23.02.1970

MEDIZIN / KASTRATIONFragwürdige Freiheit

Als "Unhold" und "Bestie" werden sie, drei Jahrzehnte nach Sigmund Freud, noch immer von den Gazetten verteufelt. Selbst von den wegen Diebstahls, Raubes oder Mordes verurteilten Mithäftlingen werden sie als "Sittenstrolche" geächtet.
Jetzt soll den Parias der westdeutschen Gesellschaft, den Triebtätern, nicht mehr verwehrt werden, was ihnen das sogenannte gesunde Volksempfinden aus Abscheu und Hachegelüst seit je gern zudiktiert hätte: die Entmannung.
Am Mittwoch letzter Woche trat das "Gesetz über die freiwillige Kastration und andere Behandlungsmethoden" in Kraft, das noch unter der Regierung Kiesinger vom Bundestag verabschiedet worden war. "Die Kastration durch einen Arzt" ist nun erlaubt, "wenn bei dem Betroffenen ein abnormer Geschlechtstrieb gegeben ist, der nach seiner Persönlichkeit und bisherigen Lebensführung die Begehung rechtswidriger Taten ... erwarten läßt".
Unzweifelhafter Vorteil dieses Gesetzes ist, daß damit die entsprechenden Passagen des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" aus den Jahren 1933 und 1935 aufgehoben sind, die das Naziregime zu zwangsweisen Kastrationen mißbraucht bat -- und die bis jetzt in einigen Bundesländern gültig blieben.
Entgegen weitverbreiteter Ansicht konnten sich auch vor der nunmehr bundeseinheitlichen Regelung Sexualdelinquenten freiwillig mit dem "Sühneopfer der Keimdrüsen" ("Frankfurter Rundschau") von Ihrem überschießenden Trieb befreien lassen und so In der Regel ein mildes Urteil, Haftverkürzung oder Aussetzung der Strafe erkaufen. Bewilligt wurden solche Anträge jedoch nicht überall -- wohl etwa in Hamburg, Niedersachsen und Hessen, selten dagegen in Bayern.
Welche Not die Verweigerung der Operation bringen kann, erhellt aus einem Fall, über den kürzlich auf einem Sexualforscher-Treffen in Hamburg berichtet wurde. Ein außergewöhnlich triebstarker Mann, der wegen Belästigung von Kindern und Frauen insgesamt sechs Jahre und vier Monate Haft verbüßt hatte, wurde -- trotz dringender Bitten, ihn zu entmannen -- auch nach dem vierten Rückfalldelikt abschlägig beschieden. Wieder in Untersuchungshaft, schnitt er sich selber mit einer Rasierklinge die Hoden ab.
Umgekehrt besteht nun die Gefahr, daß manche Gutachter vorschnell zu dem folgenschweren Eingriff raten.
Zwar wurde die Billigung der freiwilligen Kastration in dem neuen Gesetz gegen Mißbrauch abgesichert: So ist erforderlich, daß der Proband > über Grund, Umstände und Folgen des Eingriffs sowie über andere Behandlungsmöglichkeiten aufgeklärt wird,
* mindestens 25 Jahre alt ist,
* keine körperlichen oder seelischen Schäden zu erwarten bat, die zum angestrebten Ergebnis nicht mehr im Verhältnis stehen, und
* daß die Behandlung medizinisch angezeigt ist und chirurgisch kunstgerecht ausgeführt wird. Doch etliche Einwände von Kritikern des Gesetzes sind inzwischen keineswegs entkräftet. Nur langsam beginnt sich die Erkenntnis durchzusetzen, daß die Gesellschaft selbst ein gut Teil der Sexual-Straftatbestände erst schafft -- indem sie etwa schon das Entblößen des Penis als "Erregung öffentlichen Ärgernisses" schwer ahndet (doch nackte Brüste mittlerweile duldet). Und daß eine repressive Moral zu Sexualdelikten provoziert, zeigt das Gegenbeispiel Dänemark, wo nach Aufhebung der Pornographiegesetze die Zahl der Triebtaten um ein Viertel zurückging.
Weil aber noch immer Menschen wegen harmloser abnormer Sexualpraktiken lange Zeit einsitzen müssen, kann die vom Gesetz geforderte Freiwilligkeit der Entmannung leicht zur Farce werden. Denn daß in der Haft die Parole "Hoden für die Freiheit" (so die Münchner Ärztezeitschrift "Selecta") gilt, bestätigte sich schon vor drei Jahren in Hamburger Strafanstalten. Als damals die Diskussion über das neue Kastrationsgesetz begann, stieg die Zahl der Entmannungswilligen, wie Justizsenator Peter Schulz mitteilte, auf das Fünffache.
So könnte geschehen, daß die Kastration in der Bundesrepublik nun als bequeme Patentlösung üblich würde. Als Vorbild könnte jedoch die Behandlung von Triebtätern in den
· Der Angeklagte demonstriert an einer Puppe den Tathergang.
