26.01.1970

„IN SORGE GRÜSST SIE IHR AXEL SPRINGER“

25. Dezember 1969
Lieber Herr Bahr,
als ich während Ihres letzten Besuches in der Kochstraße den Verdacht äußerte, der Kreis um Willy Brandt nehme die Wiedervereinigung nicht mehr ernst, waren Sie entsetzt. Sie widersprachen mit Vehemenz und Emotion. Nun kommt die Nachricht über ein Interview des Kanzlers mit "U. S. News & World Report" -- und all meine Sorgen werden bestätigt.
In dem Interview heißt es unter anderem: "Ich muß zugeben, daß ich aufgehört habe, über Wiedervereinigung zu sprechen. Dieses "Wieder" war vielleicht nie eine weise Formulierung, weil sie vielen Menschen die Vorstellung vermittelte, damit sei eine Rückkehr zu einem bestimmten Punkt in der Vergangenheit verbunden; entweder zum Reich Bismarcks oder zu einem anderen, weniger erfreulichen Abschnitt in unserer Geschichte."
Ich finde das ungeheuerlich! Wenn bisher von Wiedervereinigung gesprochen wurde -- auch hundertfach laut Archiv von dem damaligen Regierenden Bürgermeister Brandt - so war damit eine Wiedervereinigung in Freiheit gemeint; also wenn man überhaupt eine Rückkehr in die Vergangenheit mit dieser Forderung verbindet, dann eine Rückkehr zu Weimar. In Wirklichkeit geht es aber um nicht mehr und nicht weniger als um das Festhalten an einem Kernsatz des deutschen Grundgesetzes. Soli auch das heute schon nicht mehr gelten? Es ist in Kraft.
Daß dem Kanzler eine Rückkehr zu Bismarcks Reich nicht wünschenswert erscheint, sei hingenommen. Aber solchen Bürgern; die in der realen Umwelt von Nationalstaaten einen deutschen Staat für allein möglich halten, zu bescheinigen, sie wollten heim ins Reich, ist eine Herausforderung, die nur ungewollt sein kann.
Wie und wo gedenkt im übrigen Herr Brandt West-Berlin in seinem Land Utopia anzusiedeln? Er nennt dies ferne Gebilde "eine Art von Union, die im Interesse der Menschen und des Friedens Lösungen findet".
Die roten Nachfolger der Braunen jenseits der Mauer haben bereits ihre Lösung gefunden, indem sie Berlin zur Hauptstadt der "DDR" ernannten, die nun auch bei uns amtlicherseits" ohne Anführungsstriche geschrieben werden soll.
Als unser Haus an der Kochstraße eingeweiht wurde, sprach ich die Hoffnung aus, wir sollten wieder eine Nation werden, "friedlich wiedervereint, getragen von jenem Respekt vor den Völkern dieser Erde, der nur die Frucht des richtigverstandenen Selbstrespekts sein kann". Willy Brandt, der damals mein Gast war, hat nicht nur nicht widersprochen, sondern in seiner eigenen Rede gesagt: "Hier, von diesem Haus aus, kann man das Ganze im Auge behalten. Welch' andere Aufgabe haben wir, als für das Ganze zu sorgen?
Die Träume Willy Brandts von "veränderten Verhältnissen", von Kooperation statt Konfrontation sind genau das, nämlich Träume. Die Realität ist anders. Östlich der Mauer und östlich der Elbe wird aus diesem intellektuellen Wunschtraum nur eines herausgelesen werden: "Der SPD-Kanzler hat auf die Wiedervereinigung verzichtet." Weil in 25 Jahren nichts geschah? Die Geschichte hat einen langen Atem.
Und in Amerika wird dieses Interview Wasser auf die Mühlen derer sein, die nichts mehr wünschen als ein Disengagement Amerikas auch auf dem europäischen Kontinent. Denn diese Leute werden den Satz von der nicht mehr vordringlichen Wiedervereinigung mit Aufmerksamkeit lesen. Die spätere Forderung des Kanzlers aber, einseitig keine größeren amerikanischen Truppenreduzierungen in Europa vorzunehmen, als mit dem Wiedervereinigungsverzicht im Widerspruch stehend ablehnen.
Gern hätte ich Ihnen in diesen Tagen ein paar freundliche Zeilen zum Fest gesandt. Nach der Lektüre dieses Interviews aber kann ich nur sagen: Der Kanzler hat ein böses Geschenk unter den Weihnachtsbaum gelegt, dessen Folgen noch nicht abzusehen sind. Im Innern wie im Ausland.
