEGEL (7/1970) hatte dazu parteiinterne Kommentare des bayrischen Landesvorsitzenden Benno Herrmannsdörfer zitiert, der Anrichsche Zuordnungen "eindeutig verfassungswidrig" nannte und Grünberg vorwarf, er habe, gemessen am stramm antikommunistischen NPD-Parteiprogramm, "ein Kontrastprogramm entwickelt". Jurist Herrmannsdörfer: In ihrem eigenen Interesse müsse sich die Partei von derlei Ideologien distanzieren.
In Wertheim demonstrierte Herrmannsdörfer die Beharrlichkeit, die sein Parteichef zur NPD-Tugend erhoben hatte: "Ich stelle mich jetzt dieser Kontroverse." Denn: "Die Frage der geistigen Grundlagen einer Partei und ihres soliden Bodens sollte die primäre Frage einer Partei sein. Ich protestiere gegen die Unterdrückung dieser Frage."
Pfiffe gellten. Adolf von Thadden eilte ans Mikrophon: "Diese Debatte Ist substantiell total überflüssig." Dann Ernst Anrich: "Ich habe es nicht nötig, mir von einer Persönlichkeit wie Herrn Herrmannsdörfer Zensuren geben zu lassen. Ich frage mich, ob hier etwa ein Verfassungsschützer sprach oder wirklich ein Landesvorsitzender, der offenbar seiner Geister nicht mächtig ist."
Noch einmal versuchte der Bayer, seinen "Anspruch darauf anzumelden, daß die geistigen Grundlagen der Partei geklärt werden. Doch als ihn Tagungspräsident Walter Bachmann aus Regensburg, ein Thadden-Gefolgsmann schon seit den fünfziger Jahren, zum wiederholten Male unterbrach, resignierte Herrmannsdörfer: " Ich lege hiermit mein Amt als Landesvorsitzender nieder." Bachmann: "Zu Protokoll genommen."
Die allgemeine Beklommenheit überbrückte Siegfried Pöhlmann aus München, der noch in Saarbrücken Thadden stürzen wollte: "Herrmannsdörfer ist über das Ziel hinausgeschossen." Wenig später erklärte Pöhlmann die NPD zur Führerpartei: Er werde heute nicht gegen Thadden kandidieren, "um den Herrschaften da draußen, die ihre Ziele wie die Spaltung der Partei zu erreichen hoffen, keine Argumente zu geben".
So stellte "Gummi-Siegfried" die Einigkeit der NPD wieder her: Thadden erhielt konkurrenzlos 527 von 612 gültigen Stimmen, und eine knappe Mehrheit votierte für das Bekenntnis: "Die NPD ist konservativ." Der Vorsitzende in seinem Schlußwort: "Konservative Haltung ist heute für uns die Bereitschaft zur Wiederherstellung der Verantwortung."
Aber so recht sind mit diesem Begriff selbst die führenden Nationaldemokraten noch nicht fertiggeworden. Vom SPIEGEL befragt, meinte Thaddens Stellvertreter Felix Buck aus Frankfurt, konservativ sei "die augenblicklich beste Definition, um eine bewußte und klare Gegenposition zu der deutlich werdenden Tendenz der Aufspaltung und Durchdringung marxistisch-sozialistischer Ideologie in unserem Lande zu beziehen".
Ulrich Kaye, stellvertretender NPD-Fraktionsvorsitzender Im hessischen Landtag, begreift darin wiederum "vorwiegend das Bewahren dessen, was aus früheren Epochen an Beständigem mit hinüberzuziehen ist in die jetzige Zeit". Weniger abstrakt erläutert es Hans-Joachim Richard, offizieller Sprecher der Parteizentrale in Hannover: "Konservativ bedeutet, daß ich nicht vier Frauen habe, sondern eine."
Baden-Württembergs Landesvorsitzender Martin Mußgnug steht "konservativ etwas skeptisch gegenüber", ist jedoch "auf vielen hundert Kilometer Autofahrten daran gescheitert, ein besseres Wort zu finden". Für den NPD-Fraktionschef im Stuttgarter Landtag (und vormaligen HJ-Obergebietsführer) Werner Kuhnt ist "konservativ niemals reaktionär, aber auch niemals revolutionär, sondern auf Wandlung durch Reformen ausgerichtet". Und Adolf von Thadden selber prägte ein Führerwort: "Niemand kann im guten Sinne national sein, der nicht zugleich konservativ ist."
Doch nicht einmal dieser Kernsatz besagt etwas über das ideologische Fundament der Nationaldemokraten. Denn der Parteitag, dank Herrmannsdörfers Warnungen immerhin irritiert, verfügte bündig: "Für die Aussage der NPD sind nur politische Äußerungen verbindlich, die vom Parteitag oder vom Parteivorstand beschlossen worden sind." Auf diese Weise distanziert sich, freilich ohne Namensnennung, die NPD plötzlich von ihren eigenen Vorstandsmitgliedern Anrich und Grünberg.
Grünbergs umstrittene Sentenz ist anderthalb Jahre alt, Anrichs Lehre -- die einst vom Parteiblatt "Deutsche Nachrichten" als "geistige Basis, auf der nationaldemokratische Politik beruht", qualifiziert wurde -- bald vier Jahre.
Adolf von Thadden auf die Frage, wie denn seine Äußerungen außerhalb eines Parteitages zu bewerten seien: "Sie sind so lange verbindlich, bis sie nicht hinterher für unverbindlich erklärt werden."
Elementare Regel der Konservativen von ehedem: Ein Mann, ein Wort.

DER SPIEGEL 9/1970
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