23.02.1970

WERBUNG / TEPPICHEHilfe vom Richter

Von roten Kunststoffbällchen mit der Aufschrift "Klack-Klack" erwarten westdeutsche Teppich-Fabrikanten neue Verkaufsimpulse. Seit Ende Januar animieren sie die Kundschaft in Inseraten: "Die Kugel in allen Räumen mehrmals auf den Boden fallen lassen,.. wo es laut klackt, gehört ein Teppich hin."
Die Klackerei ging der Konkurrenz -- den Herstellern von Kunststoff-Bodenbelägen -- so auf die Nerven, daß sie innerhalb von einem Monat zweimal um richterlichen Beistand ersuchte.
Die Werbekampagne der "Europäischen Teppichgemeinschaft für Deutschland e. V." war noch gar nicht angelaufen, als der "Verband der Deutschen Bodenbelags-, Kunststofffolien- und Beschichtungs-Industrie e. V." beim Landgericht Frankfurt schon eine einstweilige Verfügung beantragte.
Die Verbandsfunktionäre verlangten, die Teppichwerber mögen die Behauptung zurücknehmen, "nichttextile Bodenbeläge seien Klack-Klack-Böden" und das Fallenlassen eines Baues sei eine "Prüfmethode für Bodenbeläge".
Die Landrichter wollten sich indes auf solche Spitzfindigkeiten nicht einlassen und sahen "keinen sachlichen Grund", die geplante Werbung wegen "irreführender Angaben" abzulehnen. Für die reklamekundigen Juristen war der Ball-Versuch kein "unzulässiger Test", sondern eine "witzig überspitzte Anregung".
Mit der Niederlage gab sich die PVC-Zunft nicht zufrieden. Am 2. Februar reichten sie eine neue Antragsschrift ein. Diesmal wollten die PVC-Bosse der Konkurrenz verbieten lassen, in ihrer Werbung die Wörter "klacken", "Klack-Klack" und "daraus abgeleitete Wortverbindungen" zu verwenden. Darüber hinaus sollte der Vertrieb der roten Kugeln untersagt werden.
Auf 16 Seiten kreideten die PVC-Hersteller den Teppichkrämern an, "heimtückisch" vorgegangen zu sein. Die Aufforderung "Spielen Sie mit!" verfolge lediglich den Zweck, "unlautere Absichten" zu verbergen. "Das Verhalten", so monierten die PVC-Juristen, sei mit den Grundsätzen eines "ehrbaren Kaufmanns" nicht zu vereinbaren, Es wäre "schlicht und einfach gewissenlos und gerissen
Der Rechtsstreit ist nicht ohne Pikanterie" denn im Vorstand des streitbaren PVC-Verbandes geben zwei große Teppichboden-Hersteller den Ton an: Pegulan und die Deutschen Linoleum-Werke (DLW). Im Vorstand des Verbandes zum Beispiel sitzen der königlich-marokkanische Honorar-Konsul Dr. Fritz Ries" Hauptaktionär und Generaldirektor der Krankenthaler Pegulan-Werke und DLW-Direktor Dr. Erwin Lotz.
Schon Anfang der 60er Jahre erkannte die DLW ihre Chance auf dem Teppichmarkt und begann ihre Marke Coverall zu propagieren. Innerhalb eines knappen Jahrzehnts konnte sich das Unternehmen auf einen der ersten Plätze der Teppichboden-Branche vorarbeiten. Traditionelle Hausprodukte wie Linoleum, Stragula und PVC-Beläge sind mit rund 70 Prozent des Gesamtumsatzes (1969: rund 400 Millionen Mark) aber immer noch die Säulen des Geschäfts.
Auch bei Pegulan haben die Manager den Teppich-Boom genutzt. Ihre Nadelfilze und Tuftingware macht heute bereits 35 Prozent ihrer .gesamten Produktion aus (Umsatz 1968/69: rund 300 Millionen Mark),
Mit ihren Kollegen von der Teppich-Branche haben die beiden Giganten freilich noch nie harmonisiert. Beharrlich weigerten sie sich zum Beispiel, der 1955 gegründeten Teppich-Gemeinschaftswerbung beizutreten. Mangelnder Teamgeist trug den Firmen immer wieder schwere Vorwürfe ein. So kritisierte der Stuttgarter Agenturchef und langjährige Leiter der Gemeinschaftswerbung, Hermann Bruder, Ende 1968: "Die Außenseiter haben von der Pionierarbeit der deutschen Teppichgemeinschaftswerbung -- ohne einen Pfennig dafür zu bezahlen -- profitiert."
Den 35 in der Gemeinschaftswerbung zusammengeschlossenen Firmen gelang es dennoch, die Deutschen zum Teppich-Komfort zu bekehren. Von den 1,487 Milliarden Quadratmetern Wohnfläche in der Bundesrepublik sind heute 140 Millionen Quadratmeter mit Teppichboden und 247 Millionen mit Teppichen belegt.
Trotz solcher Erfolge fiel es den Funktionären der Werbe-Allianz immer schwerer, ihre Mitglieder bei der Stange zu halten. Mit dem Hinweis auf die Abstinenz von DLW und Pegulan traten immer mehr Mitglieder aus, andere drehten ihrer Organisation den Geldhahn zu.
Erst als der westdeutsche Handel gebieterisch neue Werbe-Aktionen verlangte, wurde im letzten Jahr der Verband als "Europäische Teppichgemeinschaft für Deutschland e. V." wiederbelebt. Den für 1970 vorgesehenen Werbeetat von drei Millionen vergaben die Verbandsbosse an die Frankfurter Wilkens-Agentur. Die von dem Kreativ-Direktor und ehemaligen "Twen" -Chefredakteur Klaus Kulkies entwickelte Klack-Idee hatte ihnen von allen Agenturentwürfen am besten gefallen.
Mit der neuen Werbelinie glaubten die Gemeinschaftswerber, selbst die DLW-Bosse faszinieren zu können. Am 6. November vergangenen Jahres präsentierte das Frankfurter Wilkens-Team den Managern in Bietigheim ihre Kampagne. Erinnert sich Geschäftsführer Rainer Roy: "Die Herren fanden unseren Vorschlag hervorragend und wollten sich überlegen, ob sie mitmachen."
Als die Außenseiter alle Details der Klack-Werbung erfahren hatten, entschlossen sie sich jedoch zu einem juristischen Präventivschlag. Nach der verlorenen ersten Runde blitzten sie auch beim zweiten Anlauf ab. Die Richter der 6. Zivilkammer in Frankfurt entschieden am vergangenen Mittwoch zum zweitenmal: "Der Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung wird zurückgewiesen."

DER SPIEGEL 9/1970
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