23.03.1970

„ABWARTEN UND AMNES-TEE TRINKEN?“

Ex-Kommunarde Fritz Teufel, einst prominentester Untersuchungshäftling der Außerparlamentarischen Opposition, verfaßte für das West-Berliner Apo-Blatt „883“ einen Kommentar zur Bonner Demonstranten-Amnestie, den der SPIEGEL auszugsweise veröffentlicht. „Ironische Passagen“ bittet Teufel ("Wenn man mich einen Clown genannt hat, so lag es daran, daß ich einer war") zu entschuldigen: Es falle ihm schwer, sich „von dieser Rolle zu trennen“.
Der bonner osterhase wird den lieben kleinen von der apo die vielbemunkelte amnestie bringen. diese amnestie ist ein geschenk der bourgeoisie an ihre kinder. ein geschenk, das die bourgeoisie zähneknirschend und zögernd, aber in ihrem wohlverstandenen eigenen interesse macht. nicht eben eine riesenbonbonniere, aber doch ein billiger lutscher. wer süßes mag, der frißt auch lutscher. der frankfurter richter, der bis gestern. noch den soziologischen tiraden von adornos erben lauschen mußte. kann morgen wieder in aller ruhe bahnhofspenner verknacken,
als die ersten bürgersöhne ins gefängnis mußten, begannen wir von der "klassenjustiz" zu sprechen. daß wir selbst dort noch privilegiert waren. nahmen wir dankbar in kauf, die gloriole um unser haupt inspirierte uns zu dem ohnmächtigen ruf "freiheit für alle!
vor den gefängnissen, in denen unsre freunde saßen.
bestimmt werden auch die genossen vom sds die bevorstehende amnestie eine "klassenamnestie" nennen. und sie werden es dankbar in kauf nehmen, daß fast 90 prozent der ihren unter diese amnestie fallen.
wer die herrschaft der monopole knacken will, sieht Ich mit dem gewaltmonopol der herrschenden konfrontiert, wenn wir nicht jetzt und hier damit anfangen, dieses monopol zu brechen, können wir einpacken. sitzstreiks und filmkomödienwurfgeschosse wie eier, tomaten, knallfrösche und strafgesetzbücher helfen wenig, der überzeugendste einwand gegen andersartige wurfgeschosse, die von liberalen sympathisanten weniger gern gesehen werden, ist wohl der, daß es bisher viel zuwenig waren.
jeder von uns ist irgendwie angefressen, verblödet. saturiert. verunstaltet durch die scheinbare widersprüchlichkeit eines systems, das nach außen brutalen, nach innen subtilen terror übt. wollen wir diese widersprüche aufheben, müssen wir den revolutionären kampf in der dritten welt auch in den metropolen aufnehmen.
eine arbeitsteilung, bei der der revolutionär in der dritten welt seinen kopf hinhält, während der revolutionär in den metropolen feinsinnige analysen schreibt, können wir nicht länger hinnehmen.
die amnestie zieht einen schlußstrich unter eine politische scheinbewegung, die in die gründung von popkonzernen, eine legalize-pot-bewegung und eine neue superschlaue unideppengeneration mündet, ihre autoren bringen es auf die formel:
"muß man natürlich unterscheiden zwischen jungen leuten, die aus einer politischen Überzeugung über die stränge geschlagen haben, und zwischen rein kriminellen tätern" (der ehemalige genosse willy frahm).
der scharfsinn dieser analyse liegt darin, daß die subtile korrumpierende und die brutale zerstörerische macht des systems jeden revolutionären ansatz tatsächlich quasi in zwei ecken eines boxrings zu isolieren droht. "jugendlicher übermut" ist die eine, "reine kriminalität" die andere ecke.
übrig bleibt, was nicht unter die amnestie fällt.
nur ein paar von uns, die mehr oder minder zufällig schon vor verabschiedung der amnestie aus dem
blechnapf fraßen, pawla, kunzelmann, wetter, teufel,
weniger bekannte leute (weil aus einem anderen milieu stammend) wie schmiedel, bodo saggel und reinhard falk,
ein paar hundert junge arbeiter und lehrlinge, die einen großteil ihres lebens in diversen anstalten zubrachten,
ein paar dutzend ausgeflipte schüler und studenten, ein paar tausend kriminelle asoziale, ein mann, der von einem münchner richter drei monate gefängnis ohne bewährung bekam, weil er in einem öffentlichen garten sieben nelken pflückte,
diverse bombenleger, brandstifter, bankräuber und tresorknacker, die gewißheit, daß wir immer mehr werden und
daß, wie mir der notorische rechthaber dieter kunzelmann in seinem letzten brief aus amman schrieb, "auch bei uns die zeit kommt, wo jeder linke behauptet, er habe schon immer zu jeder zeit, an jedem Ort, zu jedermann gesagt, daß man das gewehr in die hand nehmen müsse, um das gewehr für immer abzuschaffen".
Von Fritz Teufel

DER SPIEGEL 13/1970
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