Niederlanden und in Skandinavien dienen, wo die Kastration seit langem erlaubt und üblich ist -- freilich als letzter Ausweg. Diese Länder entwickelten vor allem zuerst neue Methoden der Resozialisierung. In den Forvaringsanstalten Herstedvester bei Kopenhagen beispielsweise wird mit psychotherapeutischer Gruppenarbeit gleichsam eine Nachreifung der Persönlichkeit bei Sexualtätern angestrebt; den Entlassenen helfen Sozialarbeiter bei der Eingewöhnung am Arbeitsplatz und in der Familie.
Entsprechend niedrig ist dort die Zahl derjenigen, denen schließlich zur Kastration geraten wird. Während von 1967 bis 1969 in Hamburg 17 Männer kastriert wurden, waren es Im dreimal so volkreichen Dänemark zehn.
Die Vorbehalte der Kritiker haben auch noch andere Gründe: Der Eingriff hat durchaus nicht nur die erwünschten Folgen -- starke Drosselung des Sexualtriebs und der Fähigkeit, Geschlechtslust zu empfinden. Vielmehr fühlen sich viele der Betroffenen nach der Operation wie Frauen in den Wechseljahren. Sie leiden unter Schwitzen, Erröten und Schwindelgefühl; und über den Verlust von Libido und Zeugungsfähigkeit wird mancher derart depressiv, daß er Selbstmord begeht.
Spätestens ein halbes Jahr nach der Kastration sind alle sexuellen Regungen geschwunden. Nur in Ausnahmefällen, wenn die Nebennieren genügend männliche Geschlechtshormone produzieren oder wenn solche Hormone verabreicht werden, sind die Operierten noch zum Geschlechtsverkehr fähig.
Die körperlichen Veränderungen bringen den Kastraten In Gefahr, von der Umwelt als "Eunuch" verlacht und abgelehnt zu werden. Zwar bleiben bei der Kastration Im Mannesalter männlicher Habitus und tiefe Stimme erhalten. Aber der Bartwuchs wird schwächer und das Haupthaar üppiger. Besonders bei Korpulenten können sich volle Brüste entwickeln. Der spürbarste kosmetische Mangel, das Fehlen der Hoden, kann inzwischen durch Kunststoffprothesen behoben werden; aber viele Chirurgen erachten den für das Selbstwertgefühl der Patienten nützlichen Ersatz als überflüssig.
Noch bedenklicher scheint, daß die im Gesetz vorgesehene medizinische Indikation zur Entmannung bisher umstritten Ist. So erklärte der renommierte Anthropologe Paul H. Gebhard, Leiter des Kinsey-Instituts an der Universität von Indiana, auf dem Hamburger Sex-Kolleg, daß weder Art noch Häufigkeit irgendeines Sittlichkeitsdelikts eine unstrittige Entscheidung für die Kastration erlaube.
Sogenannte Subkultur-Delinquenten beispielsweise seien von ihrer Slum-Umwelt so geprägt, daß sie wahllosen Geschlechtsverkehr mit minderjährigen Mädchen als normal empfinden; ihnen würde am ehesten eine Sozialtherapie helfen. Viele Päderasten könnten lernen, ihre sexuellen Wünsche auf erwachsene Männer zu richten (und somit straffrei bleiben); aber kaum einem Täter dieses Typs wird die Chance einer Anpassungstherapie geboten. Sexualneurotiker wiederum, die meist erwachsene Frauen vergewaltigen, seien für eine Kastration selten geeignet, weil das primäre Motiv ihrer Triebverbrechen Aggressivität und nicht übermächtige sexuelle Begierde ist.
"Die räumliche Nachbarschaft von Hoden und Penis", kommentierte das Mediziner-Journal "Selecta", habe die Vorstellung gefördert, "Sexualität sei in toto eine Sache des Unterleibes".
Womöglich war dieser Kurzschluß sogar hinderlich bei der Suche nach triebdämpfenden medizinischen Eingriffen, die weniger grobschlächtig sind als die Kastration. Denn erst neuerdings werden mitunter auch andere Verfahren erprobt. So bewirken bestimmte Hormonpräparate gleichsam eine (rückgängig zu machende) chemische Kastration. Und durch einen Eingriff ins Gehirn kann mit einer Elektrosonde gezielt das Sexualverhaltenszentrum ausgeschaltet werden.
Skeptische Mediziner meinen deshalb, das Kastrationsgesetz sei verfrüht verabschiedet worden -- wenngleich es "andere Behandlungsmethoden" bereits einschließt. Daß dieses Gesetz jedenfalls nur mit allen Skrupeln angewendet werden sollte, bis ein reformierter Strafvollzug den Kreis der Kandidaten für den Eingriff aufs äußerste einengt, lehrt die Statistik:
Bundesdeutsche Befürworter der Kastration wie der Hamburger Psychiatrie-Professor Albrecht Langelüddeke -- haben bisher stets geltend gemacht, von den Sexualdelinquenten würden ohne die Operation bis zu 70 Prozent rückfällig. In Dänemark, wo die Justiz aufgeschlossen für Besserungsversuche vieler Art ist, begingen -- wie Dr. Georg K. Stürup aus Herstedvester berichtete -- von 2400 Triebtätern nur zehn Prozent abermals ein Sexualdelikt.

DER SPIEGEL 9/1970
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