Bitte empfinden Sie meinen Vorschlag nicht als unfreundlich, die vor Wochen in der Kochstraße begonnene Diskussion um die Wiedervereinigung nicht fortzusetzen. Ich habe begriffen.
In Sorge grüßt Sie Ihr gez. Axel Springer
Bonn, den 30. Dezember 1969
Lieber Herr Springer,
vor mehreren Jahren schon war bemerkbar, daß das Wort Wiedervereinigung, gerade in seiner englischen Übersetzung, negative Assoziationen weckte. Alle Parteien und die beiden Bundesregierungen vor der jetzigen haben bewußt in ihrem Sprachgebrauch dem Wort von der Selbstbestimmung des deutschen Volkes den Vorzug gegeben; übrigens auch in Übereinstimmung mit der Verfassung, in der das Wort Wiedervereinigung nicht vorkommt.
Ich erinnere mich vieler Gespräche mit Ihnen, in denen wir uns einig waren, daß viele, die das Wort Wiedervereinigung im Munde führen, sie nicht wollen; daß viele davon nur sprechen, weil sie hoffen, daß sie nicht kommt. Das galt und gilt für Landsleute und für ausländische Freunde. Nicht ohne Bewegung habe ich gerade in diesen Tagen in den Erinnerungen Jakob Kaisers von 1945 bis 1949 gelesen.
Als vor einigen Jahren Franz Josef Strauß -- erschreckenderweise ungerügt -- sagte und schrieb, daß die nationalstaatliche Wiedervereinigung kein Ziel sei, habe ich überlegt, ob man nicht die Verfassung bemühen müßte. Ich weiß nicht, ob er damals schon recht gehabt hat. Heute jedenfalls ist die staatliche Einheit der Deutschen nur noch im Rahmen einer Überwindung der Spaltung Europas zu denken, und zwar eines organisierten Zusammenlebens europäischer Völker. Es ist also wohl richtig, daß es ein Zurück nicht gibt, weder zu Bismarck noch zu Weimar, unter anderem, weil die Sowjet-Union und die Vereinigten Staaten nicht zurückzuentwickeln sind zu Faktoren damaliger Größenordnung.
Ich finde es ungeheuerlich, mit welcher Heuchelei einige unserer Landsleute Volksverdummung betreiben oder gar Haß säen, deren Politik uns in 25 Jahren eben dahin gebracht hat, wo wir heute stehen: daß wir von einem historischen Prozeß sprechen müssen, wie Sie und Herr Brandt es tun.
Wenn Herr Strauß gerade eben erklärt hat, daß es keinen Preis gibt, durch den wir die Wiedervereinigung bekommen könnten, so ist das, mit einer Begründung versehen, doch wohl das gleiche. Das mag allerdings Herrn von Studnitz nicht davon abhalten, in der nächsten "Welt am Sonntag" Herrn Strauß ob seines Sinnes für Wirklichkeit zu loben. Vielleicht erleben wir ein neues Beispiel tragikomischer deutscher Selbstzerfleischung, wenn wir darum streiten, ob man das Wort Wiedervereinigung benutzt oder nicht, obwohl man in der Sache etwa das gleiche denkt. Und was Ziel und Willen angeht, so habe ich über die Heuchelei schon gesprochen.
Von Deutschland zu retten, was zu retten ist, verlangt mehr Mut, mehr Phantasie, mehr Arbeit, eingeschlossen die Bereitschaft, sich verleumden zu lassen, als das Beharren auf einigen großartigen Prinzipien, die nicht verhindert haben, daß Ulbricht immer stärker geworden ist, bis zu dem Punkt, an dem er, vielleicht ohne jede Gegenleistung, international bekommt, was er will. Es kann sogar sein, daß einige Leute bei uns dann diesen Triumph Ulbrichts innenpolitisch mitfeiern, indem sie der Bundesregierung Vorwürfe machen, die sie bekämpft statt unterstützt haben, indem sie die Geschichte als Entschuldigung für ihre Ratlosigkeit und Feigheit für das bemüht haben, was jetzt und in den vor uns liegenden Jahren getan werden muß und kann. Und das wird eben nicht die Wiedervereinigung sein.
Ich weiß, daß Sie zu den nicht sehr Zahlreichen in diesem Land gehören, die an Deutschland denken, deshalb bedauere ich, daß Sie an der falschen Front kämpfen. Aber es hat geschmerzt, daß Sie ungerecht urteilen,
Ich erwidere Ihren sorgenvollen Gruß
Ihr Egon Bahr

DER SPIEGEL 5/1970
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