05.01.1970

GESTORBENPETER NELLEN

PETER NELLEN, 57. "Name und Herrschaftsanspruch Gottes können nicht direkt ins Programm geschrieben werden", hielt er seinen früheren Parteifreunden von der Christenunion vor. Für ihn selbst, den Jesuitenschüler und Duzfreund päpstlicher Hausprälaten, war christliches Gewissen die wichtigste Leitlinie politischen Verhaltens. Sein Plädoyer für ein uneingeschränktes Recht auf Wehrdienst-Verweigerung ließ das CDU-MdB aus Münster 1956 als "neuen Stern" ("Süddeutsche Zeitung") des Parlaments erscheinen. Vier Jahre lang warnte er als Christdemokrat vor opportunistischer "Atom-Theologie" und nuklearer Aufrüstung, bis er 1960 bei Wehners SPD Zuflucht fand, die sich gerade mit Nato und atomgerüsteter Bundeswehr abgefunden hatte. Für die neue Partei warb er unter Katholiken, bereitete 1964 den Papst-Besuch Fritz Erlers vor und stritt zweimal Im Wahlkreis Bonn -gegen Konrad Adenauer. 1969 verzichtete der fast Erblindete auf die Wiederaufstellung: Er wollte den Genossen Zweifel an seiner vollen Einsatzfähigkeit ersparen. Zehn Monate später wurde er ein Opfer der Grippewelle.
FRIEDRICH WILHELM SCHULTZ-WENK, 55. Der gelernte Innenarchitekt wurde Wolfsburgs wichtigster Außenmann. In einem Holzschuppen von Säo Paulo montierte er 1953 den ersten Volkswagen brasilianischer Fertigung. Als er vor 18 Monaten die Leitung der "VW do Brasil" niederlegte, war aus der Bastelbude Brasiliens größtes Industrieunternehmen
JOSEF HROMÁDKA, 81. Er war der namhafteste evangelische Theologie-Professor der CSSR, und er versuchte, Koexistenz von Kirche und Kommunismus zu verwirklichen. 1958 empfing er aus Moskau den Lenin-Preis und gründete In Prag die "Christliche Friedenskonferenz" (CFK), der zahlreiche Ostkirchen beitraten. Doch die Friedenspläne des Karl-Barth-Schülers scheiterten. Am Ende war Hromádka allein. Von den Sowjets, die er stets verteidigt hatte, distanzierte er sich selber: Nach der CSSR-Okkupation durch Truppen des Warschauer Paktes schrieb er dem UdSSR-Botschafter in Prag: "Es gibt in meinem Leben keine größere Tragödie als dieses Ereignis." Seine CFK-Brüder ließen ihn wegen dieses Briefes fallen. Mitte November vergangenen Jahres legte Hromádka sein CFK-Präsidentenamt nieder.
JIRI SLITR, 45. Der promovierte Jurist, Graphiker, Komponist und Kabarettist wurde als Star des Illusions-Theaters "Laterna magica" auf der Brüsseler Weltausstellung Expo 58 zum Publikumsliebling, zehn Jahre später sang er zur Gitarre auf dem von ihm gegründeten Prager Poesie-Theater "Semafor" den Reform-Frühling ein. Sein Name stand unter dem Manifest der 2000 Wortes in dem Prager Liberal-Kommunisten von der Partei mehr Freiheit, von den Bürgern mehr politisches Engagement forderten. Auf seinem Hinterhof-Brettl am Prager Wenzelsplatz entdeckte der Allround-Künstler so devisenträchtige Export-Artikel wie die Pop-Sänger Karel Gott, Waldemar Matuská und Hana Hegerová. Nach den Weihnachtsfeiertagen fanden Freunde den Junggesellen tot in seiner Wohnung. Slitr starb an einer Heizgasvergiftung. drei Wochen nachdem das Kulturministerium die Schließung des "Semafor"-Theaters angedroht hatte, falls die Kleinkunstbühne sich nicht an die Parteirichtlinien halte.
JIRI TRNKA, 58. Bei den Marionetten störten ihn die Fäden, beim Zeichentrickfilm die vielen fremden Zeichner. Also erfand der Pilsener Trnka den Puppentrickfilm <"Die Puppen mache Ich allein") und schuf damit -- so Jean Cocteau -- "das Königreich der Kinder und der Poesie". Seine Spiele vom "Prinzen Bajaja" und dem "Sommernachtstraum". von der "Kybernetischen Großmutter" und vom Landsmann "Schwejk" gewannen mehr als 100 internationale Preise. Trnkas letzter und bedeutendster Film "Die Hand" -- eine politische Allegorie -- entstand 1965. Danach tauchte sein Name nur noch einmal auf: unter dem Prager "Manifest der 2000 Worte" vom Juni 1968.
LOUISE DE VILMORIN, 67. Die schriftstellernde Aristokratin zählte Frankreichs Nationalheldin Jeanne d'Arc zu ihrer Familie und Frankreichs Geistesheros André Malraux zu ihren langjährigen Freunden. Unter seinem Einfluß griff die wohlhabende Getreideerbin vor 40 Jahren zur Feder und verfaßte eine Reihe autobiographisch gefärbter Gesellschaftsromane. Außerhalb Frankreichs wurde sie vor allem durch ihr 1951 erschienenes Buch "Madame de bekannt, das auch die Vorlage zu dem gleichnamigen Film mit Vittorio De Sica und Danielle Darrieux abgab. Den Musen diente sie außerdem als geistreiche Gastgeberin von Künstlern und Literaten auf dem Landsitz ihrer Familie in Verrières-le-Buisson südlich von Paris. Stammgast Malraux weilte am Krankenbett, als die Schloßherrin vorletzten Freitag nach einer Grippe an Herzschwäche starb. In den letzten Jahren galt sie bei der Pariser Society als ständige Begleiterin von de Gaulles früherem Kultusminister. Gerüchte über Heiratsabsichten des prominenten Paares kommentierte sie: "Nach einer Eheschließung fragen heutzutage nur noch die Priester."

DER SPIEGEL 1/1970
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