30.03.1970

GEWICHTHEBEN / MUSKEL-PRÄPARATEHilfe durch Hormone

Alle Sportler sprechen von der Pille. Die Rekordler leben von ihr.
Besonders die Gewichtheber danken den unter dem Sammelbegriff Anabolika bekannten Muskel-Präparaten ihren jüngsten Leistungsaufschwung. "Als erster Mensch des Planeten hat der Sowjetrusse Wassilij Alexejew die Grenze der 600 Kilo im Olympischen Dreikampf überschritten", konnte die "Prawda" jüngst jubeln.
Der ehemalige Forstangestellte Alexejew, 28, aus Schachty, mißachtete nach eigener Aussage alle bislang gültigen Diät-Vorschriften der Heber-Branche: Statt Steaks bevorzugte er Suppen und Räucherfisch. Mit Hilfe der Kraftpille päppelte er seinen Körper bei einer Größe von 1,86 Meter dennoch auf 134 Kilo Gewicht. Der Russe, der bei seinem Weltrekord das Gewicht eines Fiat 600 stemmte, ist das zur Zeit erfolgreichste Beispiel für die Kraftakte der pharmazeutischen Industrie.
Ein Arzt hatte die Entwicklung vor etwa 15 Jahren ungewollt eingeleitet. Er verordnete dem amerikanischen Hammerwerfer Harold Connolly als Hilfe für seinen um sieben Zentimeter verkürzten linken Arm das Muskelaufbau-Mittel Dianabol. Connolly erkämpfte 1956 die Goldmedaille.
Rasch verbreitete sich unter den Athleten die muskelfördernde Wirkung der Sportlerpille. Inzwischen schlucken neun von zehn Werfern, Kugelstoßern und Gewichthebern die auf Hormonbasis entwickelte Droge. Die "Zeit" beschrieb die Olympischen Spiele schon als "Internationale Drogenmesse Mexiko 68".
Der Mainzer Professor Dr. Manfred Steinbach, ein früherer Achtmeter-Weitspringer, berichtete, daß eine mehrwöchige Kur mit Anabolika das Gewicht von Patienten um zwei, ihren Bizeps um vier Prozent erhöht hätte. So erlaubten die synthetischen Präparate, wie die französische Sportzeitung "L'Equipe" schrieb, Schnellkraft-Athleten "binnen eines Jahres Leistungen, die sie normalerweise erst in zwei oder drei Jahren vollbracht hätten".
Erst 1955 hatte der Amerikaner Paul Anderson als erster mehr als 500 Kilo gestemmt. Bis 1968 bewältigten fast 50 Heber zehn Zentner und mehr. Für eine Leistung von 537,5 Kilo hatte der Sowjetrusse Jurij Wlassow vor zehn Jahren noch die Goldmedaille erhalten. In diesem Jahr genügten 570 Kilo dem deutschen Junioren-Weltrekordler Rudolf Mang, 19, nur noch zum achten Platz in der Weitrangliste.
Sprunghafte Leistungssteigerungen um 70 Kilo innerhalb von zwei Jahren hoben den Finnen Kaarlo Kangasniemi aus dem Mittelmaß heraus zu 13 Weitrekorden und zum Olympiasieg. Alexejew steigerte sich in diesem Jahr gegenüber 1969 um 70 Kilo.
Allerdings schlugen die Kraftpillen verschieden an und verfehlten bei einigen Sportlern den erwünschten Erfolg. Der Münchner Sportmediziner Dr. Konrad Schwarz schloß: "Die Wirkung ist mehr psychologisch als physisch." Jedenfalls läßt sich mit den bislang üblichen Doping-Tests nicht nachweisen, ob ein Athlet seine Muskeln künstlich gemästet hat.
Im Ostblock kontrollierten offenbar Ärzte die Dosierung. Über Forschungen in der DDR zur "Anwendung von Eiweiß- und Hormonpräparaten zwecks Steigerung der Muskelmasse der Sportler, schrieben die sowjetischen Wurftrainer Otto Grigalka und Kirn Buchanzew in der russischen Fachzeitschrift "Leichtathletik". 1969 stießen fünf DDR-Kugelstoßer weiter als 20 Meter.
Doch Dianaboliker in westlichen Ländern dosieren ihren Kraftpillen-Konsum fast ausnahmslos ohne wissenschaftliche Kontrolle.,, Die Werfer und Gewichtheber spielen den Zauberlehrling", verglich der französische Sportarzt Dr. Thiébault, "ohne zu wissen, ob sie vielleicht auf dem Weg zum Selbstmord sind."
Die Sehnen vieler Athleten hielten der Spannung durch die künstlich aufgepäppelten Muskeln nicht mehr stand. So büßte der frühere US-Zehnkampf-Weltrekordler Russell Hodge seine Olympia-Chance ein. Außerdem führten Sportärzte weitere Erscheinungen auf Anabolika-Mißbrauch zurück: den beeinträchtigten Stoffwechsel von Leber und Nebennierenrinde, Stopp des Knochenwachstums bei Teenagern. Sportlerinnen sprachen plötzlich im Baß, litten unter Akne und Zyklusstörungen. Der polnische Olympiaarzt Dr. Bilyk schloß selbst die Entstehung von Krebs nicht aus.
Brigitte Berendonk (Größe 1,78 Meter; Gewicht 73 Kilo), Arzttochter und Olympia-Finalistin in Mexiko im Diskuswerfen, malte die Zukunft düster aus. "Sie werden in die Arena stampfen wie Rückkreuzungen vorzeitlicher Fabelwesen: 2,30 Meter hohe und über drei Zentner schwere Horrorkolosse aus dem Labor des Baron Frankenstein. Das Publikum wird sie bestaunen wie den Zuchtbullen Kasimir."

DER SPIEGEL 14/1970
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